Die Philosophie der Stoa

Jula Wildberger
Die Philosophie der Stoa
C.H.Beck Wissen

Verlag C.H.Beck, München 2025
128 Seiten, TB, 12.- €

Ars rhetorica / τέχνη ῥητορική

‚Ach der alte Streit‘, seufzt die Zweite Sophistik, im ‚Phaidros‘ wurde er schon ausgetragen und wir kleben immer noch daran! Wer hält denn nun die Autonomie? Die Philosophie oder eben doch die Rhetorik? Sokrates hatte im ‚Phaidros‘ argumentiert, eine Rhetorik, die auf Wissen beruhe, sei der bloßen Meinung oder möglichen Wahrscheinlichkeiten nach, die zu „Urteilen“ gelange, vorzuziehen. Die ‚Stoa‘ ergänzte, Rhetorik als Wissenschaft sei dem Weisen vorbehalten, mithin einem Menschen, der die vollkommene Einsicht und vollkommene Tugend besitze. Dann unterscheide sich diese Rhetorik von ihrem sophistischen Geschwister, dem es nur an téchnē gelegen sei, um zu überreden, dahin, über sich selbst hinauszuweisen.

Marcus Aurelius berichtet wie sein Lehrer Marcus Cornelius Fronto nach dem Erhalt eines Briefs aus seiner Feder, dieser wahrscheinlich direkt einen Sklaven zur Apollinischen Bibliothek geschickt habe, jene Werke auszuleihen, die er etwa von Cato gelesen habe. Doch da müsse sich der Lehrer hintenanstellen und in der persönlichen Bibliothek von Marcus Aurelius den Bibliothekar bestechen, denn die Bände seien zu seinen Händen gelandet. Hintersinniger Humor des Verfassers der noch heute gelesenen „Selbstbetrachtungen“ eines Vertreters der jüngeren Stoa.

Jula Wildberger zeichnet in unterhaltsamer Weise die Geschichte der Stoa von ihren Anfängen bis in die römische Kaiserzeit und ihre Fortwirkungen in den späten Jahrhunderten bis auf die Rezeption unser Zeit nach. In ihren kurzweiligen und zugleich tiefgründigen (anspruchsvollen) Episoden begleitet der Leser sie durch die Jahrhunderte beginnend mit Zenon von Kition.

In der an Strömungen reichen Philosophiegeschichte Europas legt jene der Stoa Zeugnis von einer anhaltenden Lektüre ab. Wildberger führt die Rezeptionsfreudigkeit der Jahrhunderte auch darauf zurück, dass der Stoizismus einem kontinuierlichen Wandlungsprozess unterliegt, der im Grunde genommen bis auf unsere Tage anhält. Das zeichnete sich bereits im Fortwirken der Stoa im Anschluss an die Antike ab. In der Überleitung zum Christentum behielt der Stoizismus seine Bedeutung insbesondere in synkretistischen Übernahmen zu Fragen von Ethik und Moral. Bis in die Spätzeit von Renaissance über Descartes und Leibniz hin zum deutschen Idealismus mit Kant hatte der Stoizismus eine Fortsetzung seines Gedankengutes.

Was macht diese Philosophie in ihrem Kern aus? Es sind Vorstellungen, die uns auch heute begegnen: von der Gleichwertigkeit der Menschen (und ihrer Gleichberechtigung) über das Weltbürgertum bis hin zu den Auswüchsen und damit den Gefahren, die wir über unsere Lebensweise in die Welt tragen und allen damit verbundenen systemischen Implikationen. Die Autorin schildert die berühmten Persönlichkeiten: Zenon von Kition (den Begründer), Chrysipp (Schüler des Kleanthes) als würdiger Nachfolger und Fortentwickler der Schule, der die Grundlagen Zenons fachlich präzisierte und erweiterte. Wir streifen Diogenes von Babylon, Lucius Annaeus Seneca und den bereits vorgestellten Marc Aurel.

Der Fokus liegt auf der Frage: Was ist ein gutes Leben? Wie ist dies zu erkennen? Wie zu bewerkstelligen? Was hindert uns daran? Und warum kommen wir immer wieder von diesem Weg ab, selbst wenn wir ihn als den (einzig) richtigen erkannt haben? Der schmale Band geht über die einzelnen Protagonisten diesen Fragen nach und stellt dabei die Breite der unterschiedlichen Entwicklungen differenziert dar. Ebenso findet sich eine Abgrenzung oder auch Anknüpfung an Platon und Aristoteles, die mit ihren Schriften bereits große Lehrgebäude hinterlassen hatten. Zenon knüpft an die Kyniker an, legt ein durchaus asketisches Fundament, das seinen archimedischen Punkt im logos gründet. Dieser verbindet sich bei ihm mit dem Begriff homologoumenōs, mithin der gestalterischen Kraft in rationaler Übereinstimmung mit sich selbst und der Welt zu leben. Gott als Weltenerschaffer und Weltenlenker sorgt als erster und einziger Beweger für den Kosmos und uns. Wir leben somit in Übereinstimmung, wenn wir die uns zukommende Bestimmung annehmen und umsetzen. Das unterscheidet uns vom Tor, der abweicht und letztlich strauchelt (zum Schaden gerade auch seiner selbst). Unsere Vernunft (phronēsis) kann uns dazu durch die Tugenden (aretai) leiten, um unserer Bestimmung gemäß unseren Platz im Leben auszufüllen. Gleich ob Gerechtigkeit (dikaiosynē), Tapferkeit (andreia) oder Wissen (epistēmē), unsere innere Leitinstanz muss kontextualisiert die richtige Entscheidung (Zusammenführung) der Tugenden erbringen, um ein übereinstimmendes Leben mit sich selbst sowie für die Gemeinschaft zu ermöglichen. Unsere Freiheit ist also gekoppelt an eine Gebundenheit, damit wir als soziale Wesen und nicht als Egomanen handeln. Jenseits der Güter und des Unerheblichen liegt die Weisheit für die Stoa in der Rückbindung jener ethisch-moralischen Leitlinien, die uns ermöglichen im sorgenden und empathischen Miteinander Leben zu gestalten. Seneca erkannte bereits für seine Zeit: technischer Fortschritt impliziert immer auch einen möglichen menschlichen Rückschritt, der uns zu entstellen droht. Marc Aurel stellt in seinen Betrachtungen oft die grundstürzenden Fragen nach der richtigen (gerechten) Herrschaft, der Selbstkritik und der Warnung vor dem Hochmut, alles zu tun, dessen wir fähig wären. Seneca hob in seinen Briefen hervor, dass schlechte Menschen sich untereinander noch schlechter machen und damit die Laster letztlich zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem werden. Kaum wäre dem heute weiteres hinzuzufügen!

Ein schmaler Band mit Tiefe und ein wenig Chuzpe in manchen Formulierungen, was die Freude des Lesens allerdings unbedingt bereichert.

Ingo-Maria Langen, Juli / August 2025