WE THE PEOPLE

Jill Lepore
WE THE PEOPLE
Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung

Aus dem Englischen übersetzt von Werner Roller
und Annabel Zettel

C.H.Beck, München 2026
920 Seiten, 48.- €

Die Sterne Amerikas, ein Licht für die Welt

Verfassungen, Änderungsanträge, oberste Gerichtsentscheidungen in Verfassungssachen sind in (zumeist westlichen) Rechtsstaaten Alltagsvorgänge, die von der öffentlichen Berichterstattung selten aufgegriffen werden, oft sind die juristischen Vorgänge komplex und nur für Spezialisten nachvollziehbar. Selbst einzelne Abgeordnete können solchen Texten und Regelungen nicht immer folgen. Im Falle des Bundestages erledigt dessen wissenschaftlicher Dienst Stellungnahmen oder Gutachten dazu und steht den Abgeordneten so zur Seite. Wir haben uns daran gewöhnt und schenken dem als Bürger meist kaum Beachtung.

Aber die Entwicklung von modernen Verfassungsstaaten ist noch nicht sehr alt und die Vereinigten Staaten von Amerika sind in diesem Zusammenhang nicht nur Vorreiter der westlichen Welt, sondern sowohl in der Tiefe als auch in der Breite der Verfassungsanlage im Zusammenhang mit dem obersten Souverän, dem Volk, ein Vorbild an Rechtsstaatlichkeit im 18. Jahrhundert. Das harte Ringen um die Verfassung(en) der USA, die kritische Auseinandersetzung mit Beteiligungsrechten der Bürger, der Streit um die Wahlberechtigung, die Änderungsanliegen und ihre Anträge, kurz das zähe, kontroverse, aber über weite Stecken auch stolze Ringen um die erste geschriebene Verfassung beginnt Lepore mit eindrucksvollen Erzählungen und bewegenden Bildern, die jene Geschichte der amerikanischen Rechts- und Bundesstaatsentwicklung lebendig werden lässt. Bereits in den ersten Kapiteln, die von diesem Prozess erzählen, wird dem Leser die Bedeutung des Vorgangs klar vor Augen geführt. Unsere Selbstverständlichkeit, mit der wir Verfassungsarbeit zur Kenntnis nehmen, wird dabei im besten Sinne erschüttert: nicht etwa über Vorgänge wie die Skandalisierung der gescheiterten Wahl einer Kandidatin zum Bundesverfassungsgericht, sondern in der grundlegenden Weise wie die Menschen sich seinerzeit für die Schaffung einer Verfassung ins Zeug gelegt haben, wie sie gerungen haben um die „checks an balances“, um die Möglichkeiten für Schwarze und andere nicht privilegierte Menschen, sich beteiligen zu können, Gehör zu finden und ihre Vorstellungen von einer freiheitlichen neuen Gesellschaft zu artikulieren. Der Entwurf des schwarzen jungen Mannes Paul Cuffee etwa, der gemeinsam mit seinem Bruder einen schriftlichen Änderungsantrag vorlegte, der den Kasus „no taxation without representation“ thematisierte („Einkommenszensus“), ist so eine Erzählung.

Der Gleichheit nach gleich zu sein…

Das hätte für die Frauen bedeutet in ihrer Eigenschaft als Bürgerin ebenso der Verfassung zustimmen zu können und zu müssen wie die Männer. Doch war jedoch nicht vorgesehen. Erst der 19. Zusatzartikel schaffte hierzu Klarheit: 1920! Gleichwohl waren die Frauen vielfach indirekt beteiligt: sie führten große Häuser, gaben Gesellschaften, knüpften und hielten Kontakte. Und sie wurden aktiv. Anne Willing Bingham etwa stritt 1790 für die Frauenrechte in Zeitungsartikeln, und forderte offen nachratifizierte Änderungen der Verfassung, da im Vorfeld nicht zu erreichen sei, was doch unumgänglich sein müsse. So blieb „ihr ruheloser und aufsässiger Geist“ wie Lepore luzide formuliert einem der wichtigen Indikatoren der Verfassung eingeschrieben: dem Änderungsantrag. Doch bis zur formalen Anerkennung, die ja auch eine streitige Durchsetzung ermöglichte, glich der Gesellschaftsvertrag eher dem Ehevertrag. Und der Akt politischer Widerständigkeit gegen die Besteuerung zu obstruieren wurde seitens der englischen Krone mit der Vergewaltigung der USA in eins gesetzt, gedruckt 1774 in England, ein gelungenes Pamphlet jener Zeit. Lepore seziert es en détail.

Die Frauen bleiben aktiv, organisieren sich in Komitees, halten Konferenzen ab, veröffentlichen politische Stellungnahmen, bringen praktisches Handeln mit politischem Statement in Einklang: so die Tee- und Stoffresolution 1774 und das darauf hin ausgelöste Presseecho, das die Frauen als mit größerem politischem Geschick ausgestattet porträtiert. Eine Klatsche für die emsigen Herrn Delegierten. Insoweit werden wir Zeuge einer gesellschaftspolitischen Entwicklung, die Frauen als sehr aktiv, geschickt und durchaus den Herrn ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen zeichnet. Auch wenn das alles rund 250 Jahre zurückliegt, fragt der Leser sich durchaus: Was ist heute soviel anders? Wer hat das Sagen im Staat, der Wirtschaft, der Gesellschaft? Der Geschlechterunterschied beschreibt auch heute noch folgendes: der Mann denkt vom Manne her, die Frau bedenkt die anderen mit. Und je mehr die extreme Rechte, gerade im Verbund mit ihrer evangelikalen Widergängerin, ihren Platz zurückerobert, desto mehr „Manosphere“ werden wir zurückbekommen. Keine guten Aussichten, sagt der Autor.

Der Streit um die Auslegung der Verfassungen

Verweilen wir im Hier und Heute: Die Originalisten streiten um die Vorherrschaft der Auslegung der US-Verfassung mit den Progressiven und Liberalen, die eine „Living Constitution“ reklamieren, also eine den Lebensverhältnissen anzupassende Verfassung (Auslegung), gegenüber dem Literalismus, der nur den Wortsinn als solchen zur Auslegung zulässt. Diese Form der hermetischen Bedeutung einer Verfassung spielt insbesondere der politischen Rechten in die Karten. Deren Verbindung zur evangelikalen Fraktion hat ein Interesse daran, die Macht, religiös verbrämt, für sich zu erhalten. „Deus [lo] vult“ trägt ‚Kriegsminister’ Hegseth als Tattoo. Ob er den Ursprung kennt? 1095 Papst Urban zugeschrieben zur Ausrufung des ersten Kreuzzuges. Den Verlauf der Geschichte kennen wir. Und doch weist auch der katholische Katechismus noch darauf hin: Littera gesta docet; quid credas, allegoria; moralis, quid agas; quo tendas, anagogia. Frei übersetzt: der Buchstabe über die Ereignisse, dein Glaube in der Allegorie, Moral, was du tun sollst und die Führung kommt von oben.

Hilfreich ist, die Entwicklung des Evangelikalismus als Folie für die heutigen Vorgänge zu erschließen. Ursprünglich als christliche Erweckungsbewegung gegründet und mit dem Ziel einen selbstbewussten US-amerikanischen Protestantismus im 19. / 20. Jahrhundert zu etablieren, wuchs in den sechziger / siebziger Jahren mit ihren Megachurches und einem prononcierten Umgang mit Konsum und Geld eine Mentalität unter evangelikalen Christen heran, die wenig bis gar nichts mehr mit der Demut oder Armut Jesu gemein hatte. Stattdessen wurde das alte Erlösungsversprechen der Evangelikalen gegen die neue Macht von Geld und Politik getauscht, auch über die seit dieser Zeit etablierte linksgerichtete Politik angefacht. Roe gegen Wade war da ein besonderer Zündpunkt, die Normalisierung von Homosexualität über die Änderung des DSM durch die amerikanische Psychiatrische Gesellschaft ebenso. Für die Wahl von Ronald Reagan wurden evangelikal gesinnte Wähler mobilisiert, evangelikale Thinktanks durch Vermögende gesponsert und Bildungseinrichtungen gegründet, die bis heute den intellektuellen Nachwuchs dieser Richtung prägen und ausbilden. Die MAGA-Bewegung Trumps hat die GOP übernommen und wird alles daran setzten ihre neu gewonnene Macht in Politik und Gesellschaft zu halten, der Supreme Court ist da schon ein Spiegel.

Sie ist tot. Tot, tot, tot.

Lepore wirft im Zusammenhang mit dem schlummernden Artikel V und der Unwilligkeit des Kongresses zu weiteren „Amendments“ der Verfassung im Sinne von Anpassung und Verbesserung einen interessanten Blick auf einen der prägensten Protagonisten der Neuzeit: Richter Antonin Scalia. Unter Reagan berufen, zeichnete sich bereits früh eine Persönlichkeit ab, die nicht nur ultrakonservativ bis reaktionär daherkam, sondern aufgrund ihres Könnens, ihrer Belesenheit und ihrer Sturköpfigkeit einen Strukturwandel sowohl in der Entscheidungsfindung des Gerichts als auch in der Wahrnehmung (und Wertschätzung) weiter Teile der Öffentlichkeit herbeiführte. Das intensivierte die Entwicklung der GOP sich weiter nach rechts zu bewegen, denn nun war ein Richter im Obersten Gereicht angekommen, dem es auf Textualismus und nicht auf Lebenswirklichkeit ankam. Oder anderes gewendet: diesen (politischen) Kreisen kam es auf ihre Lebenswirklichkeit an, die Maßstab für alle anderen sein sollte. In diese Zeit fällt auch die zunehmende Polarisierung des Kongresses, die mit der Übernahme der GOP durch die MAGA-Bewegung möglicherweise ihren Zenit erreicht hat, ob er überschritten ist, kann man derzeit noch nicht beurteilen. Anhand der gleichfalls heraufziehenden Polarisierung der Gesellschaft etwa über die Lebensrechtsbewegung und deren Opponenten in Reihen der Abtreibungsbefürworter, zeigt sich unter dem Brennglas die Vorzeichnung des Wegs der Originalisten, wozu einerseits die Medien stark beitrugen, andererseits in eher abgelegenen Gegenden des Landes eine mangelhafte Informations- und Diskussionsbasis evangelikalen Prätorianern das Feld überließ. Die Einflussnahmen, Ausgrenzungen, Umdeutungen, moralisierenden Schuldzuweisungen über die diversen Gruppen hinweg sind ein Spiegel der US-amerikanischen Binnenentwicklung hin auf heutige politische Verhältnisse. Der gegenwärtige Präsident mag auf den ersten Blick als taktischer Gewinn von Rechtsaußen wirken, er selbst als Person ist allerdings eher Instrument und Symptom dieser Entwicklung, die strategisch weit zurückreicht und im Grunde die USA seit ihrem Zusammenschluss begleitet. Es ist das Verdienst von Jill Lepore eine Verfassungs(krisen)geschichte der USA als allgemeine innenpolitische Gesellschaftsentwicklung geschrieben zu haben, mittels derer die Verfassung als oberste Richtlinie wider ihren Sinn instrumentalisiert und politischen Interessen unterworfen wird, obschon ihre Verfasser genau das verhindern wollten. Doch es zeigt sich: interessiert sich die Gesellschaft als solche nicht für ihre primäre Rechtsverfasstheit, zerbröselt selbst so ein wirkmächtiges und zeichensetzendes Rechtsinstrument einer der ältesten Demokratien der modernen Welt. – Wir alle: sind unseres Glückes Schmied!

Lepore vermittelt über ihren flüssigen, elaborierten Stil ein großartiges Kapitel der US-amerikanischen Geschichte, das gerade heute in Zeiten „politischer Disruption“, dem Schleifen rechtsstaatlicher und verfassungsrechtlicher Grundlagen, der Politisierung der Justiz und besonders des Supreme Courts, eine Rückbesinnung auf die historischen Entstehungsbedingungen und die große Beständigkeit der US-Verfassung bis in die Siebzigerjahre hinein aufzeigt, was neuerdings auch über die sogenannte „Tech-Elite“ ins Wanken gebracht und strukturell zu verkümmern droht oder sogar abgeschafft werden könnte. „We the People“ sollte Auftrag für die Zukunft sein, uns bei allem Wandel der Grundfeste nicht berauben zu lassen, um in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit weiter den Fortbestand unserer Demokratien zu sichern. Ein großartiger Wurf.

Personen-, Orts- und Sachregister, Nachweis der behandelten Streitfälle u.a.m. runden den gewichtigen Band ab.

Ingo-Maria Langen, Mai / Juni 2026