Belletristik

  • Der andere Arthur

    Die entwaffnende Überzeugungskraft, mittels derer der Protagonist den Auftakt des Romans bestreitet, öffnet beim Leser eine Erwartungshaltung hin zu einer schonungslosen Selbstanalyse, die in ihrer Fortschreibung notwendig im Manichäischen münden würde. Doch in diesem Beginn liegt ein  kunstfertigerer Auftakt, als zunächst zu vermuten steht. Die gewählte Briefform lässt annehmen, nicht bei der ausschließlichen Introspektion zu verbleiben. Der Auftakt ist Rahmensetzung und  Verbindungsweg zugleich. „Der andere Arthur“ ist ein kunstfertig angelegtes Triptychon, das in seinen Teilen von der Einsamkeit der beiden Protagonisten Arthur (der Literaturprofessor) und Arthur („Kel“) (dem jungen Baseballspieler) erzählt, wobei ein dritter Arthur noch eine kleine Nebenrolle füllt. Alle sind auf ihren Lebenswegen miteinander verbunden, ohne sich lange nicht (mehr) zu begegnen, in ein feines Netz eingesponnen. Die Handlung fließt in mit wenigen Stromschnellen, bisweilen strudelt sie, um sogleich wieder ruhig zu gleiten. Das liest sich entspannt, aber zugleich auch spannend, weil dem Leser eine gute Identifikationsnähe zu den Figuren ermöglicht wird. Ein Roman über innere Brüche, verpasste Chancen, Scham und Selbstlüge und Einsamkeit. Das sind deshalb große Themen, weil wir alle sie kennen, oft genug verdrängen und doch immer wieder von ihnen eingeholt werden. Erzählt wird etwas auch über uns als Leser. Darin liegt das zeitlose dieses Romans.

  • Jenseits aller Zeit

    Gott wacht über seine Schöpfung, über ein jedes Wesen mit seinen besonderen Eigenschaften. In Ehrfurcht sollen wir alles bewundern. Die tiefen Weisheiten der Natur, in die Gottes Wort eingeschrieben ist, die uns miterfasst in seinem großen göttlichen Plan, den wir weder verstehen noch ergründen können, uns ihm aber wohl anvertraut wissen dürfen. Dankbarkeit und Demut.

  • Über das japanische Kloster Kozan-ji und die Zeichnungen der Lustigen Tiere

    高山寺 Kozan-ji, ein Tempel nahe der alten Kaiserstadt Kyoto, Weltkulturerbe der UNESCO, Teil eines umfassenden Ensembles an siebzehn verschiedenen Orten in der Umgebung der Städte Kyōto, Uji und Ōtsu, bergen diese buddhistische Tempel, Shintō-Schreine und eine Burg. Japan-Liebhaber Nooteboom bereist den in Weltabgeschiedenheit liegenden Tempel der Shingon-Lehre. Verwunschen und doch mit majestätischer Kraft der geschulterten Geschichte des Alten Japan hütet dieser kultische Ort die einzigen Rollen der „Lustigen Tiere“. In der Heian-Zeit erbaut und später vom Priester Myōe wieder instandgesetzt, nimmt uns Nooteboom mitten hinein in die alte Kultur Japans, kunstvoll eingefangen durch die Fotos seiner Frau.

  • Lichtspiel

    Die Fiktionaliserung historischer Persönlichkeiten birgt nicht selten ein faustisches Kompositionsmoment, das dem Verlauf der zu erzählenden Geschichte seinen Stempel aufdrückt. Die wilde Fahrt mit dem Bösen kann der Leser als Zugestiegener durchaus nachempfinden, ihr Sog ist bislweilen ungehemmt bis unwiderstehlich, und doch wird sie bei Kelhmann immer wieder gebrochen: über den Gang der (realen) Ereignisse, dem flüchtigen Eingriff des Schicksals in das Erleben der Figuren oder auch schlicht ihren Felentscheidungen geschuldet.

  • Sund

    Die Insel, im Norden, im Sund, vor der Küste Dänemarks. Die flache Dünung, der Blick von oben, gemalt mit blauer Tusche, meditativ. Metallisches Klicken, Fahnen in leichter Brise. Innen und Außen – Nebel in der Bucht im Spätsommer. Wie gehen wir mit der inneren Unschärfe unserer äußeren Wahrnehmung um?

    Lichtblaus Ich-Erzählerin signalisiert bereits zu Beginn ihre Unsicherheit, ihre Angst, versteckt hinter forschem Auftreten. Sie wartet auf ihre intime Geliebte. Sehnsucht mischt sich mit Vorwürfen. Ein Tupfen absurdes Theater im Setting durchzieht den Nebel. Von der nahegelegenen Insel „Lykke“ wehen in der Nacht Gespenstergesänge zum Festland herüber. Doch nicht das romantisch-mythische treibt die Erzählerin zur Reise auf die Insel, es sind Vermutungen, die im Verlauf ihrer Recherche zu unausweichlichen Fakten werden. Sie fürchtet diese Sirenenstimmen, doch der innere Zwang auf der Suche nach (historischer) Schuld überwindet die Furcht.

  • Straffers Nacht

    Der Schrecken – er ist überwunden, endlich! Die neue bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft, sie beschäftigt sich mit sich selbst. Spießbürgerliche Enge, spartanische Wohnverhältnisse, spärliches Einkommen und große Wünsche, Konsum und Wachstum zu erreichen sind bundesbürgerliche Ziele. Bald liegt nur noch ein blasser Hauch der Erinnerung einer Zeit der deutschen Geschichte über dem neuen Volk, beschworen zu offiziellen Gedenktagen, deren mehliger Geschmack mit einem frischen Bier in der Kneipe schnell heruntergespült wird, bevor der Stammtisch tagt. Diese neue Gesellschaft ist bei sich selbst angekommen: zwischen Wirtschaftswunder, Italienurlaub und eigener Waschmaschine. Die neue Moral lautet Wohlstand, Karriere, Leistungsgesellschaft, nationaler Wiederaufstieg.

  • Mittsommertage

    Es ist drückend heiß, die Vorausschau nicht weniger. – Ruth Lember, Professorin für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin lebt in gut bürgerlichen Verhältnissen. Verheiratet mit Ben, einem erfolgreichen Architekten, teilen sie ihr Haus mit Jenny, der Tochter von Ben. Gerade flügge geworden, studiert sie in Leipzig, rechnet sich der „Letzten Generation“ zu. Dieses unscheinbare soziologische Setting könnte ebenso die Folie für ein Kammerspiel als auch ein Boulevardstück geben. Ein geschicktes Framing der Protagonisten bricht diese Erwartungshaltung jedoch.

  • Dante, Homer und die Köchin

    Eine aristophanische Komposition: geistvoll, witzig, mit beißendem Spott. So legt Wondratschek das Zusammentreffen zwischen Dante, Homer und einer Köchin, durchaus als Reflexionsfigur gezeichnet, an. Zwei Titanen der weltgeschichtlichen Literaturhistorie treffen im Hier und Heute aufeinander – der verführerische Gedanke, ihre Sichtweise auf diese Welt auszubreiten, Wondratschek widersteht. Uns begegnen zwei sonderliche Alte, die sich gegenseitig nicht ganz ernst nehmen, einander frotzeln, und doch nachdenkliche Einsprengsel aus ihrem Dasein dem Leser entfalten.

  • Jahreszeit der Steine

    „Mein Schlaf ist ein scheues Wesen. Er duckt sich weg. Versteckt sich vor mir.“ Erste Sätze sind eine Herausforderung. Sie müssen den Leser unmittelbar an sich binden, eine Spur legen, Interesse wecken. Schlafstörungen sind ein weites Feld und vielen ein vertrauter Begleiter, ein oft gehasster dazu. Hier wird eine geschickte Klammer vorbereitet: der Ich-Erzähler, Vater dreier Kinder, Malik, Fritzi und Alma, verheiratet mit Levje, beschließt darin einen gesamten Tag, der zwischen familiärem Leben, beruflichen Aufgaben und (Selbst)Reflexion pendelt. Die Klammer finalisiert mit der (unausgesprochenen) Intention, der Versöhnung mit den Geschehnissen des Tages an dessen Ende einen kleinen Raum zu geben, im Glauben an ein gutes Morgen.

  • Gewittergäste

    Eine (halb) unfreiwillige Einladung, eine Rundreise, ein geheimnisvoller Soldat, ein Gewitterunwetter mitsamt einem gefährlichen Unfall. Das Setting in Brandenburg auf der Route eines NATO-Manövers in Polen könnte nicht komplexer sein für die kleine Form einer Novelle. Von Petersdorf gelingt ein formschönes Kunststück: die Integration sechs scheinbar divergenter Stränge in einer hochverdichteten Erzählung multiperspektivischer Fokalisierung auf dem Weg zu einer späten Klimax. Aus dieser (ersten) formalen Sicht ist das bereits kompositorisch für den Leser höchst reizvoll.