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Der ignorante Patient

Der ignorante Patient – Wozu wir in einer Werte-Demokratie noch die römisch-katholische Kirche brauchen?

Anknüpfende Literatur u.a.: Halbfas, Kurskorrektur; Reisinger, Von der Endlichkeit der katholischen Kirche; Ruster, Balance of Powers; Küng, Kirchenreform.

Die römisch-katholische Kirche leitet ihren Anspruch als einzige Institution weltweit über zweitausend Jahre nahezu unverändert zu bestehen und gehört zu werden vom Evangeliumsauftrag ihrer Gründung ab (Mt. 16,18). Gemessen an heutigen Maßstäben ist das eine nahezu übermenschliche Leistung, weshalb sich zu Recht fragen ließe: ist da Gottes Hand im Spiel? Staaten zerfallen, werden neu gegründet, bis heute entstehen über (regionale) Kriege neue Machtzentren, werden Grenzen neu gezogen. Der Vatikanstaat als solcher besteht zwar auch erst annähernd hundert Jahre, doch das ist eben nur die staats- bzw. völkerrechtliche Konstitution eines nachgelagerten Gebildes, dessen Kerninstitution die Kirche selbst ist.

Das 21. Jahrhundert ist wie viele seiner Vorgänger und doch bemerken wir zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkrieges, dass die Veränderungen, denen wir in Deutschland wie auch weltweit unterliegen, Spuren hinterlassen. Sichtbare Spuren. Die europäischen Gesellschaften sind aufgewühlt, polarisiert, teilweise tief gespalten. Die Re-Nationalisierung bohrt Löcher in die EU wie die Schweiz in ihren Käse. Polen und Ungarn haben Rechtsstaatsverfahren der EU am Hals, Zweifel am gemeinsamen europäischen Haus sind allgegenwärtig, rechtspopulistische Strömungen und Parteien feiern ihr politisches Comeback. In Deutschland sind wir gesegnet mit der gewieften Rhetorik einer „AfD“, die immer wieder die Knobelbecherfraktionen abkühlen und ausmisten muss, mit Protestbewegungen, die vor der Islamisierung des Abendlandes (Deutschlands) warnen und schließlich noch mit Verschwörungsmärchenerzählungen, die den Leuten einreden, bald gäbe es eine New World Order.

Die Kirche warnt selbstverständlich vor solchen Entwicklungen und steht den etablieren politischen Akteuren zur Seite, tritt öffentlich dafür ein, NICHT „AfD“ zu wählen, rät zu Besonnenheit und Bürgervernunft. Das Problem: die eigene Glaubwürdigkeit. Hätte die katholische Kirche so offen wie heute zum Boykott einer im Bundestag und vielen Landesparlamenten (verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden) gewählten politischen Partei aufgerufen, die Replik wäre vernichtend ausgefallen: Kirche und Staat sind getrennt (na ja, nicht so ganz wie im laizistischen Frankreich etwa), Priester dürfen während ihres aktiven Dienstes nur über eine Freistellung ein politisches Mandat anstreben oder ausüben, die Kirche soll sich allgemein zurückhalten und im Sinne der caritas tätig bleiben. Doch mal ehrlich: Wer nimmt an den Aufrufen heute Anstoß? Selbst die so abgekanzelte „AfD“ bleibt auffällig zurückhaltend. Das ist begründet. Allen ist bewusst, dass wir uns bereits auf einer schiefen Ebene befinden. Noch zeigt sich nicht die Beschleunigung einer Schussfahrt. Doch weiß auch niemand, ob die Pandemie aus diesem Jahr nicht zum ultimativen Brandbeschleuniger wird, je nachdem wie extrem sie sich entwickelt. Grundsätzlich gilt: Je mehr Angst, desto mehr schotten sich die Leute ab, horten Dinge, beschränken ihre Sichtweise und vertrauen nur noch wenigen Quellen. Ein Einfallstor für Verschwörungsrufe und jenen nach dem starken Mann, dem Führer, dem Erlöser.

Die pluralistische Gesellschaft – auf dem Papier

Die bundesdeutsche Gesellschaft ist seit ‘45 durch viele Krisen und Anfechtungen gegangen: die Westbindung, die Wiederbewaffnung, Mauerbau, die 68er, Nato-Doppelbeschluss, Wiedervereinigung. Trotz heftiger Ausschläge (etwa Rostock-Lichtenhagen) blieb der Konsens einer werteorientierten und wehrhaften Demokratie (BVerfG), die sich gegen Extremismus politisch und juristisch zur Wehr setzt. Dieser Konsens ist bei Wählern der „AfD“ und ihren Sympathisanten erodiert und die Erosion droht weitere Kreise zu erfassen.

Das hat auch die Kirche klar erkannt. Doch als verlässlicher Pfeiler im Ordnungsgefüge der Nachkriegsjahre ist sie nun in schwere See geraten: Die überfälligen Reformen in der Institution, die Skandale um einzelne Geistliche oder sogar ganze Orden (Stichwort: Pius-Brüder) sowie der Missbrauchsskandal, von dem es aussieht als würde die Kirche ihn kaum mehr los, haben ihre Glaubwürdigkeit, ihre Vertrauenswürdigkeit und Integrationsfunktion im Gemeinwesen fundamental beschädigt. So hat die katholische Kirche etwa neuen Millionen Gottesdienstbesucher seit 1950 verloren.[1] Bereits daran lässt sich die massive Abnahme von Bindung ablesen.

Für eine pluralistische Gesellschaft, die auf Werte, Konsens und Kompromiss ebenso angewiesen ist wie auf authentische und integere Vermittler eine schlechte Entwicklung. Beruhte die übereinstimmende Auffassung von gesellschaftlichem Zusammenhang in den fünfziger Jahren noch darauf einer Konfession anzugehören wie auch ihren Gebräuchen zu folgen, so nahm dieser Konsens bereits Ende der sechziger ab. Mit dem politischen Versprechen für den Einzelnen eine großzügige Unterfütterung für den Fall zu schaffen, dass seine „Selbstverwirklichung“ keinen entsprechenden finanziellen Niederschlag finden sollte (BSHG), brach die bereits erodierte Familienbasis (Jung bei Alt, Alt bei Jung) weiter auf. Die Singlehaushalte wuchsen überdurchschnittlich. Wohnraum wurde deutlich kostspieliger, auch weil viele Einzelpersonen Bedarf anmeldeten.

Dem hatte die Kirche wenig entgegenzusetzen, außer den bekannten und weithin (unter jungen Leuten) abgelehnten Warnungen vor Relativismus, Selbstverwirklichung, Individualismus, die als parasitär gebrandmarkt wurden. Diese unselige „Tradition“ findet sich in konservativen und reaktionären Kreisen der Kirche immer noch.

Doch die pluralistischen Werte schöpfen für unsere Gesellschaft gleichviel aus der Verfassung: die Würde des Menschen, die Freiheit, die politische Pluralität, die Offenheit für verschiedene Religionsbekenntnisse. Das ist Ausdruck des religionsneutralen Staates, der im Rahmen seiner allgemeinen Gesetze – also denen ohne Verfassungsrang – das Praktizieren von persönlichen religiösen Überzeugungen zulässt, aber eine direkte wie indirekte Einmischung von Religion in Politik ablehnt. Gewiss wird das auf Seiten der Kirchen nicht ganz so stringent verfolgt wie zu erwarten. Das hat unter anderem mit dem Wertekanon der Verfassung, aber auch mit dem ausdrücklichen Wunsch der Schwesterparteien CDU/CSU zu tun, sich dem christlichen Menschenbild auch im politischen Tagesgeschäft verbunden zu wissen. Man mag das als Konsequenz aus den furchtbaren Nazijahren sehen, als Referenz an die Kirchen interpretieren, in jedem Fall sind die beiden Parteien in guter Gesellschaft, da bereits die Gründerväter/mütter auf christliche Werte zurückgegriffen haben. Der bekannteste Wert ist sicherlich die Würde des Menschen, unabhängig von seinen sonstigen Merkmalen. Das Christentum als universelle Weltreligion strebt nach der Evangelisierung der Völker ohne Ansehen ihrer Personen, Kulturen oder Geschichte.

Auch der traditionelle Familienbegriff, der bis in die Jahre vor dem 1. Oktober 2017 (Recht auf Eheschließung gleichgeschlechtlicher Partner), als heterosexuelle Verbindung definiert wurde, findet sich in den Grundüberzeugungen (Protokolle) der Verfassungsgeber. Es war damals schwer vorstellbar, dass andere sexuelle Orientierungen zu einem Aufbrechen der festgeschriebenen Familienformen führen könnten. Heute sind Patchwork-Familien oder andere Formen gang und gäbe. Eine weitere Erosion für jene Kreise der bundesdeutschen Gesellschaft, die das ablehnen und doch feststellen müssen, dass die Kirchen trotz vollmundiger Bekundungen, nichts gegen die parlamentarischen Beschlüsse unternehmen konnten. Noch in der Schwangerschaftskonfliktberatungskrise Ende der neunziger Jahre (Verbot durch Johannes Paul II) stand die katholische Kirche im Medieninteresse, agierte die DBK (zumindest in Teilen) kontra Rom. Sie erhielt sowohl ein positives Medienecho ein als auch das Wohlwollen weiter Bevölkerungskreise. Meines Erachtens war dies das letzte Mal, das die Kirche eine Initiator- und Mediatorrolle einnahm, die ihr Respekt einbrachte.

Leere Kirchenbänke, Protestbewegungen in den eigenen Reihen („Maria 2.0“), Skandale, Reformunwillen, selbst hartgesottene Katholiken stellen bohrende Fragen. Gute Beispiele liefert die Journalistin und Autorin Christiane Florin mit ihren Büchern „Weiberaufstand“ (2017) und „Trotzdem!“ (2020). Sie quält sich ab mit der immer noch herablassenden Art und Weise „alter weißer Männer“ im Habit, die vielfach den Priesterdienst als herausgehoben und außerhalb der Gesellschaft sehen, dass ihre „Mittlerfunktion“ zwischen Gott und den Menschen sie dem Irdischen teilweise enthebt (scerdotos publicus populi Romani Quritium – öffentlicher Priester des römischen Volkes der Quiriten). Die Vermittlung ist sohin eine ganz alte Form, aus einer Zeit, in der weder die Kirche noch ihre spätere Tradition existierten.

Die westdeutsche Gesellschaft hat verschiedene Wertewandel durchlebt. Standen in den 1950er und 1960er Jahren mit ihren großen Wohlstandszuwächsen die materiellen Lebensbedingungen im Fokus, so ließ sich seit den 1970er Jahren eine Trendwende beobachten: hin zu postmaterialistischen Werten wie Selbstverwirklichung und Kommunikation.[2] Die individuelle wie auch die Kohorten-Sozialisierung ist an bestimmte Werte gebunden, die sich relativ früh prägen. Prägnant formuliert: „Einmal Materialist, immer Materialist, einmal Postmaterialist, immer Postmaterialist.“[3] Empirisch ließ sich belegen, dass mit der Zunahme gesicherter wirtschaftlicher und rechtsstaatlicher Verhältnisse eine Zunahme der postmaterialistischen Einstellungen verbunden war. Konservative Kreise ziehen diese Entwicklung als „Egoismus“ und „Werteverfall“. Zugleich führten die individuellen Freiheiten auch zu politischem (Protest)Engagement. Die jungen Bildungsschichten erfuhren dies als kommunikativen Ausdruck ihres Lebensgefühls sowie als Anspruch auf mehr gesellschaftspolitische Gestaltungsräume. In einem widerständigen Akt ertrotzten sich die Jungen ein Stück weit die Deutungshoheit gegenüber den Alten, um dem Strukturwandel der Öffentlichkeit[4] praktischen Ausdruck zu verleihen, schließlich ging es um nichts Geringeres als um bürgerlich-demokratische Ausdrucksformen im demokratisch-politischen Prozess in der Bundesrepublik. Das patriarchalische Familienverständnis begann zu bröckeln: die Ehefrau musste bis dahin noch den Ehemann um Erlaubnis bitten, wollte sie eine Arbeitsstelle antreten. Die beginnende Verselbständigung der Frauen „demokratisierte“ den Strukturwandel weiter.

In den 1990er Jahren flachte dieser Prozess ab. Fünf Typen des Wertewandels (Helmut Klages) lassen sich feststellen:[5] 1. Die Konventionalisten – sie reagieren auf Pflichtwerte und stellen Selbsterfahrungswerte in den Hintergrund. Vorwiegend ältere Menschen stellen Ordnungsliebe und Angepasstheit in den Fokus. In der Soziologie werden diese den Modernisierungsgegnern zugeordnet. 2. Die perspektivlos Resignierten – ausbleibende Lebenserfolge, Aufspüren von Nischen kennzeichnen die Gruppe. Sie suchen nach einem abseitigen Biotop, in dem sie unauffällig überleben können, umgeben von einem Zaun an Ressentiments gegenüber den Herausforderungen und Risiken einer Bürgergesellschaft. 3. Die aktiven Realisten – sozialer Wandel wird von ihnen pragmatisch angefasst, sie entwickeln eine aktive und erfolgreiche Lebensstrategie, um sich im gesellschaftlichen Prozess Aufstieg und Karriere zu ermöglichen. 4. Die hedonistischen Materialisten – bei ihnen steht die genussorientierte Selbstentfaltung hoch im Kurs, während ein Pflichtenkanon oder eine Gemeinwohlorientierung nur wenig Ausdruck finden. Leitlinie ist das Lust- und Erfolgsprinzip, solange sich nur Möglichkeiten dafür finden. 5. Die non-konformen Idealisten – prinzipiell sind sie keine Modernisierungsverweigerer. Sie behindern sich allerdings selbst in ihrem idealistischen Anspruch an die Politik, dass diese gemäß ihren Idealen umgesetzt wird. Auch hier führt die Erfahrung von Frustration zu Nischenverhalten, wo ihre Ideale „überleben“ können.

Mit diesen Binnenentwicklungen fielen die größeren außenpolitischen Entwicklungen zusammen: die Wiedervereinigung, die Intensivierung in Europa (der Euro) und die Globalisierung. Ein erhebliches Potential an Modernisierungsverlierern bündelte sich in diesem dreifachen Momentum. Das nährte die Wurzel des Radikalismus in der Gesellschaft, besonders von rechts. Nach der Gründung der „AfD“ konnte nun ein parlamentarischer Hebel (eben „falsch“ zu wählen) von diesen Gruppen angesetzt werden. Die Vereinigung von ostdeutschen und westdeutschen Rechten nach 1990 war aus dieser Sicht ein „Glücksfall“ der Geschichte. Nicht zuletzt hat es ein Björn Höcke, gebürtig aus Lünen, bis nach ganz oben in die Parteispitze, dieses „gärigen Haufens“ (A. Gauland), geschafft. Die ostdeutsche Xenophobie hat dabei geholfen, denn Rostock-Lichtenhagen war Ausdruck eines systemischen Überdrucks und Überdrusses gegen die sozialistischen Brudervölker aus der Ferne. Eine gewisse Wiederholung erfuhr dieser Furor im Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingskrise. Hätten wir diese Menschen damals nicht aufgenommen, vielleicht wäre die „AfD“ heute Geschichte.

Diese gesellschaftlichen Prozesse haben viele Menschen überfordert. Bis zur Wiedervereinigung, vielleicht sogar bis zur Jahrtausendwende, gab es relativ „sichere“ Tendenzen im gesellschaftlichen Fortschritt. Im Anschluss daran nahm die Geschwindigkeit und die Intensität der Umbrüche zu. Die Globalisierung gefährdete oder vernichtete Arbeitsplätze, die beginnende Digitalisierung überforderte viele, die Weltfinanzkrise begrub viele Träume (und Erspartes), ließ Unsicherheit und Angst zurück. Dann kam die Flüchtlingskrise. Für die Ostdeutschen begann dieser Alptraum schon mit dem Einsetzen der sogenannten „Treuhand“. Radikal wurde alles dem Markt unterworfen, wer nicht mithielt fiel durchs Raster und in die Sozialhilfe. Diesen Schock haben viele Bürger nicht verarbeitet, ihr Leben stand Kopf. Statt eines Anpassungsprozesses mit Augenmaß, der die Menschen mitnehmen konnte, setzten sich die Marktliberalen durch, die vor dem ausschließlichen Verlust von Wettbewerbsfähigkeit warnten, dass wir uns die Vereinigung nur leisten könnten, wenn wir kräftig rationalisierten, was zu bedeuten hatte: weg mit Arbeitskräften, die nicht mithalten können. Die daraus gespeiste Wut, der Frust oder auch die Resignation, wenn ganze Familien abrutschen, die schließlich auch ein Arbeitsleben vorzuweisen hatten, man kann ihn nur erahnen. Selbstverständlich ist man hinterher immer schlauer. Aber die warnenden Stimmen, den Prozess langsamer, überschaubarer zu gestalten, sie wurden im hektischen (politischen) Marktkonformismus überhört. Parteipolitische Überlegungen sind ebenso anzunehmen, schließlich sollten „blühende Landschaften“ entstehen und die nächsten Wahlen wieder gewonnen werden.

Verschwörungsmythen als Klebstoff

Sind die genannten disruptiven Prozesse für sich genommen schon schwer zu verdauen, kommt in 2020 noch die Pandemie hinzu. Auch hier versuchen sowohl links- als auch rechtsextremistische Kreise ihre Botschaften unters Volk zu bringen. In bunter Mischung traf man diese Kreise auf den sogenannten „Corona-Demos“. Die Achtlosigkeit mit der dort mit fundamentalen Werten unserer Demokratie umgegangen wurde, machte sprachlos. Bis hin zum versuchten und kläglich gescheiterten Sturm auf das Parlament. Drei (!) mutige, unbewaffnete Polizisten stellten sich der Menge (oder soll man sagen dem „Mob“?) entgegen und verhinderten ein Eindringen. Die bemühten Bilder gleichen sich: Bill Gates als Milliardär, der uns alle krank impfen lassen will, „die“ Rothschilds als globale Finanziers einer Hintergrundregierung, die alles übernehmen soll und letztlich die „New World Order“, in der wir von heimlichen Mächten regiert werden, unsere Freiheit, unsere Individualität, unsere Persönlichkeit und materielles Auskommen verlieren sollen. Sklaven sollen wir werden, Versuchstiere. Natürlich befördert durch die jüdische Weltverschwörung. Und diese Sicht der „Dinge“ macht vor Bildungsbürgern keineswegs halt, zeigen doch die Äußerungen von Medizinern, Naturwissenschaftlern und anderen deren persönliche „Platon-Höhle“.[6] Hinabgestiegen in die dunkle Unterwelt, können sie nur mehr den Schatten an der Wand sehen und müssen die Deutung der Welt einem Führer von draußen überlassen. In ihrer Angst eingeschlossen oder auch in perfidem Ruhm- oder Profitstreben begründen sie unberechtigte Zweifel (selbstredend nicht im Popperschen Sinn) und verkaufen dies im Namen ihrer eigenen Professionalität den Anhängern, während sie doch selbst in der Höhle sitzen. Blume hat das an prominenten Beispielen durchdekliniert: etwa Martin Heidegger. In „Sein und Zeit“, zeitgleich mit „Mein Kampf“ erschienen, beschreibt Heidegger: für die „existenziale Verfassung der Erschlossenheit des Daseins ist die Rede konstitutiv für dessen Existenz. Zum redenden Sprechen gehören als Möglichkeiten Hören und Schweigen. An diesem Phänomen wird die konstitutive Funktion der Rede für die Existenzialität der Existenz erst völlig deutlich.“[7] Dem steht das bedeutungslose „Gerede“ von anderen gegenüber, die jene Textur des Gedankens nicht verstanden haben, jedoch darüber sprechen oder sogar Kritik üben. Das ist die „Bodenlosigkeit des Geredes“. „Das Gerede ist die Möglichkeit, alles zu verstehen ohne vorgängige Zueignung der Sache. Das Gerede behütet schon vor der Gefahr, bei einer solchen Zueignung zu scheitern. Das Gerede, das jeder aufraffen kann, entbindet nicht nur von der Aufgabe echten Verstehens, sondern bildet eine indifferente Verständlichkeit aus, der nichts mehr verschlossen ist.“[8] Blume zieht daraus den (zutreffenden) Schluss: „Verschwörungsgläubige zielen nicht auf Mitdenker, sondern auf Mitläufer.“[9] Da kann akademische Würde durchaus signalisieren: Wir stehen auf der richtigen Seite! Doch das Leben ist nie unterkomplex. An seiner Komplexität müssen wir uns messen lassen oder wir werden scheitern. Verschwörungsfantasien binden da nur unnötig Potenzial, das anderswo besser verwertet wäre: in gesellschaftlicher Hilfe, wissenschaftlicher Forschung etc. Doch wenn ich einmal den Weg hinab in die platonische Höhle gewählt habe, dann werde ich mit jeder Bestätigung aus meinem Umfeld neu ermuntert, bis irgendwann die Höhlenrealität meine Realität ist, die ich auf die Welt (da draußen) projiziere. Lügen, Fake-News, Echokammern werden zu meiner einzigen Herzkammer, die ich für „die“ Welt halte. Anderes sehe und höre, rieche und schmecke ich nicht mehr, weil meine Mission der Verschwörung mich bis ins Letzte erfüllt: der baldige Endsieg, der baldige Weltuntergang. Nochmals Blume: „Nur wenn Populisten ihre jeweilige Basis durch feste Abschottung von anderen und mittels ständiger Erregung von jedem ‚Gerede‘ miteinander abhalten, bleibt der sachlich falsche Verschwörungsmythos wirksam. Wo immer Zeit und Raum für offene Diskussionen bleibt, scheitert Verschwörungsglaube.“[10]

Aktualität der christlichen Botschaft in einer disruptiven Gesellschaft

Die Verkündigung der christlichen Botschaft in Verbindung mit der jesuanischen Ethik wie wir sie aus der Bergpredigt gut kennen (Mt. 5 – 7) ist eine aktuelle Aufgabe der Kirche. Ihr Engagement gegen Extremismus und Populismus könnte eine Konstante sein, ein Leuchtturm, der einen Weg weist hin zu gemeinschaftlichem Verständnis, Respekt, Anstand, Demut und Hilfsbereitschaft. Doch ihre Rufe verhallen, die Kirche bleibt in der Pandemie leer, die eigene, selbst verschuldete Legitimitätsfalle raubt ihr den Ruf und die abwehrende Reformbereitschaft verstört selbst tief verwurzelte Gläubige. Da fällt es schwer Gehör zu finden gegen einfache Wahrheiten, Komplexitätsreduktion politischer Extremisten oder solcher, die als Biedermann daherkommen, zugleich wissenschaftliche Forschung abwerten und auf Führerlösungen pochen. Zumal die Wählersoziologie etwa der „AfD“ nicht mehr so eindeutig ist wie ehedem, finden sich doch inzwischen Teile der „Mitte der Gesellschaft“ durchaus bereit, sowohl deren Inhalte als auch Angriffe auf die Institutionen (Lügenpresse, Corona-Diktatur, Merkel-muss-weg) zu tolerieren. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass weder Bildung, noch sozioökonomischer Erfolg vor antidemokratischen Überzeugungen schützen. Hier zeigen auch die Ergebnisse der Präsidentenwahl in den USA: selbst die afroamerikanische Bevölkerung hat in Teilen (etwa Florida) Trump gewählt, obwohl der nicht zu ihren Wohltätern zählt. Welche Botschaft liegt darin? Es fehlt der Blick auf die Gesellschaft als Ganzes, ihre Heterogenität, ihre Vielschichtigkeit in der eigenen Wahrnehmung und den individuellen Kriterien, nach denen sie urteilt. Das ist ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, den die Kirche ebenso für sich meistern muss wie die anderen Institutionen. Über das richtige Format wird viel gestritten, das eine kann es sicher nicht geben, die Zielgruppen sind zu heterogen. Es wird neben klassischem Bildungsangebot in Form von Vorträgen, Seminaren, Workshops auch interaktive Möglichkeiten kreativen Theaters und anderer Varianten geben müssen. Auch Beratungsstellen zu Populismus und Extremismus haben hier ihre Stelle bei der Kirche. Ebenso die Netzwerkarbeit: Partnerorganisationen, die in die Öffentlichkeit gehen, ein pluralistisches Profil und „klare Kante“ bieten (Beispiel: Amadeu Antonio Stiftung), um Personen anzusprechen, die Kirche eher fern oder sogar ablehnend gegenüberstehen. Ebenso ist jedes Gemeindemitglied gefragt, Position zu beziehen: Überall wo das christliche Menschenbild infrage gestellt wird, wo Minderheiten ausgegrenzt, Sexismus oder Homophobie Platz greifen, muss jeder von uns Haltung, die rote Karte zeigen: so nicht! Das wird Widerspruch, Anfeindungen oder Übleres provozieren. Aber das Evangelium zu leben ist kein Kuschelkurs, es braucht Zivilcourage. Beim Anschlag in Wien retteten zwei muslimische Kampfsportler erst eine ältere Dame und dann einen angeschossenen, schwer verletzten Polizisten. Er hat überlebt. Ihre Motivation: Wir sind Menschen dieser Gemeinschaft in Österreich und fühlen uns solidarisch. So einfach kann das gehen, selbst unter Lebensgefahr.

Soziologische Konsolidierung in der Kirche?

Wie gelingt Integration und Bindung in der Kirche? Wie kann die frühere Klammerfunktion Kirche, die weit über ihre Kernfunktion hinausgeht, wieder für die Gesellschaft als Ganze fruchtbar gemacht werden? Dazu müsste sie in den Augen vieler Gläubiger und Interessierter einen öffnenden Kurs fahren, Vielschichtigkeit zulassen, diverse Lebensformen des Alltags anerkennen, unter ihrem Dach zusammenführen – gewiss ohne den Kern ihres Anliegens (das Evangelium) zu entkernen. Keine Reform um der Reform willen. Aber einem offenen, eher liberal ausgerichteten (Reform)Kurs der Kirche steht ein Gedanke aus dem Pontifikat Benedikts XVI. gegenüber, der zum Ausdruck bringt, dass Kirche etwas homogenes, amalgames sein soll, der Fels der göttlichen Wahrheit im tosenden Sturm des Lebens. Die Idee dahinter: Eine Kirche des Herrn, die vielleicht zur heutigen Weltkirche ein Zehntel ausmacht, das jedoch befolgt treu die Gebote und Verbote seiner Institution, verhält sich absolut konform, ist rechtschaffen dem Hirten gegenüber und unterwirft sich dem Willen der Leitung, anerkennt bedingungs- und vor allem kritiklos das Wirken der Oberen.[11] Diese Kirche wäre eine reine Kirche Gottes. Möge sich der Rest ruhig abspalten, er würde zu einer Popularkirche verkommen, die nicht mehr als Folklore zu bieten hätte. Diese unter Konservativen konsensfähige Einschätzung zeigt auch hier die Spaltung: Gräben innerhalb der Kirchenführung wie auch in der Weltkirche, die nicht überbrückbar scheinen. Die konservative Seite gründet ihre Argumente auf die Offenbarung Gottes, die unabweislich auf ihrer Seite stehe: Schrift und Tradition. Jenseits von Schrift- und Textkritik bleibt „Tradition“ noch erheblich unschärfer. Seit Eric Hobsbawm und Terence Ranger das Begriffspaar „Erfundene Tradition“ zu Beginn der achtziger Jahre in die Diskussion einführten, haben wir einen geschärften Blick auf derartige Formulierungen. Bei der „Erfundenen Tradition“ handelt es sich um imaginierte, also in der jeweiligen Gegenwart konstruierte Sitten und Gebräuche, die a limine eingeführt und rückprojiziert auf die Vergangenheit als historische Fakten erscheinen sollen. Auf diesem „Fundament“ bauen diese Traditionen dann auf. Je unsicherer die historische Quellenlage, desto reizvoller und einfacher erscheint dieses Vorgehen. Hubert Wolf hat das jüngst in zwei Publikationen nochmals nachvollzogen (H. Wolf: Der Unfehlbare, Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus, C.H.Beck 2020; „Die Erfindung des Katholizismus – Vor genau 150 Jahren wurde während des I. Vatikanischen Konzils eine Behauptung als von Gott geoffenbarte Wahrheit ausgegeben, die bis dahin ausdrücklich als falsch gegolten hatte: dass der Papst allein, ohne Rückbindung an einen Konsens der Bischöfe und die Glaubensüberzeugungen der ganzen Kirche, unfehlbare Entscheidungen fällen könne. Ein nachgerade klassisches Beispiel für Identitätssicherung durch ‚invention of tradition‘.“, FAZ 03.08.2020, S. 6). – Auf diesem Hintergrund lassen sich Verschwörungsfantasien entwickeln, die davor warnen die Heilige Mutter Kirche sei in größter Not, weil der Antichrist sich ihrer bemächtige, weshalb Einzelne oder Gruppen stigmatisiert, ausgeschlossen oder kaltgestellt werden müssen. Diese „Übersetzung“ in die Psyche des Einzelnen appelliert an Ängste, Abwehrmechanismen, niedere Instinkte, letztlich um Herrschaft zu sichern. Da die Kirche keine Herrschaftslegitimation benötigt, geht es darum, eine folgsame Herde zu haben. Zudem ist die „Übersetzung“ rationalen Argumenten nicht zugänglich, der Einzelne schnell in sein inneres Gehäuse der Hörigkeit eingeschlossen. Die Frage des kritischen Betrachters ist: Was würde die katholische Kirche gewinnen, wenn sie sich theologischen Reformen öffnete, etwa das Priesteramt für Frauen zugänglich machte? Die meisten (umstrittenen) Themen (Zölibat) sind wissenschaftlich im Sinne einer Reform geklärt, andere noch zu bearbeiten. Wahrscheinlich würde die Kirche in ihrer Leitung bis hinein in die Gemeinden weiblicher. Eine Vorstellung, die den Autor nicht erschreckt.

Deutschland in der Glaubenskrise?

Blenden wir für einen Moment zurück in die BRD der Nachkriegszeit, in der ein Schutzmann noch eine Institution war, der man Respekt zollte, ja gehorchte. Nicht im Sinne übertriebener Obrigkeitshörigkeit (das lehrte die Geschichte geradezu genau), wohl aber im Sinne der Achtung vor der Institution, paternalistisch gesprochen vor Vater Staat. Der Rahmen war gesetzt, kollektive wie individuelle Entwicklung möglich und nötig.[12] Die Kirchen noch gut besucht, Kirchspiele große Feste. Weit weg scheinen diese Bilder heute. Geschüttelt von Skandalen (Bsp. „Erzbistum Köln: Missbrauchsgutachten bleibt komplett geheim“, katholisch.de, 04.11.2020), gegängelt von Rom (Bsp. „Stolperstein auf synodalem Weg: Roms Instruktion überrascht Bistümer“, katholisch.de, 21.07.2020), die Deutsche Bischofskonferenz zerstritten auf dem Synodalen Weg, die Krise der Institution ist allenthalben greifbar. Die Selbstbeschäftigung lässt die Gläubigen zunehmend ratlos zurück. Der Kernauftrag das Evangelium zu verkünden, in der Öffentlichkeit wird er kaum mehr wahrgenommen. Die Presse berichtet breit über den Verfall.

Die Glaubensverkündigung tritt in den Hintergrund. Stattdessen dominieren zunehmend die Sozialen Medien den Informations- und teilweise auch den Lebenshorizont der Gläubigen. Spiritueller Verfall greift um sich, die allumfängliche Verfügbarkeit von „Information“ und „Wissen“ führt zu einer Überflutung individueller wie kollektiver Wahrnehmung mit dem extremen Abwehrreflex zur Komplexitätsreduktion. Das, was wir heute erleben ist für Wissenschaftler mit umfangreichen Datensätzen durchaus normal, aber eben in einem wissenschaftlichen Kontext. So aber werden wir tagtäglich überfordert und neigen dann dazu uns von der Flut entledigen zu wollen. Das trifft auch den Autor, denn keiner kann ganz ohne abzuschalten immer Vollgas fahren. Das laugt aus. Ruhe gibt es kaum mehr, Kontemplation? Die Wahl in den USA ist ein Beispiel dazu wie sehr selbst das uns hier beschäftigt, obwohl wir nur indirekt betroffen sind.

Hinzu kommt, dass das Wissen von uns nicht generiert wird (ja, wird es), sondern rein verfügbar erscheint. Anders gewendet: ich muss mir kaum noch etwas erarbeiten, im Netz kann ich schon etwas zu meiner Frage finden. Welche Qualität das dann hat, das sei mal dahingestellt. Ich habe aber den Eindruck, lernen brauche ich nicht mehr, erarbeiten brauche ich mir auch nichts mehr, wozu mich noch abstrampeln? Wieso noch den alten Ritualen folgen? Wieso noch Konventionen befolgen? Identität, Würde, sozialer Zusammenhalt? Macht doch eh jeder sein Ding. Der Glaube geht vom Einzelnen aus, die Gemeinschaft stärkt den Einzelnen und wirkt von unten, das festigt den inneren Frieden in mir. Ein Bild aus fernen Zeiten.

Der erodierende Fels in der Brandung

Nochmals ein Blick zurück: Die Einführung der katholischen Soziallehre mit der Enzyklika „Rerum Novarum“ (1891) unter Leo XIII. kennzeichnet drei Prinzipien: (1) die Personalität des Individuums geht der Gemeinschaft voraus. (2) Solidarität als Verantwortungsprinzip zwischen den Individuen. (3) Subsidiarität der kleinen Einheiten, um möglichst nah vor Ort passgenaue Möglichkeiten zu schaffen. Die Grundüberlegungen christlicher Soziallehre gelten den Grenzerfahrungen menschlichen Lebens (Armut, Krankheit, soziale Ungerechtigkeit, Unfreiheit, Krieg). Sie liegen im Zielkonflikt mit dem Schöpfungsauftrag: Arbeit für alle, Würde für alle, Frieden und Entwicklung für alle – getragen von gegenseitiger Solidarität. Die großen Arbeits- und Sozialkämpfe der alten BRD liegen zurück im letzten Jahrhundert, die Wohlstandzugewinne sind messbar, wenngleich lange nicht alle Gerechtigkeitslücken geschlossen sind. Derzeit sind wir weit von solchen Kämpfen entfernt. Ein gewisser Überdruss regiert unseren Alltag: der wievielte Urlaub? Wohin? Das neue Auto, die neue Einrichtung, die berufliche Weiterentwicklung, ein Zuwachs an Status. Zeichen einer Ego-Gesellschaft mit komfortablem Ich-Bezug bei gleichzeitiger Ellenbogen-Mentalität: Hedonismus gepaart mit Rücksichtslosigkeit, gepaart mit entsolidarisiertem Gemeinsinn. In diesem Zusammenhang wird gerne von Werteverfall gesprochen. Welche oder wessen Werte verfallen da? Wieder einen Blick auf die zäh zu Ende gehende Wahl in den USA gerichtet: Grob zwei Lager stehen sich gegenüber. Das „linksliberale“, das seine Werte von Solidarität, Hilfsbereitschaft, Unterstützung der Schwächeren, mit einem erneuerten Gerechtigkeitsversprechen verbindet. Demgegenüber das „konservative“ Lager im Grunde das auch alles verspricht, aber mit einer wesentlich anderen Fokussierung. Die GOP bezieht sich auf ihre und nur ihre Stammwählerschaft. Die MAGA-Wähler sollen profitieren, es geht nicht um eine Repräsentation aller US-Bürger. Genau das ist von dieser Gruppe auch gewünscht. Deshalb toleriert sie von den Evangelikalen bis hin zu den Stahlarbeitern alle Regelverletzungen, Lüge, Betrug, Willkür und Benachteiligung Schwächerer. Es verbinden sich also interessengeleitete Wähler (Evangelikale) mit Wut-Wählern, denen Anstand so wenig bedeutet wie ihrem Operetten-Präsidenten: „Die Existenz einer Wählerschaft, für die offenkundige Verlogenheit und Niedertracht, Rücksichtslosigkeit und Selbstverliebtheit ihres höchsten Repräsentanten gleichgültig ist. (…) Es sind mithin neuerlich die Wähler Donald Trumps mehr als er selbst, es ist ihre politische Mentalität, was jetzt interessiert. Von ihr haben alle, die sich seinen Sieg nach wie vor nicht vorstellen wollen können, offenbar ein falsches Bild. Trump sagt ihnen, Biden führe den Sozialismus im Schild, und es wirkt. Er bietet ihnen mit dem Begriff „Fake News“ ein Instrument zur Abwehr jeglicher Diskussion an, und sie ergreifen es gerne. Er höhnt über „looser“ und sie lachen, als würde er sie nicht genauso verhöhnen, wenn es ihm nützlich wäre. Eine falsche Aussage der Gegenseite genügt ihnen, jedweder Aussage der politischen Gegner kein Gehör zu schenken. Weil es für sie gar nicht politisch Andersdenkende sind, sondern schlechthin andere Leute. Den eigenen Leuten, vor allem dem Präsidenten, der sie gut unterhält, sehen sie hingegen alles nach. Sie halten ihn für einen wie sie.“[13] Die Werte einer Gesellschaft ergeben sich im Ringen um Konventionen, die oft ungeschrieben in den Gesellschaftsvertrag Eingang finden. Waren dies in antiken Zeiten die griechische „epimeleia tes psyches“ (Sorge um die Seele) oder etwas später die „cultura anima“ (Cicero), beide mit ihren ausgeprägten Tugendformen als Leitfunktionen für das Gemeinwesen, so wandelte sich dies im MA hin zu einer religiös geprägten Lebensform, bis schließlich im 19. Jahrhundert die Ästhetisierung und Ökonomisierung der Lebensgestaltung die wichtigsten Treiber der Kultursoziologie wurden.

Die „Seelsorge“ stand also mal im Zentrum. Zu Recht! Denn diese Sorge stellt das kulturhistorische Fundament dar, auf dem wir uns bis heute im Westen entwickelt haben. Da ist die Sorge des historischen Sokrates der frühen Dialoge Platons. Da ist die späte Sorge Platons mit ihrem Ideal der Herrschaft der Philosophen für die poleis. Dafür steht besonders die episteme, als das Wissen, begründet durch Erkenntnis, geprüft durch Dialektik und Rhetorik, eine Grundhaltung des Forschens und Suchens. Weil die Seele aber immer durch Vielheit und Zweifel oder Widerspruch zwischen unterschiedlichen Tendenzen hin- und hergerissen wird, ist es Aufgabe der Forscher über Erkenntnisgewinn die Seele zu festigen. Daraus können Autorität und Gerechtigkeit erwachsen, beide dienend für das Gemeinwesen, also mithin dem Einzelnen. Nicht zuletzt umfasst diese Sorge auch diejenige für sich selbst, also die Beziehung von Leib zu Schicksal und dem Leben nach dem Tod.

Das ist dann die eschatologische Frage nach der unsterblichen Seele. Das Instrumentarium für die Seelsorge ist reichhaltig. Da muss die Seele schon im Hier und Jetzt begleitet werden, um auf einen geistigen Weg zu finden, der den Eingang ins Paradies ermöglicht. Das setzt Vertrauen in die Integrität des Priesters wie dessen Kirche voraus. Beides lässt sich in unseren Tagen nur sehr zurückhaltend transportieren. Die Wut in weiten Teilen des Kirchenvolks der römisch-katholischen Kirche ist groß, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken dringt mit Macht auf Reformen und veränderte Beteiligungsprozesse. Es gibt aber auch eine Gegenbewegung an der Basis: Das Forum Deutscher Katholiken richtet sich an engagierte Laien, die den römisch-katholischen Glauben in unverkürzter Form, wie er im Katechismus gelehrt wird, leben wollen. Ihre Bereitschaft liegt in der Verteidigung der angestammten Lehre (etwa der Ablehnung von Homosexualität) und der Betonung der unbedingten Papsttreue. Man könnte mithin von einer Graswurzel-Gegenbewegung sprechen. Ein Kernanliegen dieser Gruppe ist die Re-Evangelisierung Europas, dem über den Wertrelativismus, Individualismus und die mangelnde Romtreue eine geistige Erosion drohe, die bereits im politischen Leben vieler Mitgliedsstaaten festgestellt werden könne. Dem Forum gehören u.a. Heinz-Josef Algermissen, Paul Josef Kardinal Cordes, Peter Gauweiler, Gabriele Kuby wie auch Gerhard Kardinal Müller an. Man könnte dies eine konservative Spur nach Rom nennen.

Trotzdem? Wie ließe sich das kirchliche Fundament wieder festigen, um einen übergreifenden Orientierungspunkt zu finden?

Gibt es einen Ansatz, der nach allem, was hier sperrig und kontrovers diskutiert wurde, noch Hoffnung bietet zu einer Orientierung zu finden, die aus dem bisherigen Gesellschaftsvertrag für uns herauslesbar oder zumindest mittels einer gemeinsamen Kraftanstrengung unterzubringen wäre? Dazu könnten wir den Begriff der „Umkehr“ in den Mittelpunkt stellen. Bereits in frühchristlichen Zeiten gebraucht, mahnt er die Gemeinde, die Bindung zu Gott zu halten, seine Gesetzte zu ehren und im Miteinander die jesuanische Lehre zu leben: „Das in Jesus zugängliche Heil der Gottesherrschaft ist ein Wert, für den es sich lohnt, alles dahinzugeben, was einem bisher wichtig war. Hiervon nicht weit entfernt ist auch das Gleichnis vom klugen Verwalter (Lk. 16,1-8), denn auch hier wird eine geglückte Reaktion auf Jesus erzählt. Jesus selbst kommt in V. 1-3 vor: Sein Auftreten entzieht den vertrauten Existenz- und Heilsorientierungen der Menschen die Grundlage und verlangt von ihnen, sie in einer Weise neu zu justieren, die in radikaler Diskontinuität gegenüber dem steht, was ihrem Leben bisher halt  und Sicherheit gegeben hatte. Eben das tut der Verwalter, und er wird darum auch für seine Klugheit gelobt (V. 8a). Sein Verhalten wird den Hörern des Gleichnisses als ein positives Beispiel für die von Jesus verlangte Umkehr präsentiert. In Lk. 13, 24par kleidet Jesus die Umkehrforderung in die Metapher vom ‚Hineingehen durch die enge Pforte‘.“[14]

Das ist der innere Verkündigungsauftrag der Kirche an die Gemeinde. Er ist Konsens religiöser Konvention, also einer Erwartungshaltung zum Heilsgeschehen, das die Gemeinde und mit ihr die Kirche im Diesseits bereits auf den Weg bringen soll. Der Einzelne kann nicht allein stehen, er braucht Gemeinschaft. Zum Schutz wie zur Selbstvergewisserung. Zugehörigkeit heißt eingeschlossen sein in einen Kreis, heißt Identifikation in Wert, Ethos und Menschlichkeit, christliche Zivilisation. Das muss Kirche im sich wandelnden gesellschaftlichen Prozess leisten: Wie gestalten wir in der postindustriellen Gesellschaft den Marktkapitalismus, wie den Vorsorgestaat? Die Corona-Krise zeigt uns die Unverfügbarkeit grundlegender Güter einer Gesellschaft wie die Gesundheitsvorsorge als systemrelevant. Das war sie schon immer. Nur bestand in den letzten siebzig Jahren nie die Herausforderung einer Pandemie. Hier müssen wir überdenken, wo der Markt Fehlentwicklungen produziert und wie wir diese zurücknehmen. Wohlstandsversprechen ist nicht gleich Kontingenzversprechen. Die christliche Botschaft geht über dieses Wohl weit hinaus. In der jesuanischen Lehre drückt sich das direkt aus und für uns soll das Nachdenken darüber zu einer Umkehr im Sinne einer lebensnahen, einer „verbeulten Kirche“ führen, die den gesellschaftlichen Fortschritt an der Teilhabe der Ärmsten misst, nicht am BIP oder ähnlich gängigen Kennzahlen.

Des Weiteren gehört zu einem erneuerten Versprechen der Kirche Orientierung für die Gemeinde (Gemeinschaft), dass Teilhabe neu gedacht wird. Das dreifache Amt Christi und seine pragmatische Umsetzung in der Gemeinde ermöglicht andere Formen der Gemeindeleitung bis hin zur Feier der Eucharistie und darüber hinaus. Das wirkt hinaus in das Beziehungsgeschehen: christliche Vision und gesellschaftliche Potenziale, ein Wechselprozess für das Wir, um Herausforderungen nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu bestehen.

 

Ingo-Maria Langen, Januar 2021

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2637/umfrage/anzahl-der-katholischen-gottesdienstbesucher-seit-1950/

[2] Vgl. Hans-Peter Müller: Wertewandel, in bpb, 31.05.2012 https://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138454/werte-milieus-und-lebensstile-wertewandel

[3] Ebd.

[4] Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit, Luchterhand Verlag 1962

[5] Hans-Peter Müller, Wertewandel, FN 2

[6] Zum Platon-Komplex: Michael Blume: Verschwörungsmythen – Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können, Patmos 2020

[7] Heidegger, Martin: Sein und Zeit, Max Niemeyer, Tübingen 1979, S. 161, Hervorhebungen im Original.

[8] Ebd. S. 169. – Ähnlich, aber zur aktuellen Pandemie-Situation: Sascha Lobo – 2021 wird das Jahr des Gelabers, SPIEGEL-online 30.12.2020 https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/coronakrise-2021-wird-das-jahr-des-gelabers-kolumne-von-sascha-lobo-a-eac7027d-cb63-4f4a-b022-88601ff3deaf

[9] FN. 6, S. 105

[10] FN 6, S. 110

[11] Vgl. Andreas Englisch: Der Pakt gegen den Papst, C. Bertelsmann 2020, 405; ders.: Der Kämpfer im Vatikan, C. Bertelsmann, 7. A., 2015, 192

[12] Nicht zu vergessen: Die in der Wäsche gewaschenen Alt-Nazis, die sich unbehelligt in die BRD retten konnten und oft an prominenten Positionen saßen, ohne dass sich die Öffentlichkeit daran störte, solange nichts von „damals“ publik wurde. Prominent: Hans Filbinger, MP BWB, ehemals Marinerichter, der noch drei Wochen vor Kriegsende einen Soldaten verurteilte, an Todesurteilen war er zuvor ebenso beteiligt. Bis zuletzt verteidigte sich Filbinger und seine Juristengeneration. Rolf Hochhuth schalt ihn daraufhin einen „furchtbaren Juristen“. Siehe auch: Ingo Müller, Furchtbare Juristen, Kindler Verlag 1987; Neuausgabe: Edition Triamat, Berlin 2020

[13] Jürgen Kaube: Ist das auch unsere Zukunft?, in FAZ v. 05.11.2020, S. 11

[14] Wolter, Michael: Gerichtsvorstellungen Jesu, in: Jesus Handbuch, hrsg. v. Jens Schröter und Christine Jacobi, Mohr Siebeck Tübingen 2017, 391f.