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Leipziger-Buchmesse-2019 (3)

Sund

Laura Lichtblau
Sund

Roman
C.H.Beck, München 2024
130 Seiten, 22.- €

 

Geistergesänge

Die Insel, im Norden, im Sund, vor der Küste Dänemarks. Die flache Dünung, der Blick von oben, gemalt mit blauer Tusche, meditativ. Metallisches Klicken, Fahnen in leichter Brise. Innen und Außen – Nebel in der Bucht im Spätsommer. Wie gehen wir mit der inneren Unschärfe unserer äußeren Wahrnehmung um?

Lichtblaus Ich-Erzählerin signalisiert bereits zu Beginn ihre Unsicherheit, ihre Angst, versteckt hinter forschem Auftreten. Sie wartet auf ihre intime Geliebte. Sehnsucht mischt sich mit Vorwürfen. Ein Tupfen absurdes Theater im Setting durchzieht den Nebel. Von der nahegelegenen Insel „Lykke“ wehen in der Nacht Gespenstergesänge zum Festland herüber. Doch nicht das romantisch-mythische treibt die Erzählerin zur Reise auf die Insel, es sind Vermutungen, die im Verlauf ihrer Recherche zu unausweichlichen Fakten werden. Sie fürchtet diese Sirenenstimmen, doch der innere Zwang auf der Suche nach (historischer) Schuld überwindet die Furcht.

Lykke, das Glück, es findet sich in der Ferienidylle zwischen Amaranth-Feldern und selbstgeschleudertem Honig. Touristen besuchen die Insel und nehmen Quartier in alten Bunkern, suchen im dunklen Widerschein mattgeschliffener Spiegel nach Unterhaltung. Blutrotes Glück zwischen Spritzen, Kanülen, Tropfern, dem Abblättern weiß gestrichener Metallbetten und ledernen Fixiergürteln. Sie steigen über die Geister der Toten hinweg, nehmen eine frische Brise in ihre hungrigen Lungen.

Die Insel, das Glück, der hübsche schwedische Mädchenname, sie sind eine Camouflage: hier wurde systematisch gemordet. Die Erzählerin spürt im Inneren das Äußere. Das Euthanasieprogramm von Karl Brandt, hier hatte es seinen Forschungsfokus. Und Max Lange, ihr Großvater, ein reputierter Orthopäde, nach dem Krieg lange Jahre Ordinarius, hat daran mitgewirkt. Der Nebel lichtet sich, Dokumente in Archiven belegen die unausweichliche Erkenntnis und die schuldvolle Last. Die Erzählerin erlebt für einen langen, unwirklich scheinenden Moment die brutale Wirklichkeit historischer Schuld. Das Unsagbare, das unendliche Leid, es wird an den verschworenen Insulanern gespiegelt, matt und dunkel und doch entstehen Bilder zwischen ihren Sätzen. Nicht in direkter Rede, wohl in der Vorstellung des Lesers und seiner Erzählerin. Das Peinvolle, das Unvorstellbare, die grässlichsten Abschnitte menschlichen Lebens, von Menschen an Menschen vollzogen. Sie wirken nach. Auch und gerade beim Leser. Prallelen drängen ins Auge, ans Herz: der gesunde Volkskörper, Remigration, das Sortieren von Menschen – die nicht zu uns gehören. Europa der Vaterländer.

„Der Arbeitstisch bei Nacht: Blick hinaus in das Schwarz. Der kreisrunde Lichtkegel auf der Tischplatte. Der kreisrunde Mond über den Bäumen. (…) Heiratsurkunde, Briefe, Fragebögen zu Herkunft und arischer Abstammung und Entlastungsschreiben. Das Buch meines Großvaters, die unterstrichenen Sätze, die Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Erwachsenen und Kindern, Röntgenaufnahmen von Hüften und Stammbäume, Stammbäume, Stammbäume.“

Szenische Führung über die Insel. Figuren, Orte, eine Bühne, choreografierte Dramaturgie. Beschwiegenes Tabu. Alle wissen darum, jeder vermeidet es. Es gilt die Sommerfrische für die Touristen. Doch die Erzählerin ist keine, sie forscht – zum Schmerz, dem eigenen und dem Fremder. Sie ordnet die Figurenaufstellung neu, blickt hinter die Schwere kalter Herzen.

Nach der Euthanasie noch ein Gedicht? – Adorno präzisiert: „Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe sich kein Gedicht mehr schreiben. Nicht falsch aber ist die minder kulturelle Frage, ob nach Auschwitz noch sich leben lasse, ob vollends es dürfe, wer zufällig entrann und rechtens hätte umgebracht werden müssen. Sein Weiterleben bedarf schon der Kälte, des Grundprinzips der bürgerlichen Subjektivität, ohne das Auschwitz nicht möglich geworden wäre: drastische Schuld des Verschonten.“ (Adorno, Negative Dialektik)

Karl Brandt, Arzt, Leiter des wissenschaftlichen Beirats für das Euthanasieprogramm, die handelnden Ärzte, Wissenschaftler, Menschen. Viele gingen in ihren Forschungen dazu auf, und schließlich durch das alliierte Waschprogramm. Wo sollten auch die benötigten Ärzte nach dieser Zeit so schnell herkommen? Das neue Volk brauchte schließlich eine Gesundheitsversorgung. Persil, da weiß man, was man hat. Karrieren werden geschmiedet, Zusammenhalt hilft, auch in der neuen Welt, nach ’45. Der weiße Kittel, Herkunft braun. Doch man musste schließlich nach vorn blicken. Die Münchner Medizinische Wochenschrift, in der Max Lange vormals seine Gedanken zu Erbgut und Volksgesundheit nationalsozialistischer Prägung publizierte, sie veröffentlicht ungezwungen nun neue Forschung. Begleitet auch Lange auf seinem Weg durch die junge BRD. Es beschämt die Erzählerin. Doch Lange ist ein Könner und Kenner, er macht Karriere, international gefeiert als Wiederherstellungschirurg, bildet den Nachwuchs aus. Ein Glück, solch fähige Köpfe zu haben.

Bitterer Geschmack von Tusche, verlaufende Farbe, verwischender Eindruck, eine Leinwand voller Schlieren. Ahner und Warner, sie sollen wieder nicht gehört werden, sollen schweigen angesichts der neuen Rechten. Laura Lichtblau gelingt eine beklemmende belletristische Komposition zu einem in der Öffentlichkeit wenig diskutierten Thema, das allgemein bekannt, gleichwohl allgemein beschwiegen wurde.

Sich der (eigenen) Schuld stellen, sie gar zu bearbeiten und öffentlich zu bekennen ist den meisten Menschen zu belastend, sie weichen lieber aus. Denn es kommt ja noch etwas hinzu: Scham. Und Scham ist ein soziales Regulativ, das ächten kann.

Wie oft muss man die Menschen noch wachrufen, zu bekennen – was Menschen Menschen antun können?

 

Ingo-Maria Langen, März 2024