Der Gipfel im Vatikan – Ein Anstoß zur Reform?

Die Sala Regia im Apostolischen Palast: „Wie Jesus den Geist des Bösen besiegen“ predigt Franziskus während der Abschlussmesse. – Der Ort lässt sich zweifach deuten: als Hauptsaal oder auch als Durchgangsort für die Sala Ducale, die Sixtina oder die Paulinische Kapelle. Die Fresken der Sala Regia jedenfalls bezeugen Meilensteine der Geschichte: Papst Gregor XI kommt von Avignon nach Rom, die Seeschlacht bei Lepanto, die Aufhebung der Exkommunikation Heinrichs IV oder die Versöhnung Papst Alexander II mit Friedrich Barbarossa (cf. Wikipedia). Anknüpfungspunkte für Wegmarken der Geschichte.

Konnten wir eine solche Wegmarke der Kirche zur Konferenz um den Missbrauch von Amtsträgern in der Kirche nun auch beobachten? Ich fürchte nicht. Der Unwillen etwas Grundsätzliches in der Ausrichtung und Organisation der Kirche auf diesem (!) Feld zu unternehmen ist fundamental. Es gibt erheblichen Widerstand in Teilen der Kurie wie auch solchen der Weltkirche. Der Tanker ist mächtig: 1,3 Milliarden katholische Christen weltweit. Die Kulturen der Gesellschaften in denen die Kirche dort wirkt, höchst verschieden. Um zwei Pole zu nennen: Westeuropa und Nordamerika als eher kritisch bis radikal gegenüber kirchlichem Missbrauch, Afrika und Asien eher zurückhaltend bis offen leugnend. So ein Schiff auf Kurs zu bringen ist nicht leicht. Während in der Vormoderne, eigentlich noch bis zum Zweiten Vatikanum Rom die die entscheidende Stimme in der Weltkirche angab, stehen ihre Satelliten heute selbstbewusst gegenüber Rom und fordern ihre eigene Sicht der Dinge (und Machtverhältnisse) offen ein. Da kann ein ‚Machtwort‘ aus Rom eher wenig bewirken. Zumal der Vatikan auch nicht die Personalressource hätte, dies effektiv zu kontrollieren oder gar durchzusetzen.

Dürfen wir vor diesen Schwierigkeiten kapitulieren? Nein, gefordert ist der Mut der Reformkräfte (Kleriker wie Laien) unbeirrt an ihren Reformüberlegungen festzuhalten, sie breit zu diskutieren, mit möglichst vielen Gesellschaften und Schichten sich darüber auszutauschen, um das erodierende Kirchenfundament wieder zu festigen und eine neue Basis für Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu schaffen.

Es ist richtig und schockierend genug tagtäglich zu erfahren, was Menschen einander in der Welt antun. Die Nachrichten sind voll davon: Venezuela, die Philippinen, Nicaragua, Syrien, der Sudan, Zimbabwe… um nur wenige zu nennen. Krieg, Vertreibung, Massaker, Folterung. Und sicher stimmt auch das: sexueller Missbrauch ist ein „übergreifendes Problem“ (Franziskus), das sich oft in den Familien selbst abspielt, in der Nachbarschaft. Angesichts dieser immer noch grassierenden Übel mag die Übergriffigkeit von Priestern eher marginal erscheinen. Doch der Schein trügt: es geht hier weder um Statistik noch um Relativierungen. Jedes Opfer stammt aus einer Familie, jedes Leid vervielfacht sich und jede Tat im Umfeld der Kirche ereignet sich im mehr oder weniger geschützten Bereich, einem Ort an dem man sich in Sicherheit glaubt, von Gott beschützt. Insoweit haftet solchen Taten der Ruch des Hinterhalts an, der Ausnutzung von Arg- und Wehrlosigkeit. Der Priester, ein gottgeweihter Mann, beauftragt sein Wort zu verkünden, Seelsorge in seinem Namen zu betreiben, zu schützen und zu behüten. Wohl auch daraus speist sich das lange Schweigen vieler Opfer, ihre Scham und Not, endlich sich zu bekennen und Täter zu benennen. Denn auch das ist Scham: das Gefühl damit die Kirche, vielleicht ja Gott selbst zu beschmutzen. Sowenig letzteres auch möglich scheint, ersteres geschieht schnell. Um dieses Ehr- und Schamgefühl wissen natürlich auch die Täter und nutzen es zu ihrem ‚Vorteil‘.

Angesichts dessen konnte sich zum ‚Ergebnis‘ der Bischofskonferenz wie auch zur Grundsatzrede des Papstes bei den Opfern und ihren Familien nur Enttäuschung oder gar Wut einstellen. Ob Franziskus nun von „Menschenopfern in heidnischen Ritualen“ spricht oder „äußerste Ernsthaftigkeit“ bei der Aufklärung und Verfolgung von Missbrauch ankündigt – was nützt es den Betroffenen? Im Grunde spricht es ihnen Hohn! Selbst wenn die Diözesen sogenannte Missbrauchsbeauftragte einsetzten, die mit guter Ausstattung bekannt werdende Fälle verfolgen, zur Anzeige und durch die Instanzen vielleicht sogar zum Ausschluss aus dem Priesterstand bringen könnten, was nützt es? Nicht, dass ich diese Maßnahmen für unwichtig hielte. Besonders der darin eingeschlossene Opferbezug, die Hilfe für die Betroffenen ist extrem wichtig. Aber: es ist doch wieder nur gleichsam den Schaden aufwischen. „Äußerste Ernsthaftigkeit“ würde bedeuten, an die Wurzel zu gehen. Doch stattdessen: die Predigt davon, die Kirche müsse den Geist des Bösen besiegen wie dereinst Jesus Christus. Zur Selbsttherapie. Demut, Gebet und Buße. – Sie finden das nicht genug?

Reinhard Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, brachte es auf den Punkt: „Akten, die die furchtbaren Taten dokumentieren und Verantwortliche hätten nennen können, wurden vernichtet oder gar nicht erst erstellt.“ Die Opfer reglementiert, ihnen „Schweigen auferlegt“. „Festgelegte Verfahren und Prozesse zur Verfolgung von Vergehen wurden bewusst nicht eingehalten, sondern abgebrochen oder außer Kraft gesetzt.“ (so ZEIT ONLINE v. 23.02.2019). Darüber hinaus stellt Marx das sogenannte ‚päpstliche Geheimnis‘ zur Disposition. Diese Vorschrift (vgl. die Verlautbarung Kardinalstaatsekretär Jean Villot vom 04.02.1974 [Secreta continere] für die Deutsche Bischofskonferenz, in: Nachkonziliare Dokumentation, Band 47, Kurienreform II, 1968-1975, S. 124ff.) normiert bestimmte (strafbewehrte) Geheimhaltungsvorschriften der katholischen Kirche, die sich auch auf Anzeigen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen beziehen. Gerade diese Inschutznahme halte er für falsch. Sie müsse zwingend entfallen. Deshalb sei es nötig, Geheimhaltung zu überdenken und anders zu regeln, die Aktenlage zu Missbrauchsfällen ausführlich, nachprüfbar und transparent zu halten und gerichtliche Verfahren zu veröffentlichen.

In einem päpstlichen Motu Proprio soll der Schutz von Minderjährigen und verwundbaren Menschen als Richtlinie gegen den Missbrauch festgelegt und mit einem noch zu erarbeitenden Gesetz zum selben Thema verbunden werden. Des Weiteren soll die Kongregation für die Glaubenslehre ein Praxishandbuch erarbeiten, das für alle Bischöfe der Universalkirche verbindlich Aufgaben und Pflichten festlegt. Hinzukommen soll eine „Task Force“ kompetenter Personen, die in den Diözesen Missbrauch bekämpfen und Schutzmechanismen für Minderjährige ergreifen sollen.

Fällt Ihnen etwas auf? Nein. Kann ich verstehen. Das alles ist allzu bekannt, wachsweich und nur das Kurieren am Symptom. So wichtig diese Maßnahmen auch sind, das Grundübel wird damit nicht bearbeitet.

In meinem Aufsatz: „Kirchenreform? Was könnten wir damit auf den Weg bringen?“ hatte ich im Oktober 2018 auf konkrete Möglichkeiten hingewiesen, eine ‚Wurzelbehandlung‘ durchzuführen. Hier noch ein paar ergänzende Überlegungen, vielleicht im Rahmen eines III. Vatikanums?

Das hätte sich zu beschäftigen mit dem Grundverständnis, den Basiswerten des Evangeliums und der Sakramente – etwa auch mit dem Ebenbild Gottes. Gleich geschaffen und doch unvereinbar mit Gottes Auftrag: die Frau. Berufung in der Nachfolge Christi ist auch Berufung aus dem Herzen. Warum sollen Frauen weiterhin von der Ordination ausgeschlossen bleiben?

Der Zölibat – eine apostolische Tradition? Reform statt Abschaffung: Freiwilligkeit oder auch eine Zeitlösung. Ehelosigkeit oder Ehefestigkeit? Der verheiratete katholische Priester.

Sexuallehre und Sexualmoral – Was muss sich ändern? Kann abweichende Sexualität Sünde sein? Welche Grenzen brauchen wir?

Können wir Sakramente öffnen, ohne sie abzuschaffen? Wie müsste ein Neuverständnis aussehen? Wie müsste die Weihe der Frau ausgestaltet werden?

Schließlich: Was bindet – was trennt? Das Kirchenvolk in Not. Mit ihr ist es auch die Kirche. Störrischer Klerikalismus oder gelebtes Christentum? Welches sind die Auswege aus der Systemkrise?

Nun mögen Sie skeptisch den Kopf wiegen. Ja, ich verstehe das. Aber: das christliche Abendland geht so schnell nicht unter. Wenn, ja, wenn es sich klug reformiert, die Menschen mitnimmt, ihnen wieder eine Heimat bietet, in der die Seele im geschützten Raum Gottes Frieden und Erneuerung finden kann.

Doch davor liegt jede Menge Arbeit. Wird sie getan, bin ich zuversichtlich, das Antlitz der Kirche wieder strahlen zu sehen, so dass ich mich wieder eingeladen, ja hingezogen fühlen kann, ganz so wie viele andere auch.

Das wäre eine kleine und doch so wesentliche Erfüllung für das Dasein eines Christenmenschen.

Es grüße Sie herzlich, Ihr IML