Trotzdem! Wie ich versuche, katholisch zu bleiben

Christiane Florin
Trotzdem! Wie ich versuche, katholisch zu bleiben

Kösel Verlag
München 2020
176 Seiten 20.- €

Zusammenfassung:
Ein kritische Bestandsaufnahme katholischen Lebens aus der Sicht eines Kirchenmitglieds und ihrem Leiden an den verkrusteten Strukturen, die zunehmend mehr Menschen aus den Kirchenräumen hinausdrängen, als sie mit empathischem Engagement zurückzuholen. Ein persönlicher Erfahrungsbericht über Verluste, gepaart mit einem trotzigen Trotzdem! der Hoffnung.

 

Feature
Christiane Florin, Politikwissenschaftlerin, Journalistin. Ab 1996 beim Rheinischen Merkur, Feuilletonleitung. Bis 2015 Redaktionsleiterin bei Christ und Welt, als Teilausgabe zu Die Zeit. Seit 2016 Redakteurin beim Deutschlandfunk, Abteilung „Religion und Gesellschaft“. Autorin (Weiberaufstand, Die Ehe [beides bei Kösel]), Bloggerin.

Irrelevante Kirche? So titelte Daniel Deckers in der FAZ vom 27. Juni 2020 im Kurzkommentar zu den aktuellen Austrittszahlen der Deutschen aus beiden konfessionellen Kirchen. Jede trägt um die viertel Million neuer Verluste. Dabei sollte gerade für die katholische Kirche mit dem neu aufgelegten „Synodalen Weg“ zwar nicht alles anders, aber doch vieles sehr viel besser werden. Das abgereiste Kirchenvolk hat diesen Ruf offenbar nicht mehr gehört. Die älteste deutsche Trutzburg der Institutionen in Deutschland, sie erodiert. Dieser Prozess könnte in einen schleichenden Zerfall münden, an dessen Ende nicht viel mehr als das berühmte Häuflein Aufrechter übrigbleit.

Florin schildert diesen Prozess anhand der drei großen Krisenströmungen, die der katholischen Kirche schwer zu schaffen machen: die sexuellen Missbräuche, die Leitungs- und Machtmissbräuche sowie die Unfähigkeit der rk Kirche zu einer Reform, die den Geist des Zweiten  Vatikanums aufgreifen und weiterführen würde, etwa mit der Zulassung der Frau zu allen Weiheämtern. Angesichts dieser Ausgangslage bleibt es eine kontinuierliche Herausforderung für ein rk Schaf, der Kirche die Treue zu halten. Mittlerweile ist das Unverständnis in die Mitte der Schafherde eingebrochen, der Ansehensverlust gerade im „links-liberalen“ Spektrum hoch, demgegenüber das „rechtskonservative“ Lager als kleine Gruppe sehr lautstark auftritt, vor Denunziation nicht zurückscheut und hässliche Spaltpilze in die Gemeinden sät. Die es gemeinsam mit den Hirten als Bereicherung empfinden würde, gingen noch mehr dieser lauen-grauen Schafe, damit endlich die Gemeinschaft der Reinen, der wahren rk Christen übrigbliebe. Das wäre dann vielleicht jene zu feiernde 1/10 Kirche, welche die absolute Befolgung von Katechese, Ritus und Gehorsam, gerne auch nach alter tridentinischer Form in der Eucharistie, lebt.

Ist die Kirche noch zu retten?

So der provokante Titel eines reformkritischen Buchs von Hans Küng. Hier nun der trotzige, aber ungeschminkte und basiskritische Versuch, der Kirche in allen ihren Facetten dennoch so viel abringen zu können, um nicht in Resignation zu versinken oder sogar auszutreten. Dieser Versuch verdient Respekt! In der Tat ist es schwierig derzeit Ankerpunkte zu finden, die für ein aktives Kirchen- und Gemeindeleben stehen.

Noch bekennen sich 23 Millionen katholische Christen zur Kirche, füllen ihren Markenkern mit Leben. Doch die „Moral, das Frauenbild, die Solange-du-die-Füße-unter-meinen-Tisch-stellst-Autorität – alles randständige Überbleibsel einer verflossenen Zeit“, so Florin, machen es dem gemeinen Schaf quälend schwer bei der Herde zu bleiben. Etwa bei dem ‚Argument‘: Jesus hat nur Männer ausgewählt. Hinter diesem selbstreferenziellen Machtaxiom steckt eine leere Hülle. Bereits die Teilhabe eines jeden Christen am dreifachen Amt Christi führt jene Einlassung ad absurdum. Aber sie ist prototypisch für das Spiel mit der Macht, das immer noch auf den alten patriarchalischen und monastischen Strukturen basiert.

Da ist zunächst die der allfällige Missbrauchsskandal. Die MHG-Studie[1] brachte an den Tag was viele lange wussten und doch (auch unter Schafen) darüber schwiegen. Die Kirche als weltweite Institution hat ein Basisproblem mit sexualisierter Gewalt: unter Klerikern wie auch zivilen Bediensteten. Dabei steht die Studie in bester Tradition vatikanischer Wahrheitsfindung: Mauern, Vertuschen, Schweigen, Umdeuten, Salamitaktik. Denn: die Täter werden nicht benannt, weltliche Gerichte müssen sie kaum fürchten, die bekannten Priester sind oft schon tot. Also bringt die Studie etwas fürs Auge, für die Scham und die Reuebekundung. Nüchtern stellt Florin dazu fest, die katholische Kirche sieht sich selbst zunächst als Opfer. Das muss den realen Opfern wie Hohn und eine zusätzliche Missachtung ihrer Würde vorkommen. Zumal nicht nur Kleriker, sondern eben auch viele andere an einem systemischen Versagen teilhatten, das Missbrauch in der (bislang) bekannten Form erst ermöglichte. Und es fällt auf: „Niemand sagt Ich.“ Florin legt den Finger auf eine böse Wunde: „Wie kann es sein, dass in einer so schuld- und sexfixierten Konfession Verbrechen an Kindern und Jugendlichen straflos bleiben? Wie kann es sein, dass in dieser hierarchischen Institution Hierarchien, sobald es unangenehm wird, in den Wir-Modus wechseln? Wenn es für sie gut läuft, sind sie Herren der Kirche und sagen: ‚Ich habe entschieden.‘ Läuft es schlecht, sind wir alle Kirche und alle kleine Sünderlein.“ Ein Schuft, wer Böses dabei denkt. Auf die Nachfrage bei der Vollversammlung der deutschen Bischöfe, ob sich einer dieser Kirchenführer persönlich bekenne, Schuld zu tragen, antwortet Reinhardt Kardinal Marx nach 18 Sekunden: „Nein.“ Ende der Durchsage. Hier wird eine angestrichene Schamkultur gegen eine verantwortete Schuldkultur getauscht, persönlich-juristische Verantwortung gegen Sozialhygiene.[2] Wir sprechen von Kinderkörpern und -seelen! Betroffenheitsadressen á la man habe nicht gewusst, was Missbrauch anrichte, sind an Hohn für die Opfern kaum zu überbieten. Hier zitiert Florin den Hamburger Erzbischof Werner Thissen. Daran knüpft sich allerdings ein weiterer Skandal: In der Welt werden Geistliche sowie andere Verantwortliche vor weltliche Gerichtsbarkeiten gestellt, nur in Deutschland passiert das äußerst selten. Wieso gibt es keine Schwerpunktstaatsanwaltschaften für diesen systemischen (sexuellen) Missbrauch? Das Argument des Opferschutzes über den staatlichen Strafanspruch zu stellen, halte ich für gewagt. Das Legalitätsprinzip ist hier eindeutig. Auch bei den Verjährungsfristen ließe sich ansetzen, der Gesetzgeber kann sie heraufsetzen (5 Jahre derzeit) oder ganz abschaffen. Könnte es auch falsch verstandener „Respekt“ vor der Institution sein? Politisch ist das jedenfalls dünnes Eis. Wollen wir eine verbeulte und verkratzte Kirche, die aber in der Gesellschaft Sinn stiften kann, dann müssen gerade diejenigen unter den Priestern und Beschäftigen, die lauter und anständig sind, geschützt werden. Es ist die große Mehrheit. Florin schreibt: „Die Leitungsebene kombiniert Scham mit Schulterzucken.“ Das ist das Bild zur Diagnose Hans Küngs von der Leitungskrise. Zum Durchbruchsmoment oder in Anlehnung an die Klimakrise zum Kipppunkt kommt es mit dem Brief von Klaus Mertes, Jesuitenpater, Rektor am Canisiuskolleg Berlin (2010). Er bringt den Stein ins Rollen, die öffentliche Wahrnehmung wächst und führt zu immer neuen Reformforderungen. Da lagen prominente Fälle wie der Hans Hermann Groer‘s, Wiener Erzbischof bis zu seinem Rücktritt 1998 (Missbräuche am Knabenseminar Hollabrunn), längst zurück ohne dass sich wesentliches getan hätte. Florin zitiert Mertes: „Die Taten haben einen katholischen Geschmack“. Diese Zuschreibung konnte nicht mehr zurückgeholt werden.

Die scheidende Herde – auch die Schafe diskriminieren

Der polarisierenden Forderung nach der Weihe für Frauen wird von der Amtskirche mit Gleichmut und stiller Zurückweisung oder leeren Aufmerksamkeitsgesten begegnet. Ein Beispiel: „Der Berliner Erzbischof Heiner Koch bekundete in der Sendung ‚Aspekte‘ vom 15. November 2019 Verständnis für Frauen, die sich ‚verletzt fühlen‘. Klingt empathisch, heißt aber: Das System ist richtig, aber mit den Weibern stimmt etwas nicht, sie sind überempfindlich. So wird ein grober Webfehler zur pastoralen Masche umgestrickt.“ Richtig bekämpft wird etwa die Bewegung Maria 2.0 von Gegenbewegung Maria 1.0 und dem rechtskatholischen Lager. Frauen diskriminieren Frauen, sprechen ihnen das Katholisch sein unter dem Deckmantel ihres Geschlechts und falscher Solidarisierungsaufforderungen ab. Damit ist das Kunststück vollbracht, unter die Betroffenen einen Spaltpilz zu säen, der interessanterweise gerade von (anderen) Frauen aufgenommen wird. Über die theologischen Inhalte ist (von mir) bereits an anderer Stelle genug ausgeführt, die Autorin referiert nur kurz, aber stichhaltig.

Grauschafe machen die Herde bunt

Sie blöken nur zu wenig. Die lauen-wachsweichen Grauschafe, sie erheben ihre Stimme nicht, sie wehren sich nicht, sie dulden still und suchen die innere Emigration. Sie machen sich so zu Komplizen und passiven Kollaborateuren des Systems, das sie ablehnen. Die kleine, aber sehr laute Minderheit der Wahrheitsbesessenen bestimmt (scheinbar) die Debatte. Und der Leitungsebene ist das nur recht, lenkt es doch von ihr ab. Was bleibt für ein Trotzdem! Übrig? Florin verweist mutig auf den Kinofilm „Verteidiger der Wahrheit“ von Christoph Röhl: ein Kirchenvolk zum Jubeln, zum Liturgie-Feiern, Masse und Messe als Kulisse. Benedetto im Glanz der Renaissancepäpste. Von Wandel keine Spur. So auch im Kirchenrecht, das keine Abwehrrechte des einzelnen Mitglieds gegen die Kirchenobrigkeit kennt. Nicht die Kirche soll sich den demokratischen Gesellschaften „anpassen“, umgekehrt sollen demokratische Individuen damit einverstanden sein von einer absolutistischen Monarchie regiert und gemaßregelt zu werden. Zielpunkt: die Ordnung der Seele und das Heil des ganzen Menschen vor Gott – mit den irdischen Mitteln einer vorkonstitutionellen Institution. Gleichwohl kann die katholische Kirche als politisches System erscheinen, das „Elemente traditioneller, bürokratischer und charismatischer Herrschaft“ mischt. Dem Uneinsichtigen bleibt nur der Austritt, denn alle sollen sich im Sinne der Kirchenleitung wohlverhalten. Der synodale Weg? Eine Übung in Partizipationssimulation, schreibt Florin. Ein verfassungsgebendes Konzil? Nicht in Sicht. Allein, es fehlt nicht nur der Wille, es soll ja auch kein Machtverlust erlitten werden. Doch was wäre, wenn Millionen ihre Kirchensteuern auf ein Sperrkonto zahlten?

„Schafe haften für ihre Hirten“

Trotzdem! Die Welt in ihrer dramatischen Entwicklung braucht eine Autorität (!), die bedingungslos und authentisch für die Würde aller Menschen einträte, die politischen Herrschern entgegentreten könnte, die jesuanisches Christentum handelnd und helfend lebt. Das Christentum hat kein Monopol auf die Wahrheit, wohl aber liegt im Evangelium Kraft und Inspiration für die Menschen. Trotzdem!

Fazit: Ein wichtiges Buch zum richtigen Zeitpunkt. Die Glaubwürdigkeit der Kirchen insgesamt liegt noch bei 20% laut Sozialforschungsinstitut INSA-Consulere“ (kahtolisch.de vom 30.06.2020) 56% halten die Stimme der Kirche für irrelevant, 17% wissen es nicht, 8% machten keine Angabe. „Wir als katholische Kirche verlieren an Bedeutung, um das Leben der Menschen zu deuten.“ (Bischof Heiner Wilmer, Hildesheim, auf katholisch.de, 01.07.2020) Das Buch regt dazu an, trotzdem in der Kirche (aktiv) zu bleiben und welchen Sinn das haben kann. Viele (nicht nur Katholiken) sollten es lesen. Ich wünsche es Christiane Florin.

Ingo-Maria Langen, Juli 2020

[1] Ausgewertet wurden nur Personalakten, nicht Personalkonferenzen oder Kapitelsitzungen. Letztere gäben Aufschluss über Personen, Namen, Netzwerke würden recherchierbar. So hat die Studie einen großen Makel.

[2] Ein Wort zur Schuld: “Ich bin schuld, ich bitte um Entschuldigung!“ Die kirchliche Bußlehre fordert echte Reue vom Schuldigen: contritio cordis – die Zerknirschung des Herzens. Verbunden damit ein Geständnis etwa mit der Lippenbeichte (confessio oris) und eine Wiedergutmachung (satisfactio opere). Der Schuldige wird abhängig vom Opfer und dessen Wille zur Vergebung. Das muss der Schuldige aushalten und ertragen. Man kann das lernen, auch wenn es unbequem ist, aber es hilft der Selbstreinigung.