Moralspektakel

Philipp Hübl
Moralspektakel

Wie die richtige Haltung zum Statussymbol wurde und warum das die Welt nicht besser macht

Siedler Verlag, 2.A., München 2024
336 Seiten, geb., 26.- €

 

 

Strukturwandel der öffentlichen Meinung

Die Legitimität gesellschaftlichen Handelns als Ganzes knüpfte über lange Zeiträume an die verfassungsrechtliche Verfasstheit der gesellschaftlichen Ordnung an, ergänzt von sozialer Konventionen gewünschter (oder unerwünschter) Sprache. In dieser Lesart konstituiert sich öffentliche Meinung durch selbstständig, rational urteilende Bürger als „Korrelat von Herrschaft“ (E. Noelle-Neumann), mithin einer Korrektur des politischen Parteienwillens mittels Öffentlichkeit. Dies hatte den umfassend, gerade auch politisch gebildeten Bürger zur Voraussetzung, der sich zudem mit der Ethik für die Norm- und Interaktionshandlung im Gemeinwesen auseinandersetzte. Soweit sich die öffentliche Meinung aus einer Vielzahl von publizierten (oder demonstrierten) Einzel- oder Gruppenmeinungen zusammensetzt, bezog sie bislang ihre Legitimität aus der gesellschaftlichen Übereinkunft zum abwägenden Urteil auf Faktenbasis. Darin eingeschlossen war eine aktive Fehlerkorrektur, um Stigmatisierung vorzubeugen und Lernprozesse zu ermöglichen.

Philipp Hübl dekonstruiert in seinem Buch unsere Auffassung von öffentlicher Meinung, indem er diese in Teilprozesse zergliedert, Meinungsbildung und Faktenwissen trennt sowie die Kausalmechanismen und Funktionsformen der digitalen Öffentlichkeit untersucht. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung über Fragen des täglichen Lebens, über wahr und falsch, gut und schlecht und die zukünftige Ausrichtung unseres Gemeinwesens kreist oftmals um ethische Werte, die unser Zusammenleben regeln, ohne jedoch in einer Auseinandersetzung über normative und deskriptive Ethik zu münden. Damit geht sie am Kern der Sein-Sollens-Diskussion vorbei.

Kenne dein Publikum: das Statusspiel

Ethische Argumente nehmen Bezug auf Werte und Normen, die ein moralisches Urteil basieren: Argumente, ausgerichtet an Normen, Werten und allgemeinen Verhaltensweisen, die Normgefügen der Gesellschaft entsprechen. Stattdessen findet ein Statusspiel statt, das sich darum dreht, vor einem Publikum vorrangig eine Selbstdarstellung mithilfe moralischer Attitüden aufzuführen, um Status und Gruppenzugehörigkeit zu demonstrieren oder als Mittel andere zu manipulieren, unter Druck zu setzen, ggf. sich zu verteidigen. Die Lösung eines ethischen Problems tritt dabei in den Hintergrund, sie wird nur als Aufhänger genutzt, um das Publikum mit dem Interesse an der eigenen Person zu ködern. Diese Aufführung nennt Hübl „Moralspektakel“. Das gelingt in der digitalen Öffentlichkeit exzeptionell, da ich mich persönlich (physisch) nicht mit meinem Gegenüber auseinandersetzen muss. Phänomene wie Cancel Culture, Feuerstürme, Doxing etc. funktionieren dort gut.

Die schematische Vorgehensweise ist ähnlich: zu einem Thema oder einer Person oder in Kombination werden persönliche Grundüberzeugungen des Angreifers zu einem absoluten Anspruch erhoben, ohne diese zu benennen. Bisweilen werden Missverständnisse zum Anlass genommen eine Person zu diskreditieren oder böswillige Unterstellungen expliziert. Die Strategie dahinter: der Angreifer (oder die Gruppe) manipuliert die „Öffentlichkeit“ über einschlägige Schlagworte wie Gerechtigkeit, Krieg, Genozid u.a., dekontextualisiert diese und fügt sie (sinnwidrig) in den aktuellen Zusammenhang ein. Der aktuelle Nahost-Krise ist Beleg für derartige Instrumentalisierungen. Die Komplexität des Konfliktes, die Zeitschiene, die geopolitischen Akteure, die innenpolitischen Protagonisten, Zeitströmungen und Grundüberzeugungen in Israel, Gaza oder Libanon werden auf grobe Schlagworte reduziert und mit einem ethischen Label versehen. Daraus leiten die inszenatorisch Beteiligten ein moralisches Urteil ab, das weder seitens der Sachlogik noch über den Kontext gewonnen werden könnte. Erfolg tritt dann ein, wenn der Gruppenzuspruch hoch ist, zustimmende Kommentare und Solidaritätsadressen, Likes generiert werden. Das lässt sich vermarkten: die Selbstdarstellung ist gelungen.

Das krumme Holz

Der Strukturwandel der öffentlichen Meinung basiert auf einem krummen Holz. Unsere Alltagsmoral ist fundamental different zu einer universellen Ethik. Diese prinzipienorientierten und normgebundenen Handlungspflichten gelten in unserem Alltag kaum. Das ist Wissenschaft. Weit weg also. Im täglichen Geschäft sind wir parteiisch, moralisch kurzsichtig, geben unserem Bauchgefühl nach. Und solidarisieren uns mit (vermeintlichen) Mitstreitern nur über kleinste Schnittmengen. Atavismus pur. Das hat in den Stammeskulturen der Frühzeit bei kleiner Gruppengröße noch einigermaßen funktioniert, doch im ‚globalen Dorf‘ stranden wir noch ehe die Segel gesetzt sind. Da wir keine moralischen Gene besitzen, müssen wir moralische Spielregeln (oft mühsam) erlernen und können sie auch wieder verlernen. Unsere Reaktionen auf Normverletzungen sind spontan Empörung, Wut, Rache. Das ist unser Bauch, unsere genealogische Herkunft. Sie trägt dazu bei, in einfachen, überschaubaren Situationen schnell und recht zuverlässig klären zu können, wer etwas falsch gemacht hat und warum. In komplexen Zusammenhängen versagen sie jedoch, weshalb die richterliche Unabhängigkeit (nicht nur) im Strafprozess dem Gemeinwohl und damit dem Rechtsfrieden dient. Reputationsmanagement, Statusspiel und Effekthascherei finden dort die Grenze der Normsetzung. Die Justiz übernimmt an dieser Stelle den Wertungs- und Erziehungsprozess, das Bauchgefühl bleibt außen vor.

Das Moralspektakel

Normative Urteile werden über eindeutige Begriffe und nachvollziehbare Argumentationslinien bestimmt, empirische Urteile über fundierte Datenbasen. Zumeist fehlt es an beidem im öffentlichen Diskurs. Die Teilöffentlichkeiten der Gesellschaft (etwa Sozialverbände, Arbeitgeberverbände, die Kirchen u.a.m.) haben ein je eigenes Interesse an der Diskussion, sind sie doch zuerst ihrer jeweiligen Klientel verpflichtet. Mittendrin im Kampf um Teilhabe die Politik. Sie flüchtet sich oft in Symbolaussagen, meidet harte Auseinandersetzungen und orientiert sich an der Legislatur. Die ist jedoch zu kurz, um langfristige Probleme zu lösen: Infrastruktur, Digitalisierung, Bildung, Sozialversicherung, Militär. Da bräuchte es mehrere Generationen übergreifende Projekte („Verpflichtungsermächtigungen“), die Mittel im Haushalt binden würden, freie Spitzen in der Haushaltsplanung würden obsolet. In der Konsequenz überhitzen sich die Debatten, langfristige Lösungen (die mit großen aktuellen und zukünftigen Verzichten zu bezahlen wären) bleiben aus, das Moralspektakel tritt an ihre Stelle, um dem geneigten Publikum etwas vorzuführen.

Langfristig orientierte Politik findet so nur bei kleinsten Schnittmengen der Parteien statt, vieles bleibt einfach liegen oder kommt nur im Schneckentempo voran. Die Baustellen sind Legion: Die Bahn, die Brücken, die Schulen und Universitäten, die Kommunen, die Migration, der Fachkräftemangel, die Überalterung. Es fehlt allenthalben an Mut, an klassischen Tugenden, die auch unpopuläre Entscheidungen ermöglichen und durchsetzen, um eine Langfristorientierung für das Gemeinwesen zugrunde zu legen. Das wiederum eröffnet das Spielfeld für radikale und disruptive Kräfte, die das „System“ abschaffen wollen.

Was es benötigte: intellektuelle Bescheidenheit und Redlichkeit. Nicht alles Wünschenswerte kann in überschaubarer Frist realisiert werden. Selbstkritik: die eigenen Grundüberzeugungen bestimmen, wie wir uns moralisch präsentieren. Unsere Werte prägen unsere Identität. Unsere (individuelle) Moral empfinden wir als sinnstiftend, sie vermittelt uns Lebenszufriedenheit, wird sie uns von Dritten als positiv gespiegelt.

Hübel zeigt in seiner quellengesättigten Studie auf wie die gesellschaftlichen Akteure handeln, interagieren, warum sie Grenzen überschreiten und wie unsere selektive Wahrnehmung uns dazu verleitet, der Manipulation, Verzerrung oder falschen Solidarisierung auf den Leim zu gehen. Wir straucheln über unsere Einfältigkeit und versuchen auch dann noch unser Weltbild aufrechtzuerhalten, wenn alles andere dem widerspricht. Denn eine solch radikale Selbstkorrektur hieße, uns einzugestehen, dass wir moralisch (an dieser Stelle) gescheitert sind.

Der Autor versteht es, in gut lesbarer Sprache die Zusammenhänge, Fallstricke und Manipulationen im öffentlichen Raum deutlich zu machen und einen Einblick darin zu vermitteln, warum die digitale Welt von Social Media sich besonders dazu eignet die Malaisen unserer Zeit so gut zu bedienen. Wir können uns aus diesen Fallstricken befreien, müssen dazu allerdings hart an uns arbeiten und oftmals liebgewonnene Routinen aufgeben, damit wir zu einem neuen Selbstverständnis gelangen und damit letztlich mehr bei uns selbst sind.

Ingo-Maria Langen, September / Oktober 2024