Aktuelles im August 2026
Hellere Tage

Ulrich Woelk
Hellere Tage
Roman
C.H. Beck Verlag Verlag, München 2026, 317 S., 26.- €
Trost des Lebens
Die bürgerlich-arrivierte Fassade von Ben und Ruth bekommt zunehmend Risse. Ruth Lember, Professorin für Ethik an der HU in Berlin, und der Architekt Ben Hartung leben in einer gehobenen Eigentumswohnung mit Blick auf den Lietzensee in Charlottenburg umgeben von einer großzügigen Parkanlage. Der pittoreske Eindruck täuscht. Seit „Mittsommertage“ sind einige Jahre ins Land gegangen, die dort angelegten Konflikte spitzen sich nun zu. Erschöpfung und Überdruss in ihrer Ehe sitzen ihr als Dorn im Fleisch, sie schmerzen. Will sie als Mittfünfzigerin nochmals ein neues, eigenes Kapitel im Leben eröffnen? Abstand vom Gewohnten, auch der inzwischen flachen Erotik nehmen, um was zu tun? Ihre Abende und Wochenenden allein verbringen, karges Essen zu sich nehmen, lustlos durch das Streamingprogramm surfen, schalen Wein trinken? Nach ihrer Trennung von Ben ist sie in genau dieser Situation gestrandet. Ihr Ankerpunkt bleibt das Büro in der Universität. Sie hat sich eingerichtet so gut es eben geht, von den ihr vorausliegenden Umbrüchen ahnt sie noch nichts. Zunächst ist das Zufällige das Geradlinige: der Tod ihres Vaters lenkt ihren Blick auf eine verborgene Lebensseite von Hilmar Lember, die sie in einen ernsten Zweifel an ihre eigene Herkunft stürzt. Ihr Vater, der in Brüssel am Maastricht-Vertrag mitarbeitete, ihre Klavierstunden gebende Mutter mit den beiden Weingläsern auf dem Flügel, ihre Melancholie, wenn sie spielte oder in den Garten blickte, wie gut kannte sie ihre Eltern? Ein bekanntes Geheimnis, bestens behütet, umhüllt von einer undurchdringlichen Fassade großbürgerlicher Contenance, wie konnte Ruth das entgehen? Der Doppelzweifel erodiert ihre Gewissheiten.
Woelk zeichnet seine Figuren in unscharfen Pastelltönen, deren Konturen nur bei den Protagonisten zuweilen harte Umrisse annehmen. Da ist Ben, der sich eine Liebschaft zulegt, Laura Asado, eher blass und kompositorisch als Scharnier der auseinandergehenden Lebenswelten. Jenny, seine Tochter, hat ein ambivalentes Verhältnis zu ihrer Ziehmutter Ruth. Einerseits bewundert sie deren kraftvolle, intellektuelle wie auch pragmatische Seite, andererseits fühlt sie sich davon überfahren und ihr maßlos unterlegen. Das spannungsreiche Miteinander führt schließlich zu ihrem Rückzug, sie probiert sich auf unterschiedlich schmerzhafte Weise aus.
Auch bei Ruth bleiben disruptive Ereignisse nicht aus. Ihre Abberufung aus dem Ethikrat im Zuge der Berichterstattung über den mit einem Freund umgesägten Strommast bringt ihr akademisches Leben in Turbulenzen, sie muss sich erklären, rechtfertigen, schließlich wird ihr Geschäftsbereich beschnitten. Das Selbstverständnis und der Wertekosmos der Universität stehen Ruths Karriere unversehens drohend im Weg, Kollegen wenden sich gegen sie, nur ein Kollege verwendet sich vorbehaltlos für sie. Die Bildungssenatorin verlangt Aufarbeitung. Doch dabei bleibt es nicht. In nahezu karmischer Verkettung gerät Ruth an Harald, der ihr Interesse weckt, zu dem sie sich hingezogen fühlt und der ihr durchaus auf Augenhöhe begegnen kann, hat das zunächst auch nicht den Anschein. Doch es trügt auch hier der Schein. Bald muss sie annehmen, dieser Harald hat dunkle Verbindungen in die RAF rund um Daniela Klette, in die plötzlich auch Jenny verstrickt wird.
Untröstlich die Trostlosen
Das Ensemble vitaler Figuren, die jede auf ihre Weise in der eigenen Trostlosigkeit strampeln, ist auf eine zuverlässige Weise miteinander korreliert, um eine systemische Verstrickung zu entwickeln. Die daraus resultierenden Konflikte unterhalten sich selbst. Woelk hat geschickt den Szenen inhärente Tempuswechsel als Taktgeber für einen nicht allzu hoch reichenden, dafür aber weitgehend kontinuierlichen Spannungsbogen genutzt, der immer dann einen kräftigen Ausschlag bekommt, wenn sich etwa die Ereignisse rund um den SEK-Einsatz in dem besetzten Haus zuspitzen, das Harald bewohnt und in das kürzlich auch Jenny eingezogen ist. Das hat Auswirkungen bis in Ruths akademisches Universitätsleben. Ebenso spannend ist Ruths Suche nach einem passenden Widerpart, nicht zuletzt Jennys Irrungen und Wirrungen auf ihrem weiteren Weg ins Leben. Beide wären ums Haar an den Falschen geraten.
Tröstlich bleibt die Hoffnung des Lesers, der sich bestens gerade mit den Darstellungen der Psyche der weiblichen Figuren identifizieren und mit ihnen fühlen kann, dass (fast) alle ihren Weg fortsetzen können, und wir gerne an ihrem Schicksal Anteil nehmen. Damit verbinden sich die versöhnlichen Seiten des Lebens, etwa mit folgenden Sätzen: „Die Tage werden heller. Am Montagmorgen steht die Sonne so hoch am Himmel, dass es Ruth beinahe überrascht. Das Licht, gesiebt durch die noch unbelaubten Kronen der Straßenbäume ist weich, lebendig und wärmend.“ – Trost des Lebens.
Ingo-Maria Langen, August 2026
