• Aktuelles im August 2024

    Die deutsche Parteienlandschaft und ihre Wählerschaft sind in Bewegung: raus aus der Komfortzone minimaler Schwankungsbreiten und maximaler Stabilität, mäßigen Wirtschaftswachstums gleichwohl mit Wohlstandsaufwuchs, selbstzufriedener Schichten konsensorientierter Mittelstandswähler und eitel uneinsichtiger Eliten, die sich für ihre Erfolge selbst feiern. – So die Sicht derer, die blau wählen. Nicht (nur) aus Protest, inzwischen auch aus Überzeugung, man traut der AfD Problemlösungskompetenz zu.

  • Aktuelles im Juli 2024

    Japan – der Mythos vom Land der Götter, geformt aus drei Tropfen vom Schwert des Götterpaares Izanagi und seiner Frau Izanam und ihrer Stiftung der Göttin Amaterasu, seit Anbeginn gebunden an Spiegel, Schwert, und Krummjuwel, begründet die Erzählung zur Entstehung des Inselreichs.

    Mythen überdauern mit der Lebendigkeit ihrer Bilder, Helden und Geschichten, appellieren an die Fantasie und verbinden sich geschickt mit (oft langfristigen) Prägungen der nationalen Seele. Shinto, Zen und Buddhismus sind die geistigen (bisweilen auch geistlichen) Folien, vor deren Kulissen sich seit der Heian-Zeit, kulminierend im ersten Shogunat von Kamakura (1185), die Kriegerkaste (Schwertadel) professionalisierte. Später würde über das Tokugawa-Shogunat nach langen Kriegen die Reichseinigung erfolgen und für über zwei Jahrhunderte den Abschluss des Landes nach außen diktieren. Die bushi (Schwertkrieger) sollten dabei nicht nur im Kenjutsu höchst kunstfertig agieren; Philosophie, Ethik, Moral, Ehrgefühl, Pflicht und Loyalität waren neben Literatur und Kalligrafie dem Wertekanon der Samurai eingeschrieben.

  • Aktuelles im Juni 2024

    Wendy A. Stein tells the history of Rome from the perspective of historical mosaics. She succeeds in relating the complex technique of working with mosaics from the Middle Ages to the religious and political challenges of the time. A technically, narratively and art-historically exceptional book that can be recommended without reservation.

  • Aktuelles im Mai 2024

    Gesellschaftliche Entwicklungen verlaufen nicht linear. Projektionen und Stabilitätsvoraussagen sind durch ihre kurze Halbwertzeit gekennzeichnet. Bis 1989 hatte sich die bundesdeutsche Gesellschaft in einer vermeintlichen Homogenität gesehen, die realitätsfern war, ihre Zerklüftung bereits fortgeschritten, mit der Ausdifferenzierung sogenannter Milieus hatte die Fraktalisierung und damit die Komplexität zugenommen. Die Entwicklungen bis 2010 vielfach disruptiv (besonders im Osten), der Schumpetersche Begriff „schöpferischer Zerstörung“ ließ an vielen Stellen das Schöpferische vermissen. Die Nichtbegleitung gesellschaftlicher Umbrüche erzeugte vielerorts Verzweiflung, Machtlosigkeit und Wut. Über den großen Zuwanderungsschub von 2015 erlitten Teile der (konservativ-bürgerlichen) Wähler eine Identitätsirritation, die mit der weiteren Ausdifferenzierung „diverser“ gesellschaftlicher Umfelder und deren Kampf um Anerkennung und politische Repräsentation zu einer Vertiefung des Unverständnisses und Unmuts diesen Kreisen gegenüber führen sollte. Die dazu (teilweise) lautstrak geführte Diskussion löste bei vielen Bürgern ein Gefühl der Überforderung, der Ohnmacht bis hin zu Angst aus. Darauf reagierten sie mit Abwehrmechanismen.

  • Aktuelles im April 2024

    Die Fiktionaliserung historischer Persönlichkeiten birgt nicht selten ein faustisches Kompositionsmoment, das dem Verlauf der zu erzählenden Geschichte seinen Stempel aufdrückt. Die wilde Fahrt mit dem Bösen kann der Leser als Zugestiegener durchaus nachempfinden, ihr Sog ist bislweilen ungehemmt bis unwiderstehlich, und doch wird sie bei Kelhmann immer wieder gebrochen: über den Gang der (realen) Ereignisse, dem flüchtigen Eingriff des Schicksals in das Erleben der Figuren oder auch schlicht ihren Felentscheidungen geschuldet.

  • Aktuelles im März 2024

    Die japanischen Inseln, geschaffen vom Götterpaar Izanagi und seiner Frau Izanami, Tropfen von einem Schwert hinab auf die See, formten die Küsten und das Land der Berge. Amaterasu, geboren aus dem linken Auge Izanagis, höchste göttliche Autorität, dazu ausersehen das Inselreich zu beschützen, entsandte ihren Enkel Ninigi, das Land zu beherrschen. Spiegel, Schwert und Krummjuwel waren seine Insignien. So geschehen auf Kyushu am Berg Takachiho, eroberte Ninigi die Yamato-Ebene, nahe der (heutigen) Stadt Nara.

  • Aktuelles im Februar 2024

    Eine Ergänzung zur Besprechung der „Geschichte Japans“ von W. Schwentker (Dezember 2023) im Hinblick auf das traditionelle Japan bietet sich aus architektonischer Sicht mit „Ryokan“ an. Das von Schwentker als japanisches Leitmotiv einer insularen Spiegelwelt referierte Klammerprinzip von Innen (soto) und Außen (uchi) – Kitarō Nishida akzentuiert: kigami utsusu [鏡 写す] Spiegelübertragung) – bedeutete für das abgeschlossene Land nach der Reichseinigung unter Tokugawa eine rege Binnendynamik. Fahr-Becker zitiert Engelbert Kaempfer: „Die großen Fernstraßen dieses Landes sind jeden Tag von einer unglaublichen Anzahl Reisender bevölkert und zu bestimmten Zeiten fand ich hier mehr Menschen als in den Hauptstädten Europas.“ Der Tōkaidō als Hauptreiseweg von Edo nach Kyōto bot Quartiere nach Baukunst und Wohnkultur im Stil der Heian-Periode (794 – 1185). Noch heute üben diese architektonischen Kleinode einen unwiderstehlichen Reiz auf den Betrachter aus, erlauben sie doch einen Blick zurück in eine entfernte Vergangenheit, die für uns lebendig erhalten geblieben ist. Der reichhaltig bebilderte Band entführt den Leser in eine Welt, die ihm oftmals nur über Dokumentationen oder aus Filmproduktionen bekannt sein dürfte. Hier wird Wohnkultur als Gesamtkunstwerk vorgestellt, dem es mit vorsichtiger Zurückhaltung zu begegnen gilt.

  • Aktuelles im Januar 2024

    Umberto Ecos Welterfolg „Il nome della rosa“ ist als Mittelalter-Krimi mit semiotischer Spur auch ein (verborgenes) Glanzstück faschistischer und verschwörerischer Kulturanthropologie. Gleicht sein Brennglas in Händen von William von Baskerville im Streit um die Vita apostolica, dem Armutsgelöbnis der Kirche in Zeiten des Avignonesischen Papsttums, doch einer Skalierungsinstanz vom geringsten Mönchlein hin zu den Vasallen der Macht des Papstes jenen Grundbedingungen, die in der späteren Abstraktion fundamentaler Begriffe den theoretischen Rahmen eröffneten, dem beide Schriften sich widmen. Faschismus und Verschwörung lassen sich dabei als geistige Geschwister beschreiben, die einer extremen Form der Reduktion von Komplexität huldigen, um Weltgeschehen portionierbar sprich verstehbar zu halten. Sie bedienen sich antiintellektueller Werkzeuge, die an unsere stammesgeschichtlichen Instinkte appellieren.

  • Aktuelles im Dezember 2023

    Wie entstehen Reiche? Werden sie mit dem Schwert erschaffen oder benötigen wir zunächst eine orale Tradition, einen Schöpfungsmythos, der identitätsstiftend und integrativ über Generationen wirkt? Schwentker geht dem mit einem detaillierten Blick auf die Frühgeschichte der Besiedlung der japanischen Inseln nach. Er zeigt die Wanderungsbewegungen auf, verbunden mit unterschiedlichen Einflüssen, die durchaus nicht alle dem chinesischen Festland entstammen. Das hatte bereits der Historiker Tsuda Sōkichi mit seinem Diktum von Japan als autochthoner Zivilisation postuliert.

  • Aktuelles im November 2023

    Die Angst – und die Mühen des Umbruchs und Aufbruchs
    Betrachten wir Maslows Bedürfnispyramide, stellen wir fest, die Sicherheitsbedürfnisse rangieren direkt oberhalb unserer physiologischen Grundbedürfnisse. Der Mensch sehnt sich nach einem Rahmen, der für ihn verlässlich erscheint, ihm den Eindruck vermittelt, auch in naher Zukunft noch seinen Gewohnheiten nach gehen zu können. Unsere Gesellschaften befinden sich allerdings in einer Phase des Übergangs, der Disruption und Transition. Gesellschaften als Edukationsressourcen brauchen Narrative, um Phasen der Ungewissheit und der Neuausrichtung zu bewältigen, damit ihre kreativen Fähigkeiten erhalten bleiben und für den Neustart genutzt werden können.