Kirchenreform? Was könnten wir damit auf den Wege bringen?

Kirchenreform? Was könnten wir damit auf den Wege bringen?

Uns ist die Lust gründlich vergangen. Das könnte man in der Tat derzeit so sagen, wenn wir ehrlich sind, halten wir uns natürlich nicht daran. Dennoch macht jeder neue Bericht über sexuellen Missbrauch in der Kirche betroffen. Manch einem mag auch die Wut ins Herz oder in den Kopf steigen, insbesondere dann, wenn er liest mit welch perfiden Methoden einige Täter vorgegangen sind. Doch das will ich hier nicht thematisieren. Es ist dokumentiert.

Allerdings möchte ich auch nicht die Opfer in den Blick nehmen, auch das ist ein eigenes soziales, physisches und psychologisches Thema. Der Respekt verlangt hier, sich dem besonders und mit viel Empathie zu widmen.

Ich möchte dagegen ein paar systematische Überlegungen anstellen: gibt es so etwas wie eine systemische Rahmenbedingung für den Missbrauch in der katholischen Kirche? (Die evangelische Kirche wäre noch gesondert zu betrachten)

In der Diskussion, die derzeit in Kirchenzeitungen oder auch der allgemeinen Presse stattfindet, fällt auf wie vielseitig das Thema des Systemischen in der katholischen Kirche zu sein scheint: 1. Der Klerikalismus. 2. Das Hermetische des ‚Systems‘ Kirche. 3. Ein paar Gedankensplitter zu möglichen Reformansätzen.

Der Klerikalismus definiert sich als das Bestreben der Kirche, über ihre kirchliche Einflusssphäre hinaus auch auf Staat und Gesellschaft beeinflussend zu wirken. Historisch in der Spätantike entstanden und bis in die Neuzeit fortwirkend. Nach dem Verlust seiner Sanktionsmacht über die säkularen Verfassungen im westlichen Europa spricht man heute von Klerikalismus als einer spezifischen Identitätstechnik. Dabei ist der klerikale Priester mehr an sich selbst und seinen Bundesgenossen interessiert als am eigentlichen Volk Gottes. Er lebt also ein Suprematieverständnis, das ihn aus seinem Blickwinkel über die allgemeine Gesellschaft hinaus hebt. Und dieses Verständnis ist bipolar: es gilt sowohl nach außen als auch nach innen. Mithin kommt es auf Erfahrungen des Gegenübers mit diesem Priester an. Im Außenverhältnis galt noch lange bis zur Jahrtausendwende: der Priester ist ein Mensch, der in einem besonderen Verhältnis zu Gott steht, von dem direkt er ja seine Stellung ableitet, Kritik an ihm gehört sich nicht, er ist in jeder Hinsicht über alles erhaben und unbefleckt. Vereinzelte Fälle von abweichendem Verhalten (etwa Erzbischof Marcinkus und der Vatikanbankskandal in den 80ern oder Missbrauchsfälle) wurden im allgemeinen Bewusstsein nicht lange vorgehalten, sie kamen erst mit dem ‚Massenphänomen‘ des Missbrauchs (nicht nur in der Kirche) wieder zurück. Wenn also der Priester ein so herausgehobener Mensch ist, dann sind es auch die Berührungen, die er den Gemeindemitgliedern schenkt. Denn dann habe ich als einfacher Mensch eine physische Nähe zur Gnade Gottes wie ich sie selbst nie würde herstellen können. Das Weihepriestertum ist somit die Institutionalisierung dieser soziologischen Position, die ihrerseits die theologische Grundlage im Sakrament der Weihe (für den Mann) hat. Sie ist religionsgeschichtlich in der Diakon-, Priester- und Bischofsweihe angelegt und knüpft unmittelbar an den Sendungsauftrag und die Vollmacht im Namen Christi für die Kirche zu handeln.

Damit entsteht eine besondere Position für den Priester: er hat ein Näheverhältnis, das nur wenige Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung erhalten (oft sogar innerhalt der Familie nicht). Zudem ist es von besonderer Güte über den Werdegang des Priesters, seine Ausbildung und seinen Auftrag. Der Klerikalismus im Nahverhältnis (es gibt ihn in anderer soziologischer Ausprägung auch in Politik und Gesellschaft) ermöglicht dem Geistlichen, in hochmütiger, selbstbezüglicher und abwertender Weise dieses Nahverhältnis auszunutzen. Das birgt den Einstieg in die Missbrauchsfalle: Machtgefälle und Lustgewinn, Abhängigkeit und Manipulation. Alles in der Klammer einer institutionalisierten Verschwiegenheit, einem Schweigekartell auf allen Ebenen, wo lange die Opfer stigmatisiert und die Täter innerhalb der Kirche umbesetzt wurden. Allerdings gibt auch Priester, die bei der Aufklärung von Missbrauch ganz vorne stehen, denen es wenig bis gar nicht gedankt wird: Klaus Mertes SJ ist der wohl bekannteste derzeit in Deutschland. Innerhalb der Kirche wird sein unerbittliches Wirkung um Aufklärung jedoch nicht in allen Bistümern begrüßt. Innerkirchliche Anfeindungen, offene Häme und Empörung in den sozialen Medien bis hin zur Versetzung in die Provinz, blieben ihm nicht erspart. Dennoch hat er dem Schweigekartell massiv zugesetzt.

Die Grundfeste sind erodiert: seit in der Spätantike (‚Konstantinische Wende‘) sich der Dualismus von Laien und Amtspriestertum entwickelte wurde ein Status zugrundegelegt, der bis weit in unsere Zeit gehalten hat. Trotz des seit dem zwanzigsten Jahrhunderts praktizierten Laizismus in den westlichen Staaten konnte das Amtspriestertum seine Einflussmöglichkeiten bis weit in Staat und Gesellschaft erhalten. Doch inzwischen bricht dieser Einfluss sogar in ländlichen Gegenden ab, hat die Arbeitsmigration dazu geführt, priesterlichen Beistand als punktuelle Serviceleistung ‚einzukaufen‘. Ein böses Bild und es entspricht weitgehend der sozialen Wirklichkeit. Angefangen vom regelmäßigen Messebesuch, der Beichte, kirchlichen Hochzeit, selbst dem kirchlichen Begräbnis ist die Mehrheitsgesellschaft dazu übergegangen, entweder alternative Formen für bestimmte Lebenssituationen zu suchen oder eben Kirche dafür einzeln dazuzubuchen. Ein massiver Macht- und Kontrollverlust ist die Folge. Wie soll das Amtspriestertum damit umgehen? Gelassenheit, Souveränität, Authentizität wären dazu Stichworte. Das passiert auch. Allerdings gibt es ein Potenzial von Amtspriestern, die auf diesen Bedeutungsverlust mit Selbstbezüglichkeit reagieren. Ersatz für den Bedeutungsverlust sollen dann Rituale, christliche Symbolik und verbliebene Steuerungsmechanismen in den Gemeinden sein. Der Klerikalismus soll dabei helfen, den Machtverlust aufzufangen, Identitätsprobleme zu verschieben.

Daraus entsteht bei diesen Geistlichen ein hermetisches Denken: Schon jetzt sind immer mehr Priester verwundert, dass presbyterale Kernaufgaben (wie Gemeinden leiten) von “ungeweihten Laienpriestern” (Männern und Frauen) übernommen werden. Sie reagieren darauf, wie schon berichtet, mit einem “sekundären Abwehrklerikalismus”, der sich mit den konziliaren Kirchenreformen nur schwer verträgt, der aber als Schutzvorgang vieler Priester durchaus verständlich ist. Die sich unter den Bedingungen der Moderne verbrauchenden spirituellen Ressourcen werden den Wegfall von Gratifikationen dann immer weniger ausgleichen können. (Paul M. Zulehner / zulehner.org) Hier treffen identitätshindernde Veränderungen (Laienaufgaben in der Kirche) auf systemische Überforderungsmechanismen wie Arbeitsüberlastung, Burn-Out, Ehelosigkeit etc. Eine Einheit stiftende Klammer zerbricht aufgrund eines fehlenden Integrationsmoments sowie mannigfaltiger Veränderungen der soziologischen Parameter der Lebenswirklichkeit. Kirchliche Versuche eine neue Dichotomie mit hierarchischem Charakter zu begründen (hier der Priester, dort die Laien, hier die Amtshandlung, dort die kleine Handreichung) haben zu einer zusätzlichen Identifikationskrise beigetragen, denn sie waren nicht nur falsch in der Sache, sondern auch in der Abwertung aller anderen arbeitenden Menschen in der Kirche. Und sie legten nahe: die Amtspriester haben eine besondere Wiederaufladung nötig. Denn das führt zu jenen Auswüchsen, die wir abwenden möchten: die Erhabenheit und Unberührbarkeit des Amtspriesters. Wenn Papst Franziskus der Kurie und letztlich dem Priesterstand insgesamt vorwirft sklerotisch nur auf sich selbst bezogen zu sein, dann ist das jener Klerikalismus, der verhindert, sich mit den Sünden der Welt, der Armut, der Ausgrenzung, Krieg, Elend und Not praktisch-aktiv zu beschäftigen, d.h. sich als Priester die Hände schmutzig zu machen. In diesem Monat hat Papst Franziskus Oskar Romero heiliggesprochen. Wird damit der Befreiungstheologie, die noch unter Benedikt XVI, wenn nicht bekämpft, so doch zumindest behindert wurde, der Weg zur offiziellen päpstlichen Anerkennung durch die Hintertür bereitet? Die Ablehnung verdankte sich zum Teil der Einschätzung seines Vorgängers, JP II, der mit Besorgnis sah, das von manchen Geistlichen in Lateinamerika der christliche Glaube mit marxistischen Kampfparolen verbunden wurde, um politische Ziele zu unterfüttern. Auch in Polen zeigte das damalige Regime wenig Bereitschaft der Kirche mehr Freiraum zu gewähren, fühlte es sich doch von ihr akut bedroht. Hinzu kommt, dass der zweite Nachfolger von Romero, Erzbischof Fernando Saenz Lacalle, Mitglied bei Opus Dei, den Prozess dazu erheblich verzögerte. Das brachte Umstände in der Praxis mit sich, die darin gipfelten, dass der Bischof eine formale Liturgie feierte, ohne auch nur einen Bezug zu Romero oder dessen geistliches Erbe zu setzen. Während in den Gemeindekirchen Sonntags oft am Grab Romeros gefeiert wurde. Ein quasi schismatisches Nebeneinander zweier Kirchenwirklichkeiten. Bei Papst Franziskus, selbst Argentinier und bekannt mit dem Elend in den Straßen und Viertel seines Landes, könnte sich das ändern. Hoffen wir es. Allerdings hat später auch Benedikt seinerseits bereits den Prozess der Seligsprechung befürwortet. Geleichwohl ist Romero Franziskus sicher näher. Die Vorstellung von einer armen Kirche für die Armen, die dient und nicht um sich selbst kreist, die durch Schmutz und Dreck watet, um ihren seelsorgerischen Auftrag zu erfüllen, das verbindet Romero mit Bergoglio, die Verkündigung des Evangeliums in abgerissener Kleidung inmitten der Armen und Ausgegrenzten unserer Welt.

Das ist nun krass das Gegenteil von Klerikalismus. Wenn hier mit Begriffen wie ‚ontologischer Differenz‘ oder ‚in persona Christi agere‘ hantiert wird, dann heißt das: Ausgrenzung der anderen und Abgrenzung zu ihnen. Denn die Berufung zum Priester erhöht ihn damit gegenüber allen anderen und stilisiert ihn zugleich zum Stellvertreter des Leid tragenden der Welt. Hier geht es dann nicht mehr um die symbolische Vollmacht des Dienst leistenden Priesters das Evangelium Jesu Christi zu verkünden, sondern darum sich an seine Stelle zum modernen Gekreuzigten zu machen. Doch dieser Ansatz geht sowohl soziologisch als auch historisch fehl: soziologisch weil der einzelne Priester nicht von Gott selbst ausgewählt wurde, sondern als Mensch eine rein menschliche Soziogenese durchlaufen hat, um dann erst relativ spät seine Berufung zu finden. Und historisch, weil die Kirche als Volk Gottes eine geschichtliche Größe und damit dem Wandel unterworfen ist: von der Judenmission, über die Gegnerschaft zu Demokratie und Menschenrechten oder für die Todesstrafe (übrigens: inzwischen abgeschafft unter Franziskus – insoweit hat sich mein Artikel dazu überholt – siehe unter Theologie). In vielem ist die Kirche da seit dem II. Vatikanum ‚in der Welt‘ angekommen. Denn nicht nur sie kann den Menschen und ihrer Entwicklung dienen. Von daher wäre auch eine Reform der Kirche zu überlegen: wie können wir die sakramentalen Gaben in einer neuen, den Menschen (gerade auch den Priestern) zugewandten Weise verstehen, sie behutsam unserem veränderten Kenntnisstand entsprechend anpassen ohne ihre Kernbedeutung aufzuheben? Etwa die Freistellung des Zölibats dergestalt, dass der Kandidat sich sowohl dafür als auch dagegen oder auf Zeit dafür entscheiden kann. Ist etwa auch die Ehemöglichkeit eine Form? Viele Lasten eines Priesters: Einsamkeit, sexuelle Enthaltsamkeit, Geborgenheit, eine Liebe aus familiärem Kreis heraus für ihn, das würde vieles heilen helfen. Und geheilte Menschen können andere heilen. Und zugleich aus vollem Herzen den Glauben verkünden und für ihre Kirche einstehen. Genauso scheint mir das Grundverständnis Christi von seinen Aposteln gewesen zu sein. Nichts auszuschließen und doch alle und alles mitzunehmen auf dem Weg zum Zeichen des Werkes Christi und der Liebe Gottes in der Welt.

Doch mit dem Heilen stehen wir erst am Anfang. Gerade wird im gemeinhin ‚katholischsten‘ Land Europas, in Polen, ein Tabu (!) gebrochen: In der breiten Öffentlichkeit wird über Missbrauchsfälle in der Kirche gesprochen – und das durchaus kontrovers. Dabei muss man wissen, dass in Polen aufgrund seiner Zeitgeschichte die Kirche lange (zu lange?) die einzige verlässliche Autorität für die Menschen war. Das muss man nicht nur anerkennen, sondern auch würdigen. Nicht umsonst wird Johannes Paul II so sehr verehrt, denn er hat nicht nur einen sehr großen Anteil an der Befreiung des polnischen Volkes (Stichwort Jaruzelski, Walesa, Solidarnosc usw.), sondern auch am Trost seiner Landsleute in dunklen Zeiten. Nun wird in diesem Land publik, was aus vielen Ländern lange schon bekannt ist. Der Filmregisseur Wojciech Smarzowski hält mit ‘Kler’ (Klerus) der Kirche einen dunklen Spiegel vor, in dem sich zeigt, was alle wussten, keiner aber je auszusprechen wagte. Ganz so wie man früher über die kommunistische Partei sprach, fallen nun Vokabeln wie ‚allgegenwärtig‘, ‚Gehirnwäsche‘ (der Kinder in der Schule), ‚Doppelmoral‘, ‚Arroganz‘, ‚Besitzstreben‘, ‚Korruption‘, ‚Kumpanei mit der Regierungspartei‘ (PiS), ‚Alkoholismus‘, ‚Bruch des Zölibats‘, ‚sexueller Missbrauch‘, ‚Pädophilie‘… man staunt bei diesen Begriffen im Zusammenhang mit Polen. Ausgerechnet Polen, mag sich mancher die Augen reiben. Doch die Polen ziehen zu Millionen (!) ins Kino. Ist das zu glauben? Ja, denn der aufgestaute Druck muss enorm sein. Eine ganze Gesellschaft (90% sind Katholiken) hat ihn über Generationen heruntergeschluckt. Selbstverständlich gibt es auch Protest gegen den Film, wird zum Boykott aufgerufen (Verband der katholischen Journalisten ) – sic. Hier würden Katholiken gedemütigt. Katholiken? Nein, Menschen wurden Opfer und die wurden gedemütigt. Nun steht die ganze Kirche am Pranger. Auch darin zeigt sich die Wut. Denn die seit 2014 eingerichteten Meldestellen für Missbrauch arbeiten nur unzureichend, dokumentieren nicht ausreichend, sind nicht erreichbar… Einsam kämpfen ein paar wenige Geistliche und mühen sich den Dschungel aus Verschweigen, Vertuschen, Verschwinden lassen und Verleumdung zu durchdringen. 60 Fälle sind offiziell benannt. Mittlerweile interessiert sich auch die mediale Öffentlichkeit für das Thema. Es wird breit benannt. Vereinzelt bekennen sich Bischöfe zur Aufklärung und fordern, dass sich die Strukturen in der Kirche ändern müssen. So schreibt der Bischof im schlesischen Oppeln, Andrzej Czaja, über den Film: „Er hat mich nicht empört, eher zu tiefgreifender Reflexion angeregt.“ Ein besonders verstörender Fall ereignete sich in einem Orden, der sich um die Seelsorge von Exil-Polen kümmert. Ein 13 Jahre altes Mädchen wurde dort ‚in Pflege‘ genommen, die Wahrheit war ein langer Missbrauch. Dieses Opfer hat zwar inzwischen Entschädigungszahlungen vor Gericht erstritten (!), doch was nützt das? Den Missbrauch kann das weder tilgen noch heilen. Diese Verletzung (in Pflege genommen) wird nie mehr heilen. Hinzu kommt für diesen Fall: die Vorgesetzten versuchten lange dies zu vertuschen, verhielten sich nach Korpsgeist. Damit sind wir wieder beim Klerikalismus: im Sinne einer ‚Konzernkultur‘ wird alles unternommen, um sich nach außen abzusichern, die Macht zu sichern: Verschwörung, Verschweigen, Verstecken inklusive. Der Priester als zu höherem Berufenen schützt sich untereinander. So kniet auch der Priesteramtskandidat vor dem Bischof, legt seine Hände in die des Bischofs und gelobt ihm Treue und Gehorsam. Der Bischof erwidert darauf nichts. Er gelobt also auch nichts… Kein Raum für Gegenseitigkeit.

Es ist mithin an der Zeit, sich Überlegungen zu stellen wie mit dem Weihepriestertum in Zukunft umgegangen werden kann. Gibt es da andere Ansätze, jenseits der bisherigen, machtgestützten Form? Sakramente und juristische Ordnung sind zu unterscheiden, ihr Verhältnis hat eine (offene) Geschichte. Es ließe sich diskutieren, warum das Sakrament des Weihepriestertum nicht geöffnet werden kann: hin zum zeitlichen, freiwilligen Zölibat etwa. Oder der Weihe von Frauen, die eines fernen (?) Tages auch Bischöfe oder wahlberechtigte Kardinäle werden könnten, ja sogar Papst. Was wäre daran so anstößig? Das Verdikt gerade gegen letzteres durch JPII (‚Ordinatio sacerdotalis‘) ist für mein Erachten nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber auch die katholische Sexuallehre ist zu reformieren. Wie eben auch das Gesamtverständnis der Amtskirche.

Zum Amtsverständnis, Klerikalismus und der Zukunft der Frau in der Kirche: Dr. Christiane Florin (Der Weiberaufstand – Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen, Kösel 2017). Fragen, die sich dabei stellen, könnten sein: Welche Auswirkungen hat weibliche Seelsorge auf die Gemeinde? Wie wird sich das Verständnis des geistlichen Amtes dazu wandeln? Würde eine Bischöfin das Gesicht der katholischen Kirche verändern? Oder auch: Erzeugen wir über mehr Weiblichkeit in wichtigen Positionen mehr Bindung bei den Gläubigen?

Will man auf einem Reformweg vorankommen, statt sich nur im Kreis zu bewegen (s.a.: Ein Veto aus Rom – Vatikan maßregelt Rektor von Sankt Georgen, FAZ 10.10.18), dann muss m.E. eine möglichst breite gesellschaftliche Debatte stattfinden.

Über all‘ dem Schrecken der letzten Jahre bedient sich zumeist nur die Empörung. Diese hindert daran, sich sach- und zielangemessen mit den Themen zu beschäftigen.

Bereits diese wenigen Fragen deuten auf die gesellschaftliche Dimension: Leider hat die Kirche insgesamt sehr an Zuspruch verloren. Ihr engleitet damit aber ein wichtiges Korrektiv. In einer zunehmend polarisierten, fragmentalisierten Gemeinschaft fehlt eine Stimme der verlässlichen Autorität, der die Menschen glauben und an der sie sich orientieren. In diesem Zusammenhang schließe ich wieder an die o.g. Bindungswirkung an. Im Grunde suchen viele Menschen nach einem verlässlichen Leuchtturm für ihr Leben. Das war in früheren Zeiten wie selbstverständlich die Kirche. Nun können wir globale, selbst europäische Entwicklungen nicht umkehren. Doch Verlässlichkeit in und Vertrauen auf die Kirche sind gute Garanten für mehr Bindung und unsere gemeinsame Werteordnung der freiheitlich demokratischen Grundordnung. Diese Werte drohen geradezu dramatisch zu erodieren (vgl.: Christentum u. Populismus: Klare Fronten? Hrsg. v. W. Lesch, Herder 2017). Auch deshalb ist eine Debatte über kircheninterne Grenzen hinaus so überaus wichtig. Eine breite Diskussion zu den innerkirchlichen Themen wäre da ein guter Ausgangspunkt, um die Menschen wieder zu erreichen, sie mitzunehmen, vielleicht sogar wieder zu begeistern?