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Kurzkommentar: Fratelli tutti

Die aktuelle Enzyklika Fratelli tutti (Alle Brüder und Geschwister) von Papst Franziskus richtet sich zunächst an jeden einzelnen von uns: Wir sollen bei uns selbst beginnen mit der Arbeit an der Gemeinschaft. Jedoch bereits im Vorfeld der Veröffentlichung gab es Streit. Wie soll der Titel übersetzt werden? Wenn sich der Papst an alle Menschen guten Willens wendet, dann muss er das auch sprachlich korrekt tun. Hinter diesem Gedanken liegt im Anschluss an die Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit seit der Französischen Revolution, der Anspruch begründet, keine Unterschiede zwischen Geschlechtern, Hautfarbe oder Herkunft zu machen, was sich dann auch in einer angemessenen Sprache ausdrücken muss. In diesem Sinne richtet sich der Papst durchaus an alle Menschen, nicht nur an Katholiken.

Wir sollen helfen, als Christen in der Welt, aber auch in Zusammenarbeit mit allen anderen nichtchristlichen Gemeinschaften, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, gemeinsam in Geschwisterlichkeit. Der Text ist politisch, wenn er davon spricht, dass wir Verantwortung für die Schöpfung haben (siehe auch Laudato si) und das keine optionale, sprich beliebige Sicht sei.

Unsere Unfähigkeit zum gemeinsamen Handeln ist Grundannahme des Textes. Schon in der Weltfinanzkrise 2008 zeigte sich die Unfähigkeit, die nationalen Regierungen handelten national, nur wenige internationale Vereinbarung kamen in der Folge zustande. Gar keine allerdings was die Grundlagen unseres Wirtschaftens anbelangt: dass wir eine ständige Vorverlegung des Welterschöpfungstages erleben (2020: 22.08.), im kapitalistischen Hamsterrad leben und arbeiten und kaum Kreativität darauf verwenden, aus weniger mehr zu machen oder anders gewendet, mit bescheidenerem materiellem Wohlstand ein glückliches Leben zu führen und andere daran teilhaben zu lassen. „Der Markt löst keine Probleme.“

Die Geschichte vom Barmherzigen Samariter ist dafür ein guter Anknüpfungspunkt, so Franziskus. Diese in geschwisterlichem Geist zu gestalten, nennt Franziskus politische Nächstenliebe. Denn: Das Christliche ist nicht ohne seine konkrete Ausformung zu denken und das ist das Politische. Politische Theologie in diesem Sinne ist die Übernahme einer globalen Verantwortung für die Welt, das Gemeinwesen und meinen Nächsten. In diesem Sinne bemängelt Franziskus, die Globalisierung führe zwar zu vielen Kontakten, aber eben nicht zu mehr Geschwisterlichkeit.

Ebenso auf der politischen Ebene: die Hoffnung schwächen, Hass, Zwietracht und Angst sähen, in Echokammern der Netzwelten konspirative Verschwörungsmythen pflegen, und wer die Nutznießer solcher Entwicklungen sind. Große Konzerne ebenso wie autokratische Herrscher, autoritäre Systeme. Echokammer der Demagogie! Dem setzt der Papst entgegen: Die größte Gefahr besteht darin, nicht zu lieben! Denn aus Liebe zueinander soll sich der politische Prozess speisen, nicht aus Macht gegenüber dem anderen. Die politische wie private Wirklichkeit ist eine andere:

„Aggressivität ohne Scham

  1. Während die Menschen in ihren behaglichen Konsumgewohnheiten verharren, gehen sie gleichzeitig ständig vereinnahmende Bindungen ein. Dies fördert das Aufwallen ungewöhnlicher Formen von Aggressivität, von Beschimpfungen, Misshandlungen, Beleidigungen, verbalen Ohrfeigen bis hin zur Ruinierung der Person des anderen. Dies geschieht mit einer Hemmungslosigkeit, die bei einem Zusammentreffen von Angesicht zu Angesicht nicht in der gleichen Weise vorkommt, weil wir uns sonst am Ende gegenseitig zerfleischen würden. Die soziale Aggressivität findet auf Mobilgeräten und Computern einen Raum von noch nie dagewesener Verbreitung.
  2. So wurde es möglich, dass die Ideologien jede Scham fallenließen. Was bis vor wenigen Jahren von niemandem gesagt werden konnte, ohne dass man seinen Ruf vor der ganzen Welt gefährdet hätte, das kann heute in aller Grobheit auch von Politikern geäußert werden, ohne dafür belangt zu werden. Man darf nicht übersehen, »dass in der digitalen Welt gigantische wirtschaftliche Interessen am Werke sind, die ebenso subtil wie invasiv Kontrolle ausüben und Mechanismen schaffen, mit denen das Gewissen und demokratische Prozesse manipuliert werden. Viele Plattformen funktionieren so, dass sich im Endeffekt häufig nur Gleichgesinnte begegnen und eine Auseinandersetzung mit Andersartigem erschwert wird. Diese geschlossenen Kreise erleichtern die Verbreitung von falschen Informationen und Nachrichten und schüren Vorurteile und Hass«.“

Politische wie menschliche Größe zeigt sich, wenn man in schwierigen Momenten nach allgemeinen Maßstäben handelt, die (ganz im Sinne Kants) dem Allgemeinwohl dienen. Das ist für den Papst die Grundlage des guten Handelns eines Politikers. Deshalb ist die Liebe das Maß eines gesunden Gesellschaftshandelns, das nicht ausgrenzt, überfordert oder übervorteilt, sondern sich geschwisterlich unterstützt. Toleranz bedeutet deshalb, nicht alles irgendwie gelten zu lassen und damit letztlich den Mächtigen in die Hände zu spielen, sondern gemessen an den vom Menschen abgeleiteten Werten (Liebe, Geschwisterlichkeit, Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Empathie) ein Maß zu setzten, das den Menschen gerecht wird. Damit wird Respekt zugelassen, andere Perspektiven, anderer Glaube und zugleich schafft dieses Maß die Möglichkeit des Kompromisses und Konsenses. Aus dieser Möglichkeit heraus ist auch Kritik an der Macht nützlich und erforderlich, weil diese dem Menschen dienen soll und nicht umgekehrt.

In diesem Zusammenhang soll auch auf das vom Verstand erfassbare Naturrecht hingewiesen werden. Es gibt bestimmte Grundstrukturen, die aus der Natur des Menschen abgeleitet werden können, die wir im dialogischen Miteinander entdecken und kultivieren können. Das sind all jene Anlagen, die uns auszeichnen in unserer Humanität. Diese Werte finden, so Franziskus, gerade für gläubige Menschen, ihren Ursprung in Gott.

Soweit wir im politischen Handeln miteinander etwa Eigentumsrechte geltend machen, so erinnert der Papst daran, dass das Christentum, dieses Recht nie absolut gesetzt hat, sondern seine soziale Funktion immer mitgedacht werden muss (vgl. Art. 14 GG). Gerade in den USA wird dieser Aufruf durchaus kontrovers unter Gläubigen diskutiert werden, steht dieser Präsident aktuell doch gerade für das große Geld und rücksichtslose Geschäftspraktiken. Deshalb führt Papst Franziskus die Kategorie der „Politischen Liebe“ (Nr. 180) ein. Es sei keine Utopie, den Nächsten als Bruder oder Schwester anzuerkennen, soziale Freundschaft als Integrationselement zu suchen. Deshalb gehe vom Einzelnen nicht nur die Hilfe für den Bedürftigen aus, sondern im politischen Gesellschaftskontext auch die gerechte und nachhaltige Gestaltung von Gemeinschaft. Er spricht von der „politischen Nächstenliebe“ dieser Enzyklika. Das bedeutet für jeden Einzelnen die Arbeit am inneren Frieden und an der Befriedung der Gesellschaft, der Überwindung von Spaltung und Polarisierung. Wie auch der Überwindung von Kriegen unter den Völkern.

Das große Instrument dazu sind die Vereinten Nationen, die helfen können und sollen im Konzert der Staaten jene Missstände untereinander zu beheben. Dazu bedarf es allerdings einer Reform der UNO, um die Wirksamkeit und Geschlossenheit dieser Institution zu verbessern und zu erhöhen. Das ist also direkt an die Mächtigen dieser Welt gerichtet, nicht im Appell, sondern als Forderung.

Vergleichbares gilt für den interreligiösen Dialog, der helfen soll, alte Feindbilder abzubauen und am gemeinsamen Haus Erde mit vereinten Kräften weiterzubauen, immer unter Beachtung der o.g. Kriterien.

Ingo-Maria Langen, November 2020