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Via Conci
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Leipziger-Buchmesse-2019 (3)

Lichtspiel

Daniel Kehlmann
Lichtspiel

Roman

Rowohlt, Hamburg 2023
473 Seiten, Hardcover, Schutzumschlag, geb., 26.- €

 

 

Licht, das Dunkel umspielt

Die Fiktionaliserung historischer Persönlichkeiten birgt nicht selten ein faustisches Kompositionsmoment, das dem Verlauf der zu erzählenden Geschichte seinen Stempel aufdrückt. Die wilde Fahrt mit dem Bösen kann der Leser als Zugestiegener durchaus nachempfinden, ihr Sog ist bislweilen ungehemmt bis unwiderstehlich, und doch wird sie bei Kelhmann immer wieder gebrochen: über den Gang der (realen) Ereignisse, dem flüchtigen Eingriff des Schicksals in das Erleben der Figuren oder auch schlicht ihren Felentscheidungen geschuldet.

Das Leben des berühmten Filmregisseurs G.W. Papst im Ensemble mit den uns noch heute bekannten Protagonsiten (u.a. Riefenstahl, Käutner, Zinnemann, Ilse Werner, Hubschmid) trägt für den Moment des Aufriss den Chrame lebendiger Zeitgeschichtge. Papst als Vertreter der neuen Sachlichkeit erlebt im Los Angeles der 30er Vertreter der Filmwirtschaft (Studios), die viels machen, nichts von Kunst verstehen, wohl aber von Kommerz. Sie dienen ihm ein Skript an, das offensichtlich drittklassig ist, überschimken das mit hohlen Lobeshymmnen auf ihn, der alles richten werde, lehnen jede Korrektur ab und segeln samt und sonders auf einen Flop an der Kinokasse zu. Das verschließt dem engagierten Regisseur die Tür anderer Produzenten, stigmatisiert ihn. Die Oblflächlichkeit dieser Leute, selbst des großen Zinnemanns, sie mach Papst fassungslos. Eine Fügugung des Schicksals, so mag es zunächst scheinen, bringt ihn auf einer der unausweichlichen Partys mit einem deutschen Agenten (durchaus im doppelbödigem Sinne) zusammen, der als Ingenieur für GE in LA arbeitet. Über Österreich findet er sich bald in Berlin wieder. Seine Überzeugung ist, trotz inneren Widerspruchs, auch hier muss künstlerische Arbeit möglich sein und irgendwann kommen wieder bessere Zeiten. Und Amerika ist jetzt weit weg. Mit seinem Charisma, seiner unerschüttlerichen Widerständigkeit trifft er nun auf den Reichspropagangdaminister: „Papst hatte ein großes Büro erwartet, aber nicht so ein großes. Der Raum hättte über hundert Menschen fassen können; aber alles, was er enthielt, war ein riesiger Teppich und, weit entfernt, ein Schreibtisch mit einem Telefon und zwei Stühlen. An der Wand dahinter – so weit weg, dass man blinzeln musste, um es zu erkennen – hing ein golden gerahmtes Bild des Führers. Hinter dem Schreibtisch saß der Minister.“ Goebbels agiert mit Finesse: osziliierend zwischen militärischer Schneidigkeit und kunstvoll die Begierde des Untertanen weckend gibt er den Höllenfürsten, der über ein Leben voll künstlerischer Erfüllung oder sinnentleertem Vegitieren oder KZ gebietet. „Bedenken Sie, was ich Ihnen bieten kann.“ Zweifellos ist diese Szene eine der beeindruckensten sowohl in formaler Hisicht (Sprache) als auch in dramaturgischer (Dialog). Papst übernimmt erste Arbeiten.

Die künstlerische Freiheit, die er sucht, er findet sie nicht, wird zum Instrument des Politikbetriebes, gerät zwischen Intrigen der Mächten und weniger Mächtigen, schrammt haarscharf an den Fängen der Gestapo vorbei. Hier hätte ein Fokus liegen können. Doch Kehlmann arbeitet sich ab an ästhetischen Positionen des Regisseurs, den Verwechslungen mit anderen (Lang, Lubistsch, Murnau), findet seinen Weg nicht. Zurück in Österreich wird er von der Familie eines Ortsgruppenführers, dem Hausmeister auf Schloss Dreiturm schikaniert. Quälend langsam entwickeln sich erste Projekte.

Verwirrung statt Dynamik

Zunehmend verschiebt sich die Perspektive der Erzählstimme innerhalb einzelner Szenen; was der immanenten Dynamik jeweils fehlt wird so oftmals überkompensiert, denn Dynamik über den Fokuswechsel der Figuren zu erzeugen ist ein zweischneidiges Schwert: wird es zu häufig genutzt, wetzt es sich ab und zurück bleibt der Unmut des Lesers über die Entwirrung der Erzählstimme (Stichwort: Fokusfigur), um den Überblick zu behalten. Ähnliches gilt für die (übertriebene) Darstellung der technischen Prozesse der Produktion eines Films unter damaligen (auch kriegsbedingten) Rahmensetzungen. Das wirkt träge plätscherd, einem Aufguss gleich, den man so oder so immer mal wieder (in diesem Buch) gelesen hat, der an Neuigkeitswert abmagert und droht handlungsleer zu werden. Spätestens ab „Molander“ steht die Technik im Vordergrund, dabei wären Konflikte der Figuren ringsum zielführender, weil spannender. Die Differenz zum Sachbuch ist klar: dort wird faktenbasiert argumentiert, hier kann finktional davon abgewichen werden, durchaus ohne die Idee des Buches zu verfälschen. Ein Beispiel: Jakob, der Sohn der Papsts‘, ein schlauer Bursche, dem der Leser viel Sympathie entgegenbringt, ihn durch sein (schwieriges) Erwachsenwerden begleitet, er kippt als Figur etwa zu Mitte und schließt sich den Nazis an, wird ein glühender Verfechter der NS-Ideologie. Der Gegensatz zu seinen Eltern, insbesondere zur Mutter Trude, könnte nicht größer sein. Dieser Konfliktkomplex bleibt seltsam unterbelichtet, zumal zum Ende des Romans Jakob nach den Geschehnissen um diese dunkle Zeit als handelnde Figur wieder auftaucht – hatte sich der Leser ohnhin lange über seinen Verbleib gewundert. Hätten die Jugendepisoden doch durchaus einen eigenen Roman etwa im Sinne Ewald Arenz füllen können, viel schelmsiches Potenzial liegt hier geborgen oder brach.

Dem großen Aplomb des Beginns in Kelhmanns Roman folgt so leider das etwas lieblos aneinandergereihte, oft auch schwer nachvollziehbare Figurenerleben, das mit zunehmnder Zeit ermattet. Die Figur des Kalfaktors von Schloss Dreiturm in Österreich mit seinem sadistischen Hang, der kleinen Seele und ihrer Herrschsucht, die nach außen außerordentlich jovial kaschiert auftritt, hätte das Potenzial als dümmlicher, aber schlauer Intrigant ein Fallenspiel mit der Regisseurfamilie zu treiben. Das war durchaus angelegt, wenn die die beiden Geschwisterkinder des Verwalterehepaars Jakob nach Strich und Faden kujonieren, doch es bricht mit dem Fortgang Jakobs zu den Junganazis unvermittelt ab und wird nicht über die Alten weitergeführt. Hier hätte etwas mehr Mut zur Fiktionalität der Spannung Kraft zugeführt, wäre das Erscheinen der Dunkelmänner (Gestapo) glaubhafter zu vermitteln und weiterzuführen gewesen.

Einerseits bleibt das Interesse und die Vorzugsbehandlung Papsts‘ durch die Nazis gut nachvollziehbar, andererseits ist die schmeichlerische Umgarnung durch Goebbles doch eher schwer vorstellbar, schließlich war seine Macht (lange Zeit) nahezu unbegrenzt. Und alle anderen hatten alles zu verlieren.

Zwischen den Zeilen die Botschaft: Der Eifer, die Niedertracht, die mitmenschliche, völkischer Nazismus, Hass und niedere Triebhaftigkeit – wir begenen ihnen in verschiedenen Gewändern, nicht nur in der Dunkelzeit, die so heftig Licht umspielt, dass es die Augen schmerzt. Nach dem Ende die Reinigung, der Persilschein, das Leben geht weiter, die Alliierten haben ein Interesse daran, die Deutschen wieder in ihrer Mitte zu wissen. Sie wenden sich alsbald anderen Themen zu. Im Wirtshaus hören wir wieder die alten Sänger, tumb und hohl grölen sie von deutscher Seele, beschwören Ängste aufs Neue für die gerade heimgekehrten Juden. Für viele war Deutschland eben auch ihr Vaterland: „Und jetzt war der Produktiosnleiter auch noch ein Jude … Mit Leuten wie dir haben wir nicht lange gefackelt, dachte Gurnbichler. Gräben haben wir buddeln lassen, dann ist es schnell gegangen, wenn ihr Glück hattet. Gefleht hättest du. Hätte dir nichts genützt.“

Zu Recht und im Angesicht des Wiederaufstrebens der Neuen Rechten, hierzulande nun in Blau, gruselt den Leser, was der „einfache“ Deutsche oder Österreicher über sein eigenes Gedankengut äußert. Sicher, es gab die wenigen, die Retter, die bekannten und unbekannten, doch die Masse entwickelte eine deformierte Seele, im Bewusstsein über die Tötungsmaschine und zugleich in der Strategie des Überlebens. – Heinrich, mir graut vor dir!

Ingo-Maria Langen, April 2024