Die Regierung der Maschinen
Jill Lepore
Die Regierung der Maschinen
Aufstieg und Fall des Künstlichen Staates
Aus dem Englischen übersetzt von Werner Roller
und Annabel Zettel
C.H.Beck, München 2026
381 Seiten
29,90.- €
„We the people“
Der Konstitutionalismus als politisches Konstruktionsprinzip der Begrenzung und Repräsentation von gesellschaftlicher Macht findet einen ersten schriftlichen (neuzeitlichen) Ausdruck in der amerikanischen Verfassung, zu deren Entstehungs- und Entwicklungsformen Jill Lepore bereits ein Standardwerk vorgelegt hat. Konstitutiv für diese Verfassung (1787) sind die Gewaltenteilung, der Föderalismus, die Volkssouveränität sowie die Rechtsstaatlichkeit. Eine bis dahin unerhörte zivilisatorische Errungenschaft, die mit großem Blutzoll bezahlt wurde. Im ausgehenden Zeitalter der Aufklärung sollte „der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“ (Kant) richtweisend in der schöpferischen Gestaltung wie auch ihrer reflektierten Selbstbeschränkung gesellschaftliche Entwicklungen mit Maß und Mitte verfolgen. Allerdings war Kant sich durchaus über „das krumme Holz des Menschen“ bewusst: nichts Gerades ließe sich daraus zimmern. Die Fehlbarkeit des Menschen ist die Kehrseite seiner Wachstumsmöglichkeiten. Es bleibt die unauflösliche Frage, zu wessen Nutzen er beides gestaltet.
Jill Lepore legt mit ihrem neuen Buch ein Werk vor, das sich mit der Fortentwicklung dieses Staatsverständnisses hin zu einem „Künstlichen Staat“ beschäftigt. In zwei Teilen führt sie den Leser zunächst in die historischen Entwicklungsstufen des „Maschinellen Regierens“ ein, um dann in einer eher ungewöhnlichen Fortführung des zweiten Teils ihre Argumente an der Entfaltung der Science-Fiction Literatur zu spiegeln.
Die Feder ist mächtiger als das Schwert
Reiche der Vormoderne, überwiegend durch das Schwert geschmiedet und durch religiöse Ableitung ‚legitimiert‘, erfuhren in späterer Zeit vermittelt über den Buchdruck und die Bildung immer breiterer Schichten eine Legitimationsbasis durch schriftliche Zustimmung. Die moderne Verfassung war geboren, wenngleich sie auch nicht überall Einzug hielt, Großbritannien etwa hat immer noch keine schriftliche Verfassung (Magna Carta 1215). Gleichwohl ist die Verfassungsentwicklung eine schöpferische Grundleistung für demokratische Rechtsstaaten, sichert sie doch die übergeordneten Rechtsprinzipien wie die Grundrechte, die Staatsorganisation oder die Finanzverteilung für das politische Gemeinwesen. Insbesondere nach 1945 trugen die Verfassungsprinzipien in westlichen Staaten zur Erwirtschaftung eines allgemeinen Wohlstands bei, der ebenso eine conditio sine qua non für die europäische Einigung und ihre friedenspolitische Entwicklung darstellt wie auch zur Vermeidung einer Rückkehr der Tyrannei.
Die inzwischen um sich greifende Unzufriedenheit mit Demokratie und Politik, ein hohes Frustrationsniveau hinsichtlich der wirtschaftlichen Bedingungen, dem Miet- und Wohnraumproblem, der Überalterung der Gesellschaften, führt zum Erstarken der politischen Ränder und damit zur Erosion der politischen Verhältnisse. Jill Lepore knüpft an diese Tendenzen an und kontextualisiert sie mit einschlägigen Überlegungen zum „Künstlichen Staat“. Dessen Entstehungsgründe verortet sie in den technischen Fortschritten seit der Jahrhundertwende, die es ermöglichten die Arbeitsproduktivität zu erhöhen und den Menschen zugleich neue Gesetzmäßigkeiten des Arbeitens aufzuerlegen. Doch die Ziele der neuen Arbeitswelt waren weiter gesteckt: nicht die Freiheit des Einzelnen und der Wohlstand der Gesellschaft standen im Fokus, seit den 2010er Jahren war es seitens der Tech-Industrie die Abschaffung des demokratischen Nationalstaats zugunsten einer Anhäufung staatenloser Start-ups in internationalen Gewässern, die mittels ihrer geballten Vermögen die Zerstörung der westlichen Gesellschaften unter Verweis auf Schutz vor deren Auslöschung durch Maschinen, deren Bau und Vertrieb ihr Kerngeschäft ist. Diese Tech-Herrschaft erfordert weder politische Zustimmung, noch Kontrolle, denn sie ist die einzige „Macht“, die uns vor dem Untergang noch retten kann.
Lepore bringt dazu die einschlägigen Charaktere in einen kausalen Zusammenhang: Peter Thiel, Elon Musk, Alex Karp, Marc Andreesen (u.a.). Sie fanden sich in den Neunzigern im Silicon Valley, und fundierten ihre Visionen von extraterrestrischer Besiedlung mit politischen Konzepten von Ayn Rand („Atlas shrugged“), die einem Radikal-Kapitalismus das Wort redete, Liebe, Selbstlosigkeit und andere Tugenden für überflüssig und marktschädlich erklärte. Das Werk gilt als eines der einflussreichsten politischen Romane des 20. Jahrhunderts. Rigorosität, verpackt in apokalyptische Botschaften, gepaart mit Erlösungsversprechen, zeichnet nach Lepore seit dem Jahrtausendwechsel und verstärkt seit dem Beginn der „AI-Ära“ das Auftreten der Tech-Branche aus dem Valley aus. Messianische und sektenähnliche Züge wirken auf große Teile des Publikums attraktiv, weil die multiplen Krisen in ihrer Gleichzeitigkeit und Bedrohlichkeit sich gegenseitig verstärken, die politischen Repräsentanten sich unschlüssig bis inkompetent zeigen, „Lösungen“ oft nur zeitlich begrenztes Stückwerk sind. Glaube und Hoffnung, Vertrauen gar sind dermaßen geschwunden, dass auch in der westlichen Hemisphäre vermehrt nach autoritativen Lösungen gerufen wird, dem „Einen“, der alles auflöst, die Menschen „erlöst“ und für viele wieder in die „gute alte Zeit“ führt. Dieser Irrglaube ermöglicht die Konjunktur absurder und kruder Technologiefantasien, die darauf abzielen, die Menschen darauf vorzubereiten, dass AI sich ihrer annimmt, zum humanoiden Tagesbegleiter und alltäglichem Problemlöser wird, so human, dass wir uns unwillkürlich die Frage von Philip K. Dick stellen: Träumen Androiden von elektrischen Schafen?
Lepore entwickelt ihren technischen Gedankengang anhand des technologische Fortschritts in den USA seit den Fünfzigern. Erste Tabelliermaschinen ermöglichen statistische Erhebungen und die Aggregation von gewonnenen Daten, zunächst für die Bevölkerungsstatistik, bald darauf aber auch für das „Marketing“. Sogenanntes „Microtrageting“, also die zielgenaue Gruppenansprache von Konsumenten, wird schnell von der Politik als Möglichkeit der Wähleransprache bis hin zur gezielten „Informationspolitik“ erkannt und eingesetzt. Großcomputer müssen für die Präsidentenwahl Wahlkampagnen entwerfen und auszuspielen. Bereits zu dieser Zeit, Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger sind die Vorläufer der Tech-Industrie darauf angelegt, Wahlen auf ein gewünschtes Ergebnis hin zu steuern.
Zugleich entstanden seit den Dreißigern zunehmend rechtsautoritäre Schriften, die mit dem „Projekt einer Technocracy“ warben, in der mittels Technik des Menschen Leben gesteuert würde, so dass die politische Herrschaftsform der Demokratie und ihrer legitimierten Vertreter obsolet erscheinen sollten. Die Wahl Roosevelts und dessen „New Deal“ machten diese Fantasien praktisch zunichte. Ihre Ideen allerdings lebten fort: Joshua Haldeman, Elon Musks Großvater, ein vehementer Vertreter dieser Strömungen, siedelte um nach Pretoria und unterstützte dort die Politik der Apartheid mit seinen Vorstellungen zum „Rassenverhältnis“ und einem technischen Staat. Haldeman verteidigte die „Protokolle der Weisen von Zion“ produzierte Verschwörungserzählungen gegen Juden, Schwarze, Kommunisten, Universitäten, die Presse und wetterte gegen Impfstoffe. Kommt uns das irgendwie bekannt vor? Musk, der seinen Großvater wohl nicht sehr lange erlebte, scheint der Übertragung solcher Gedanken nicht fern. Ein weiterer Baustein trat hinzu: die Mathematik im Großrechner. Die Speicherkapazitäten nahmen zu, die Stochastik lieferte bessere Ergebnisse für Wahrscheinlichkeiten, Statistik und Kombinatorik, Hypothesen konnten hinsichtlich ihres Datenwerts und der Methode simuliert werden und damit Ergebniswerte für die Zukunft berechnen. Mit der „Kybernetik“ eines Norbert Wieners nahm diese Entwicklung Fahrt auf. Mitte der Fünfziger entstand auf einem Dartmouth Sommer-Seminar der Begriff „Künstliche Intelligenz“. Drei Mathematiker und ein IBM-Techniker formulierten dazu die Aussage, ein technisches Modell zu bauen, das nach maschinellen Logikprinzipien eine Maschine hergestellt werden könne, die im Sinne von Intelligenz mit Sprache ausgerüstet, jene Probleme lösen solle, die derzeit noch dem Menschen vorbehalten seien.
„Industrielle Viehzucht für Menschen“
Die technische Evolution würde ihnen recht geben. Lepore führt uns durch die Informationsgesellschaft hin zu Datamining und Dataprocessing oder auch Datadesign, mittels derer wir letztlich gläsern und damit „verwaltbar“ werden. Sie bindet ihre Thesen an die historischen Vorgänge der USA, die bis hin in den uns heute so geläufigen „Trumpismus“ führen. Die Goldwater-Affäre, die Brügerrechtsbewegung, das Entstehen der „Neuen Rechten“ und eben die immer weiter fortschreitende Computertechnologie, mittels derer die Gesellschaften nicht etwa zum ihrem „Glück“ harmonisiert wurden, sondern zu ihrem Schaden (und dem Nutzen Weniger) polarisiert und gegeneinander aufgehetzt werden. Die Obszönität in der Anhäufung von Reichtum und Macht (außerhalb legitimierter Politik) setzten einen Impuls in der Gesellschaft frei, der zu Destabilisierung führen sollte, um letztlich den „Künstlichen Staat“, der vom Valley kontrolliert wird, als vermeintlich letzte Rettung zu installieren. Die multimedialen Plattformen bieten beste Voraussetzungen für einen derartigen Weg.
Im zweiten Teil schickt Lepore sich an, die Demontage des „Künstlichen Staates“ in Aussicht zu stellen. Sie bezieht sich dabei ausdrücklich auf die Sience-Fiction Literatur, in Ermangelung historischer oder technischer Fakten. So bleibt dieser Teil letztlich ein „Logik-Experiment“, über das, was wir noch nicht wissen, nur vorstellen können und mittels Literatur zur Zukunftsforschung fortschreiben – mit bitteren Erkenntnissen. Kurz gefasst: mit fortschreitender Zeit wird es zunehmend schwierig, AI und Allgemeine Intelligenz auseinanderzuhalten, denn AI wird versuchen, alles zu durchdringen. Wir erleben bereits die ersten Schritte der Verselbständigung von AI, die eigenständige Vernetzung von Bots untereinander, Zielkorrekturen oder -erweiterungen, Hacks in Verwaltungs- und Regierungsserver, Unternehmen. Die wohlfeilen Rufe nach ethischen Standards zur Kontrolle (Wie sollte die aussehen?), das Einhegen von Modellen, der „Totmannschalter“ als das Ziehen des Steckers – das hat schon bei Skynet im „Terminator“ nicht funktioniert. Ober bei „Vicki“ (Virtuell Interactiv Kinetic Intelligence) im Film „I Robot“.
Aus was der Mensch gemacht ist
Was also bringt Lepore zu der Überzeugung, der „Künstliche Staat“ würde, wenn er denn überhaupt entstünde, an sich selbst scheitern? Ihre Hoffnung basiert in der Apfelbaum-These: die Welt ist zu retten, auch wenn es noch so düster aussieht, denn ohne Natur (Welt) kann der Mensch nicht (über)leben. Sience-Fiction hat genau das erkannt und die Sehnsucht danach von Menschen beschrieben, die in künstlichen Umgebungen leben. Die Natur, die existentiell zu unserem Humanum gehört, spiegelt sich an der Unwirtlichkeit und Unwirklichkeit ihrer Abwesenheit. Das zu ertragen wird auf Dauer nicht funktionieren. Auch weist sie den Gedanken zurück, der „Künstliche Staat“ könne Freiheitsgrade erhöhen, Zufriedenheit und Glück erhöhen. Doch er wird daran scheitern, ganz so wie er keine natürliche Umwelt natürlich erzeugen könnte. Doch so weit kommen die Protagonisten des Valley nicht, sie verkennen die Lektüre, die sie gelesen, aber nicht verstanden haben (Musk: Per Anhalter durch die Galaxis).
Letztlich bleibt das Scheitern, dem der Autor durchaus zustimmt, aber methodisch und programmatisch unausgereift, so dass an dieser Stelle noch weiter zu unterfüttern wäre. Das schadet dem Ansatz dieses Buches jedoch kaum, regt es den kritischen Leser doch dazu an, sich genauer mit diesen Problemen zu beschäftigen: der Erosion unserer repräsentativen Demokratie, ihrer freiheitlichen Grundordnung, dem unabhängigen Gerichts- und Rechtswesen und den Grundfesten unserer Verfassungen. Sie und nur sie sind die Garanten dafür, unserer friedvolles Miteinander auch zukünftig gestalten zu können. Das allerdings benötigt den Einsatz von uns allen, damit Populismus und andere Kräfte uns nicht das Heft des Handelns aus der Hand nehmen.
Über weite Abschnitte liest sich der Text immer wieder aus der Ex-post-Betrachtung geschrieben, entsteht der Eindruck, wir könnten bereits das Scheitern dieser „Maschinenautokratie“ hinter uns gelassen haben und so vielleicht den geistig-humanistischen Pfad wiedergefunden haben… Das ist durchaus appellativ verstehen!
Ingo-Maria Langen, Oktober 2026
