Der andere Arthur

Liz Moore
Der andere Arthur
Roman

C.H. Beck Verlag Verlag, München 2026, 377 S., 26.- €
W.W. Norton, New York 2012

Aus dem Englischen von Cornelius Hartz

 

 

Über die Einsamkeit – oder vom kleinen Glück sich selbst zu finden

Die entwaffnende Überzeugungskraft, mittels derer der Protagonist den Auftakt des Romans bestreitet, öffnet beim Leser eine Erwartungshaltung hin zu einer schonungslosen Selbstanalyse, die in ihrer Fortschreibung notwendig im Manichäischen münden würde. Doch in diesem Beginn liegt ein  kunstfertigerer Auftakt, als zunächst zu vermuten steht. Die gewählte Briefform lässt annehmen, nicht bei der ausschließlichen Introspektion zu verbleiben. Der Auftakt ist Rahmensetzung und  Verbindungsweg zugleich. „Der andere Arthur“ ist ein kunstfertig angelegtes Triptychon, das in seinen Teilen von der Einsamkeit der beiden Protagonisten Arthur (der Literaturprofessor) und Arthur („Kel“) (dem jungen Baseballspieler) erzählt, wobei ein dritter Arthur noch eine kleine Nebenrolle füllt. Alle sind auf ihren Lebenswegen miteinander verbunden, ohne sich lange nicht (mehr) zu begegnen, in ein feines Netz eingesponnen. Die Handlung fließt in mit wenigen Stromschnellen, bisweilen strudelt sie, um sogleich wieder ruhig zu gleiten. Das liest sich entspannt, aber zugleich auch spannend, weil dem Leser eine gute Identifikationsnähe zu den Figuren ermöglicht wird. Ein Roman über innere Brüche, verpasste Chancen, Scham und Selbstlüge und Einsamkeit. Das sind deshalb große Themen, weil wir alle sie kennen, oft genug verdrängen und doch immer wieder von ihnen eingeholt werden. Erzählt wird etwas auch über uns als Leser. Darin liegt das zeitlose dieses Romans.

Arthur, der Literaturprofessor, ist mit seinem erheblichen Gewicht nicht gesegnet, bald zehn Jahre hat er das Haus in New York nicht mehr verlassen, er trägt schwer an seiner Isolation, der Genuss des Essens ist ihm Lebensinhalt geworden, der allerdings seine Einsamkeit nicht ausfüllen kann. In diese Zurückgezogenheit bricht eine alte Bekanntschaft ein, die ihn dereinst mit großem Lebensglück erfüllte, obgleich er über verzwickte Umstände seine Anstellung an der Uni aufgeben musste. Seitdem zieht er sich Schritt um Schritt weiter aus dem Leben zurück, verfällt seinen Erinnerungen, betäubt die atemlose Stille um sich mit dem Fernseher, liest irgendwann kaum noch, bestellt seinen Bedarf online, trägt den Müll nur im Dunkeln auf die Straße. Das Haus und sein Bewohner verwahrlosen auf stetige Weise. Gleichwohl ist das sehr einfühlsam beschrieben, Mitleid regt sich im Leser. Einzig die Brieffreundschaft zu Charlene, einer Studentin aus seinen Kursen, bleibt noch eine gewisse Anbindung für Arthur in die Welt draußen. Mit Yolanda als Haushaltshilfe dreht sich das Leben Arthurs in eine ungewohnte und abwechslungsreiche Richtung, er lebt zunehmend auf, wird quirlig, mitteilsam, fürchtet sich aber auch vor seinen depressiven Phasen, jetzt, mit einer jungen Frau im Haus. Doch Yolanda schafft das scheinbar Unmögliche: Sie unternimmt mit ihm einen Ausflug in einen nahegelegenen Park!

Perspektivwechsel: Kel Keller, der Sohn von Charlene, ein guter Baseball-Spieler, kämpft mit den Umständen der Erkrankung seiner Mutter, dem Leid, der Trostlosigkeit, ihrer Alkoholabhängigkeit. Er kümmert sich nach der Schule um alles, begleicht Rechnungen, kauft ein, besorgt Medikamente, ist aber von der Situation mit gerade achtzehn Jahren überfordert. Es scheint jedoch, er kommt seinem großen Ziel Profi zu werden schon bald näher, doch die Herausforderungen sind bedeutend. Er muss die Schule wechseln, Charlene und er ziehen in einen anderen Stadtteil, die Schule ist besser, die Leute besser gestellt, die Eingewöhnung schwierig. Kel beißt sich durch, bis ihn schließlich ein Ereignis aus der Bahn werfen könnte.

Der Roman ist immer nah an den Figuren, bleibt in ihrem Fokus, wir nehmen Teil an seiner Verantwortung, der Armut, auch über Abschnitte der Hoffnungslosigkeit. Gefühlswelten sind präsent, stehen oft im Weg für richtige Entscheidungen, führen am Ende die Protagonisten doch auf einen tragfähigen Pfad. Es ist fesselnd zu lesen, welche möglichen Verbindungen zwischen Kel und Arthur bestehen könnten, die offensichtlichen sind es nicht. Beide bewegen sich aufeinander zu, überwinden sich selbst immer wieder, wachsen über sich hinaus. Schließlich könnten beide Pfade sich treffen.

Abschnittsweise liest sich der Text wie ein Jugendroman, dann wieder wie zu Beginn über das ruhige Reflektieren des Professors. Daraus entsteht ein ansteigender Spannungsaufbau, der den Leser beständig tiefer in die Geschichte miteinbezieht, Freude und Leid der Protagonisten teilt lässt. Ein feinfühliger und in seiner ausgezeichneten Tonalität berührender Roman.

Ingo-Maria Langen, März 2026