• Aktuelles im November 2024

    高山寺 Kozan-ji, ein Tempel nahe der alten Kaiserstadt Kyoto, Weltkulturerbe der UNESCO, Teil eines umfassenden Ensembles an siebzehn verschiedenen Orten in der Umgebung der Städte Kyōto, Uji und Ōtsu, bergen diese buddhistische Tempel, Shintō-Schreine und eine Burg. Japan-Liebhaber Nooteboom bereist den in Weltabgeschiedenheit liegenden Tempel der Shingon-Lehre. Verwunschen und doch mit majestätischer Kraft der geschulterten Geschichte des Alten Japan hütet dieser kultische Ort die einzigen Rollen der „Lustigen Tiere“. In der Heian-Zeit erbaut und später vom Priester Myōe wieder instandgesetzt, nimmt uns Nooteboom mitten hinein in die alte Kultur Japans, kunstvoll eingefangen durch die Fotos seiner Frau.

  • Aktuelles im Oktober 2024

    Klage zu führen vor weltlichen Mächten oder vor Gott ist ebenso menschliches Bedürfnis wie Ritual. Klagen die einen über Missachtung, politische Marginalisierung, Ausbeutung und Versklavung, wettern die anderen gegen Freiheitsbeschränkungen ihrer individuellen Möglichkeiten, ja Ansprüche und Rechte, Macht und Reichtum nach ihrem Gusto auf Kosten der Gemeinschaft zu erlangen. In einer Zeit zunehmender Zerrissenheit von (westlichen) Gesellschaften, die durchaus an die Heillosigkeit vergangener Epochen erinnern, suchen viele Menschen nach einem Halt, einer Orientierung oder auch nach einer ‚Führungspersönlichkeit‘, die vermeintlich ihre Anliegen aufnimmt und transportiert, zu ihrem besten fügt. Mit Kant ließe sich formulieren: diese Menschen pflegen sich bequem einzurichten in ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Denn alles andere, sich engagieren, gar anderen zu helfen, sich zu solidarisieren, beschränkt sich (gerade in den ‚Wohlstandsgesellschaften‘) auf leere Grußadressen. Denn eigentlich geht es uns ja gar nicht so schlecht, oft klagen wir nur um noch mehr, noch besser, noch schöner. Es bleiben blinde Flecken: die Armut vor unserer Tür, die Ungerechtigkeit an sozialer Teilhabe (Bildung), der Umgang mit vulnerablen Gruppen (Ältere, Kranke, Hilfsbedürftige), Krieg vor unserer Haustür.

  • Aktuelles im September 2024

    Die Legitimität gesellschaftlichen Handelns als Ganzes knüpfte über lange Zeiträume an die verfassungsrechtliche Verfasstheit der gesellschaftlichen Ordnung an, ergänzt von sozialer Konventionen gewünschter (oder unerwünschter) Sprache. In dieser Lesart konstituiert sich öffentliche Meinung durch selbstständig, rational urteilende Bürger als „Korrelat von Herrschaft“ (E. Noelle-Neumann), mithin einer Korrektur des politischen Parteienwillens mittels Öffentlichkeit. Dies hatte den umfassend, gerade auch politisch gebildeten Bürger zur Voraussetzung, der sich zudem mit der Ethik für die Norm- und Interaktionshandlung im Gemeinwesen auseinandersetzte. Soweit sich die öffentliche Meinung aus einer Vielzahl von publizierten (oder demonstrierten) Einzel- oder Gruppenmeinungen zusammensetzt, bezog sie bislang ihre Legitimität aus der gesellschaftlichen Übereinkunft zum abwägenden Urteil auf Faktenbasis. Darin eingeschlossen war eine aktive Fehlerkorrektur, um Stigmatisierung vorzubeugen und Lernprozesse zu ermöglichen.

  • Aktuelles im August 2024

    Die deutsche Parteienlandschaft und ihre Wählerschaft sind in Bewegung: raus aus der Komfortzone minimaler Schwankungsbreiten und maximaler Stabilität, mäßigen Wirtschaftswachstums gleichwohl mit Wohlstandsaufwuchs, selbstzufriedener Schichten konsensorientierter Mittelstandswähler und eitel uneinsichtiger Eliten, die sich für ihre Erfolge selbst feiern. – So die Sicht derer, die blau wählen. Nicht (nur) aus Protest, inzwischen auch aus Überzeugung, man traut der AfD Problemlösungskompetenz zu.

  • Aktuelles im Juli 2024

    Japan – der Mythos vom Land der Götter, geformt aus drei Tropfen vom Schwert des Götterpaares Izanagi und seiner Frau Izanam und ihrer Stiftung der Göttin Amaterasu, seit Anbeginn gebunden an Spiegel, Schwert, und Krummjuwel, begründet die Erzählung zur Entstehung des Inselreichs.

    Mythen überdauern mit der Lebendigkeit ihrer Bilder, Helden und Geschichten, appellieren an die Fantasie und verbinden sich geschickt mit (oft langfristigen) Prägungen der nationalen Seele. Shinto, Zen und Buddhismus sind die geistigen (bisweilen auch geistlichen) Folien, vor deren Kulissen sich seit der Heian-Zeit, kulminierend im ersten Shogunat von Kamakura (1185), die Kriegerkaste (Schwertadel) professionalisierte. Später würde über das Tokugawa-Shogunat nach langen Kriegen die Reichseinigung erfolgen und für über zwei Jahrhunderte den Abschluss des Landes nach außen diktieren. Die bushi (Schwertkrieger) sollten dabei nicht nur im Kenjutsu höchst kunstfertig agieren; Philosophie, Ethik, Moral, Ehrgefühl, Pflicht und Loyalität waren neben Literatur und Kalligrafie dem Wertekanon der Samurai eingeschrieben.

  • Aktuelles im Juni 2024

    Wendy A. Stein tells the history of Rome from the perspective of historical mosaics. She succeeds in relating the complex technique of working with mosaics from the Middle Ages to the religious and political challenges of the time. A technically, narratively and art-historically exceptional book that can be recommended without reservation.

  • Aktuelles im Mai 2024

    Gesellschaftliche Entwicklungen verlaufen nicht linear. Projektionen und Stabilitätsvoraussagen sind durch ihre kurze Halbwertzeit gekennzeichnet. Bis 1989 hatte sich die bundesdeutsche Gesellschaft in einer vermeintlichen Homogenität gesehen, die realitätsfern war, ihre Zerklüftung bereits fortgeschritten, mit der Ausdifferenzierung sogenannter Milieus hatte die Fraktalisierung und damit die Komplexität zugenommen. Die Entwicklungen bis 2010 vielfach disruptiv (besonders im Osten), der Schumpetersche Begriff „schöpferischer Zerstörung“ ließ an vielen Stellen das Schöpferische vermissen. Die Nichtbegleitung gesellschaftlicher Umbrüche erzeugte vielerorts Verzweiflung, Machtlosigkeit und Wut. Über den großen Zuwanderungsschub von 2015 erlitten Teile der (konservativ-bürgerlichen) Wähler eine Identitätsirritation, die mit der weiteren Ausdifferenzierung „diverser“ gesellschaftlicher Umfelder und deren Kampf um Anerkennung und politische Repräsentation zu einer Vertiefung des Unverständnisses und Unmuts diesen Kreisen gegenüber führen sollte. Die dazu (teilweise) lautstrak geführte Diskussion löste bei vielen Bürgern ein Gefühl der Überforderung, der Ohnmacht bis hin zu Angst aus. Darauf reagierten sie mit Abwehrmechanismen.

  • Aktuelles im April 2024

    Die Fiktionaliserung historischer Persönlichkeiten birgt nicht selten ein faustisches Kompositionsmoment, das dem Verlauf der zu erzählenden Geschichte seinen Stempel aufdrückt. Die wilde Fahrt mit dem Bösen kann der Leser als Zugestiegener durchaus nachempfinden, ihr Sog ist bislweilen ungehemmt bis unwiderstehlich, und doch wird sie bei Kelhmann immer wieder gebrochen: über den Gang der (realen) Ereignisse, dem flüchtigen Eingriff des Schicksals in das Erleben der Figuren oder auch schlicht ihren Felentscheidungen geschuldet.

  • Aktuelles im März 2024

    Die japanischen Inseln, geschaffen vom Götterpaar Izanagi und seiner Frau Izanami, Tropfen von einem Schwert hinab auf die See, formten die Küsten und das Land der Berge. Amaterasu, geboren aus dem linken Auge Izanagis, höchste göttliche Autorität, dazu ausersehen das Inselreich zu beschützen, entsandte ihren Enkel Ninigi, das Land zu beherrschen. Spiegel, Schwert und Krummjuwel waren seine Insignien. So geschehen auf Kyushu am Berg Takachiho, eroberte Ninigi die Yamato-Ebene, nahe der (heutigen) Stadt Nara.

  • Aktuelles im Februar 2024

    Eine Ergänzung zur Besprechung der „Geschichte Japans“ von W. Schwentker (Dezember 2023) im Hinblick auf das traditionelle Japan bietet sich aus architektonischer Sicht mit „Ryokan“ an. Das von Schwentker als japanisches Leitmotiv einer insularen Spiegelwelt referierte Klammerprinzip von Innen (soto) und Außen (uchi) – Kitarō Nishida akzentuiert: kigami utsusu [鏡 写す] Spiegelübertragung) – bedeutete für das abgeschlossene Land nach der Reichseinigung unter Tokugawa eine rege Binnendynamik. Fahr-Becker zitiert Engelbert Kaempfer: „Die großen Fernstraßen dieses Landes sind jeden Tag von einer unglaublichen Anzahl Reisender bevölkert und zu bestimmten Zeiten fand ich hier mehr Menschen als in den Hauptstädten Europas.“ Der Tōkaidō als Hauptreiseweg von Edo nach Kyōto bot Quartiere nach Baukunst und Wohnkultur im Stil der Heian-Periode (794 – 1185). Noch heute üben diese architektonischen Kleinode einen unwiderstehlichen Reiz auf den Betrachter aus, erlauben sie doch einen Blick zurück in eine entfernte Vergangenheit, die für uns lebendig erhalten geblieben ist. Der reichhaltig bebilderte Band entführt den Leser in eine Welt, die ihm oftmals nur über Dokumentationen oder aus Filmproduktionen bekannt sein dürfte. Hier wird Wohnkultur als Gesamtkunstwerk vorgestellt, dem es mit vorsichtiger Zurückhaltung zu begegnen gilt.