Divine Light

Wendy A. Stein
Divine Light (Text engl.)

The Art of Mosaic in Rome. 300 – 1300 AD

Hirmer Verlag, München 2024
160 Seiten, geb., 120 Abbildungen, Farbe, 45.- €

Karten Vor- und Nachsatz

Short summary

Wendy A. Stein tells the history of Rome from the perspective of historical mosaics. She succeeds in relating the complex technique of working with mosaics from the Middle Ages to the religious and political challenges of the time. A technically, narratively and art-historically exceptional book that can be recommended without reservation.

Rom – die Ewige

Göttliches Licht. Mittelalterliche Mosaikkunst Roms. – Wie nähert man sich einer Stadt, über die alles gesagt scheint, in und über die es immer noch Neues zu entdecken gibt, manchmal auch das Bekannte aus neuer Perspektive, einer Metropole, mit der man nie wird abschließen können?

Wendy Stein wählt einen ebenso außergewöhnlichen wie überzeugenden Weg, die Geschichte dieser Stadt neu zu erzählen. Wir können uns einen Rundgang durch die frühmittelaterliche Geschichte Roms bereits über den Kartenvorsatz erschließen: die zu besichtigenden Kirchenmosaiken finden sich bis auf eine Ausnahme innerhalb der Aurelianischen Mauer, die den Kern des historischen Roms umschließt. Mit einer kleinen Markierung versehen lassen sich die Besuchswege gut planen; ein Kirchenkunstführer als markanter Stadtführer.

Der durchgängig, großzügig und hochwertig bebilderte Band beschäftigt sich zunächst mit der technischen Herstellung von Mosaiken; nicht jedem Leser dürfte dieses alte Handwerk in seinen Details und praktischen Formgebungen bekannt sein. Mithin ein willkommener Einstieg in die Thematik. Mosaike werden über die Zusammenfügung sowie die vorherige Bearbeitung von Bruchsteinen, Marmor oder Glaspaste in eine Viereckform gebracht (téssares/vier). Mehreckige oder runde Plättchen aus Keramik, Terrakotta oder auch Glas (vielfach Kiesel) fügt der Künstler kleinteilig zu einem Mosaik. Diese musivische Technik bildet den Kern der Mosazierung, das Auslegen von kubischen Steinquadern. Die Römer übernahmen als umtriebige Kopisten von den Griechen diese Kunst ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. Mit den Mosaiken ließen sich eindrucksvolle Dekors darstellen, was zu großer Beliebtheit in römischen Häusern führte. Bevorzugt wurden Stile mit komplexer polychromer Zeichnung, die über Reliefeffekte und Schattierungen malerische Qualität erreichten: das opus tessellatum. Das war ein kostspieliges Unterfangen. Unterlagen der Dombauhütte zu Orvieto bezeugen den vierfachen Preis zu einem Kalkputzfresko. „Making mosaics was difficult, expansive, and labour intensive, so choosing it as a medium implied a special value.” Paradigmatisch: das um 400 geschaffene Apsismosaik in Santa Pudenziana. Es gilt als das qualitätvollste mit seinen kleinteiligen und facettierten Farbnuancen, nahe der Gestalt eines Freskos. Vergleicht man den Band mit älteren Beständen aus der Literatur sticht die fotografische Güte ins Auge, hilft diese dem Betrachter Tiefe und Glanz der Darstellung zu erfassen. In der liturgischen Praxis spielten die Mosaiken aufgrund ihrer Lichtreflexe alsbald eine bedeutende Rolle: „The officiant would also light candles and move lamps as part of the ritual, constantly changing and animating the reflective tesserae.” Die spirituelle Horizontverschmelzung von Eigenem und Fremdem konnte die Gläubigen in Bezug auf das Heilige besonders ansprechen. Die Lichteffekte schienen den Figurendarstellungen Lebendigkeit zu verleihen und bei den Gläubigen Ehrfurcht zu erzeugen. „The images confer a blessing to the whole community. These are some of the reasons why medieval bishops, pops, and aristocrats commissioned mosaics in the churches of Rome.” Der Schlüssel zu dieser „fernen” Welt liegt auf der Hand: selbst heute bieten die Mosaike als Devotionalien noch ihren Reiz für das Publikum, Spiritualität und religiöses Gefühl sind etwas metaphysisches, fallen nicht den Zeitläufen anheim.

Wunder Kunst: ästhetischer und spiritueller Ausdruck

Civitas dei, domus ekklesia – Gottesstadt und Haus der Kirche, beides ein Mehr und durchaus auch ein Meer: an Gläubigen, der Gemeinschaft der Lebenden wie der Toten, Zufluchtsort und dominicum, dem Herrn gehörend. Kirche in dieser Betrachtung ist Heimat, Heim, himmlisches Gehäuse. Hier wird die Liturgie gefeiert, das Erhabene Gottes und der Heiligen gepriesen, gemeinsam gebetet, sie ist heilige Stätte.

In einem kurzen historischen Abriss führt Stein den Leser durch die Epochengeschichte des Mosaiks bis zur Christianisierung Roms und der Herausbildung christlicher Ikonographie. Die Päpste griffen diese Kunstform früh auf und integrierten sie in den kirchlichen Darstellungskanon. Geordnet nach ihrer historischen Entstehungsgeschichte finden sich die Mosaike auf dem Weg durch die Jahrhunderte etwa in Santa Costanza, Santa Pudenziana, Santa Maria Maggiore, Santa Prassede, dem Lateran-Baptisterium oder auch in Santa Maria in Trastevere. Sie bilden einen Epochenschnitt ab, der als idealtypisch gelten kann. So ist das um 400 geschaffene Apsismosaik in Santa Pudenziana repräsentativ: die kleinteilige und in der Farbnuancierung facettenreich differenzierte Darstellung Christi integriert einen doppelten Bildtypen. Ein Edelstein besetzter, mit Purpurkissen ausgeschlagener Weltenthron zeigt Christus als Lehrer der (Philosophen)Apostel: Dominus Conservator Prudentianae. Die Apostel im Vordergrund, Petrus und Paulus, ausgestattet mit der Krone des ewigen Lebens, vereinigen eccelsia circumcisione und ecclesia ex gentibus, mithin Juden- und Heidenkirche, als synkretistische Zusammenführung. In der Ausdeutung des Hintergrundes erscheint eine ideale Stadtarchitektur, Jerusalem, ein Goldkreuz ragt in den Himmel, das Konstantin d.Gr. auf Golgatha errichten ließ. Zu den Frauenfiguren schreibt Stein: „The two women have been identified as two sisters, Pudenziana and Praxedes, offering their crowns of martyrdom to Christ; however, a more likely interpretation is that they are not human individuals, but personifications. In a slightly later church in Rome, Santa Sabina, large mosaic figures of Roman matrons are clearly labeled as the Church of the Circumcised and the Church of the Gentiles. This is the most likely identification of the women here. The female personifications offer their crowns to Peter and Paul below of the women here – Peter the apostle to the Jews, Paul the apostle to the Gentiles. These personifications convey a sense of history, of Christianity’s origin as a Jewish sect as well as it its appeal to a wider world. Combining allegorical figures with historical characters was common in pagan classical art.”

 Farbenpracht und Tiefenwirkung

Stein bindet die historisch-politischen Entstehungsgründe ein in die künstlerisch-ästhetische Ausdrucksform und überführt das in den Erkenntnisgewinn des Lesers. Nicht weit von Santa Maria Maggiore finden wir Santa Prassede. Errichtet zu Ehren zweier Töchter des Pudens (die dritte wird in Santa Pudenziana geehrt), Senator unter Nero, der Legende nach nahm er den heiligen Petrus in sein Haus auf. Die Kapelle des heiligen Zeno zeigt das herausragendste byzantinische Mosaik Roms. Papst Paschalis I ließ die Kapelle zu Ehren seiner Mutter als Mausoleum ausgestalten. Im Apsismosaik ist der Sieg Christi und die Glückseligkeit im himmlischen Jerusalem versinnbildlicht, ein Kreis Auserwählter hält Palmzweige in Erinnerung an den Einzug Jesu in das irdische Jerusalem. Die Farblegung mit himmlischen Blau- und Goldtönen kontrastiert zu den Erdfarben im unteren Teil mit der kleinen Heerschar Schafen, gelb-grünem Grund und dem blauen Jordan oder auch den Palmen als seitliche Begrenzung zu Christus und den Heiligen. Die Stiftung der Basilika durch Papst Paschalis I verfolgte auch den Zweck dem fanatischen Eifer der Bilderstürmer seiner Zeit entgegenzutreten und den heiligen Gebeinen neue Ehre zu erweisen. Etwas, das besonders an dieser Kirche hervorsticht, sind die diversen Ausgestaltungen zur Glückseligkeit der Gläubigen im Jenseits. Stein hebt hervor, die figürlichen Darstellungen seien linear, dematerialisiert, frontal und immobil gehalten, was insbesondere für die Umgebungsfiguren mit den Kränzen gilt, gleichwohl aber dem Tiefeneindruck der Gesamtgestaltung nicht widerspricht, wozu der himmlische Baldachin einen eigenen Beitrag leistet. Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, dass sowohl die Marmorinkrustationen, das Altarbild, als auch der Baldachin selbst erst mit der Umgestaltung im Barock hinzukamen und diese in das frühmittelalterliche Ensemble bedeutend eingriff. Große Teile des Triumphbogenmosaik fielen dem zum Opfer.

Wendy Stein bespricht sowohl die Totale der Bilder als auch ihre Ausschnitte, wodurch den einzelnen figurativen Elementen besondere Aufmerksamkeit zukommt, ohne dabei den Gesamteindruck zu vernachlässigen. Widmet sich der Leser ihren Analysen und Beschreibungen, ermöglichen Besuche in den vorgestellten Kirchen jene kontemplativ-spirituelle Erfahrung, die uns ganz aus dem Alltag entpflichtet, für das metaphysische öffnet.

In gut verständlicher Sprache führt Stein durch das ebenso anspruchsvolle wie abwechslungsreiche Thema. Die Kapitelgliederungen ermöglichen dem speziellen Interesse das zielgenaue Auffinden einzelner Kirchen, die überleitenden Abschnitte führen den Leser durch die (theologisch-politische) Geschichte Roms und ihren vielfältigen sakralen Ausdruck. So ist etwa der offensichtliche Bruch in der Verwendung des Mosaiks für etwa 300 Jahre (830 – 1120) eingebettet in die Rivalität der Metropoliten Roms und Venedigs wie auch der übrigen (katholischen) Welt und Byzanz um den päpstlichen Primat Roms: Weltgeschichte im Brennglas der Kirchengeschichte. Anhand der besprochenen Kirchenmosaike lassen sich die Besuche auch als säkulargeschichtliche Wegmarken fassen, die uns in übergreifenden historischen Zusammenhängen die Zeitläufe vergegenwärtigen. Der Aufwand für die Vorbereitung der Besichtigung mit Hilfe der ausgezeichneten Führung Steins dürfte für den Leser nachhaltigen Nutzen stiften.

Ingo-Maria Langen, Juli 2024