• Aktuelles im Oktober 2023

    Topografie des öffentlichen Raums: Syntax und Tradition
    Etwas oder Jemanden in Szene zu setzen erinnert uns zunächst durchaus zu Recht an eine Dramaturgie auf der Theaterbühne. Bei Proben werden wir Zeuge von minutiös einstudierten Rollen, Handlungsaufbau, der Choreografie und Interaktion der Schauspieler. Die Regie als unsichtbarer Leitfaden, der die Illusion eines spontanen Ablaufs und zufälligen Gefüges vermittelt, das gerade so auch unter uns in unserem persönlichen Lebenskreis stattfinden könnte. Wollten wir auf einen Klassiker blicken, so ist Shakespeare ein Dichter, der die große Kunst des Welttheaters (mit Wirkung bis ins Heute und Morgen) beherrscht. Doch auch in der Antike, der er ja viele Stücke als verklausulierte Emblemata (inscriptio, pictura, subsriptio) widmete, treffen wir auf Dichter, deren hic rhodus, hic salta dem Publikum eine Vorstellung davon geben konnte was gute von schlechter Politik unterschied oder auch mit dem Blick auf jeden Einzelnen, was er persönlich dem Gemeinwesen schuldet, über das er nur klagt. Aristophanes (bei den Griechen) oder Juvenal, Ennius oder Gaius Lucilius stehen dafür. Akteure wie Publikum (als Aktor) sind in einer Klammerfunktion eingeschlossen: es ist in Bezug auf die Gesellschaft immer beides, was wir betrachten müssen.

  • Aktuelles im September 2023

    Der Schrecken – er ist überwunden, endlich! Die neue bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft, sie beschäftigt sich mit sich selbst. Spießbürgerliche Enge, spartanische Wohnverhältnisse, spärliches Einkommen und große Wünsche, Konsum und Wachstum zu erreichen sind bundesbürgerliche Ziele. Bald liegt nur noch ein blasser Hauch der Erinnerung einer Zeit der deutschen Geschichte über dem neuen Volk, beschworen zu offiziellen Gedenktagen, deren mehliger Geschmack mit einem frischen Bier in der Kneipe schnell heruntergespült wird, bevor der Stammtisch tagt. Diese neue Gesellschaft ist bei sich selbst angekommen: zwischen Wirtschaftswunder, Italienurlaub und eigener Waschmaschine. Die neue Moral lautet Wohlstand, Karriere, Leistungsgesellschaft, nationaler Wiederaufstieg.

  • Aktuelles im August 2023

    Sprechen wir über die Gestaltungskraft, ja Gestaltungsmacht des Menschen, sprechen wir über Emotionen. Ihre bekanntesten Ausdrücke der Gesichtsmimik sind: Freude, Überraschung, Angst, Wut, Ekel, Trauer, Verachtung. In der Geschichte des Theaters etwa im alten Griechenland oder in Japan bediente man sich für die rollenspezifischen Ausdrücke einer Figur oft der Maske. Im japanischen No- oder Kabuki sollten so die stilistischen Mittel der Farce oder der brutalen kriegerischen Auseinandersetzung besonders hervorgehoben werden. Die Basisgefühle zeichneten den Charakter der Maske und damit die Rolle des Schauspielers. Erstaunlich ist, dass die moderne Forschung Physiologie und Mimik in der Zusammenschau ähnlich beschreibt wie sie uns in den Masken von vor über tausend Jahren bereits begegnen.

  • Aktuelles im Juli 2023

    Es ist drückend heiß, die Vorausschau nicht weniger. – Ruth Lember, Professorin für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin lebt in gut bürgerlichen Verhältnissen. Verheiratet mit Ben, einem erfolgreichen Architekten, teilen sie ihr Haus mit Jenny, der Tochter von Ben. Gerade flügge geworden, studiert sie in Leipzig, rechnet sich der „Letzten Generation“ zu. Dieses unscheinbare soziologische Setting könnte ebenso die Folie für ein Kammerspiel als auch ein Boulevardstück geben. Ein geschicktes Framing der Protagonisten bricht diese Erwartungshaltung jedoch.

  • Aktuelles im Juni 2023

    Das müde Meer, der Himmel so leer – Eine aristophanische Komposition: geistvoll, witzig, mit beißendem Spott. So legt Wondratschek das Zusammentreffen zwischen Dante, Homer und einer Köchin, durchaus als Reflexionsfigur gezeichnet, an. Zwei Titanen der weltgeschichtlichen Literaturhistorie treffen im Hier und Heute aufeinander – der verführerische Gedanke, ihre Sichtweise auf diese Welt auszubreiten, Wondratschek widersteht.

  • Aktuelles im April 2023

    Die Inversion des geläufigen Sinnspruchs Sencas aus den Briefen an Lucilius zur Frage der Körperhaftigkeit von Tugend ist eine Warnung an übertriebene Gelehrsamkeit zu Lasten der Lebenspraxis. Und doch ist beides miteinander verschränkt. Katalog und Ausstellung illustrieren dieses einander bedingen, das Verwoben sein in wechselnden Kontexten.

  • Aktuelles im März 2023

    „Mein Schlaf ist ein scheues Wesen. Er duckt sich weg. Versteckt sich vor mir.“ Erste Sätze sind eine Herausforderung. Sie müssen den Leser unmittelbar an sich binden, eine Spur legen, Interesse wecken. Schlafstörungen sind ein weites Feld und vielen ein vertrauter Begleiter, ein oft gehasster dazu. Hier wird eine geschickte Klammer vorbereitet: der Ich-Erzähler, Vater dreier Kinder, Malik, Fritzi und Alma, verheiratet mit Levje, beschließt darin einen gesamten Tag, der zwischen familiärem Leben, beruflichen Aufgaben und (Selbst)Reflexion pendelt. Die Klammer finalisiert mit der (unausgesprochenen) Intention, der Versöhnung mit den Geschehnissen des Tages an dessen Ende einen kleinen Raum zu geben, im Glauben an ein gutes Morgen.

  • Aktuelles im Februar 2023

    Der kürzlich verstorbene Autor, weltgewandter Vertreter seiner Profession (u.a. Wien, Harvard, Rom, New York) als Kunsthistoriker, geht in der genannten Abhandlung der Frage nach, welche Funktionen Ort und Bild in der Sozialisation des Menschen einnehmen. Liefern sie, metaphorisch gesprochen, Augenblicke kürzer oder längerer Schatten, in die wir eintauchen, uns mit jener Vertrautheit zu verbinden, deren späterer Verlust uns oft so schmerzt. Verluste erleiden und erdulden wir im Laufe der Zeit viele, ausgedrückt oft in Bildern, einem inneren Archiv, das verbrennt, stirbt ein Mensch.

  • Aktuelles im Januar 2023

    Eine (halb) unfreiwillige Einladung, eine Rundreise, ein geheimnisvoller Soldat, ein Gewitterunwetter mitsamt einem gefährlichen Unfall. Das Setting in Brandenburg auf der Route eines NATO-Manövers in Polen könnte nicht komplexer sein für die kleine Form einer Novelle. Von Petersdorf gelingt ein formschönes Kunststück: die Integration sechs scheinbar divergenter Stränge in einer hochverdichteten Erzählung multiperspektivischer Fokalisierung auf dem Weg zu einer späten Klimax. Aus dieser (ersten) formalen Sicht ist das bereits kompositorisch für den Leser höchst reizvoll.

  • Aktuelles im Dezember

    Kreativität ist eine Sache für sich: Leerer Bogen, Idee im Kopf, Formulierungen fallen auf das Blatt, Begriffe beargwöhnen sich, drängen sich vor das Auge des Verfassers, vernebeln nicht selten die Zielsetzung. Ruprecht Dalandt, Inhaber eines kleinen Verlages, kämpft mit seinem Vorhaben, einen Dante-Essay zu schreiben. Nicht die einzige Herausforderung, der er sich stellen muss.