Hellere Tage
Die bürgerlich-arrivierte Fassade von Ben und Ruth bekommt zunehmend Risse. Ruth Lember, Professorin für Ethik an der HU in Berlin, und der Architekt Ben Hartung leben in einer gehobenen Eigentumswohnung mit Blick auf den Lietzensee in Charlottenburg umgeben von einer großzügigen Parkanlage. Der pittoreske Eindruck täuscht. Seit „Mittsommertage“ sind einige Jahre ins Land gegangen, die dort angelegten Konflikte spitzen sich nun zu. Erschöpfung und Überdruss in ihrer Ehe sitzen ihr als Dorn im Fleisch, sie schmerzen. Will sie als Mittfünfzigerin nochmals ein neues, eigenes Kapitel im Leben eröffnen? Abstand vom Gewohnten, auch der inzwischen flachen Erotik nehmen, um was zu tun? Ihre Abende und Wochenenden allein verbringen, karges Essen zu sich nehmen, lustlos durch das Streamingprogramm surfen, schalen Wein trinken? Nach ihrer Trennung von Ben ist sie in genau dieser Situation gestrandet. Ihr Ankerpunkt bleibt das Büro in der Universität. Sie hat sich eingerichtet so gut es eben geht, von den ihr vorausliegenden Umbrüchen ahnt sie noch nichts. Zunächst ist das Zufällige das Geradlinige: der Tod ihres Vaters lenkt ihren Blick auf eine verborgene Lebensseite von Hilmar Lember, die sie in einen ernsten Zweifel an ihre eigene Herkunft stürzt. Ihr Vater, der in Brüssel am Maastricht-Vertrag mitarbeitete, ihre Klavierstunden gebende Mutter mit den beiden Weingläsern auf dem Flügel, ihre Melancholie, wenn sie spielte oder in den Garten blickte, wie gut kannte sie ihre Eltern? Ein bekanntes Geheimnis, bestens behütet, umhüllt von einer undurchdringlichen Fassade großbürgerlicher Contenance, wie konnte Ruth das entgehen? Der Doppelzweifel erodiert ihre Gewissheiten.
