Gottesreich und Menschenmacht
Thomas Söding
Gottesreich und Menschenmacht
Politische Ethik des Neuen Testaments
Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2024
640 Seiten, geb., 54.- €
Vom Menschenschmied und Gottes Feuer
Klage zu führen vor weltlichen Mächten oder vor Gott ist ebenso menschliches Bedürfnis wie Ritual. Klagen die einen über Missachtung, politische Marginalisierung, Ausbeutung und Versklavung, wettern die anderen gegen Freiheitsbeschränkungen ihrer individuellen Möglichkeiten, ja Ansprüche und Rechte, Macht und Reichtum nach ihrem Gusto auf Kosten der Gemeinschaft zu erlangen. In einer Zeit zunehmender Zerrissenheit von (westlichen) Gesellschaften, die durchaus an die Heillosigkeit vergangener Epochen erinnern, suchen viele Menschen nach einem Halt, einer Orientierung oder auch nach einer ‚Führungspersönlichkeit‘, die vermeintlich ihre Anliegen aufnimmt und transportiert, zu ihrem besten fügt. Mit Kant ließe sich formulieren: diese Menschen pflegen sich bequem einzurichten in ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Denn alles andere, sich engagieren, gar anderen zu helfen, sich zu solidarisieren, beschränkt sich (gerade in den ‚Wohlstandsgesellschaften‘) auf leere Grußadressen. Denn eigentlich geht es uns ja gar nicht so schlecht, oft klagen wir nur um noch mehr, noch besser, noch schöner. Es bleiben blinde Flecken: die Armut vor unserer Tür, die Ungerechtigkeit an sozialer Teilhabe (Bildung), der Umgang mit vulnerablen Gruppen (Ältere, Kranke, Hilfsbedürftige), Krieg vor unserer Haustür.
Thomas Söding versucht eine Antwort aus dem Geist des Neuen Testaments im Sinne einer politischen Ethik. Das detaillierte Inhaltsverzeichnis ist Ausweis des methodischen Ansatzes: systematisch-reflexiv geordneten Abstrakta folgen zugehörige Beziehungszusammenhänge, die theoretische Annahmen in konkrete Weltbezüge überführen und schließlich wieder rückbinden an Aussagen des NT. Über die Einführung werden wir zur Verortung, von dort zur Grundlegung geführt und über die Entwicklung zur Orientierung und Öffnung. Die Detailtiefe des Inhaltsverzeichnisses ermöglicht in Verbindung mit den Registern einen guten Zugriff für spezialisiertes Interesse.
Systematisch arbeitet Söding nach dem Klammerprinzip: Ein Kernthema wird vorgestellt, dessen Facetten aufgefächert, Bedingungen und Kausalitäten aufgezeigt, eine kritische Betrachtung führt zum Ausgangspunkt zurück. Das ermöglicht dem Leser einzelne Abschnitte in sich als Einheit zu erschließen und zugleich dem Großen und Ganzen den Charakter einer ‚iterativen‘ Beziehungsreihe zu verleihen, will sagen: alle Teilaspekte lassen sich aufeinander rückbeziehen. Ein Beispiel: Söding beginnt mit dem Apophtegma (Denkspruch) ‚Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.‘ Bei der „Steuerfrage“ liegt im Hintergrund der Konflikt: Wer soll herrschen? Jesus Antwort ist zugleich pragmatisch als auch apodiktisch. Diese Verklammerung verdeutlicht: Der Primat Gottes, dem letztlich alles geschuldet ist (materiell und immateriell), erfordert die vernunftbegabte Demut anzuerkennen, dass die Spiritualität von Gottes Wesen den Menschen aufnimmt in sein Reich, eben weil ihm auch diese Spiritualität geschenkt ist, ohne die eine Heilserwartung nicht möglich wäre. Dem steht nicht entgegen, in erdgebundener Lebenszeit Ordnungen zu akzeptieren, die Menschen sich selbst geben. Auch hier wirkt das göttliche Vernunftprinzip, um dem Menschen eine Welt und ein Leben im Dienst an Gott und seinen Mitmenschen zu öffnen, das letztlich wieder in der Heilserwartung mündet. Im Schlussteil diskutiert Söding die „religionspolitische Verantwortung der Kirchen“ unter dem Gesichtspunkt einer konkreten Bringschuld an die Gesellschaft etwa im Staatskirchen- und im Arbeitsrecht. Hier sind Aushandlungsprozesse im Selbstverständnis von Kirche und Gesellschaft angesiedelt, die sowohl Ekklesiologie als auch Liturgie, Katechese und Diakonie betreffen. Das Postulat der Verkündigung im dialogischen Sinn trifft auf die (säkulare) lebensweltliche Gestaltung arbeitsrechtlicher Prozesse und wirkt damit mitten in den rechtspolitischen Gestaltungswillen des weltlichen Gesetzgebers hinein.
Dieses Hineinwirken zeigt sich in weiten Teilen des sozialen Lebens bis hin zur Verfasstheit unserer Verfassung, die bewusst und unabänderbar (sog. Ewigkeitsgarantie) mit Artikel 1 GG auf die Menschenwürde als zentrales Kriterium allen staatlichen und (!) gesellschaftlichen Handelns abstellt. Kerygma mahnt Verantwortung an, die als Handlungsmaxime in allen gesellschaftlichen Zusammenhängen und darüber hinaus (Natur, Klima, Artenvielfalt) geradezu als kategorischer Imperativ gelten muss. Insoweit ist die jesuanische Lehre direkt mit der Politik verbunden und wirkt auf sie zurück: in der Verantwortung vor den Menschen und vor Gott. Das schließt ein: widerstehe der Versuchung. Denn Jesus errichtet weder einen Gottesstaat noch heißt er autoritäre Gesellschaften gut. Das Volk, das sich selbst in Herrschaft verwaltet, demos kratein. Deshalb sammelt Jesus das Volk Gottes in allen Nationen, sind ihm Koalitionen mit allen Menschen guten Willens nicht fremd.
Der Stachel im Fleisch
Fremd sind der jesuanischen Lehre jedoch korrupte Machtsysteme, die Privilegien aus Unrechtssystemen ziehen, Menschen ausbeuten, morden, plündern, Schreckensregime errichten. Denen ist er Stachel im Fleisch, legt seinen Finger in die Wunde, opfert sein Leben. Söding bringt das Beispiel Savonarolas: Mit feurigen Worten und aufgepeitschtem Geist prangert dieser die Missstände in Florenz an und wird zugleich Prophet einer Diktatur Gottes. Die Kirche im Verfall an die Verweltlichung, der Staat im Sumpf. Söding schreibt, Savonarola sei im Modus der Empörung verblieben, eine Sinnstiftung zur Einführung der Republik habe ihm gefehlt. Stattdessen hat sein ‚Fegefeuer der Eitelkeiten‘ mit der wahnhaften Zerstörung von Reichtum und Besitz nur Neid und Missgunst unter den Florentinern geschürt und ihn letztlich an demselben Platz zu Tode gebracht. Söding: „Sein Märtyrertod besiegelt die Heiligkeit seiner Intention, die allerdings die Notwendigkeit einer Reform oder Revolution, die den Armen nachhaltig zugutekommt, nicht aufhebt.“ So ließe sich auch umgekehrt formulieren: die Heillosigkeit seiner Intention war maßlos und destruktiv, denn er wollte die Institutionen schädigen bis zerstören, um vermeintlich den Armen zu Nutzen zu sein, die gleichwohl ohne jede Struktur so hilflos und arm geblieben wären wie zuvor. Niccolo Machiavelli befand ihn der mäßigenden Stimme der Vernunft als nicht zugänglich, weder jener der Kirche noch jener der Weltlichkeit. Goethe sah in ihm ein fratzenhaftes Ungeheuer und Mill ihn als Vorläufer der Reformation, während Thomas Mann in ‚Gladius Dei‘ ausdeutete: „Ecce gladius Domini super terram, cito et velociter!“
Es braucht indes kein Schwert Gottes, seine Gerechtigkeit auf Erden einzuleiten. Die weltlichen Gesetze, die wir uns gegeben haben, etwa die Europäische Sozialcharta mit ihren Rechten auf Arbeit, Bildung, soziale Sicherheit, den Schutz der Familie und Kinder, sind Ausdruck der Sensibilität, die wir über die Evangelien für uns und vor Gott übermittelt bekommen haben. Es gelingt Söding die komplexen Bezüge der Verfasstheit der Europäischen Union ebenso an die Ethik des NT als Leitstern rückzubinden wie jene im deutschen Rechtsraum. Das politische Leitbild der Kirche ist die Demokratie. Das über die Jahrhunderte gepflegte Bild von „Gottesgnadentum des Adels“ gehört nicht nur der Vergangenheit an, es war „die Perversion der Erwählung und Berufung durch Gott, ohne die es keine Heilsvermittlung gibt“, resümiert Söding. Und schließt an: „Die Demokratie entspricht der Gottesebenbildlichkeit des Menschen; sie allein garantiert die Menschenwürde und jene Freiheitsrechte, die dem Menschen angeboren sind.“ Ihre Verfassung muss wehrhaft sein, um Ideologie und Populismus zu widerstehen und als Rechtsstaat den Menschen ihre individuellen Grundlagen sowie der Gesellschaft als Ganzes die Freiheit ihrer Verfasstheit (FDGO) zu erhalten und zu verteidigen. Darin finden sich denn auch die Koalitionen der Menschen guten Willens, die es sich zur Aufgabe machen, das Gemeinwesen vor Schaden zu bewahren und damit für alle zu erhalten. Gerade die ‚wehrhafte Demokratie‘, die derzeit wieder so intensiv diskutiert wird, weil Parteien und Strömungen unsere rechts- und staatspolitischen Grundlagen aushöhlen wollen, verlangt auch der Kirche eine Positionierung ab, die im Umfeld säkularer Stimmen nicht leicht Gehör findet. Gleichwohl ist der theologische Beitrag, den Kirche und ihre Institutionen für das Gemeinwohl leisten können, immer auch ein ethischer, der sich seiner Grenzen bewusst sein muss: etwa in Fragen zum assistierten Suizid ebenso wie zur ökologischen Landwirtschaft oder zur globalisierten Ökonomie. Die neutestamentlichen Texte können diesen Anforderungen nicht gerecht werden. Auch für ihre Kontextualisierung in Themen von Krieg und Frieden, Inklusion und Exklusion, Vertreibung, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, muss eine kritisch-differenzierte Betrachtung vom Heute ins Damals vorgenommen werden, sollen Bezüge hergestellt und Ableitungen daraus folgen. Denn neben der Schrift, der Tradition, wissenschaftlicher Erkenntnis und ‚Zeitgeist‘ fließen in einer stetig komplexer werden Welt auch komplexere Bedingungen in einen Urteilsprozess ein. Nur im Zusammenspiel können diese Faktoren unsere Weltentwicklung (wieder) auf einen gesunden Pfad führen, der nachhaltig auch für die kommenden Generationen erhält, was uns geschenkt wurde.
Thomas Söding versteht es in klarer und gut verständlicher Sprache oftmals schwierig zu fassende Themen zu erläutern und in übergreifende Beziehungszusammenhänge so einzufügen, dass der Leser trotz der Detailfülle immer den Überblick und den roten Faden behält. Die kritische Distanz zum Stoff ermöglicht unterschiedliche Perspektiven und Zugänge. Stellenverzeichnis, Sach- und Personenregister runden den Band ab. Sehr angenehm (und in guter akademischer Tradition) sind die Anmerkungen auf der jeweiligen Leseseite.
Ingo-Maria Langen, Oktober 2024
