Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk.
Hermann Kurzke
Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk.
Eine Biographie
C.H.Beck Verlag, München (1999), Sonderausgabe 2025
geb., 672 Seiten, Lesebändchen, 29.90.- €
Ein Leben – ein Roman. Ein Opus magnum in se. Die Forschungsliteratur, ein kontinuierlicher Strom, fiktionale Literatur über Thomas Mann, die Fülle an Schriften lässt sich kaum zählen. Die Biografie Kurzkes als Sonderausgabe hat an Prägnanz und Dichte über die Jahre kaum verloren. Ihr Fokus auf das Leben als Kunstwerk könnte treffender nicht sein. Was zeichnet ein solches Leben aus?
Werk und Leben in Rückwirkung und Rückbindung, manches von den Zeitverläufen beeinflusst, etwa die ästhetisch-politische Entwicklung des jungen Mannes mit ihren Irrungen und Wirrungen bis hin zum mittleren und späten Autor als einem Verfechter der Demokratie, zumal auf deutschem Boden. Anderes stieg aus den tiefen Schluchten der eigenen Lebensbindung auf und mischte sich mit der vielgestaltigen Motivik im Werk.
Heimsuchung
Kurzke verweist in diesem Zusammenhang auf einen vielschichtigen Begriff, in christlicher Tradition das Aufsuchen Marias Verwandter Elisabet („Mariä Heimsuchung“ – LK 1, 39), bei Thomas Mann durchweg als Überfall der Natur, ein Hereinbrechen über den Menschen komponiert, schutz- und wehrlos diesem ausgeliefert, zu einem Zentralmotiv stilisiert. Korrespondierend kann man das Motiv der Erotik und der mit ihr drohend verbundenen Todesthematik anfügen. Beide Leitgedanken weisen gefährliche Verschränkungen auf: Eros und Thanatos gehen im ‚Tod in Venedig‘ für Gustav von Aschenbach einen ‚ästhetisch-thetisch‘ (un)heiligen Bund ein: den Protagonisten, vom Rausch beseelt und von der Krankheit hoffnungslos heimgesucht, erlöst schließlich der Knochenmann. Ästhetisierter Genuss, gepaart mit unaufhaltsamem Verfall. In den Romanen beginnend bei den Buddenbrooks sind Tod und Lust die ungleichen Geschwister, dem Werk Lebensbegleiter. Und bis in die späten Jahre verfolgen sie Thomas Mann, nachzulesen in den Tagebüchern, gleich einer Lebensklammer.
Die Erotik des Michelangelo
„Nel vostro fiato son le mie parole“ – In Deinem Atem bildet sich mein Wort. Poetische Malerei einer Heimsuchung als süßes Gift der Liebe. Thomas Manns später Essay zu Michelangelo Buonarroti ist ein anrührendes Beispiel für die Sehnsüchte und „Aufgewühltheit“ (TM, GW IX 783 ff.) der eigenen Verfasstheit des Schriftstellers. Kurzke führt uns durch die sinnliche Verwirrung, die Verwringung der Gefühle, noch im hohen Alter jene erotischen Anflüge zu verspüren, die uns aus der Jugend bekannt sind. Die zu jener Zeit frisch erschienene Übersetzung von Michelangelos Gedichten greift Thomas Mann auf, sich darin zu spiegeln. Im „Tod in Venedig“ lesen wir: „Und dann sprach er das Feinste aus, der verschlagene Hofmacher: dies, dass der Liebende göttlicher sei als der Geliebte, weil in jenem Gott sei, nicht aber im anderen, – diesen zärtlichsten, spöttischsten Gedanken vielleicht, der jemals gedacht ward und dem alle Schalkheit und heimlichste Wollust der Sehnsucht entspringt.“ (GW, VII, 492 [Fehler bei Kurzke: S. 547 irrtümlich angegeben]) Interessant ist die Passage, weil Kurzke sie in Zusammenhang mit dem Michelangelo-Essay bringt: sie findet sich in abgewandelter Form dort wieder. Wir erleben mithin eine späte Verknüpfung des Eros-Themas in seiner Spielart der Homosexualität. Die Verquickung hat ihren Reiz darin, dass Michelangelo als bisexuell geprägter Künstler eine besondere Ausdruckfähigkeit in seiner Kunst schaffen konnte, die lustvoll durchwirkt ist. Vasari attribuierte dem Maler eine einzigartige Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten seiner Figuren im Stirnwandfresko ‚Das Jüngste Gericht‘ der Sixtina. Demgegenüber empörten sich klerikale und künstlerische Kreise über die vermeintliche Gottlosigkeit: von götzenverehrenden Heiden, Schweinereien, verabscheuungswürdigen Taten in der Darstellung von Nackten und skandalösen Zurschaustellungen sexueller Handlungen war die Rede. In der Tat sehen wir viel Fleisch und unzüchtiges Handeln etwa der beiden Putti, die sich offen auf den Mund küssen. In diesem Sinne maß Thomas Mann Michelangelo einen paradigmatischen Charakter von Künstlerschaft bei, die sich mit seiner eigenen traf. Gleichwohl bricht die Erwartungshaltung des Schriftstellers am Ende: die Rückbindung an „Franzel“, sie scheiterte an dessen „ausgetrocknete(r) Floskel“: „Ich habe mich wirklich sehr gefreut!“ Der Heimgesuchte wird lapidar abgefertigt. Trost bleibt einzig im Gedanken, nur dem Liebenden sei die göttliche Seele eingehaucht.
Die Betrogene
In „Ur-Kram“ zeigt Kurzke das Lebensthema von Eros und Thanatos als bereits in frühen Jahren ins Werk und ins Leben Thomas Manns eingeschrieben. Liebesgeschichten gehören ihm immer der Sphäre des Verbotenen und des Todes an. Noch im Spätwerk wird das für die „Betrogene(n)“ deutlich. Unter dem Datum 2.IV.53 (Tagebuch) notiert Thomas Mann: „Erikas Äußerungen darüber, wie sehr es in meinen ‚Ur-Kram‘ gehört. (…) daß alle meine Liebesgeschichten dem Bereich des Verbotenen und Tötlichen angehören, – wo ich doch ‚glücklicher Ehemann und sechsfacher Vater.‘ Ja, ja… Diese Geschichte, noch immer die nämliche, sei doch eine Übersteigerung. Also wenigstens nicht schwach.“ Auch hier sind wir wieder bei der „Heimsuchung“. Kurzke resümiert dazu: Die späte Liebe der Rosalie von Tümmler für den jugendlichen Ken Keaton zerstört den „Kunstbau der Lebensordnung“. Wie lässt sich das einordnen? Mit einem Akt von „Greisenavantgardismus“ (Heinz R. Vaget) versündigte sich der Schriftsteller sowohl gegen den ‚guten Geschmack‘ (der fünfziger Jahre) als auch gegen die literarische Konvention, indem er die oft (heute noch) infauste Diagnose des Gebärmutterhalskrebses ins Zentrum der Erzählung rückte. Ein unerhörter Tabubruch! Über diesen Bereich des weiblichen Körpers und dann noch mögliche krankhafte Geschehnisse zu verhandeln, gehörte sich seinerzeit einfach nicht. Kritik und Öffentlichkeit reagierten ebenso empört wie vorhersehbar. Dabei ist diese „Heimsuchung“ eine tückische Wendung der Natur, die selbst bis in unsere Tage gefürchtet wird, weil bisweilen schwer zu diagnostizieren. Doch die eigentliche Sünde war die Verquickung mit weiblicher Lust (damals ein weiteres Tabu) und das (drittes Tabu) gegenüber einem viel jüngeren Mann. Zur Erinnerung: bis 1951 mussten Lehrerinnen „Fräulein“ bleiben. Heirateten sie, wurden sie aus dem Schuldienst entlassen und verloren je nach Region alle Anwartschaften auf ihre Pension (sog. Lehrerinnenzölibat). Der vorgebliche Grund war die ‚volle Berufshingabe‘ der Lehrerin, der sie (in dieser Logik) nicht nachkommen könne, sei sie verheiratet und habe obendrein womöglich Kinder. Doch arbeitsmarktpolitisch war das eine Bevorzugung der Männer, gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten. Doppelmoral in Zeiten des (neuen) Grundgesetzes, das die Gleichheit der Geschlechter vorschrieb. So war das Heimchen hinterm Herd der Maßstab, nicht die selbständige Frau, die dem Mann Paroli bot.
Thomas Mann führte das Thema „Heimsuchung“, das er schon im „Kleinen Herrn Friedemann“ angeschnitten hatte, bis auf Rosalie von Tümmler konsequent und lebensnah weiter. Zugleich ist seine eigene Lungenerkrankung und ihre (dramatische) wundersame Heilung ein neuerlicher Anreiz sich mit dem Kernthema des Verhältnisses von Natur zu Künstler-Natur auseinanderzusetzen und diesem letzten Kreativfaden nachzuspüren.
Sünde und Gnade
„Die Sünde besteht in der Verfallenheit ans Geschlecht“, schreibt Kurzke. Im Eros keimt die Sünde, des Lebens Werk muss Buße sein. Pars pro toto (der Werkfiguren) zielt das auf den Künstler und Arbeitsethiker Aschenbach ebenso wie Johann Buddenbrook aus ökonomischer oder Hanno aus künstlerischer Sicht. Reformationstheologisch kontextualisiert die ungebundene Gnade Gottes die Rechtfertigung, nicht die Bußleistung. Reumütiges Leben ist die Konsequenz, nicht deren Prämisse. In der Gnade Gottes aufgehoben zu sein, hofft Thomas Mann ebenso für sich selbst wie es für Michelangelo annimmt: „Er steht immer in Liebe, ist immer verliebt, und tief rührend ist sie, diese rettungslose Verfallenheit des Gewaltigen, weit über die schickliche Altersgrenze hinaus, an das bezaubernde Menschenantlitz, sei es nun des blendenden Jünglings oder der prangenden Frau, – tief rührend die unsterbliche Empfänglichkeit für ‚La forza d’un bel viso‘, die er als die einzige Lust preist, welche die Welt ihm schenkt, und die er, unter Verwünschungen, unter immer wiederkehrenden Anklagen der Grausamkeit des Liebesgottes, eine Gnade nennt, welche ihn bei lebendigem Leibe zu den Seligen trägt, – nichts, was ihn so beglücke.“ (GW IX 785) Die Selbstaussage Thomas Manns (über Michelangelo) bezeugt zugleich die Leitmotivik als auch die reflektierte Argumentationsführung Kurzkes, hin zu den letzten Dingen des Schriftstellers, die in ihrer Besonderheit doch das Allgemeine aufscheinen lassen: Das einzelne Leben mag noch so unscheinbar daherkommen (oder auch mit Prunk und Tant), in seiner Heiligkeit liegt immer die Gnade Gottes beschlossen, ohne die es uns nicht möglich wäre im Angesicht (des vielleicht noch) fernen Todes das Leben zu feiern, ihm als soziales Wesen einen Beitrag für die Gemeinschaft zu erbringen, gleich ob in Unbekümmertheit geschenkt oder in harter Arbeit aufopfernd abgerungen.
Kurzke poliert diese Prüfsteine zu feinstem Glanz, führt den Leser durch die Hermeneutik des Kunstwerks und zugleich durch die Kunstfertigkeit des Lebens Thomas Manns. Eins wirkt ins andere: „Das Schreiben ist nicht nur Buße, sondern auch verschmitzte Lust. Das Werk ist heilig und verdammt zugleich“, schreibt Kurzke. Diese Verbindung am Leben Thomas Manns zu spiegeln ist das große Verdienst dieser Biografie. Das wird bleiben.
Kritisch anzumerken bleibt freilich: das in seiner frühen Form (1999) entstandene Werk wurde für diese Ausgabe nicht überarbeitet. Dazu wäre ein editorischer Hinweis sinnvoll, denn der inzwischen erheblich erweiterte Forschungsstand ist nicht berücksichtigt. Das mag dem Leser bei einem flüchtigen Blick entgehen.
Ingo-Maria Langen, Februar 2025
