Über das japanische Kloster Kozan-ji und die Zeichnungen der Lustigen Tiere

Cees Nooteboom
Über das japanische Kloster Kozan-ji und die Zeichnungen der „Lustigen Tiere“

Mit 16 Photographien von Simone Sassen und 18 farbigen Zeichnungen

Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen

Verlag Schirmer / Mosel, München 2020
85 Seiten

 

Der Abt in der Astgabel

高山寺 Kozan-ji, ein Tempel nahe der alten Kaiserstadt Kyoto, Weltkulturerbe der UNESCO, Teil eines umfassenden Ensembles an siebzehn verschiedenen Orten in der Umgebung der Städte Kyōto, Uji und Ōtsu, bergen diese buddhistische Tempel, Shintō-Schreine und eine Burg. Japan-Liebhaber Nooteboom bereist den in Weltabgeschiedenheit liegenden Tempel der Shingon-Lehre. Verwunschen und doch mit majestätischer Kraft der geschulterten Geschichte des Alten Japan hütet dieser kultische Ort die einzigen Rollen der „Lustigen Tiere“. In der Heian-Zeit erbaut und später vom Priester Myōe wieder instandgesetzt, nimmt uns Nooteboom mitten hinein in die alte Kultur Japans, kunstvoll eingefangen durch die Fotos seiner Frau.

Der atmosphärisch dichte Band glänzt in seiner subjektiven Darstellung als nahezu japanische Poesie. Bemooste Steintreppen, dichter Kiefernwald, im Sonnlicht glänzende Farne, Steinfiguren und ein Blick in die Räumlichkeiten klassisch-japanischer Baukunst. Die Konzentration der Stille im Augenblick der Leere. Die Spiritualität im Moment des Betrachtens. Nooteboom reflektiert über einen Bewusstseinsstrom seine Berührungspunkte mit diesem Land der kunstfertigen Verfeinerung oder auch elender Vulgarität. Ein Land der Extreme, das zugleich die höchsten Tugendansprüche leben und lehren (Bushidō) und doch in niederste Abgründe abtauchen kann, dessen mythische Gottkaiser immer noch ununterbrochen in der Seele der Nation leben: das Yamato-damashii (Geist der Yamato) oder Yamato-gokoro (Herz der Yamato).

Den im Baum sitzenden Abt Myōe evoziert Nooteboom zunächst als real-personale Existenz, bis er später zu erkennen gibt, es handelt sich um ein im Kloster befindliches Bild. In einer kraftvollen epischen Miniatur nimmt er uns als Leser mit auf die äußere Reise, geführt durch ein inneres Labyrinth bis hin zu einem Gedicht ephemerer Kunst, mündend in den historischen Bildrollen der „Lustigen Tiere“, die möglicherweise Karikaturen klerikaler Würdenträger sind oder auch das Menschsein als solches zur Satire bringen, indem sie anthropomorphe, raubende, bogenschießende Affen, Frösche oder Kaninchen darstellen, die uns noch heute die Aufgabe stellen, wir mögen uns von den Vexierbildern, die wir in uns tragen verabschieden, das wahre Wesen des Seins erschließen, nicht weiter in der Gefangenschaft unserer Illusionen und Zwänge zu leben. – Erkennen wir das Wesen nur eines Tieres, etwa des Kranichs in einer Form (Hakufa no kata), wir könnten uns das Wesen der Welt erschließen.

Eine poetische (zeitlose) Reise in die verborgene Weisheit Japans.

Ingo-Maria Langen, November 2024