Von der Endlichkeit der katholischen Kirche

Phillipp Reisinger
Von der Endlichkeit der katholischen Kirche
Eine spieltheoretische und strategische Betrachtung

Amazon Kindle 1001 KB
2020
Print: 18 Seiten 1.- €

 Spotligth

 

Philipp Reisinger, Studium der Theologie und Philosophie in Rom Promotion an der LMU München, Consultant für Strategie und Corporate Foresight.

Die Überlegung, den spieltheoretischen Ansatz (als Teilgebiet der Mathematik) auf die Organisationsentwicklung einer großen, weltumspannenden Institution anzuwenden, hat Charme. Zur Erläuterung und Fundierung dieses Ansatzes: Die Spieltheorie kann man beschreiben als eine Zusammenstellung von Analyseinstrumenten, die sowohl in den Wirtschaftswissenschaften als auch den Gesellschaftswissenschaften bis hin zur Linguistik, Informatik oder Psychologie genutzt werden. Sie basiert auf einem (wechselseitig) sozialen Abhängigkeitsverhältnis der Entscheidungsträger. Im Unterschied zur Entscheidungstheorie beeinflussen die Mitglieder eines Spiels die Entscheidungen untereinander. Poker und Schach sind zwei veritable Vertreter dazu. Vereinfacht übertragen auf das Setting „katholische Kirche“ legt Reisinger dar, dass (angelehnt an die Differenz kooperativ – non-kooperativ) die rk Kirche statt auf ein unendliches inzwischen auf ein endliches Spiel setzt. Was heißt das?

Die Leitungs- und Strukturkrise der rk Kirche bindet wertvolle Ressourcen im Kampf um die Deutungshoheit nach innen, die dringend im Kampf um die Menschheit bedrängende Fragen wie etwa die Klimakrise, Migration, Kriege oder gerade auch die aktuelle Pandemie nach außen gebraucht würden. Der dramatische Vertrauens- und Ansehensverlust (s. aktuell: Andreas Püttmann, Kirchendiagnostik in der Selbstbestätigungsfalle, katholisch.de 06.07.2020) führt für die Kirche in die Selbstzerstörung. Zukunft findet dann ohne sie statt.

Warum ist das so? Beim endlichen Spiel setzt man unausweichlich aufs Gewinnen. Klare Regeln, ein Schiedsrichter, ein klares Ende. Das unendliche Spiel ist sich selbst genug. Es ist zukunftsoffen, lebt von Veränderung, ist kaum vorhersagbar. Gerade dieses Spiel müsste das der Kirche sein. Sich gemeinsam mit der Herde entwickeln. De facto steht dem jedoch entgegen: das kanonische Recht, die Sitten- und Glaubenslehre, nicht zuletzt die Tradition. Regelsetzungen mit Regelverstößen führen zu Strafen, Rollen der Akteure eng definiert, die Hierarchie in Stein gemeißelt. Reisinger: „Die Kirche kennt im Grunde genommen keine Falsifikation. Sie kennt aber Gewinner und Verlierer. Verlierer sind diejenigen, die entweder mit kirchlichen Strafsanktionen belegt oder in den Stand der Sünde fallen. Als Sieger kann betrachtet werden, wer den Lehren und Vorschriften der kirchlichen Obrigkeit treu Gehorsam leistet und im Stand der Gnade lebt.“  Anknüpfungspunkt für diese Entwicklung ist die Scheidung der zwei Schwerter. Nach dem dramatischen Verlust weltlicher Macht für die Kirche etwa am Beispiel der französischen Revolution, die ein regelrechtes Trauma hinterließ, setzte die Kirche alles daran, über Rechts- und Lehramtssetzungen den Verlust weltlicher Macht über den originär kirchlich-theologischen Raum auszuweiten: Unfehlbarkeitsdogma und Jurisdiktionsprimat prägen seit dem 19. Jh. die verfasste Kirche. Reisinger: „Es gibt im außerkirchlichen Bereich kein theologisch argumentierendes und korrigierendes Gegenüber mehr.“ Die Welt wird zur Fremdheit. Die Lehramtstheologie, angesiedelt an den Universitäten, wird fortan dem kirchlichen Magisterium unterworfen (Pius IX, Tuas libenter). Es beginnt sich die Formel vom Antimodernismus durchzusetzen, der zu einem entscheidenden Faktor für das Selbstverständnis der Kirche bis zum II. Vatikanum werden sollte – für rechtskatholisch-reaktionäre Kreise bis ins Heute hinein. Pius XII bekräftigte in Humani generis (1950) nochmals diese Sicht. Abweichler konnten mit empfindlichen Strafen rechnen. Insoweit muss das II. Vatikanum und dessen Abarbeitung bis in die 1980er Jahre als „Zwischenzeit“ gelten, die viele Aufbrüche ermöglichen sollte, aber letztlich unter JP II mit der strengen Umschreibung des reformierten CIC zum Ende kam. 1990 veröffentlichte die Kongregation für die Glaubenslehre unter Ratzinger das Schreiben Donum veritatis, das die Wissenschaft aufforderte, sich an den Glaubensaussagen als kirchliches Erbe zu orientieren, die über die apostolische Überlieferung die Bindung zu Jesus Christus halten. Freie Forschung könne dies und solle dies nie ersetzen. Reisinger: „Damit bedeutet Theologie die Verifikation der autoritativ vorgegebenen Lehramtstheologie und Verteidigung derselben.“ Die kirchliche Autorität wird damit selbst zur Quelle aller Theologie: „Io, io sono la traduzione, io, io sono la Chiesa.“ (Pius IX)

Mit der Abschottung gegenüber der Welt aus Furcht vor (weiterem) Machtverlust und der paradigmatischen Binnenwelt Kirche als Autoritätsmaßstab verharrt Kirche im endlichen Spiel. Kann eine Neuorientierung hin zum unendlichen Spiel gelingen? Reisinger schließt mit der Überzeugung, nur dann, wenn die Machtansprüche des Papstes und der Kirchenregierung zurückgeschraubt, der Primat des Bischofs vor Ort wieder hergestellt, die Forschung freien Lauf erhält und Forschungsergebnisse Eingang in konkretes kirchliches Handeln fänden, würde die Welt wieder zum dialogischen Gegenüber, in dem die Stimme der Kirche hört und schätzt!

Ingo-Maria Langen, Juli 2020