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Über Wahrheitsansprüche

Ein flüchtiges Gut: Über Wahrheit(sansprüche) in der Gesellschaft

Das politische Geschäft in einer pluralistischen Gesellschaft ist schwierig. Politik ist, so höre ich noch meinen hochgeschätzten Rektor der Realschule sagen, die Kunst des Möglichen. Ein kurzer Satz mit viel Bedeutungstiefe. In der Demokratie geht es politisch vielfach darum den Weg des Machbaren im Kompromiss zu finden, ganz so wie bei jedem Einzelnen im Leben auch. Es ist dies oft ein Ringen um Richtigkeit (in der Sache, des Weges), um Mehrheiten, ein Werben um Zustimmung. Nicht immer ist alles eine Frage der Wahrheit. Welcher Wahrheit überhaupt? Je nach Perspektive können durchaus mehrere Wahrheiten nebeneinander bestehen, ja konkurrieren. Dann muss die zu treffende Entscheidung gewichten, was zwangsweise zu „Ungerechtigkeiten“ führt, da nicht alle Aspekte zu gleichen Teilen Eingang finden können. Ob man für oder gegen die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens ist, und in welcher Höhe, ob die Allgemeinen Ortskrankenkassen stärker dem Wettbewerb geöffnet werden sollten oder die Privaten zurückgedrängt, ob die CO²-Kosten pro Tonne höher oder niedriger sein sollen, alles große Streitthemen. Jedes Pro und Contra kann seine Argumente begründen. Am Ende ist die Frage: Was kann ich unter bestimmten Rahmenbedingungen realisieren?

Wahrheiten sind nach unserer Auffassung nachprüfbare Fakten, die (etwa im wissenschaftlichen Sinne) experimentell wiederholbar sind. So können die Minenbetreiber und die Arbeiter im australischen Osten durchaus Wahrheit für sich in Anspruch nehmen: auf Wirtschaftlichkeit, Arbeitsplätze, Standortsicherung. Ebenso aber auch die Umweltaktivisten: die Klimakrise, die nachhaltigen Umweltschäden, das Absterben des Great Barrier Reefs. Letzteres ist von der UNESCO 1981 zum Weltkulturerbe erklärt worden. Wie soll man da also entscheiden? Bedroht man die Region mit dem Verlust von Arbeitsplätzen, wirtschaftlicher Zukunft für 60 Jahre Kohleförderung, der Existenzsicherung von zwei Generationen? Ist es dafür gerechtfertigt, das Sterben dieses Kulturerbes hinzunehmen? Wissend darum, dass es kein Zurück gibt. Wenn das Reef tot ist, wird sich kein Zweites bilden. Was bedeutet das Sterben der Korallen für die Biodiversität? Was trägt der Kohleabbau zur Schadstoffemission bei? Was für Folgen haben mögliche Unfälle? Demgegenüber können Kinder in die Schule gehen, Tankstellen ihren Treibstoff verkaufen, Waren über das Internet bezogen werden.

Man sieht daran: Es gibt hinter jeder Wahrheit eine Interessenlage. Die mag gut oder schlecht, einleuchtend oder abwegig sein. Aber es gibt sie. Und die Betroffenen dieser Lage werden alles daransetzen, ihren Standpunkt durchzusetzen. Denn sie haben ja (auch) die Wahrheit zur Verteidigung ihrer Position im Rücken. Ist man nun einer Endlosschleife (sog. infiniter Begründungsregress) ausgeliefert?

Ein kurzer Blick zurück in Philosophiegeschichte zeigt: In der antiken Welt war die Frage, ob es überhaupt Wahrheit gibt und ob der Mensch fähig zu ihr ist? Daraus erwuchs bis in Mittelalter hinein die nahezu einhellige Ablehnung auf die Vorgabe des Protagoras (in Platons gleichnamigem Dialog), der Mensch sei das Maß aller Dinge, die da seien oder nicht seien. Aus dieser Sicht konnte nichts von sich aus wahr oder unwahr sein, sondern nur der Mensch den Wesenheiten der Welt Bedeutung verleihen. Demgegenüber setzte sich allerdings die Ansicht objektiver Kriterien (Maßstäbe), Überprüfbarkeit, Methoden (Theoriebildung) durch, die allgemein gültig (und damit wahr) waren, selbst wenn sie im Einzelfall schwer zu durchschauen waren. Erinnert sei nur an die astronomischen Theorien, die erst spät im Mittelalter zur Reife gelangen sollten und dann nochmals später über die Technologie auch als wesensgemäß wahr bewiesen werden konnten. Doch schon Platon zeigt über sein berühmtes Höhlengleichnis: Werden die Menschen in einer Höhle so konditioniert, dass sie nur die Schatten von Gegenständen erkennen, die hinter ihrem Rücken vorbeigetragen werden, halten sie diese Wahrnehmung alsbald für „wahr“. Sofern es einem dann gelingt aus der Höhle in die wirkliche Welt zu gelangen und zu erfahren, was alles ist, und er dann zurückkehrt, läuft er Gefahr von den anderen ausgegrenzt oder gar getötet zu werden. Hans Blumenberg hat dies dahin gedeutet, das dialogische Verfahren sei begrenzt. Denn es setzt in der Tat einen universellen Erkenntnisfortschritt voraus, den die Höhlenbewohner nicht haben. Sie wollen ihn aber auch nicht erwerben, der Zurückgekommene soll ihre Weltkonstruktion nicht stören. Denn dann müssten sie die Freiheit akzeptieren, sich in ihr zurechtfinden, ihre Ängste überwinden. So jedoch können sie der Vorhersage von Erscheinungen einen Lustgewinn abringen, der ihre unmittelbaren Bedürfnisse befriedigt. Das kann der sokratische Dialog, der sein Gegenüber in Widersprüche verwickelt und dadurch zur Erkenntnis bringt, nicht leisten. Der Zurückgekommene muss folglich scheitern. Denn in der Höhle gibt es weder Widersprüche noch die Lust oder Neugier auf Dinge außerhalb der Erfahrung ihrer Bewohner. Die Disposition zur Belehrbarkeit kann mithin nicht entstehen. Denn sie müsste am (Selbst)Zweifel ansetzen. Eine spät-aufklärerische Formel dafür liefert Kant mit seinem Satz von der selbstverschuldeten Unmündigkeit des Menschen.

John Stuart Mill hat seinerzeit gefordert, dass nur im beständigen Austausch der Bürger untereinander ein Konsens in strittigen Fragen gefunden werden kann, was sich heute mit der Habermaschen Vorstellung von „deliberativer Demokratie“ ausdrücken lässt. Dem hält die jüngere politische Theorie entgegen, dass sich im Grunde die Wahrheitsfrage in der modernen Demokratie nicht mehr stellt. Sie sei abgelöst vom politischen Willen der Bürger, dem sich Demokratie im Wesentlichen als Kampf (nicht: Methode und Verfahren) darstelle. Unterschiedliche soziologische Gruppen versuchen die Hegemonie über den politischen Prozess zu erringen. Das bedeutet, es kommt nicht mehr auf die Richtigkeit, die Wahrheit oder die Zukunftsfestigkeit einer Sache an, sondern nur, wer sich am Ende durchsetzt. Im Grunde ist das eine atavistische Vorstellung von Gemeinwesen.

Von da aus ist es nicht weit zu „alternativen Fakten“, zur „Lügenpresse“, der Klimakrise als (bestenfalls) einem Glaubensphänomen. Persönliche Sichtweisen ersetzen zunehmend Fakten und Wissen, Meinen wird zur Wahrheit. Das macht das „postfaktische Zeitalter“ aus. Die bittere Konsequenz ist: Nie war es leichter als heute mit Lügen Menschen für sich zu gewinnen. Am Beispiel des Brexit, der mit handfesten Lügen die Wähler mobilisierte, zeigt sich das gut. Als im Anschluss die Lügen aufgedeckt wurden, kam es zu keiner Korrektur. Warum nicht? Zu vermuten steht, dass die Ablehnung der Institutionen, des Führungspersonals und das eigene „Abgehängtsein“ dazu führten, dass letztlich von den Wählern alles auf eine Karte gesetzt wird, nach dem Motto: schlimmer wird’s nimmer. Besser vielleicht schon. Hass, Vorurteile, fehlendes Faktenwissen, fehlende Reflektionsfähigkeit, Informationsmangel, aber auch Komplexität und Undurchsichtigkeit oder Falschinformation (siehe Nigal Farage / UKIP) führen zu einer Lage der Überforderung des Einzelnen. Der Bauch und die Internet-Blase bestimmen dann schnell dessen Entscheidung. Die Konsequenzen sind bekannt. Zudem gibt es mit dem populistischen Personal rundherum (Trump, Orban, Le Pen, Johnson) genügend Leute, die dem Ansinnen vieler Menschen entsprechen, endlich mal gesagt zu bekommen, was denn nun richtig ist und sich persönlich danach auszurichten, weil das für diese Menschen ihre Lebensführung erheblich erleichtert.

Nun könnte man erwarten, dass in dem Maße der Differenzierung von Wahrheiten und ihrer Überlagerung von Schein und Äußerlichkeit, der Wahrheitsbezug für den eigenen Standpunkt weniger wichtig würde. Doch die weltweiten Auseinandersetzungen um Wahrheitsbezüge und -ansprüche werden umso erbitterter geführt, je komplexer die Lage wird. Denn vielfach geht es nicht um Wahrheit, sondern darum den anderen oder die andere Gruppe niederzumachen, völlig auslöschen, auf das kein Wiedererstehen mehr möglich ist. Aus dieser Perspektive der Unerbittlichkeit geht es nicht um Sachlösungen, um Fortschritt für die Gemeinschaft, sondern um die kriegerische Auseinandersetzung mit dem Feind. Wenn der sich mit einer letzten „Wahrheit“ vor aller Augen besiegen lässt, dann ist der Triumph groß (Stars and Stripes lassen grüßen). Auch der religiöse Extremismus arbeitet mit Letztwahrheiten: denn die kommen von Gott und sind damit unbezweifelbar, weil auch nicht von dieser Welt, halt nur für diese Welt. In der Argumentationslehre nennt man so eine Haltung Immunisierungsstrategie.

Hinzu kommt noch etwas anderes: Bereits die antiken Rhetoriklehrer kannten (und schätzen) den Einfluss rhetorischer Figuren auf die Emotionalität der Zuhörer. Denn darüber lässt ein deutlich höheres Bindungspotential erreichen als über den Argumentationsdiskurs. Das erklärt auch die Bereitschaft verschiedener Gruppen in der Öffentlichkeit stark zu polarisieren und das argumentativ (scheinbar) zu unterlegen. Darin liegt ein Muster der Extreme: politisch (AfD), Umwelt (Extinction Rebellion) als Beispiele. Hier geht es weder um politischen Diskurs im Sinne der Gesellschaft oder um das Aushandeln bestmöglicher Standards zum Schutze der Umwelt, sondern um Polarisierung und damit verbunden Anhängerschaft, die dann wiederum polemisiert und ihre Anhängerschaft vergrößert usw.

Was wäre dagegen zu tun? Zunächst müssen wir uns darauf besinnen, dass wir alle unser Gemeinwesen sind und tragen. Wir haben Einfluss und Möglichkeiten der Teilhabe. Die nutzen wir nur zu selten. Auch da sind wir bequem. Zudem gälte es, neue „deliberative“ Verfahren zu entwickeln, die Einflussnahme ermöglichen. Bürgerkomitees oder Bürgerinitiativen sind Beispiele, im demokratischen Prozess aber zu wenig. Zudem müssen wir uns mal stark machen für etwas. Zumeist sind wir gegen etwas. Gegen Windräder, gegen neue Bahntrassen, gegen die Umgehungsstraße… Haben wir die berechtigten Interessen der Gegenseite gehört? Sie in unsere Ablehnung eingespeist? Oder wollen wir nur wieder nicht unsere Bequemlichkeitsoase verlassen? Manches mag unbequem sein, doch Veränderung begleitet uns das ganze Leben. Um das Leben für uns und unsere Mitmenschen lebenswert zu gestalten, müssen wir öfter über unseren Schatten springen als wir vielleicht wollen. Doch nur so wird Fortschritt möglich, werden unterschiedliche Wahrheiten nebeneinander bestehen können, ohne dass wir den anderen missionieren oder gar befehden müssen. Wir haben das unerhörte Glück seit über siebzig Jahren in Frieden leben und gestalten zu dürfen. Das sollten wir uns wirklich etwas kosten lassen: ein gutes Miteinander und das Wohlergehen unserer Mitmenschen – was dann letztlich auch das unsere sein wird.

Ingo-Maria Langen, Januar 2020