Balsam für Geist, Seele und Körper: im Abglanz eines scheidenden Tages, ein Riesling im Gegenlicht des Sonnenuntergangs. Frieden und Wohlgefallen im Garten des Bischofshauses. Das Beschließen eines gottgelobten Tages im Einklang mit Bukett und Aroma. Lobpreis und Rebengedicht. Dem Glück ganz nah, in Gottes Hand ohnehin.
Szenenwechsel: Brombeermarmelade von Schwester Irmgardis (Mauritzer Fransikanerin) als kleine Handreichung beim dienstlichen Abschied im Kongressaal der Halle Münsterland. Der Bischof strahlt. Obschon er keine Geschenke wünschte, dieses muss ihm doch lieb sein – und sicher mehr die Geste. So zahlreiche Hände, kaum wären sie zu zählen. Es ist ein Abschied mit Freude, durchzeichnet wohl mit Wehmut. Sechzehn Jahre leitete Bischof Genn die Diözese, verwuchs mit ihr als Wahlverwandter, er, der aus dem südlichen Trier ins buchstäblich flache Münsterland gekommen war. Um zu bleiben, auch nach seiner Dienstzeit, nunmehr im Ruhestand. Über Essen, das er seinem Nachfolger Bischof Overbeck zu treuen Händen übergeben durfte, der von Münster dorthin wechselte. Ein kleiner Kreis aus Menschenhand, ein großer Kreis im Geist.
Annuntiamus vobis vitam
„Wir verkünden euch das Leben“ (1. Johannesbrief 1,2) – ein Ausdruck als Wahlspruch und Maxime zugleich. Die Frohe Botschaft in vorösterlicher Zeit und zugleich das Fundament des Lebens. Ein Mensch der leisen, schlichten Töne, ein Gottesdienst mit feierlichem Dank. Der gefüllte Paulusdom zu Münster erlebte eine bewegende Eucharistie und eine erfüllte Dienstpflicht. Das Rücktrittsgesuch an Papst Franziskus war mit diesem Tag angenommen, ‚sine ira et studio‘ ließe sich schmunzelnd formulieren. So war die Festmesse von freudiger Erwartung überstrahlt. Der Einzug des Bischofs mit seinen priesterlichen Sekretären, die geladene Prominenz und nicht zuletzt der voll besetzte Dom drückten eine freudige Präsenz des Herrn in den Herzen aus, gerahmt in eine vorfrühlingshafte Brise, verklammerte sozusagen die Leichtigkeit der Botschaft des Evangeliums. Festliche Gewänder, Raum und Musik („Wer unterm Schutz des Höchsten steht“), zum Einzug seiner Priesterweihe 1976 erklang nun zum Abschied aus dem Dienst.
Nachsinnen und zugewandtes Hören
Der erste Fastensonntag führt zurück zur Erdenschwere. Im Mittelpunkt der Predigt die Auseinandersetzung mit dem Teufel und der Versuchung Jesu. „Muss der Geist ihn da hinführen, aus der Fülle in die Leere?“, fragt Genn. Und einen Gedanken weiter: auch die Kirche steht in einer Wüstenwanderung, die sie nicht abschließen kann, möchte man anfügen. Und so ist nicht die Institution als solche, sondern der Einzelne im Fokus: mit seinen Bedürfnissen nach Macht, Anerkennung, Bewunderung, Akzeptanz. Wieder möchte man anfügen: und seiner Furcht vor sozialer Ausgrenzung. Teil (jenseits des Gottesbezuges) von Gemeinschaft, eine soziale Identität zu leben, schnell schlägt dies um in komparativen Selbstbezug mahnt Genn. So mündet jener Einzelne wiederum mitsamt dem Kirchenschiff in der Wüstenerfahrung des Missbrauchsskandals. Das Gefühl des Ausgesetztseins ruft den Wunsch wach, zurückkehren zu können, das Schiff unter Wind zu wenden, um wieder angefragt zu werden von der Gemeinschaft, das Misstrauen abzuschütteln. Wieder neu geschätzt zu werden, Würde zu empfangen, im Spiegel sozialen Miteinanders. Doch es fehlt an Demut. Kann Gott uns retten angesichts unserer (immer erneuten) Verfehlungen? Kann er die Welt noch retten, angesichts unserer Missetaten? Kann er die Toten zu neuem Leben erwecken? Trauen wir ihm das noch zu? Eine fast schon verwerfliche Frage menschlichen Hochmuts. Und doch denken wir immer noch in Vorstellungen des Untertanen und der Kirche Macht: wir machen Kirche! Demut begegnet Glauben – allerdings im Sinne des sich-unter-den-Auftrag der Kirche Stellens, nicht des ‚Machens‘. Denn das hieße (und heißt) Gott für sich selbst(süchtig) zu instrumentalisieren. In aktuellem Bezug auf die politische Weltlage befindet Bischof Genn, die Selbstsucht der Staatenlenker wie auch ihrer Parteigänger kreiert aus geliehener Macht die Hybris des Kulturkampfes.
Gleich einer creatio ex nihilo als Essenz christlicher Schöpfungslehre gerieren sich diese Menschen in Überlegenheitspose, gestiftet vom christlichen Gott, zu ihren Diensten und ihrem Nutzen. In den USA erklärt sich ein Präsident zu einem messianischen Gesandten, um das Volk zu retten und in Russland segnet die Orthodoxie einen Krieg des Präsidenten als nationale Errettung der russischen Gemeinschaft. Doch diese Hybris wird brechen, wir anderen müssen standhaft bleiben im Glauben und Dienen. Die Bußzeit mit ihren dunkelvioletten Gewändern setzt dazu ein Zeichen. Denn die Wunden der Menschen, ihre Armut und Bedürftigkeit sind nicht zu übersehen und weder Prunk noch Protz mögen das verschleiern. Buße heißt Läuterung, Umkehr, den richtigen Weg beschreiten, einander zu Diensten sein, daraus erwächst Zuversicht, gibt Genn uns mit auf den Weg. Die Freude am und im Miteinander des Helfens. Weder Macht noch Reichtum bringen es zur Fülle. Zur Fülle des menschlichen Herzens und Gottes Gefallen daran.
Der Bischof feiert Eucharistie mit der Gemeinde, es folgen bewegende Bekenntnisse von Wegbegleitern wie Bischof Bätzing. Aus fünfundvierzig Jahren Freundschaft und spiritueller Verbundenheit in stiller Lebensklugheit, hell- und weitsichtig. Das Sprechen und Hören, Augenhöhe, das Wägen hin zu einer guten Entscheidung, sie seien prägende Gestaltungshaltungen für eine lebendige Kirche und ein lebendiges Miteinander wie Bischof Genn es vorlebe. Auch in den dunklen Stunden des Missbrauchsskandals habe Genn die Kirche mit ruhiger Hand geführt, Vernunft, Theologie sowie Erfahrung mit Zuversicht und dem Licht der Zukunft verbunden. Mit einem sanften Lächeln zieht Bischof Genn zum letzten Mal aus dem Dom aus und segnet die Gemeinde mit ebenjenem Licht der Zukunft, das wir auch ihm für die kommende Zeit wünschen.
Ingo-Maria Langen, April 2025
