2
frontpage-slide1
Via Conci
1
Leipziger-Buchmesse-2019 (3)

Das Erbe des Tennos

Wieland Wagner
Das Erbe des Tennos

Die geheimnisvollste Monarchie der Welt
und das Ringen um Japans Zukunft

2.A.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2023
414 Seiten, Hardcover, Schutzumschlag, zahlreiche Fotos geb., 26.- €

 

Ins Mittelland der Schilfgefilde

Die japanischen Inseln, geschaffen vom Götterpaar Izanagi und seiner Frau Izanami, Tropfen von einem Schwert hinab auf die See, formten die Küsten und das Land der Berge. Amaterasu, geboren aus dem linken Auge Izanagis, höchste göttliche Autorität, dazu ausersehen das Inselreich zu beschützen, entsandte ihren Enkel Ninigi, das Land zu beherrschen. Spiegel, Schwert und Krummjuwel waren seine Insignien. So geschehen auf Kyushu am Berg Takachiho, eroberte Ninigi die Yamato-Ebene, nahe der (heutigen) Stadt Nara.

Mythen sind uns durchaus vertraut. Sie haben eine lange Geschichte, mischen sich mit Sagen und Legenden und bleiben doch sie selbst. Den alten Griechen waren ihre Mythen etwas Lebendiges, Präsentes, nie hätten sie diese in Zweifel gezogen, selbst Philosophen wollten sie nicht aufgeben, obschon Logik, Physik, Mathematik oder Dialektik ihr Tagesgeschäft bestimmten. Die Mythen waren Teil ihrer Seelenarithmetik, ihres Selbstverständnisses, ihrer Identität. So hatte das Orakel von Delphi mit seinem Wahlspruch gnothi sauton (Γνῶθι σαυτόν – erkenne dich selbst), seinen gleichberechtigten Platz neben der Philosophie.

In Japan hat sich die Erzählung von der direkten und ununterbrochenen Abstammung des Tennos von der Sonnengöttin bis heute als nationales, identifikationsstiftendes Mythologem und konstanter Teil der japanischen Seele erhalten, unabhängig vom (modernen) Zeithorizont, ausgedrückt in 号 Nengō, dem Jahrestitel bzw. der Regierungsdevise seit der Ära der Taika-Reformen (645 n. Chr.), gewöhnlich zum Beginn des Amtsantritts des neuen Tenno vom Hof ausgegeben und bis heute in Gebrauch. Japan, das Land der Widersprüche – aus europäischer Sicht. Vollständige Demokratie (Index 8.33), führende Industrienation, geostrategisch im westlichen Bündnis verankert, ringt heute gleichwohl um sein Selbstverständnis und eine damit verbundene zukünftige Ausrichtung.

Wieland Wagner, langjähriger Japan- und Asien-Korrespondent u.a. des „Spiegel“, versucht sich an einer Einordnung des japanischen Kaiserhauses im Zusammenhang mit den vielfältigen Herausforderungen einer hochentwickelten Wirtschaftsnation. Ihm gelingt, was bei „unzugänglichen“ Themen selten genug ist: einen roten Faden zu spinnen von den mythischen Ursprüngen des Hofes über helle wie auch dunkle Entwicklungspunkte hinweg in unsere Tage. Das japanische Kaiserhaus gilt als das älteste (noch bestehende) der Welt. Seine Verschlossenheit ist legendär, die Rituale imposant und in jüngster Zeit mehren sich Nachrichten, die Einblicke in die Welt hinter den Mauern des Palastes ermöglichen.

Über die „Idee“ des Kaisers und widerstreitende Bedürfnisse

Die japanische Gesellschaft stürzte mit der „Meji-Ära“ in einen Modernisierungstaumel, der die zurückliegenden Jahrhunderte der fast völligen Abgeschlossenheit unter dem Tokugawa-Shogunat in wenig mehr als dreißig Jahren in die Moderne beförderte und in etwa achtzig Jahren in eine existenzielle Katastrophe führte. Dazwischen lag ein technischer und wirtschaftlicher Entwicklungsschub, den das Land kaum verkraften konnte, fehlte es doch an gesellschaftlicher Konsolidierung der neuen Zeit. Die politisch mächtigen Kreise steuerten aus dem Off die politische Entwicklung und manipulierten den zu neuem Leben ausgerufenen Kaiserhof in Sinne eines (Ultra)Nationalismus. Japan sollte Führungsmacht in Ostasien werden, zugleich aber die gesellschaftlichen Formen aus den vorherigen Jahrhunderten beibehalten, denn diese ermöglichten es den politischen Handlungsträgern, kritiklos ihre Pläne eines großjapanischen Reiches anzustreben. Das Kaiserhaus mit dem jungen Meji-Kaiser und dem späteren Kriegs-Kaiser Hirohito zeugen von ihrem Erfolg.

Gleichwohl bewahrte sich die überkommene Tradition in einer Gesellschaft, deren Glaube an sich selbst mit der öffentlichen Bekundung Hirohitos, keinen göttlichen Status einzunehmen, ohne der Modernisierung die Tore zu verschließen. Ein Widerspruch? Ja, aber wie so oft im Land der „Wa“ (so der frühe chinesische Ausdruck für Japan vor der Heian-Zeit) versuchte die angestrengte und auch geschundene nationale Seele, zu integrieren, was eigentlich (nach unserem Verständnis) nicht zusammenzubringen war. Wesentlicher Faktor dafür war die ungebrochene Zuschreibung nationaler Identität über das Kaiserhaus. Die Götter des Shintō und ihr Hohepriester, der Kaiser, bilden faktisch eine überkommene Linie aus der Frühzeit bis ins Heute. Das Kaiserhaus steht für die ununterbrochene Kontinuität dieser „Idee“ der Gottähnlichkeit ihres obersten Priesters und stiftet damit ein (inzwischen nicht mehr) absolutes Identifikationsmerkmal von Institution und Gesellschaft, das was Japan ausmacht, wenngleich sich daran auch zunehmend Widerspruch entzündet.

Das von der japanischen Gesellschaft sich selbst gegebene Homogenitätsversprechen (Harmonie) erodiert. Wagner arbeitet an diversen Stellen die Werteverschiebungen heraus: Die politische Klasse (in der Regierung zumeist die LDP), erzkonservative Kreise, Traditionalisten und Bürokratie – sie regieren ein Land, dessen Bürger eigentlich nie in der Demokratie angekommen sind. Das Land wird verwaltet, es wird mit viel Geld regiert, doch demokratische Prozesse im Sinne von Bürgerinitiativen o.ä. sind eher selten. Die Wahlbeteiligung in konservativen Kreisen ist mäßig bis hoch, in anderen eher rudimentär. Das Volk trottet den politischen Vorgaben hinterher.

Bemerkenswert sind deshalb die bescheidenen Versuche Naruhitos, des derzeitigen Tennos (wie auch seines Vaters, Akihito), darüber zu wachen, die geschenkte Demokratie (Konservative sprechen von einer oktroyierten Verfassung) nicht zu unterminieren. Am Beispiel des ermordeten Ex-Premier Abe, der die Militarisierung vorantrieb, das Kaiserhaus politisch abschotten wollte und sich allen Modernisierungsversuchen widersetzte, zeigt der Autor den Widerstreit zwischen Regierung und Kaiserhof anschaulich auf.

Obwohl dem Tenno keine politische Macht verliehen, ihm dazu selbst die Stimme für die Öffentlichkeit genommen ist, kann der Kaiser in einem Land, das viel auf seine Symbole setzt, die Menschen mit symbolischer Kommunikation erreichen. So etwa nach der Katastrophe in Fukushima, in der das Kaiserpaar die Bürger vor Ort besuchte und sich in ihrer Trauer, ihrer Verletztheit und ihren Ängsten solidarisierte. Ohne ein Wort dazu sah sich die Politik gezwungen, ihre Anstrengungen zu intensivieren.

Gleichwohl zeitigt die Fürsorge und Nähe der Kaiser Akihito und Naruhito auch gegensätzliche Entwicklungen. Wagner zeichnet ein Bild der Kaiserfamilie, das zwischen dem Wunsch zur Modernisierung und traditioneller Hof-Etikette gefangen ist. Soweit der männlichen Linie vor der Übernahme höfischer Pflichten Freiraum eingeräumt wird, sich in gewissem Rahmen „auszuprobieren“, etwa mit einem Studium im Ausland und damit verbundenen Freiheiten, muss sich die weibliche Linie dies eigens „erkämpfen“. Die Schilderungen zu den Kaiserinnen  Michiko und Masako, die aus bürgerlichen Existenzen stammen, lassen den europäischen Leser nahezu sprachlos zurück. Kennen wir hiesige Königshäuser doch recht gut, selbst jenseits der darauf spezialisierten Presse. In Japan ist das anders. Die Identifikation mit dem Kaiserhaus ist in (konservativen) Teilen der Gesellschaft sehr hoch, mit Projektionen und extrem hohen Erwartungen dieser Öffentlichkeit verbunden. Jeder Schritt, jede Geste und jedes Wort werden argwöhnisch beobachtet, nicht selten mit unschicklichen Kommentaren versehen. Zudem steht das Kaiserhaus unter ständiger Beobachtung seitens des übermächtigen Hofamtes und der Politik, die beide versuchen ihren Einfluss geltend zu machen. Die daraus erwachsenden Konsequenzen lassen sich insbesondere bei Kaiserin Michiko und ihrer Nachfolgerin Masako besichtigen. Letztere leide unter „Anpassungsstörungen“, was ihre Rolle bei Hofe anbelange, so oberste Beamte. Schikanen bis hin zu Mobbing sind diesem Ensemble nicht wesensfremd. Es gilt die Etikette zu schützen, das Gesicht zu wahren. Gleichzeitig werden von Teilen der Bevölkerung Ängste und Überhöhungen auf einzelne (zumeist weibliche) Mitglieder der Familie übertragen, die letztlich aus dem eigenen (nicht selten als bedrohlich) wahrgenommenen Blickwinkel resultieren. Das gleicht schnell einem Spießroutenlauf, der durchaus zu Erkrankungen bei den Betroffenen führt. Ein Beispiel ist die Nachfolgesituation bei Hofe. Da ohne eine Verfassungsreform derzeit (noch) die weibliche Thronfolge ausgeschlossen ist, lässt sich der Druck für die kaiserliche Familie erahnen. Japan befindet sich in einem gesellschaftlichen Strukturwandel, der viele Gesichter trägt: die schnell voranschreitende Überalterung, die Zunahme von Ein-Personen-Haushalten oder solchen, die nur zwischen Büro und einer Schlafgelegenheit pendeln, prekäre Arbeitsverhältnisse für junge Generationen, Vereinsamung, die breite Schichten erfasst, Ängste breiten sich aus. Die wirtschaftliche Dynamik wird kaum mehr als über Strohfeuer lebendig, die Staatsverschuldung steigt weiter, die Konservativen wollen für einen möglichen Waffengang rüsten, die Geopolitik gibt aus ihrer Sicht immer mehr Anlass dazu, die Naturkatastrophen seit „Fukushima“, all das hat die Bevölkerung zutiefst verunsichert. So häufen sich die Projektionen auf das Kaiserhaus, das zu einer Art „Heilsbringer“ stilisiert wird. Erfüllen sich diese (unangemessenen) Wünsche nicht, schlagen sie in diesem Teil der Menschen um in Häme, Hass, Zerstörungswut. Das trifft die kaiserliche Familie mit voller Wucht, weil sie sozial „abgestempelt“ wird. Die Politik sieht dieser Entwicklung hilflos zu; man könnte auch meinen, sie ist ihr willkommen, weil die Aufmerksamkeit des Publikums davon abgelenkt ist, wer den eigentlichen Auftrag hat für das Gedeihen der Gesellschaft.

Das älteste Kaiserhaus der Welt zu porträtieren ist ein gewagtes Unterfangen. Die damit verbundenen Herausforderungen benennt Wagner zu Beginn: da ein direkter Zugang zum inneren Kreis bei Hofe kaum möglich ist, bescheiden sich die Quellen auf Dritte in dessen Umfeld, Verlautbarungen des Hofamtes, Berichte und Reportagen von Kollegen aus diversen Publikationen. Der boulevardeske Ton lädt dazu ein, die Lektüre ohne Rückgriffe zu lesen. Thematische Redundanzen festigen Beziehungszusammenhänge. Derartige kompositorische Formgebungen mit autorenzentrierter Perspektive sind etwa aus einschlägigen Veröffentlichungen zum Vatikan durchaus vertraut. Sie vermitteln Nähe aus Distanz. Etwaige sprachliche und grammatikalische Unsicherheiten trüben die Lesefreude eher marginal. Ein Literatur-, Quellen- sowie Personenregister runden das Buch ab.

Ingo-Maria Langen, März 2024