Eindrücke vom 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund

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Was für ein Vertrauen! – Das Losungswort des Kirchentags ist eines über den Tag hinaus: In einer Zeit, die geprägt ist von Misstrauen, von Angst, von Wut und Hass, bedeutet es einen mutigen Schritt, hervorzutreten und sein persönliches Vertrauen zu bekennen. In was denn? So ließe sich zynisch fragen! Wer sich da zu Gott bekennt, sich dazu bekennt, sich in seine Arme fallen zu lassen, huch, der wird schnell als frömmelnder Spinner bespöttelt. Schon Jesus musste diesen Spott und Hohn ertragen, bis hin zu seiner Kreuzigung. So sind wir Menschen nun mal. Angegriffen fühlen sich oft die Zweifler, die Unsicheren, die Hin- und Hergerissenen. Doch auch sie wissen: Das uns bedingungslos geschenkte Vertrauen durch Gott kann mich tief in meinem Inneren berühren. Ich muss es nur zulassen. Punkt. Tun wir aber oft nicht.

Was für ein Vertrauen – in einer gegenwärtigen Gesellschaft, die sich selbst ins Zerreißen stellt. Die Migranten angreift, Täter hinnimmt, die Politiker angreifen, hinrichten, ganz ohne öffentlichen Aufschrei des Entsetzens, den man zu Recht hätte erwarten können und müssen. Es sind die wenigen, die öffentlich Stellung beziehen, die sich nicht fürchten, die zu Recht anklagen und aufrufen!

Was für ein Vertrauen – als Christenmensch kann man nie unpolitisch sein. Das gilt es zu bekennen, nach drinnen wie draußen. Daraus erwächst die Frucht des Christentums: das Miteinander, das Helfen, das In-die-Mitte-Nehmen, gerade für die Schwächsten. Doch es bedeutet auch, denen keine Stimme zu geben, die sie nicht verdienen, weil sie die geschenkte Möglichkeit missbrauchen, Hetze verbreiten, zur Desintegration aufrufen, der Verrohung der Sprache das Wort reden und dazu aufstacheln, daraus Taten abzuleiten.

Wo kommen diese Entwicklungen her? Die Fachleute sind uneins. Klar scheinen aber grobe Muster: Angst vor Verdrängung, vor Überforderung, vor Kontrollverlust… die Globalisierung, die Nachrichtenflut, die Komplexität der Welt, ihre Bedrohungen – die Liste ist lang. Solche kritischen Momente hat auch der Veranstaltungsort erlebt und muss sie vielfältig weiter ertragen. Dortmund steht stellvertretend für den Prozess des wirtschaftlichen (teilweise auch politischen) Strukturwandels. Historisch: Kohle und Stahl – aktuell Digitalisierung, KI, Dienstleistung, Fraunhofer, Dienstleistung oder auch Phönix-See, der größer als die Hamburger Binnenalster ist. Ohne Vertrauen in die Zukunft, die eigenen Fähigkeiten und letztlich auf Gott, wäre das wohl nichts geworden.

Gelebte Veränderungen

Hans Leyendecker, Kirchentagspräsident, spricht in diesem Zusammenhang davon, dass dieser Kirchentag eine Mitte habe, von kurzen Wegen profitiere. „Er wird die Stadt verändern und die Stadt wird den Kirchentag verändern“, heißt es in seiner Erklärung zur Pressekonferenz am 19. Juni. Dieser Kirchentag sei „gesellschaftliches Forum und Glaubensfest“ in einem: „Glaubensfest und politischer Kirchentag – beide müssen gleichwertig sein.“ Auch für ihn sind die genannten Ängste in der Bevölkerung greifbar. Er fügt noch hinzu: „Alte Wahnideen und Verrücktheiten erleben eine Renaissance. Wer hätte vor ein paar Jahren noch gedacht, dass in Europa wieder der alte Nationalismus grassieren würde?“ Die Polarisierung alter Feindbilder neuen Zulauf bekäme? Oder Menschen Unterstützung bekommen, die „über eine Abschaffung der Demokratie nachdenken?“ Leider bleibt es nicht bei diesen Überlegungen. Hass, Bedrohung und Gewalt sind mitten in der Gesellschaft angekommen, werden über die sozialen Medien in Anonymität ungehindert verbreitet. Was treibt diese Leute? Ist es nur die schiere Möglichkeit, die Wut des eigenen Lebens an anderen auszulassen? Oder liegen die Ursachen tiefer? Wahrscheinlich ist, dass sie individuell strak divergieren, objektive Bedingungen mit gefühlten vermischt werden. Verstärkt werden diese Entwicklungen über eine Verrohung der Sprache, gerade auch im Öffentlichen Raum. Politiker bedienen sich einer Rhetorik, die enthemmt, oft grenzüberschreitend ist. Das muss nicht nur erschrecken, es darf sogar Angst machen. So spricht Leyendecker davon, dass aus seiner Sicht der Kirchentag immer auch eine konservative Veranstaltung ist: Ein Format, das Werte vertritt, Werte verteidigt. Die Menschenwürde, die Bewahrung der Schöpfung, die Suche nach Gerechtigkeit. Konservative Werte, gerade aber nicht rechtsextreme, nationalistische, rechtsradikale. So sei auch zu verstehen, dass die AfD keine Bühne für die Verbreitung ihrer Ansichten auf dem Kirchentag bekommen habe. Denn es sollen positive Zeichen von Menschen für Menschen gesetzt werden: vom Bundespräsidenten, drei Vorgängern, der Kanzlerin, Friedensnobelpreisträgern.

Die Zivilgesellschaft lebt davon, sich einzumischen

„Vertrauen ist die Grammatik des christlichen Lebens“, formuliert Julia Helmke, Generalsekretärin Deutscher Evangelischer Kirchentag. Und weiter: „Wer aus der Bibel dieses Vertrauen zieht, der kann nicht anders, als sich einzumischen in die zivilgesellschaftlichen und politischen Fragen unseres Lebens. Die Bereitschaft, zu vertrauen und die Bereitschaft zu konkretem Handeln gehören zusammen.“ Das bedeute auch, sich in Krisen auf die eigene Stärke zu besinnen, zuzuhören, Mut zu machen. Gerade wenn die Kirchen als Institutionen Teil dieser Krise sind. Ein solches, mutiges Zeichen ist die „Container.Kiez.Kirche“ in der Dortmunder Nordstadt. 29 Container werden zu einem temporären Dorf als Beispiel für Kirche im urbanen Raum. Helmke: „Das Projekt bietet von Jugendlichen konzipiert einen Raum für Stille, für Klage, für Inspiration, für Lebensfreude.“ In einer sich schnell wandelnden Welt soll Hilfe im Miteinander und Füreinander angeboten werden. Das gilt auch für den roten Faden des Kirchentags: Migration, Anerkennung und Integration als praktisch gelebte Werte des Christentums.

Präses Annette Kurschus nimmt den Faden auf. Die große westfälische Vielfalt präsentiere sich in Dortmund: „Ostwestfalen, evangelisches Kerngebiet, das katholische Münsterland, wo die Protestanten in der Minderheit sind, Sauerland und Siegerland, landschaftlich reizvolle Landstriche mit eigenwilligen Menschen.“ Beim Abend der Begegnung am Mittwoch präsentieren sich die 28 westfälischen Kirchenkreise mit Kultur, Mitmach-Angeboten, Gesprächen und Spezialitäten. Diese Vielfalt schließe auch Veränderung ein: Ein Zentrum für Wandel, das sich mit Transformationsprozessen beschäftige. Solchen Wandel kenne bereits die Bibel. Das Ruhrgebiet stehe exemplarisch dafür. Was Wandel könne, lasse sich hier wie in der Fläche besichtigen. Wandel setze Kraft frei, befähige Menschen Herausforderungen zu bestehen. Ähnliches gelte für das neue Zentrum Sport, erstmals auf einem Kirchentag. Da gelte es für die Besucher sich selbst auszuprobieren, aber auch der Frage nachzuspüren was dauernder Leistungsdruck mit Menschen mache oder wie ihn Erfolg, Ruhm und Geld verändern können.

Woher nehmen, von dem wir so viel brauchen, das so schwindet?

Zurück an den Beginn wendet sich ihre Frage nach dem Vertrauen. Wenn die Gewissheit, in mein Leben Vertrauen zu können, so sehr schwindet, dass ich mich ängstige vor den Herausforderungen, die mich erwarten, worauf soll meine Kraft gründen? Die Umbrüche erodieren das Selbstverständliche, im öffentlichen Raum gleichviel wie im Privaten. Woran kann ich mich halten, wie kann ich die Spannungen und Schmerzen, die damit verbunden sind, aushalten? Vielleicht indem wir uns zusammenfinden, mit alten und neuen Freunden, Bekannten, Helfern, so wie diese sich für die Unterstützung zum Aufbau und zur Durchführung des Kirchentages in Dortmund gefunden haben! Aber ich muss mich selbst eben auf den Weg machen, kann nicht darauf warten, dass andere mich abholen, muss aktiv werden. Ich darf sicher sein, es finden sich diejenigen, die mit Zeit, Ideen und Herzblut bei der Sache sind, für die Sache brennen! Auch das ist ganz im Sinne von Annette Kurschus gelebtes und erarbeitetes Vertrauen. Es lässt sich ergänzen: im Vertrauen auf Gott in meinem Rücken.

Diese Aussicht spiegelt sich gleichfalls in den Themen des Kirchentags: Migration, Klima, Frieden, Europa. Christen sind nicht herausgenommen aus der Welt, sozusagen auf einer Insel geparkt und damit für sich. Sie sind mitten im Weltgeschehen und das bedeutet, auch und gerade am politischen Geschehen teilzuhaben, es mitgestalten zu müssen. Das macht die Nachfolge Christi aus. Deshalb ist das Engagement für ein solidarisches Europa aus der Sicht von Annette Kurschus unverzichtbar, angesichts der Entwicklungen in unseren Nachbarländern, aber natürlich auch bei uns. Vertrauen muss auf einem Fundament gründen, das nicht nur uns trägt, sondern auch Menschen anderen Glaubens mit einbindet, das integrieren kann. Denn das Vertrauen unseres Christseins ist unabhängig von Entwicklungen um uns herum, ist ein Kraftpol, aus dem wir schöpfen, um die Welt mitzugestalten. Die Grundbotschaften des christlichen Glaubens sind der Anker für uns alle, der uns hilft Orientierung zu finden. Aber Glaube ist auch kein frommer Kitt gegen die Erosionen unserer Gesellschaft. Glaube stiftet keine Antworten. Dafür müssen mutige Fragen gestellt werden, Fragen, die durchaus auch schmerzhaft sein können, um gerechte Antworten zu finden. Insoweit bedeutet Christsein neben dem Licht der Welt eben auch das Salz der Welt und gegebenenfalls in der Wunde der Gesellschaft zu sein. Christsein ist kein Wohlfühlprogramm aus einem Katalog. Das heißt konkret: Parolen, die dem Gemeinwesen zuwider laufen, ihm Schaden zufügen müssen Christen aktiv entgegentreten. Es muss nicht zusammengebunden werden, was nicht zusammengehört. Missstände sollen klar benannt, Grenzen gezogen werden.

Aufschlussreich im Zusammenhang mit dem alltäglichen Überschreiten von Grenzen, dem selbstverständlichen Umgang von Diskriminierung in der Mitte der Gesellschaft (sic!), liest sich der Beitrag des Literaturwissenschaftlers und Soziologen Klaus Theweleit in der F.A.S. vom 23.06.2019, dem letzten Tag des Kirchentags: Theweleit schreibt unter der Überschrift „Mit an der Spitze wird das nichts“ über den neuen Antifeminismus, der mitten unter uns immer mehr Platz greift. Die eindimensionalen Bilder von Familie als Keimzelle des Staates aus den fünfziger Jahren (man goggle nur mal die einschlägige Werbung dazu – Beispiel Pudding von Oetker) fänden zunehmend Verbreitung und Zustimmung bei (na klar!) den Männern. Die alten Vorurteile damaliger Geschlechterverhältnisse werden reaktiviert (Heimchen am Herd), hierarchische Strukturen (der ‚Mann‘ ist das Oberhaupt und basta), die Frau wird zurechtgewiesen (kennt man doch, richtig!), die Ordnung wird wiederhergestellt (tun Faschisten gerne, weil sie Unordnung scheuen wie der Teufel das Weihwasser), denn Unordnung ist schwer kontrollierbar. Ebenso wie diese Leute Gleichheit der Menschen aus dem Konzept bringt (schließlich sind wir ja alle unterschiedlich!). Dass wir alle so unterschiedlich sind, bedeutet dann auch, einige sind überlegen, viele Kulturen unterlegen, weiß über schwarz, intelligent über dumm. Theweleit pointiert: „Wo sich solche ‚Haltungen‘ – und um körperliche Haltungen handelt es sich; um Ängste, nicht etwa um ein bestimmtes ‚Denken‘ von politisch extremen Rändern her – in die sogenannte Mitte der Gesellschaft bewegen, ist es beinahe zwangsläufig, dass der Journalismus dieser ‚Mitte‘ beziehungsweise deren Politiker mit antiweiblichen Formulierungen aufwarten (untergründig oder offen). Öffentlich agierende Frauen geraten in angreifbare Positionen. (…) Wenn mehr oder weniger ‚alle‘ so reden, ergibt sich eine Art selbst erteilter Erlaubnis dafür. Dafür braucht MANN keine Bibel oder anderes religiöses Regelbuch.“ Noch Fragen?

Ein abschließender Gedanke, der weder zum Kirchtag, noch zum letzten Absatz zu passen scheint. Doch eben dieser Schein trügt: Im Peloponnesischen Krieg schreibt Thukydides auch über die Stasis, den Bürgerkrieg in einzelnen Stadtstaaten (bes. Athen und Sparta), dass sich ein Klima des vollkommenen Misstrauens unter der Bevölkerung entwickelte, über Brandreden, Aufstachelung, Rufmord, übler Nachrede, Diskriminierung, mit der Folge, dass Nachbarn übereinander herfielen, brandschatzten, Massaker verübten. Lassen sich bei uns Graswurzeln für so etwas erkennen? – Grenzen setzen, Salz in die Wunde streuen, da kann man der Präses Kurschus nur zustimmen. Wir müssen erkennen und verteidigen, was wir in 70 Jahren geschaffen haben. In diesen Tagen ist Jürgen Habermas 90 Jahre geworden. Ich habe ihn selbst erlebt an der Uni Münster. Er hat die Entwicklung der jungen Bundesrepublik maßgeblich und kritisch begleitet. Seine Forschungen zum herrschaftsfreien Diskurs oder zum Strukturwandel der Öffentlichkeit waren Meilensteine in der öffentlichen Diskussion. Mögen wir den Mut im Glauben finden, diesen Faden weiter zu führen, neue Fäden daran zu knüpfen. Im Sinne des historischen Jesus im (schwesterlich/brüderlichen) Miteinander, das geistige Band im Band des Herzens fortzuführen, um einander die persönliche Sorge zu schenken, die wir ALLE brauchen, neu für jeden Tag.

Es grüße Sie herzlich, Ihr’
Ingo-Maria Langen

Juni 2019

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