Verschwörungsmythen

Michael Blume
Verschwörungsmythen
Woher sie kommen, was sie anrichten,
wie wir ihnen begegnen können

Patmos, Ostfildern 2020
160 Seiten 15.- €

 

 

 

Feature

Michael Blume, Religionswissenschaftler, Referatsleiter für nichtchristliche Religionen im Staatsministerium Baden-Württemberg, Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus. Mehrere Veröffentlichungen zu Hirnforschung und Glaube, Politik und Religion.

 

Mythos – das eingebundene Wort

Die europäisch-antike Rezeptionsgeschichte des Begriffs stammt aus der Zeit der sogenannten oralen Tradition, einer Zeit noch nicht gefestigter Schriftüberlieferung. Der Mythos diente dazu, für die Zuhörer die Einbindung des Menschen in weltliches und kosmisches Geschehen ersichtlich und verständlich zu machen. Er fungierte solchermaßen zur Reduktion von Komplexität einer Welt, die zugleich schön und lebenserhaltend wie auch schauerlich und gefährlich war. Der religiöse Mythos verknüpfte darüber hinaus die Welt der Götter mit den Lebenserfahrungen der Menschen. Der Wahrheitsanspruch des Mythos war apodiktisch. Daran entzündete sich bereits in der Antike Streit: dem Mythos wurde der Logos entgegengestellt. Die Vorsokratiker oder (später) auch die Sophisten arbeiteten sich an ihm ab.

Blume nutzt diese Ambiguität als Basis für sein Dualismus-Konzept der „armen“ versus „reichen“ Menschen. Konzeptionell greift Blume auf Hans Blumenberg (u.a. „Arbeit am Mythos“, Suhrkamp) zurück. Auch heute noch werden Mythen konstruiert, um uns einen „archimedischen Punkt“ vorzugaukeln. Doch während wir beim Gaukler über sein Spiel wissen, fischen wir beim „neuen Mythos“ im Trüben. Blume zitiert David Atwood: „Unter einem Mythos werden diejenigen Erzählungen verstanden, die durch die Imagination einer paradigmatischen, d.h. bedeutsamen Geschichte die Welt raumzeitlich ordnen und damit Handlungsanweisungen für Individuen wie für Kollektive anbieten.“ Die Welt als Konstrukt oder „alles was der Fall ist“ (Wittgenstein)? Zurück zu Blumenberg: der Mensch als armes oder reiches Wesen im Leben. Arm ist, wer keinen Zugang zur Wahrheit hat: gefangen im Dualismus-Konzept von Freund / Feind. Paradigmatische Grundlage ist Platons Höhlengleichnis (siebtes Buch der Politeia). In der Höhle erlebe ich die Welt (draußen) als Schattenwurf für dessen Interpretation ich einen „Führer“ brauche, der mich zum Licht und zur Freiheit führt. Dieser „Ur-Verschwörungsmythos“ (Blume) legt die Sehnsucht nach dem Erlöser als politischem Führer an. Und die macht es uns so leicht in der selbstverschuldeten Unmündigkeit (Kant) zu verharren, wir brauchen nicht an uns und unserer (geistigen) Freiheit zu arbeiten. Stattdessen überlassen wir uns der Indoktrination Dritter.

Arbeit am Mythos?

„Reiche Menschen“ können sich demgegenüber einen Zugang zur Wahrheit erarbeiten. Wissenschaft, Forschung und Entwicklung sind ihre Begleiter. Und: „Wissenschaft kann warten.“ (Blumenberg) Das ist die zwingend nicht falsifikatorische Erkenntnis über die Vorläufigkeit unserer Erkenntnis, unserer Wahrheit. Wissenschaft lebt von der Unsicherheit sich korrigieren zu müssen, aber auch zu können. Wahrheiten sind nie absolut, sie sind zeitgebunden an unsere Fähigkeiten zu erkennen. Es gibt nie die vollständige Sicherheit, die absolute Planbarkeit. Doch damit lässt sich leben. Schließlich können wir uns in der Community austauschen, wir sind nicht allein. Deshalb ist es konsequent nicht von Verschwörungstheorie zu sprechen. Theorien sind wissenschaftliche Werkzeuge (theoréein: die Betrachtung bzw. Ergründung der Wahrheit mittels Denken). In Modellen, die den Vorgaben der Logik entsprechen, widerspruchsfrei sowie überprüfbar sind, können wir versuchen, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Gerade dieses komplexe und anspruchsvolle Vorgehen leisten sogenannte „Verschwörungstheorien“ nicht. Deshalb ist es falsch sie so zu nennen. Was wir haben ist: Eine auf gefühlter Plausibilität beruhende Ansammlung diverser Scheinargumente oder Nicht-Tatsachen, die nur über ihre vielfache Verbreitung zu einer gewissen ‚Geltung‘ kommen. Fake mithin. Beispiele: George Soros hat das Coronavirus entwickelt, um die Menschheit zu dezimieren (Blume, 15). Oder: „Eine jüdisch dominierte Verschwörung von Soros, den Rothschilds und Bill Gates wolle durch das Vortäuschen einer Gefahr eine Weltregierung der NWO – der ‚Neuen Weltordnung‘ – errichten.“ (ebd.)

Poetik der Angst

In seiner „Poetik“ fragt Aristoteles warum wir Geschichten, die unsere Ängste ansprechen, eher zuneigen? Weil das Hässliche (und Schimpfliche) etwas ist, das wir unseren Feinden zuschreiben, obgleich wir es nur in uns selbst finden (Projektion). Wir gieren nach dem Schimpflichen, ergötzen uns innerlich daran und empfinden bitter-süße Schauer. Diese tiefsitzenden Affekte halten wir zumeist geheim, gereichen sie uns nicht gerade zur Ehre. Möglich wird aber auch ein Umschlag in Jammer oder Rührung (Mitleid / Furcht) dem Schicksal und der Erkenntnis gegenüber diesem machtlos zu sein, so dass über die Katharsis eine Läuterung der Seele eintreten kann (Aristoteles: Poetik 1449b). Die dramaturgische Inszenierung setzt bis heute diese Elemente ein. Die Geschichte hat allerdings einen kleinen Haken: Menschen, die sich davon (emotional) nicht angesprochen fühlen, ignorieren das und solidarisieren sich mit Gleichempfindenen in einer Gruppe (Blase), um sich gegenseitig zu unterstützen. Im besten Falle konstruieren sie sich Wirklichkeit. Blume nennt Heidegger als Paradigma. Seine ausgewiesene Exzellenz in philosophischem Denken hindert ihn nicht daran selbst in die platonische Höhle abzusteigen, obschon er sie korrekt im Sinne (des späteren) Blumenberg beschrieb. Heidegger verfällt dem klassischen Fehler des Opfer- und Minderwertigkeitskomplexes (cf. § 58. Anrufverstehen und Schuld, in: Sein und Zeit, M. Niemeyer Verlag, Tübingen 1979). Dieser verlangte geradezu nach einem Erlöser-Tyrann, den die christliche Botschaft nicht bieten kann. Sie belässt den Gläubigen immer noch in der eigenen Verantwortung sich selbst, den Mitmenschen wie Gott gegenüber. Blume sprich von der „Selbstviktimisierung“ Heideggers.

Mitläufer: Täter brauchen Gefangene

Die Dualismusfalle ist darauf angelegt, eine kritische Masse in ihre Spiralbewegung zu bekommen, um eine Anhängerschaft zu erzeugen, die bestands- und widerstandskräftig ist, um als Bewegung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft Außenwirkung und damit (politische) Relevanz zu erzeugen. Die sozialpsychologischen Gruppennormen zwingen zur Anpassung des eigenen Denkens und zur nachträglichen Rechtfertigung von Denken und Handeln. Zuvor müssen wir jedoch jenen Teil des lymbischen Systems im Gehirn umgehen, der uns auf kognitive Dissonanzen, also Widersprüche im Denken und unserer (vorherigen) Haltung aufmerksam macht. Dazu nutzen wir den Trick der Schuldumkehr: Wir spalten das Schuldgefühl ab und werfen es dem Gegenüber als eigenes böses Verhalten vor. Je tiefer wir nun die Spirale hinabsteigen, desto höher wird der innere Druck sich der Gruppe innerlich noch mehr anzuverwandeln, um in ihrem Referenzspektrum aufgehen zu können (anerkanntes Mitglied zu sein). Robert Sapolsky (Gewalt und Mitgefühl, Hanser 2017) hat die Kombination von endogenen biogenen und exogenen psychologischen Faktoren breit dargestellt: Macht ist eine Droge, die unser Gehirn mit Suchtmitteln überschüttet, die wir nur schwer wieder loswerden. Gerade unsere Basisgefühle wie Wut, Angst, Fluchtreflex, Scham können andere Regulatoren wie Mitgefühl, Anteilnahme, Hilfsbereitschaft lähmen und uns so in den Strudel führen. Schließlich wissen wir: „Individualismus ist nicht nur anstrengend, sondern gerade auch für jene riskant, die ohnehin in Angst leben.“ (Blume). Deshalb versuchen diese Gruppen über ein Narrativ ihre Angst in Wut zu wandeln, die darauf abzielt den ‚Feind‘ zu vernichten, um selbst als Opfer überleben zu können. Bekannt ist ein derartiges Vorgehen aus der Psychologie des Mobbings: Der Angegriffene wird von der Gruppe systematisch erniedrigt, beleidigt und in ein schlechtes Licht gerückt, so dass aus dem jüdischen Mitschüler schnell das Mitglied der „jüdischen Weltverschwörung“ wird. Hier sickert der Hass tief in die eigene Persönlichkeit, der Rückgriff auf Mythen zur Rechtfertigung ist leicht und uns mit der Sozialisation lange mit auf den Weg gegeben. Nur die selbstkritische Erkenntnis kann uns davor schützen, diesen Weg zu beschreiten. Dann sind wir aber bereits abgebogen. Denn Verschwörungsfantasten wollen kein „Gerede“ über ihre Fantasien, sie wollen Mitläufer, keine Mitdenker. Deshalb müssen sie ihre trübe Brühe immer köcheln lassen, damit keine Zeit ist, um eigenes Handeln und Denken kritisch zu hinterfragen. Eskalationsdruck könnte man das nennen.

Was hilft also? Blume empfiehlt ein Vier-Stufen-Modell: Analyse und Bezüge von Emotionen. Aufklärungsangebote und Multiplikatoren. Beratungsgespräche mit Fachstellen und den konsequenten Selbstschutz in Fällen, in denen gerade nahstehende Personen uns mit in die platonische Höhle ziehen könnten.

Fazit: Ein schmaler Band, der ebenso fundiert die Hintergründe von Verschwörungsfantasien aufarbeitet, als auch ihre praktische Relevanz aufzeigt und wie wir alle dagegen aufstehen und angehen können. Die Nähe zu Schulen und anderen Bildungseinrichtungen schlägt sich in der konzisen Sprache nieder, die das Buch zur klaren Lektüreempfehlung bereits für die Mittelstufe macht. In der Oberstufe können die philosophischen Dimensionen zu Platon, Aristoteles und Heidegger (in Bezug zu Hitler) hinzukommen. Die Vielfältigkeit den Band einzusetzen ist enorm: Geschichte, Philosophie, Ethik, Religion, Sozialkunde. Bezüge finden sich allenthalben. Ein verdienstvolles Werk!

Ingo-Maria Langen, August 2020