Über die Malerei

Gilles Deleuze
Über die Malerei

Vorlesungen März bis Juni 1981
Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von David Lapoujade

Aus dem Französischen von Bernd Schwibs

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025, 432 S., 38.- €

Über die Kunst und ihre Gesetze

Zunächst mag verwundern, einem Vorlesungsband zur Malerei aus dem Jahr 1981 Aufmerksamkeit (als Audiotransskript) zu schenken. Scheint die Zeit doch auch in der Malerei nicht stehen geblieben zu sein, Künstler wie Françoise Pétrovich, Tiemar Tegene, Maria Esmar oder auch Okuda augenscheinlich nicht behandelt werden können. Die Erklärung findet sich in der Tiefenstruktur der Vorlesungsreihe. Sie behandelt grundsätzliche Erwägungen und Analysen zur (abstrakten) Malerei, die (durchaus im aristotelischen Sinne) von allgemeiner und damit überzeitlicher Bedeutung sind. Der Text ist flüssig zu lesen, für ein Vorlesungsskript durchaus abwechslungsreich, verbleibt er bei nicht allzu vielen Details und entwirft einen großen Bogen, der sich für den Leser über diverse Rückbindungen immer neu erschließt. Leider verzichtet die Einleitung Lapoujades (ein Schüler Deleuzes) darauf, über die Hermeneutik des Textes hinaus eine Einordnung in die aktuelle Kunstentwicklung vorzulegen, was insbesondere deshalb als Mangel empfunden wird, stellt der Text doch exemplarisches Wissen über die Entstehung und die Fortwirkung der (abstrakten) Malerei dar. Gleichwohl liest sich dieser Text so frisch, als sei er unlängst erst entstanden. Die Wortmeldungen der Studenten und Kollegen führen die Gedankengänge teils weiter in die Tiefe, teils wieder zu zurück zu ihrem Kern. Eine Sigelliste erleichtert die Übersicht häufig zitierter Literatur, Fußnoten sind (in schöner akademischer Tradition) auf der Seite ausgewiesen und durchaus umfangreich und zielführend. Allerdings soll nicht verschwiegen werden, dass der Leser etwas Mut und auch Zeit aufbringen sollte, die ansprechenden wie anspruchsvollen Themen zu bearbeiten.

Kunst kreierte immer ihre eigenen Gesetze und sie entsprach oft nicht den Erwartungen, die an sie gestellt wurden noch den konventionellen Sehgewohnheiten. Das Chiaroscuro Caravaggios wurde zunächst ebenso von dessen Kollegen wie von Rezensenten abgelehnt, setzte sich später aber als Kompositionstechnik durch und behielt über die Epochen hinweg eine Stilbegründung. Ähnliches lässt sich von William Turner sagen, dessen Licht-Farb-Entwürfe ebenso Maßstäbe für die nachfolgenden Epochen setzten sollte. Ein anderes (berühmtes) Beispiel ist Michelangelo Buonaroti und seine Arbeiten in der Sixtina. Unter Clemens VII hatte er den Auftrag für das Stirnwandfresko des Jüngsten Gerichts erhalten, dessen Ausführung insbesondere mit den deftigen homoerotischen Akzenten einiger Figuren für einen handfesten Skandal sorgte und einen öffentlichen Streit mit Kardinal Carafa. Ebenso mischten die Malerkollegen Gilio und Aretino mit, die Michelangelo Gottlosigkeit vorwarfen.

Deleuze beginnt philosophische Begriffsbildungen mit Bezug zur Malerei. Er versucht sich in generalisierten Aussagen, weniger in der Deutung einzelner Werke, auch wenn er vielfachen Rekurs auf Bilder von Cézanne, Klee, Pollock oder Bacon nimmt. Die beschrittene Abstraktionsebene wird für den Leser immer wieder mittels kleiner Einsprengsel aufgelockert, in denen er seine persönlichen Empfindungen mit den Studenten teilt, über das was ihn inspiriert, begeistert, langweilt oder gar ärgert, so dass die Thesen Schritt für Schritt fortschreiten. Oft gibt er zu Beginn einen Pitch und in der nachfolgenden Sitzung eine kurze Zusammenfassung der vergangenen Stunde, mittels dessen der Leser den Sachverhalt gut nachvollziehen kann und auf die folgende Problembesprechung vorbereitet wird.

Ein beschwerlicher Anfang

Bevor die eigentliche Arbeit auf der Leinwand, der Staffelei oder dem Boden beginnt, ist der Maler (oder anderer Künstler) bereits in einer Auseinandersetzung gefangen, aus der er sich befreien muss: es gilt die Klischees zu erkennen, denen er (bei sich selbst) ausgesetzt ist. Deleuze nennt dieses Stadium die „Katastrophe“. Dieser „präpikturale Moment des Chaos“ muss hin zu einem „geordneten Abgrund“ durchschritten werden, um den Augenblick pikturaler Inspiration (vergleichbar einem Erleuchtungserlebnis – etwa dem buddhistischen Satori) zu initiieren. Bleibt dieser Punkt aus, bleibt das Produkt bloße Dekoration (Kunsthandwerk). Der Maler ist falsch abgebogen.

Ist dieses Motiv umgesetzt, spürt er sich weiter ein auf die hinter seinem Motiv lauernden Kräfte: mittels des „Diagramms“ (das Programm-Motiv des Diagramms findet sich bereits in Deleuzes Bacon-Biografie von 1981) als „operative Instanz“ der Kräfte, die je eine individuelle künstlerische Matrix abbildet. Diese lebt verborgen im künstlerischen Akt selbst, für den Maler wird die Hand ohne Beeinflussung durch das Auge zum Merkmal des Malakts. In Bezug auf die Kräfte steht nicht das Figurative oder eine Figuralvariation im Fokus, mithin die Ausformung von Nebenmotiven, sondern die radikale Aufhebung von Ähnlichkeit. Darüber entfaltet sich der „Ausdruck“ eines Kunstwerks, des Bildes zumal. Am Beispiel von Jackson Pollock verdeutlicht Deleuze (durchaus entgegen gängiger Kunstkritik) dessen „konturlose Linie“ als „Rebellion der Hand gegenüber dem Auge“. Aus diesem Moment verwirklicht sich die Kunst aus der Absichtslosigkeit heraus einem Satori gleichsam aus sich selbst und mündet in einer (fortdauernden) Transformation. Diese erschafft beim sich einspürenden Betrachter das nichtgegenständliche Moment der Kraft, aus der heraus das „Bild“ erschaffen wurde. Bekannt sind uns solche Augenblicke aus figuraler Malerei: wir erleben über den Prozess des Einfühlens die Kraft und Ausstrahlung der Gerichtsszene in der Sixtina als außergewöhnliches Ereignis im sakralen Raum und werden so miterfasst von Motiv, Kraft und Spiritualität jenseits des erzählerischen Rahmens. So sieht Deleuze in Buonaroti die Gleichgültigkeit gegenüber dem Sujet in prachtvoller Weise umgesetzt. Gewiss ist dies bei Pollock und anderen nochmals etwas anspruchsvoller, weil abstrakt. Doch hierin liegt auch ein ganz eigener Reiz.

Daran lernen wir über die Moden in der Kunstwelt hinweg den starken künstlerischen Ausdruck genreübergreifend als Akt im Werden eines Werks kennen und schätzen. Dazu hat Deleuze einige grundlegende Überlegungen vorgelegt, die in ihrer Allgemeinheit immer noch Gültigkeit in sich tragen.

Ingo-Maria Langen, Januar 2026