Interview Nora Bossong

Nora Bossong, studierte Literatur, Kulturwissenschaft, Philosophie und Komparatistik an der HU-Berlin, in Potsdam sowie an der Sapienza in Rom. Ausgezeichnet wurde sie unter anderem mit dem Peter-Huchtel-Preis sowie mit dem Kunstpreis Berlin und dem Roswitha-Preis. Im Herbst 2019 stand ihr Roman „Schutzzone“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Bildnachweis © Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

Frau Bossong,

im Dezember 2019 konnten Sie den Kranichsteiner Literaturpreis entgegennehmen. Dieser bedeutende Preis wird vom Deutschen Literaturfond Darmstadt seit 1983 herausgegeben. In ihrer Dankesrede zitieren Sie einen portugiesischen Aphorismus: „Menschrechte sind für rechte Menschen, oder auch: für rechtschaffene, für passende, für die richtigen Menschen.“ Was verbinden Sie mit diesem Satz?

 

Nora Bossong: Diese Redewendung, die auch in der derzeitigen Regierung Bolsonaro die Runde gemacht hat, bringt die Ambivalenz der Menschenrechte auf den Punkt. Die Menschenrechte müssen wir nicht nur schützen, sondern auch die Frage stellen, ob sie auch wirklich in der Praxis für alle Menschen gelten. Was sagen Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft aus, führt es dazu, dass Menschen als nicht „richtig“ oder „wertvoll“ genug erachtet werden, um ihnen Rechte zuzugestehen, um ihnen, um es noch klarer zu sagen: das Menschsein zuzugestehen? Warum erleben wir immer wieder dieselben Mechanismen von Ausgrenzung, Stigmatisierung und Diskreditierung? In der Praxis werden häufig nicht die Menschenrechte eingeschränkt, wohl aber der Kreis, für den sie gelten. Wir dürfen nicht aufhören hinzusehen und konkrete Missstände zu benennen.

 

In Ihrem Roman „Schutzzone“, erschienen 2019, schreiben Sie über die Arbeit Ihrer Heldin Mira, die bei den Vereinten Nationen arbeitet. Sie verfügt im Gegensatz zu ihren Kollegen nicht über eine professionelle Schutzhaut. Was bedeutet unsere Fähigkeit zur Verletzlichkeit?

 

Nora Bossong: Diese Fähigkeit geht vielem voraus. Was wir als stark wahrnehmen, ist manchmal ein Schutzmechanismus, eine Abwehr genau dieser Verletzlichkeit. Die eigene Verletzlichkeit ermöglicht überhaupt erst, auch wahrzunehmen, wie wir selbst verletzen können. Die Verletzlichkeit führt zu unserem eigenen Kern. Diese Erkenntnis wie auch das Empfinden dazu zuzulassen sind die Voraussetzungen dafür, zu überlegen wie wir all jenen begegnen können, die Schutz brauchen.

 

Literarisches Schreiben lebt neben einer guten Geschichte in erster Linie von den Figuren: ihrer Zerrissenheit, ihrer Anlage zur Normverletzung, innerer Gebrochenheit. Wie würden Sie Ihre Protagonistin Mira dazu charakterisieren?

 

Nora Bossong: Mira ist eine Figur, die früh schon erlebt hat, dass so etwas wie Schutzzonen zerbrechlich sind, dass Schutz nichts ist, worauf wir immer vertrauen können. Sie ist eine Person mit einer gewissen Haltlosigkeit. Dabei ringt sie selbst um einen Halt, an den sie glauben kann, auch wenn sie spürt, dass ihr dieser immer wieder abhandenkommt. Die Stärke von Mira liegt darin, aus schwierigen Situationen auf Menschen zuzugehen und nicht in Starre zu verharren. Dass genau deshalb Menschen auch auf sie zugehen und ihr mehr anvertrauen, als zu erwarten wäre.

 

Die in „Schutzzone“ beschriebenen Krisenländer Afrikas haben Sie besucht. Wie haben Sie – als zum Teil allein reisende Frau – die damit verbundenen Gefahren wahrgenommen?

 

Nora Bossong: Ich habe mich vorab informiert, wie problematisch eine Reise sein könnte. In den Ostkongo wäre ich alleine nicht gereist. In Ruanda ist man als Touristin ziemlich sicher. Der Staat greift sehr rigide durch, die Möglichkeit, dass einem da etwas passiert, was nicht gerade begrüßenswert ist, allerdings das Reisen recht sicher macht.  Burundi ist ein Land, das ich vor dem Putschversuch besucht habe, als es ruhiger war. Von der Überlegung nach dem Putschversuch nochmals hinzufahren, habe ich Abstand genommen, da ich das Risiko zumindest von hier aus nicht absehen konnte.

 

Mira Weidner, eine unzuverlässige Ich-Erzählerin? Der Leser hat oft den Eindruck einer Überforderung, die er als Widersprüchlichkeit im Verhalten oder Denken der Figuren empfindet, zu erliegen. Erzählen mit Leerstellen, Brüche in der Wirklichkeit der Institutionen, der Menschen und Figuren – das Leben mit Lügen! Die Lüge als Komfortzone?

 

Nora Bossong: Die Lüge ist keine Komfortzone. Aber ich glaube, die Lücke ist etwas ganz relevantes, das Mira in ihrer Erzählung immer wieder benutzt. Sie ist in gewisser Weise immer wieder eine unzuverlässige Erzählerin: sie lässt Dinge aus. Es gibt ein Bild im Roman, das zeigt, was diese Lücken mit unserer Imagination machen. Eine Kopie des Gemäldes „Guernica“, das bei den Vereinten Nationen in New York hängt. Bevor Colin Powell seine Rede zur Überzeugung des UN-Sicherheitsrates für den Einsatz im Irak-Krieg hielt, wurde es verhüllt. Möglicherweise wird etwas, das schon immer da war und nun abwesend scheint, umso deutlicher sichtbar. Genauso ist auch die Erzählweise von Mira Weidner: das, was sie ausspart, was die anderen aussparen, tritt so besonders deutlich hervor. Ein Beispiel: Die Reise ihres Gastvaters Darius im Frühjahr 1994, von der immer wieder gesagt wird, er sei in Genf gewesen, obwohl er nie dort gewesen sein kann. Die Leerstelle um diesen April wird umso sichtbarer. Das ist auch etwas, das wir in unserer eigenen Erinnerung beobachten können: Wir erzählen unsere eigene Geschichte so, wie wir sie gerade aushalten.

 

Der Titel „Schutzzone“ hat eine doppelte Funktion im Roman. Wie lässt sich diese Funktion am besten beschreiben?

 

Nora Bossong: Die Schutzzone ist im Roman ein gebrochener Begriff. Die erste Assoziation dazu ist möglicherweise die Schutzzone Srebrenica, die keine Schutzzone war. Wir sehen das gebrochene Versprechen der Politik der Friedenssicherung und die daraus erwachsene Katastrophe. Dann haben wir die private Schutzzone, die Familie, die ebenfalls brüchig ist. Hier wird ein Schutzraum behauptet, der nicht aufrechterhalten werden kann. Damit verbunden immer auch: dass wir Menschen, die Schutz benötigen, diesen nicht gewähren können.

 

Wir haben über Mira als unzuverlässige Erzählerin gesprochen. Würde zu ihr das Konzept einer Antiheldin passen? Einer Figur, die in ihrer ganzen Gebrochenheit, als Projektionsfläche gesellschaftlicher Ambivalenzen ihrem Lebenskampf, all der Anstrengung letztlich scheitern muss? Weil sie Ausdruck der Paradoxien unseres Lebens ist? Genauso wie die Institution UNO?

 

Nora Bossong: Das kann man wohl so ausdrücken. Für mich ist es eine sympathische Figur (einigen Kritikern ging es anders). In ihrem ganzen Scheitern, den Fehlern, die sie begeht, empfinde ich Mira als sehr menschlich, nahbar. Sie kämpft um Aufrichtigkeit gerade in Situationen, in denen sie nicht ankommt. Sie kommt nicht an gegen das ‚Immer wieder‘, gegen die Hemmnisse der großen Institutionen, die selbst durchaus das Richtige wollen und wünschen und dennoch ist es oft weniger als eine Sisyphusarbeit, denn der Stein kommt gar nicht erst in Bewegung. Die ganze Vergeblichkeit kristallisiert sich in ihrem Leben besonders stark heraus. Das große Scheitern der Vereinten Nation bricht sich in ihr nochmals herunter. Gleichwohl würde ich sagen: das ‚Nie wieder‘ muss uns dazu anspornen nicht nachzulassen und nach jedem Scheitern wieder neu zu beginnen. Dies Utopie muss uns als Richtschnur dienen. Gerade das Scheitern macht diese Unzulänglichkeiten sichtbar und mahnt uns im Kampf um Menschlichkeit und um Schutz nicht nachzulassen.

 

Sprache als eigener Akteur macht das Durchspielen der Widersprüche gerade auch der Figuren deutlich. Kann Sprache, erzählerische Darstellung, alle diese Facetten fassen, anschaulich machen, ohne zugleich am verhandelten Thema zu verzweifeln?

 

Nora Bossong:  Literatur kann Diversität, Paradoxien, oder Widersprüchlichkeiten von Abläufen nicht zuletzt auch in Satzstrukturen abbilden, Details, die sich sowohl im politischen als auch im privaten Leben zeigen, miteinander verknüpfen. Sie kann erzählen vom Kleinen ins Große oder umgekehrt, vom öffentlichen oder vom emotionalen Leben.

 

Das Buch behandelt eminent politische Themen: den Völkermord in Burundi und Ruanda, Gut&Böse&Dazwischen, das Versagen der UNO als Institution in der politischen Wirklichkeit vor Ort. Gibt es Anknüpfungspunkte, die Frieden und Gerechtigkeit zwischen den Völkern mit dem Instrument der UNO noch realistisch erscheinen lassen? Oder müssen die Vereinten Nationen einer Generalrevision unterzogen werden?

 

Nora Bossong: Das schließt sich nicht unbedingt aus. Ich glaube, dass die Vereinten Nationen sich kontinuierlich in einem Reformprozess befinden, kritisch reflektieren, gescheiterte Einsätze haben ja im Nachhinein Konsequenzen gehabt. Dennoch gibt es zwei markante Probleme bei den UN, die sehr statisch wirken. Das eine ist der Sicherheitsrat, in dem mächtige Länder mit einem Vetorecht sitzen, und sich, wollte man dies ändern, selbst ihre Macht wegnehmen müssten. Das bleibt es ein wesentlicher Konstruktionsfehler der Vereinten Nationen. Das zweite Problem: Die Vereinten Nationen sind immer nur so gut wie ihre Mitglieder. Stark nationalistisch oder autokratisch ausgerichtete Regierungen werden kaum danach trachten, im Sinne des Ganzen mehr Altruismus an den Tag zu legen. Das ist das Problem, das wir mit einer Weltgemeinschaft immer haben werden. Die Fragen inwieweit Zivilgesellschaft mehr eingebunden werden kann, inwieweit das Machtgefälle zwischen einflussreichen Ländern und weniger einflussreichen behoben werden kann, das sind Themen, über die weiter nachgedacht werden muss. Die Vereinten Nationen aufzugeben wäre sicher die falsche Antwort.

Frau Bossong, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

Ingo-Maria Langen, Januar 2020

 

Nora Bossong
Schutzzone

Roman, Suhrkamp Verlag, 1. Auflage Berlin 2019, 332 Seiten 24.- €

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