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Leipziger-Buchmesse-2019 (3)

Geschichte Japans

Wolfgang Schwentker
Geschichte Japans

C.H.Beck, München 2022

1050 Seiten, € 49,95.-, Hardcover, Schutzumschlag, zwei Lesebändchen
44 Abbildungen, 8 Karten

 

Vier perlengleiche Tropfen von der Korallenklinge der Götter

Wie entstehen Reiche? Werden sie mit dem Schwert erschaffen oder benötigen wir zunächst eine orale Tradition, einen Schöpfungsmythos, der identitätsstiftend und integrativ über Generationen wirkt? Schwentker geht dem mit einem detaillierten Blick auf die Frühgeschichte der Besiedlung der japanischen Inseln nach. Er zeigt die Wanderungsbewegungen auf, verbunden mit unterschiedlichen Einflüssen, die durchaus nicht alle dem chinesischen Festland entstammen. Das hatte bereits der Historiker Tsuda Sōkichi mit seinem Diktum von Japan als autochthoner Zivilisation postuliert. Die Kernaussage aus Sōkichis Arbeiten ist das Klammerprinzip von uchi (innen) und soto (außen): ein epochenübergreifendes Axiom einer eigenständigen japanischen Leitkultur von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Das beschriebene Spannungsverhältnis uchi / soto ist charakteristisch für die japanische Kultur. Es zeigt sich im gesellschaftspolitischen und geopolitischen ebenso wie im Bushido. Hieraus entsteht die Selbstauslegung japanischer Kultur. Bereits das ‚kojiki‘ bietet diese Perspektive, in deren Fortführung die Selbstvergewisserung auch fremde Religionen wie den Buddhismus oder (in geringem Maße) das Christentum zuließ, ohne den Shintōismus zu synkretisieren. Die Kultus- und Ritusvorgaben der Shintō-Schreine sind bis heute dafür Ausweis: die Verehrungsgegenstände (shintai) werden mit dem Sitz der kami verbunden und sind der Öffentlichkeit vorenthalten. Die Priester mahnen mit ihren Zeremonialgewändern (und dem shaku) an die traditionellen Gewänder des Tennō. Die Ausbildung der geistigen Tradition Japans zwischen Shintōismus und Buddhismus ermöglichte zu Beginn der Kamakura-Periode eine (innere und äußere) Haltung des Schwertadels (der Samurai) zu etablieren, die für die nationale Selbstvergewisserung über die nächsten Jahrhunderte prägend werden sollte.

Kriegeradel und Reform der Verwaltung

Die Kamakura-Zeit (1187-1333) ist als erste Epoche des Aufstiegs der Samurai als Kaste des Schwertadels eine Umbruchsstelle in der japanischen Geschichte des frühen Mittelalters. Die Dominanz des Hofes in Kyoto aus der Heian-Zeit mit ihrem insei-System, indem der abgedankte Tennō als Klosterkaiser die Fäden in Händen hielt, während seine Nachfolger nur repräsentative Aufgaben zugeteilt bekamen, mündete nach dem Sieg der Minamotos über die Taira im Genpei-Krieg (1185) in Händen des späteren Shogun Minamoto no Yoritomo. Die von ihm gegen viele Widerstände durchgeführten Reformen sowohl im Rechts- und Staatswesen als auch in praktischer Verwaltung waren zum einen auf eine langfristige Stabilisierung seiner Herrschaft ausgerichtet, zum anderen auf Legitimation durch Akzeptanz in breiten Bevölkerungsschichten. Die Heirat mit Hōjō Masako, die nach seinem Tod als stille Regentin im Hintergrund („Nonnen-Shogunin“) die Geschicke weiter bestimmte, konsolidierte seinen Machtanspruch. Über neue Ämter wie die shugo und jitō (Polizei u. Verwaltung der Lehen), samurai dokoro (Registerverwaltung der Vasallen, Aushebung von Kriegern) oder das tokubara tandai (Kontrollamt für den Hof in Kyoto) schuf Yoritomo Verwaltungsstrukturen, die auf langfristiges Funktionieren angelegt waren. Die Familien Hōjō und Minamoto kontrollierten von Kamakura aus nun weite Teile Japans. Das sorgte bis zum Ende des Shogunats für Rechtssicherheit, Erleichterungen in der Gesellschaft sowie einen Wirtschaftsaufschwung. Faktisch war jedoch der Schwertadel als neue (und dominante) Gesellschaftsklasse eingeführt. Das bakufu hatte sich etabliert und sollte viele Jahrhunderte bis zur Niederlage des Tokugawa-Shogunats im Boshin-Krieg (1868-1869) überstehen, um im Laufe der Meji-Restauration (ab 1868) samt Ständestaat abgeschafft zu werden. Einzig der Kaiser blieb als Institution erhalten, in einem ansonsten als Rechts- und Verfassungsstaat ausgerichteten Nationalstaat.

Ôsaka zu byôbu

Schwentker gelingt es für diesen Zeitabschnitt das Ineinandergreifen von politischen Rivalitäten (Sengoku-Zeit), der Reichseinigung unter Oda Nobunaga, Toyotomi Hideyoshi, und Tokugawa Ieyasu zugunsten der Samurai und des Shogunats, sowie des komplexen Zusammenspiels lokaler politischer Entwicklungen mit den übergeordneten Interessen japanischer Innenpolitik über die zweihundert Jahre der Isolation spannend nachzuzeichnen. Darin eingeschlossen: die christliche Mission, deren Scheitern und die übriggebliebenen kakure kirishitan, die verborgenen Christen. Auch dieses Kapitel lässt sich letztlich mit uchi und soto erklären. Zur Konsolidierung Tokugawas war es unabdingbar, mögliche Unruheströmungen zu identifizieren und zu eliminieren. Zweihundert Jahre Frieden hatte das Land bis dato nicht erlebt. Auch wenn es einige Daimyos und Samurai gab, die Christen waren (und blieben), die den harten Verfolgungen entgingen, letztlich waren alle Japaner, lebten die kami und shintō in und mit ihnen fort, was ebenso die Meji-Restauration bzw. die Niederlage nach dem Zweiten Weltkrieg nicht ändern sollte.

Japan und die Moderne

Die aggressiv-imperialistische (Außen)Politik Japans seit der Jahrhundertwende im indopazifischen Raum wie auch in den beiden Weltkriegen mündeten in Hiroshima und Nagasaki. Die pazifistische Nachkriegsverfassung zeugte von Umdenken und Demut. Mit atemberaubender Geschwindigkeit gelang den Japanern der binnen- wie außenwirtschaftliche Anschluss an die westliche Welt und ihre kapitalistischen Wirtschaftsmodelle. Das Konzept der „keiretsu“ beschreibt Verbundunternehmen, die sowohl horizontal als auch vertikal integriert sein können. Ihre rechtliche Selbständigkeit bleibt zwar erhalten, wohl sind sie untereinander so gepaart, dass Abhängigkeiten gewollt entstehen. Die Hausbank ist Kreditgeber des Verbundes, es gibt Überkreuzbeteiligungen, Aufsichtsrats- oder Vorstandsidentitäten, bevorzugte Vergaben von Aufträgen, Personaltausch und ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Das alles soll helfen im (internationalen) Wettbewerb gegen Konkurrenten zu bestehen. Nicht zuletzt sind die zaibatsu Unternehmen, die bereits vor 1945 bestanden und sich nun in keiretsu wiederfinden. Mitsubishi, Toyota, Nissan, Honda oder Hitachi, Panasonic und Sony sind nur einige der auch hierzulande bekannten Firmen. Arbeitsethos, Geist (shin) und Haltung leben mehr oder weniger offen durchaus die alten Traditionen der Samurai und ihrer Philosophie. Allerdings bedingen auch hier uchi und soto zumeist (unsichtbare) (Ausschluss)Bedingungen. Das in den letzten Jahren auch bei uns öfter wahrgenommene Ritual einer förmlichen Entschuldigung mit der Übernahme von Verantwortung gegenüber den Eigentümern, sichtbar über die intensive und tiefe Verbeugung, die eine Zeitlang gehalten wird, zeigt den Respekt gegenüber der Gemeinschaft, der sich das Individuum jederzeit unterordnet. Auch das ist shin. In den sieben Formen von Entschuldigungen kommt dies nicht nur mit unterschiedlichen Begriffen vor, sondern auch in der ausgedrückten Haltung. „Makoto ni moushiwake gozaimasen deshita“ würde etwa bei ganz gravierenden Fehlern in einem Unternehmen bedeuten: „Es gibt keine Ausrede für meine Fehler, ich bin gänzlich für dieses Verhängnis verantwortlich und entschuldige mich aufrichtig.“ Das entlastet die Gemeinschaft, erklärt die Verantwortlichkeit und erleichtert die Suche nach einer Lösung.

Gesamtdarstellungen sehen sich zumeist der Herausforderung gegenüber in einem strukturierten Rahmen ausreichende Detailtiefe für den interessierten Leser zu bieten, zugleich aber die Balance in der Darstellung größerer Abschnitte zu wahren und spezifische Entwicklungen für die Erschließung von Beziehungszusammenhängen zu gewichten. Das ist mit diesem Buch mustergültig gelungen. Von den Anfängen der Besiedlung des späteren Japan, über die kulturellen Einflüsse großer wie kleinerer Nachbarn bis hin zum originären Idiom des Japanischen. Der innerjapanische Schöpfungsmythos von Amaterasu-ō-mi-kami (天照大御神) aus dem shinto über buddhistische Strömungen bis hin zur (unterentwickelten) christlichen Religion bleibt bis heute für die Mehrheit der Japaner identitätsstiftend. Das Nationennarrativ speist sich zum einen aus der Reichseinigung unter den Samurai und dem Tokugawa-Shogunat, zum anderen aus der Modernisierungswende der Meiji-Zeit bis zur frühen Nachkriegszeit der fünfziger und sechziger Jahre. Hatte die Isolierung über zweihundert Jahre für eine Festigung feudaler Strukturen samt Tennō als Gott-Kaiser die große japanische Erzählung von der Auserwähltheit dieser Nation geehrt, musste nach deren Erosion die Bindung an die Moderne eine Art Gegenerzählung kreieren, um den Anschluss in Ostasien und den Rest der Welt zu ermöglichen. Der Nachkriegsaufschwung, Technologieführerschaft, bis hin zu einer weltpolitisch angesehenen und  bedeutenden Nation im Kreis der G 7 ist letztlich weiterhin verbunden mit der Arete aus alter Zeit von Kamakura bis Tokugawa: Es waren die Samurai und ihre Herren, die Daimyō (大名) und Shogune, die ihrem Land jenen Tugendstempel aufdrückten, der auch in unseren Tagen die Gesellschaft zwischen uchi und soto (innen und außen) zusammenhält, die Öffnung für Menschen aus der Fremde (immer noch, trotz Überalterung und Fachkräftemangel) extrem erschwert; die Geschichten über das Scheitern sind legendär, die übers Gelingen solitär. Noch heute werden im Bushidō  (武士道  Weg (do) des Kriegers (Bushi)) die sieben Tugenden (Treue, Höflichkeit, Tapferkeit, Offenheit und Aufrichtigkeit, Mitgefühl, Einfachheit) mit den sieben bedeutenden kami des shinto verknüpft. Die Edo-Zeit leuchtet weiter herüber und wirft Licht auf das Bushido in der ganzen Welt. Möglich, in der Zukunft werden die gesellschaftlichen Entwicklungen mehr Öffnung und Integration erzwingen, doch bedeutend einfacher wird es kaum werden. Eine Inselnation ist hier eine eigenwillige und sehr auf sich selbst bedachte. Ihrer Internationalität, ihrer Wirtschaftskraft und Popularität zum Trotz wirkt wenig davon nach innen, bleibt diese seltsam abgeschlossen.

Das umfangreiche Werk ist in einer gut zugänglichen Diktion geschrieben, überzeugt bereits mit dem einleitenden Essay (als kleinere ‚Gesamtdarstellung‘) sowie einem guten Apparat von Glossar, Anmerkungen, Quellen- und Literaturverzeichnis, Personen- und Abkürzungsverzeichnis, Liste der Karten, Personenregister. Desideratum bliebe ein Sachregister, das den Fachzugang deutlich erleichtern würde, gerade um Querbezüge oder Detaileinstiege zu ermöglichen.

Ingo-Maria Langen, Dezember 2023