No Society!

Keine Gesellschaft, so titelt das neue Buch des französischen Autors Christophe Guilluy. Er legt darin eine steile These vor, die auch wir in Deutschland nicht so einfach wegwischen können: je mehr in der Peripherie unserer Gesellschaft (einfach gesagt: auf dem Land), die Infrastruktur wegbricht, desto größer die Bereitschaft, Marine Le Pen zu wählen!

Was läuft da schief? Ich habe es für Deutschland schon des Öfteren thematisiert. Nun sei ein Blick auf Frankreich ebenso aufschlussreich. Lassen Sie mich kurz ausholen: als Emanuel Macron und seine Bewegung En Marche gewählt wurden, ging ein Ruck durchs Land. Neuer Wind, weg die alten Parteistrukturen und Figuren. Ein Wandel sollte das gesamt Land erfassen. En Marche hatte gute Wahlkampfarbeit geleistet. Mit Bürgerkomitees in den Städten, aber auch auf dem Land und in entlegenen Regionen. Das haben die Bürger honoriert. Doch nach einem Jahr Amtszeit gab es nur noch wenige davon und die haben inzwischen auch ihre Arbeit eingestellt. Der Präsident, so smart und präsidiabel er ist, so sehr entfernte er sich mehr und mehr von seiner Basis. Die Vorwürfe lauten: abgehoben, Präsident der Reichen, nur für die Metropolen, der Arbeitslose brauche nur die Straßenseite zu wechseln für einen neuen Job… Die Sprache des Präsidenten war oft unbedacht, klang elitär, belehrend. Seine pompösen Empfänge im Elysee oder in Versailles, vieles davon ist den Franzosen sauer aufgestoßen. Nun kam die – in der Sache richtige – Entscheidung der Steuererhöhung auf Benzin und Diesel hinzu, die das Fass zum Überlaufen brachte. Die „Gelbwesten“ organisierten sich vom Land aus bis in die Städte via soziale Medien und heizten der Regierung ordentlich ein.

Warum geht der Riss so tief? Hier greift Guilluy über die Gilets Jaunes weit hinaus. Sein Narrativ geht so: Macron konnte auch deshalb gewinnen, weil er die Rentner und die Beamten hinter sich brachte. Diese beiden Gruppen blieben bislang von der Globalisierung weitgehend verschont. Doch bereits in einem Umkreis von dreißig bis fünfzig Kilometer außerhalb der Zentren erreichte der Franc Nationale 35 Prozent der Stimmen. Wieso? Das hat etwas mit der Aufteilung des Raums zu tun. Die Entwicklung in den Arbeitsräumen, vornehmlich der Städte, bringe viele Menschen dazu, sich an die Peripherie zurückzuziehen (Stichwort Mieten, Gentrifizierung). Damit werde ein Großteil der Mittelschicht verdrängt und nach „unten“ durchgereicht. Entsprechend sei die Verunsicherung. Der Traum vom sozialen Aufstieg durch Arbeit sei ausgeträumt, das Ende der Mittelschicht besiegelt. Die Legende vom Aufstieg entpuppe sich als Lebenslüge der Politik. Darin gründe auch der Brexit und die Präsidentschaft Donald Trumps.

Es treffen Milieus aufeinander, die zuvor rein geographisch getrennt waren: die Mittelschicht der Angestellten (die keinen Anschluss an die Oberklasse finden können), die letzten Arbeiterfamilien, die großen Gruppen der Migranten, die Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger. Gerade die Einwanderer wurden ein Stückweit zur Konkurrenz der Arbeiter und trugen damit auch zu ihrem Niedergang bei. Dazu bringt Guilluy ein Beispiel. Das Viertel Seine-Saint-Denis (das „93“er) im Norden von Paris. Man geht hier von drei- bis vierhunderttausend illegalen Einwanderern aus, ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Das hat ganz praktische Auswirkungen: die Schulen, die Krankenhäuser, der Sozialstaat, alles explodiert, ist überfordert. Die Migrationsillusion der achtziger sei katastrophal gescheitert. Entweder werden wir wieder „sesshaft“ oder die Ströme überrollen uns – bei bald 10 Milliarden Menschen (2050) auf der Erde. Open Society? Multikulturalismus? Akademische Debatten von Global Playern, Weltbürgern mit dickem Portemonnaie. Doch vor Ort? Mit kleinen Einkommen? Diese Menschen sehen zu wie sich ihr Viertel, ihre Stand, ganze Regionen verändern, ohne positiv daran teilhaben zu können. Wenn der letzte Bäcker, Friseur, Lebensmittelladen schließt, die Post abwandert, die Verwaltung wegzieht, die Kneipe dichtmacht, was bleibt dann am Ende des Tages über?

Im Grunde geht es um einen noch viel größeren Verlust: den  der gesellschaftlichen Solidarität. Als die Christen in der Antike noch als Sekte galten, war das Prinzip der gelebten Solidarität bereits ein konstitutives Merkmal für die Gemeinschaft. Nicht nur Gott sollte für sie sorgen, auch untereinander wurde Beistand geleistet: Amen, ich sage euch. Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. (Mt. 25,40) No Society ließe sich in dieser Hinsicht auch mit die ‚entsolidarisierte Gesellschaft‘ übersetzen. Und weil Regierungen, Entscheider, Multiplikatoren Vorbildfunktion haben, ist es so verheerend, wenn (andauernd) der Eindruck entsteht: das Sagen ist das eine, das Handeln das andere. Die Tendenz der Schweden übrigens, rechtsnational zu wählen hat gerade auch etwas mit der Erhaltung von Solidarität zu tun. Die westlichen Nachkriegsgesellschaften haben damit in schweren wie in leichten Zeiten gute Erfahrungen gemacht. Können Migrationsströme aber nicht angemessen gesteuert werden, bricht als erstes das Solidarinteresse ein: die mit der Gentrifizierung auskommenden Schichten rufen nach der freien Aufnahme. Alle anderen, die sich wenig leisten können verweigern die Solidarität, weil sie sehen, dass die staatlichen Institutionen nicht leisten können, was sie leisten sollen. „Integriert erst mal uns“ – so ein Spruch aus den östlichen Bundesländern. Was sich dahinter verbirgt, habe ich anderer Stelle angesprochen, hier nur Stichworte: Treuhand, Deindustrialisierung, Verödung ganzer Landstriche, Abgehängtsein, das vorherige (Arbeits)Leben als völlig entwertet wahrnehmen müssen etc.

Gewinnt also die Geographie (so der Anspruch Guilluys) die Deutungshoheit über die Politologie, die Soziologie, gar die Philosophie? Das glaube ich eher nicht. Zu unterschiedlich sind die jeweiligen Handwerkszeuge. Wohl aber kann folgendes passieren: die Geographie in der oben beschriebenen Ausprägung könnte die zeitabhängige ‚Leitwissenschaft‘ für die Gesellschaft werden, wenn Gesellschaften nicht mehr homogen wachsen, Freiheit in Selbstbestimmung erleben oder breite Prekariatsentwicklungen einsetzen. Das wäre dann der Beginn des Zerfalls Europas, der harten Grenzen, der militärischen Aufrüstung gegeneinander, der Zölle, der Abschottung.

Übrigens funktionieren alle diese Dinge nie – es sei denn zum Schlechten hin. Ein Beispiel zu Abschluss: Trump hat seiner Klientel im Rustbelt im Wahlkampf versprochen, dass wieder eine blühende Autoindustrie entsteht, alle alten Jobs zurückkehren. Inzwischen ist bekannt, dass GM 15000 Jobs streicht, die meisten davon in dieser Region. Daran hängen dann noch die Arbeitsverhältnisse der Zulieferer, anderer Wirtschaftszweige, Familien… Gute Wirtschaftspolitik bedeutet gute Rahmenbedingungen zu schaffen, mit Augenmaß zu handeln. Besser wäre gewesen: einen Strukturwandel wirtschaftspolitisch zu begleiten. Damit haben wir hierzulande gute Erfolge. Zurück zu Frankreich: auch dort wäre so ein Konzept hilfreich. Es erfordert aber langfristiges Denken und Handeln. Erfolge denken nicht in Legislaturperioden.