Fake

Frank Rudkoffsky
Fake

Roman

Voland & Quist
1. Auflage
Berlin, Leipzig u.a. 2019
240 Seiten 20.- €

Zusammenfassung:
Sophia und Jan scheinen auf der Überholspur: sie arbeitet als erfolgreiche Controllerin bei Daimler, er ist auf dem Weg, sich als Journalist zu entwickeln. Das Volontariat bei der Stuttgarter Zeitung läuft allerdings auf einen internen Kampf mit dem anderen Volontär um die Festanstellung hinaus. Auf dieser Basis entfalten sich zwei individuelle Lebensverläufe, der eine erfolgreich, der andere von Niederlagen geprägt, die beide in einen Strudel von Ereignissen ziehen, die junge Familie zu zerreißen drohen. Lügen, Heimlichkeiten und Halbwahrheiten werden zu ständigen Begleitern, bis ein Fake-Account beiden zum Verhängnis wird.

Frank Rudkoffsky, studierte in Tübingen Allgemeine Rhetorik, Neuere Deutsche Literatur und Politikwissenschaft sowie am Studio Literatur & Theater. Er ist u.a. Mitherausgeber der Literatur- und Kunst-zeitschrift ]trash[pool und Redakteur beim Stuttgarter Stadtmagazin LIFT. Im Dezember 2015 veröffentlichte er mit „Dezemberfieber“ sein Debüt als Schriftseller.

Das Leben aus dem Tritt

Ja, ganz genau so kann sich das anfühlen: Endlich, nach der langen Tragezeit, der großen Vorfreude, die noch größere Freude, das Baby ist da! Gesund und munter. Was will man mehr? Sophia, Mitte zwanzig, Controllerin bei Daimler in Stuttgart, nun Mutter des kleinen, vier Monate alten Max, daheim in Elternzeit. Sie reibt sich auf zwischen Windeln, schmerzendem Stillen, nervtötender Langeweile und den immer heftigeren Schreianfällen von Max. Bis vor Kurzem war sie noch die unverzichtbare Fachkraft der Abteilung, die um Rat gefragt wurde, bei der die Fäden zusammenliefen. Jetzt beginnt sie zu realisieren, dass sie einen Abstiegspfad beschreitet: Die Nachrichten aus dem Büro werden weniger, bei einem Besuch zeigt ihre Nachfolgerin ein ebenso gutes Organisationtalent wie den passenden Ehrgeiz, was Sophia in der persönlichen Einschätzung ihrer Lage nur bestätigt. Jan hingegen reibt sich in der Volontariatsstelle auf und kämpft mit dem intriganten Martin um die einzig zu besetzende Vollzeitstelle bei den Stuttgarter Nachrichten. Sophia realisiert zunehmend, nicht mehr an die vorhergehenden Zeiten anknüpfen zu können: die Partys, den unbeschwerten Sex, das Ausgelassensein und ihr großes Abenteuer, die Weltreise. Bei einem seiner unaufhörlichen Schreianfälle zerreißt Sophia die große Weltkarte vor den Augen von Max, was ihn zunächst beruhigt und dann zu heiterem Quieken veranlasst. – Eine Situation mit hochaufgeladener Symbolik, die sich hinter leichter Sprache zu verbergen weiß.

Fake-Account: das Leben als Troll

Doch zunächst braucht Sophia unbedingt ein Ventil. Die Belastungen, die Perspektivlosigkeit, die fehlende Unterstützung und Ablenkung, lassen sie „Rita“ anlegen. Ein Fake-Profil. Hier kanalisiert sie ihre Wut, ihren Zorn, ihre Hilflosigkeit, ihre Verachtung – auf jedes und jeden, wenn ihr danach ist. Unvorbereitet stolpert sie in die Welt der Shitstorms, lernt schnell sich daran zu beteiligen und selbst welche auszulösen. Je mehr sie dort eintaucht, desto spezifischer spricht sie auf ihre aktuelle Gefühlslage an. Mit Wut im Bauch zieht sie vom Leder, beim Bedürfnis nach Schutz und Zuspruch weiß sie die richtigen Threads zu setzen, um die Kümmerer auf den Plan zu rufen.

Sophia ahnt, ihre dunkle Seite zu bedienen, wird in einem Strudel münden, dem sie sich nur schwer wieder entziehen kann. Auch zeigt sich bald, diese Form der Ableitung stacheliger Gefühle, die sich von nilpferdgrau zu zornesviolett erstrecken, entlastet sie nicht bei Max. Immer wieder reagiert sie unbeherrscht, überträgt ihre eigene Unfähigkeit mit der Situation umzugehen auf das Baby, das mit Schreien seine Bedürftigkeit ausdrückt. Ein Teufelskreis. Sie verliert ihren inneren Kompass, pendelt zwischen emotionalem Chaos und verkopften (Trotz)Reaktionen hin und her. Sie wünscht sich mehr Unterstützung von Jan, muss sich aber eingestehen, dass sie es war, die unbedingt ein Kind wollte, eine richtige Familie sein. Ihre Versessenheit darauf, das Leben perfekt zu gestalten, mit allem fertig zu werden, in allem die Beste zu sein, holt sie spätestens seit der Geburt von Max auf den Boden. Unscheinbare Begegnungen lösen Kindheitserinnerungen in ihr aus, Vorausdeutungen auf einen gefährlichen Weg, dem sie nicht entkommen kann, solange sie deren Verarbeitungen verweigert. Bilder vom Würgen am Esstisch, den tadelnden Blicken des Vaters ausgesetzt, oder später die Herablassung männlicher Kommilitonen ertragend: Sophia ein unfertiges Wesen mit Brüsten. Welcher Widerspruch dazu ihre Karriere bei Daimler. Doch im Hier und Jetzt saugt Max sie aus, raubt ihr alle Freiheit, vereitelt die Rückkehr zu ihrem Norm-Leben. Wie schafften frühere Generationen diesen Spagat? Was ist heute so anders? Diese Fragen stellt Sophia sich nicht. Sie hadert mit ihrem Selbstbild, das sie beschädigt sieht und noch dazu bedroht von Fremden aus den Foren im Netz. Dort schlägt sie zurück. Bis sie schließlich über einen Fake-Account das Spiel in eine strafrechtlich relevante Zone treibt.

Die Welt ist (nicht) Stuttgart

Und Jan? Er tritt auf der Stelle, bekommt nur Absagen, das Volontariat hat der Kollege Martin für sich entschieden, obschon er dann nach Berlin wechselt, bekommt Jan die Stelle nicht. Er versucht sich als freier Journalist. Kein Bein am Boden. Dazu das quengelnde und schreiende Kind, die widerborstigen Kommentare seines Schwiegervaters, eines besserwisserischen Buddelschiffe-Ingenieurs. Mit den französischen Einsprengseln, den professoralen Belehrungen (obschon berenteter Banker), wird jeder Besuch bei Sophias Eltern in Wilhelmshaven zur Tortur.

Endlich hat Jan ein Vorstellungsgespräch, scheint er die Schwelle zu überschreiten. Er sitzt im Vorhof zum Paradies, kann seine Nervosität kaum beherrschen, muss dringend pinkeln. Was, wenn er in Abwesenheit aufgerufen wird? Er wäre erledigt! Er hält es nicht länger aus, trifft auf der Toilette auf seinen zukünftigen Chefredakteur. Mit spitzem Blick und dem sicheren Gespür für Humor, der den Leser frösteln lässt, pointiert Rudkoffsky diese Szene, von der man sich gerne noch viele andere gewünscht hätte. Solche Perspektiven hätten der Figur zusätzliche Tiefe verliehen.

Jan krankt an seiner beruflichen Situation, fühlt sich unterfordert, sieht Sophia auf der Karriereleiter und weiß doch, dass sie sich „im Kessel“ gefangen fühlt: ihr gemeinsames Leben in der Falle. Bei einer Feier stellt Martin, der inzwischen für die taz arbeitet, seinen Kollegen Schultz vor. Ein arroganter Karrierist, der Jan wie ein Kleinkind behandelt: „Dieser Angeber gibt sich wie Clark Kent, kommt sich aber vor wie Superman.“

Unterdessen recherchiert Jan für eine Reportage in der Neuen Rechten: Er dringt in diese Welten „kognitiver Dissonanz“ ein, bekommt Kontakte und läuft schließlich bei „Pegida“ in Dresden mit. Ein bizarres Erlebnis, verkehrte Welt, in der normale Leute wie du und ich, ganz normale Hetze befeuern. Echokammern konstruktivistischer Weltbilder. Selbst Antoine, sein nervender Schwiegervater, ergreift in einer privaten Diskussion Partei für „diese Menschen, die da in Dresden auf die Straße gehen – haben die nicht ein Recht darauf gehört zu werden?“ Nur weil sie nicht in den Mainstream rot-grüner Meinungsmache in diesem Land passen? Langsam beginnt auch Jans Entwicklung aus dem Ruder zu laufen. Er sieht Schultz bei einer der Demos und enttarnt ihn ungewollt, so dass sich der Mob auf ihn stürzen kann. Die Verwicklungen nehmen zu. Obwohl er langsam zu Erfolgen kommt, man ihn sogar seitens des „Spiegel“ für eine große Reportage anfragt, kommt es zur ultimativen Zuspitzung: Sophia droht mit ihren Machenschaften im Netz ebenso aufzufliegen wie Jan mit seiner Reportage als Lügner entlarvt zu werden. Die Familie kurz vor dem Zerreißen. Sophia reist kurzfristig zu ihren Eltern. Hier bemerkt sie den eigentlichen Grund für ihre Wut, den oft unbändigen Zorn, in dem sie Jan nicht selten zu dominieren sucht, um sich Luft zu verschaffen. Er wird inzwischen erpresst, denn anscheinend ist ihnen jemand auf die Schliche gekommen, der die digitale Welt gut beherrscht. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.

Über die doppelte Ich-Erzählstimme bleibt der Leser auf Tuchfühlung an beiden Hauptfiguren, taucht in ihr Innerstes ein, ist nah am Geschehen der persönlichen Achterbahnfahrten. Besonders die Stimme von Sophia klingt weiblich-emotional, warm, muglig oder auch stachelig bis frostig. Mancher Leser wird ähnliche Stimmungslagen aus eigener Anschauung kennen, sie vielleicht sogar fürchten. Schließlich ist die weibliche Psyché (ψυχή als mythische Figur) bedeutend vielschichtiger, ihr Gefühlsleben facettenreicher. Diesen lebendigen Eindruck zu vermitteln, schafft Rudkoffsky auch deshalb, weil Sophia die beginnende Erzählstimme ist, Jan folgt erst später. Im Verlauf des Buchs bleibt der Leser intimer bei ihr als bei ihm. Diese vertraute Nähe hat aber auch etwas Vertracktes: Der Leser wird ein Stück weit zum Komplizen, ertappt sich dabei, in die sorgsam von Sophia ausgebreitete Falle zu tappen, sich ihrem Ärger und Frust anzuschließen und den Genuss mitzuempfinden, den sie in ihrer Troll-Identität erfährt. Bei Jan überwiegt eher Mitleid, nicht aber das grundständig Böse, das in uns allen sein Wirken zeigt.

Fazit: Ein Buch, wunderbar nah an der Wirklichkeit, an der Mitte der Gesellschaft, an einem Paar, das die Rolle der Eltern erst noch         finden muss und im Falle Sophias noch mit den Verstrickungen aus ihrer Herkunftsfamilie zu kämpfen hat. Ein Roman, der den Widersinn so mancher Gesellschaftsentwicklung aufs Korn nimmt: besonders die so hoch gelobte Leistung, das Multitasking, das ewige Stand-by, dass wir uns an diese ‚Dinge‘ verkaufen, sie als Goldenes Kalb behandeln, während die mitmenschliche, die partnerschaftliche, die familiäre Basis daran zerbricht. Ein Roman mit Lokalkolorit, saftigen Übertreibungen, einem schönen Spannungsbogen, großem Identifikationspotential und so manchem Hintersinn, garniert mit bitterbösem Blick auf uns selbst.

Ingo-Maria Langen,
September 2019