Die Krieger des alten Japan
Roland Habersetzer
Die Krieger des alten Japan
Berühmte Samurai, Rônin und Ninja
Aus dem Französischen von Frank Elstner
Palisander Verlag, Chemnitz 2008, 386 Seiten
Zahlreiche Drucke antiker Holzschnitte und Malereien
Ken Zen ichi
Japan – der Mythos vom Land der Götter, geformt aus drei Tropfen vom Schwert des Götterpaares Izanagi und seiner Frau Izanam und ihrer Stiftung der Göttin Amaterasu, seit Anbeginn gebunden an Spiegel, Schwert, und Krummjuwel, begründet die Erzählung zur Entstehung des Inselreichs.
Mythen überdauern mit der Lebendigkeit ihrer Bilder, Helden und Geschichten, appellieren an die Fantasie und verbinden sich geschickt mit (oft langfristigen) Prägungen der nationalen Seele. Shinto, Zen und Buddhismus sind die geistigen (bisweilen auch geistlichen) Folien, vor deren Kulissen sich seit der Heian-Zeit, kulminierend im ersten Shogunat von Kamakura (1185), die Kriegerkaste (Schwertadel) professionalisierte. Später würde über das Tokugawa-Shogunat nach langen Kriegen die Reichseinigung erfolgen und für über zwei Jahrhunderte den Abschluss des Landes nach außen diktieren. Die bushi (Schwertkrieger) sollten dabei nicht nur im Kenjutsu höchst kunstfertig agieren; Philosophie, Ethik, Moral, Ehrgefühl, Pflicht und Loyalität waren neben Literatur und Kalligrafie dem Wertekanon der Samurai eingeschrieben. Ken Zen ichi: ‚Schwert und Zen sind eins‘ war das Credo des Zen-Meisters Takuan in seinem berühmten Brief „Taiaki“ an Yagyū Munenori (Schwertmeister). Zur Meisterschaft im Kenjutusu zu gelangen bedeutete für ihn, die vollkommene Einheit des Menschen zu erreichen, ausgedrückt in der Perfektion von Ri (Zustand des Geistes) und Waza (Technik). Dazu müsse man sich von der Ergriffenheit vom eigenen Ich lösen, das Bewusstsein reinigen, um absichtslos das Wesen der Kampfkunst und die Realität des Lebens als ein und dasselbe zu betrachten. Auf dieser Stufe der Meisterschaft existieren weder Ken noch Zen, und doch gibt es im Sein des Universums nichts, das nicht Ken und Zen ist. Fast schon ein Mu-Koan (無).
Habersetzer erzählt die Geschichten herausragender Krieger, nicht selten später Gefallene der Gesellschaft, die noch heute Identifikationsbilder stiften. Paradigmatisch sowie stilbildend: die 47 Rônin. Bildgewaltig in Szene gesetzt: „Kagemusha“ von Akira Kurosawa, der den Untergang des Hauses Takeda (武田氏 Takeda-shi) nachzeichnet, das im Kampf mit den Tokugawa-Clan letztlich unterliegt. Die Geschichte Japans wird so anhand bedeutender Clans (mitunter auch herausragender Einzelschicksale) geschildert, oft mit guter Quellenangabe, erzählerisch gestaltet, nicht in nüchterner Fachsprache. Das verleiht dem Buch einen besonderen Reiz, da der Leser sich mit den Figuren der Geschichten identifizieren kann, ohne den Faden historischer Fakten verlieren zu müssen. Abgerundet wird die breite Darstellung mit einer kurzen Einführung zum Komplex der Ninja (Schattenkrieger), berühmt und gefürchtet für ihre besonderen physisch-mentalen Fähigkeiten, deren sich die Herrscher aller Zeiten bedienten. Sie gehörten zu den yamabushi, den Kriegermönchen, die eine geheime Spezialausbildung erhielten, gesellschaftlich jedoch nur den Status der hinin – der Nicht-Menschen – zugebilligt bekamen, obschon ihre Dienste geschätzt wurden. Das starre Klassensystem der Gesellschaft war jedoch bis zur Meji-Restauration nicht in der Lage jene Integrationsleistungen zu vollbringen, die nach der Öffnung ohne weitere Konsolidierung erfolgen sollten und das soziale Gefüge der letzten zweihundertfünfzig Jahre mittels mehrerer Modernisierungsschübe hinwegfegten.
Ki-Ken-Tai-ichi – Körper, Geist und Schwert sind eins
Meisterschaft bedeutet: jeder Gefechtssituation gewachsen sein, ohne das Schwert zu ziehen. Das zeigt eine starke, gereifte Persönlichkeit, geschult in jahrelanger Praxis.
Die Figur des Saigô Takamori und sein Wirken an der Nahtstelle zum „modernen“ Japan ist in vielfacher Hinsicht ein Paradigma japanischer Gesellschaft und Geschichte, ausgreifender als Oishis Aufstand mit den 47 Rônin. Als Hiza-Samurai gehörte Saigô Takamori einer der niederen Samuraifamilien an, in denen gleichwohl das Ethos der bushi gelebt wurde. Seine außergewöhnliche Statur und Kraft verliehen ihm schon frühzeitig den Nimbus des Unbesiegbaren. Im Boshin-Krieg (1868-1869) stritt er für die Restauration, was ihm später trotz der niederen Herkunft die maßgeblichen Ämter eines Ratgebers (sangi) und Generals der kaiserlichen Armee einbrachte. Über die Modernisierung des Landes und die von diesen Kräften abgelehnte Annexion Koreas, kam es jedoch zum Zerwürfnis, mit der Folge seines Rückzugs in die Provinz Satsuma, der er entstammte. 1877 führte er die Satsuma-Rebellion an. In einem Umfeld sozialer Unzufriedenheit, dem Verlust von symbolischer sowie faktischer Herrschaft und einem Klima existentieller Unsicherheit hatten sich bereits seit den 74er Jahren Samurai-Aufstände ereignet. Neben der materiellen und gesellschaftlichen Erosion des Samuraistandes adressierten die Rebellionen regierungsfeindliche Einstellungen, verbunden mit der Ablehnung westlichen Gedanken- und Kulturgutes. Organisationen wie die ‚kyôninsha‘ („Vereinigung der straken Beharrlichkeit“) verbanden mit den Verlusten der alten Herrschaftssymbole Schande: etwa die Schmach des Schwerterablegens. Von einer zweiten Schwertjagd war die Rede – in Anspielung auf jene erste unter Hideyoshi im Zusammenhang mit der Reichseinigung um 1600. Zum Zeitpunkt des Rücktritts Saigôs von allen Ämtern war eine hochrangige Regierungsdelegation auf Überseereise, deren Erkenntnisse dazu führten, den Modernisierungsbedarf (gerade auch in militärischer Hinsicht) als noch lange nicht abgeschlossen bewerten zu müssen, weshalb die Regierung die Korea-Intervention abbrach. Das wollten die „Konservativen“ nicht wahrhaben, Saigô führte die Satsuma-Rebellion mit 20.000 Kriegern gegen die Regierung an. Er, der gerade die Modernisierer von Anbeginn unterstützt, sie in den Sattel gehoben hatte, fiel ihnen nun in den Rücken, weil er den Ausverkauf japanischer Werte wie auch den Verrat japanischer Suprematie (mindestens in Bezug auf Ostasien) witterte. Noch auf Kyûshû wurde der Aufstand von 20.000 Mann Regierungstruppen niedergekämpft und Saigô durch seppuku zum Märtyrer stilisiert. Dieses Bild formte sich über die Zeit aus Berichten, Legenden und Mythen, die ihm zugedachtet wurden und ihn zu einem „hôgan biiki“, einem tragischen Helden, dem als Verlierer in einer aussichtslosen Sache die Herzen des Volkes gehören, machten. Eine tiefergehende Betrachtung zeigt freilich den Spiegel eines sehr widersprüchlichen Menschen, der im Angesicht der epochalen Umwälzungen und disruptiven Entwicklungen die untergehende Fahne des traditionellen Kulturverständnisses weiter hochhalten wollte und dazu die Unzufriedenen und Verlierer dieser Prozesse um sich scharte, um in einer Konterrevolution wieder zum Ausganspunkt der Restitution des Kaiserhauses zurückzukehren. Gleichwohl beteiligte sich nur ein kleiner Teil der ehemaligen Samurai an den verschiedenen Aufständen, die meisten integrierten sich, nahmen Programme der Regierung in Anspruch, gründeten Unternehmen, explorierten Hokkaido oder kamen in der Verwaltung unter. Ihnen gebot der Ehrenkodex genau das zu tun, sich nicht den Rebellen anzuschließen. Allerdings bildete die verborgene Saat der Unzufriedenen reiche Ernte in der späteren Zeit des Militarismus, der ihnen zu neuer Blüte verhalf und das Land in den Abgrund führte.
Ingo-Maria Langen, August 2024
