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Via Conci
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Leipziger-Buchmesse-2019 (3)

Rembrandt

Claus Volkenandt
Rembrandt

Die Porträts

Wbg THEISS, Darmstadt 2019

176 Seiten, geb., Schutzumschlag,
zahlreiche Farbabbildungen

 

Apostel Paulus

Narrative sind die eine Seite der Münze, mit der sich der Mensch die Welt erschließt. Er hört gern Geschichten, die seiner Phantasie Raum geben, sich zu entfalten. Bilder sind die andere Seite jener Münze, die Wirklichkeit erzeugt. Die christliche Ikonografie legt beredtes Zeugnis davon. Rembrandts „Selbstporträt als Apostel Paulus“ bringt beide Seiten zusammen: jene des Zweifels als Erkenntnisproblem und jene der Gnade als Gottes Gabe, die sowohl den Apostel als auch Rembrandt bedacht hat. Der weiße Turban, die Ausgabe des Alten Testaments in seinen Händen und das Schwert als symbolische Beigabe des Apostels: der robuste Verteidiger Christus kam vermutlich eben selbst durch ein Schwert zu Tode. Paulus in der Gnade der Verkündigung, Rembrandt in der Gnade der Malerei, beide im Zweifel über ihre Segnungen und doch im Glauben an sich selbst (und die Mission) von ihrem Gelingen überzeugt: das Glück des Menschen in der Befreiung durch die Liebe Gottes. Bei Rembrandt ist es die Einsicht, auch als gefeierter Künstler noch ein Empfangender von Gottes Segen zu sein.

Szenischer Alltag

Rembrandts Werk zu betrachten heißt, sich immer auch mit dem Thema Chiaroscuro zu beschäftigen. Die Ausstellung „Rembrandt -Caravaggio“ 2006 im Rijksmuseum in Amsterdam setzte dazu einen außergewöhnlichen Punkt: sie arbeitete neben der Helldunkel-Meistertradition gerade auch die Porträtentwicklung Rembrandts auf. Die bislang geltende Porträtkonvention brechend, greift der Künstler etwa bei „Jan Rijksen und seiner Frau“ (1633) auf ein szenisches Alltagsbild zu, welches das Verhältnis der Eheleute untereinander zeigt: Momenterfassung, Wirklichkeitstreue und Authentizität standen hierbei im Vordergrund. Sie ermöglichen für den Betrachter ein Gefühl des „Dabeiseins“, des Miterlebens einer Szene, die sonst verborgen bliebe und deshalb umso mehr Interesse weckt. Volkenandt arbeitet die Situation präzise auf, zeigt über die Beschreibung der Kleidung bis zu den Arbeitsutensilien auf dem Schreibtisch jenen intimen Moment, der mit den dokumentierten Aufzeichnungen über den Schiffbaumeister übereinstimmt. Volkenandt: „Auf dem Arbeitstisch, an dem er sitzt, befinden sich ein Tintenfass, ein Holzstift, einige Bücher und beschriebene Papiere sowie eine Entwurfszeichnung, die einen Schiffskiel und zwei Profile des Schiffsrumpfs zeigt. Mit dem Zirkel in seiner rechten Hand scheint Rijksen grade an dieser Zeichnung gearbeitet zu haben.“ Seine Frau bringt ihm einen Brief von offensichtlicher Dringlichkeit und mit Bezug zur Arbeit am Projekt. Die Hand von Griet noch am Türgriff, der Meister noch in Gedanken, die Wichtigkeit der Nachricht, der Moment der Übergabe, alles arbeitet in eins einander zu, ist intentional nahezu plastisch. Das zieht das Publikum in seinen Bann.

Die bislang oft funktional bis steril wirkende Porträtmalerei durchbricht bei Rembrandt nicht nur die Konvention, sondern eröffnet eine neue Erlebniswelt. Volkenandt zeigt das paradigmatisch am Doppelporträt von „Cornelis Claesz. Anslo und seiner Ehefrau Aeltje Shouten“ (1641). Das Bild fordert den Zuschauer bereits ob seiner Größe heraus: 173 x 207 sind ein opulentes Format, mit dem der Mennonitenprediger und Tuchhändler sich der waterländischen Gemeinde Amsterdams präsentierte. Das Bild, vorgesehen für sein neues Haus, dürfte eine größere Öffentlichkeit beeindruckt haben. Anslo war ein begnadeter Prediger und erfolgreicher Unternehmer, hier proträtiert in der Ausübung seines Amtes als Laienprediger, seiner Frau mit sprechender Geste zugewandt und doch über sie hinaussehend. Dieser Fingerzeig seiner linken Hand scheint als psychologischer Prädikator seine Ausführung zu bekräftigen. Anslos Frau sitzt mit leicht geneigtem Kopf und blickt an ihm vorbei auf die aufgeschlagenen Bücher, die sich auf dem Schreibtisch neben dem lässig davorgeworfenen orientalischen Teppich stapeln. Hier wird eine „brüderliche Ermahnung“ (Mat. 18, 15 – 20) ausgesprochen, deren Adressat Aeltje Schouten, stellvertretend für die Gemeinde, aufmerksam und demütig lauscht, ihren Blick auf die Bibel auf dem Tisch gerichtet, der Interaktion von Hören und Sehen Raum gibt. Die vergleichbare Porträtierung Jan Rijcksens vor dem jeweiligen Berufsumfeld bezeugt bei Anslo eine doppelte Symbolisierung in iterativem Selbstbezug: von der Schrift zur Zuhörenden und zurück. Die Schrift als referenzielles Medium ausgedrückt über den Prediger, gerichtet an die exemplarische Zuhörerin (Gemeinde). Volkenandt: „Auch hier motiviert der szenische Anlass nicht allein die Porträtierung, sondern wirkt in sie hinein. Cornelis Anslo wird von Rembrandt als höchst engagierter Prediger gezeigt, dem das Predigen wesentlich ist. Aeltje Schouten als eine Gläubige, die die rechte Haltung zum Hören der Predigt zeigt. Das wiederum lässt sich einerseits in Zusammenhang bringen mit der enormen Größe des Bildes und andererseits mit der Untersicht, in der die Porträtierten dargestellt sind. Beides spricht dafür, dass das Doppelbildnis im Haus Anslo höher als üblich an der Wand hing, um sowohl Anslo als Prediger als auch Aeltje Schouten als Rechtgläubige zu würdigen.“

Der Band entfaltet die Präsenz Rembrandts immer aufs Neue mittels Gegenüberstellung verschiedener Bilder (Selbstporträts) aus unterschiedlichen Schaffensperioden, durchaus mit dem entsprechenden Sozialbezug aus dem Leben des Malers. Immer wieder ist die Mode eine akzentuierte Attribuierung, beruflicher Kontext (besonders die Gruppenporträts aus der Anatomie) oder die Lebensspuren im Gesicht der Modelle: Zuschreibungen, Ausdeutungen und Lebenserfahrungen, die uns mitgeteilt werden. Plastizität und Ausdruck gehen dabei eine Selbstbezüglichkeit ein, aus der heraus Authentizität für den Betrachter entsteht.

Volkenandt gelingt das Kunststück, den Leser über seine Beschreibung und Interpretation gleichsam auf einen fruchtbaren Pfad in die Welt Rembrandts hineinzuziehen, aus der wir noch für unsere Zeit Erstaunliches lernen.

Ingo-Maria Langen, Januar 2024