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Via Conci
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Leipziger-Buchmesse-2019 (3)

Der ewige Faschismus

Umberto Eco
Der ewige Faschismus
5. Auflage

Hanser Verlag, München 2020

77 Seiten

Verschwörungen
Eine Suche nach Mustern

Hanser Verlag, München 2021
87 Seiten, div. Abbildungen

… und die Rose

Umberto Ecos Welterfolg „Il nome della rosa“ ist als Mittelalter-Krimi mit semiotischer Spur auch ein (verborgenes) Glanzstück faschistischer und verschwörerischer Kulturanthropologie. Gleicht sein Brennglas in Händen von William von Baskerville im Streit um die Vita apostolica, dem Armutsgelöbnis der Kirche in Zeiten des Avignonesischen Papsttums, doch einer Skalierungsinstanz vom geringsten Mönchlein hin zu den Vasallen der Macht des Papstes jenen Grundbedingungen, die in der späteren Abstraktion fundamentaler Begriffe den theoretischen Rahmen eröffneten, dem beide Schriften sich widmen. Faschismus und Verschwörung lassen sich dabei als geistige Geschwister beschreiben, die einer extremen Form der Reduktion von Komplexität huldigen, um Weltgeschehen portionierbar sprich verstehbar zu halten. Sie bedienen sich antiintellektueller Werkzeuge, die an unsere stammesgeschichtlichen Instinkte appellieren.

Dem vorangestellten Essay von Roberto Saviano im Faschismusband können wir bereits die tragenden Strukturelemente für die Erosion einer demokratisch verfassten Gesellschaft entnehmen: „Bürgerrechte, Menschenrechte und Sozialstaat: Wenn einer dieser drei Pfeiler ins Wanken gerät, stürzen auch die beiden anderen.“ Warum diese Kasuistik richtig ist, machen zwei Überlegungen deutlich. Zum einen wird Politik in Verbindung mit diesen Verfassungswerten oft als Elitenprojekt und damit abgehoben von der Basis, vom einfachen Mann weit entfernt, dargestellt, um sie von interessierter Seite zu diskreditieren. Zum anderen spricht die AfD bei uns gerade jene Schichten der Mitte an, die sich mit Abstiegsängsten plagen, um ihren Besitzstand fürchten, dem Sozialstaat offen feindlich gegenüberstehen, weil sie meinen, auf ihre Kosten diejenigen Teile der Gesellschaft zu finanzieren, die keinen originären Leistungsbeitrag bringen. Nicht die sozial Schwachen sind also von der „Programmatik“ dieser Partei angesprochen, sondern die offensichtlich (noch) Besitzenden, die um ihren wirtschaftlichen Status bangen, oder auch darum in Zukunft nicht genug Zugewinn erwirtschaften zu können. Das ist ein Phänomen, dem Eco in seinem Beitrag an späterer Stelle ebenso nachgeht: Die Besitzenden der italienischen Gesellschaft, besonders die vormaligen Großagrarier, haben Mussolinis Movimento finanziert, in der Hoffnung auf eine Konterrevolution, die den Sozialstaat schwächt, Eigentum, Besitz und Vermögen belohnt. Ähnliches ist auch für den Nationalsozialismus bekannt. Diesen Schichten ist der Solidaritätsgedanke zutiefst verhasst.

Erosion

Eco zitiert Franklin D. Roosevelt aus dem September 1943: „Der Sieg des amerikanischen Volkes und seiner Verbündeten wird ein Sieg über den Faschismus und das von ihm repräsentierte Erbe des Despotismus sein.“ 1938 formulierte Roosevelt: „Ich wage zu behaupten, wenn die amerikanische Demokratie aufhört, als lebendige Kraft voranzuschreiten, um Tag und Nacht mit friedlichen Mitteln das Los unserer Bürger zu verbessern, wird der Faschismus in unserem Lande an Kraft gewinnen.“ Worte „Nestors“. Welchen Befund würde er wohl heute erheben, angesichts einer Grand Old Party, die USA auf eine Wiederkehr eines Präsidenten vorzubereiten, der sich bereits im Vorfeld des Wahlkampfs zum Diktator für einen Tag ausruft? Angesichts des Internets, das als Verschwörung von Hohlköpfen (Saviano) von Hass durchseucht ist, wo offen zum Bürgerkrieg aufgerufen wird, andere Menschen diskreditieren, zu vertreiben, zu töten, die Institutionen zu schleifen und einem Diktator zu huldigen?

Die Gefahr der Erosion ist eine schleichende. Die beiden Harvard-Professoren Steven Levitzky und Daniel Ziblatt zeigen in ihrem 2017 erschienen Buch „Wie Demokratien sterben“ die prozedurale Abschaffung auf. Sie kommt nicht mit revolutionärem Pathos und Getöse daher, sondern eingestielt über gewählte (sic!) Vertreter des „alten“ Systems werden Institutionen geschleift, Grundsätze der Verfassung beschnitten, ausgehöhlt und schließlich „ersetzt“, bis in nicht allzu fernen Tagen eine Autokratie im „Namen des Volkes“ errichtet ist. Vor unser aller Augen auf internationaler Bühne zu besichtigen: Venezuela mit Chavez und Maduro, Russland mit Putin, Ungarn mit Orban. Claudius Seidel schreibt in der FAZ (29.12.23) „Der Untergang der amerikanischen Republik“ dazu: „Dass einer, der sich selbst zum Außenseiter erklärt, die Institutionen als morsch und korrupt denunziert und die Gewaltenteilung als Hemmnis für entschlossenes Regieren – und deshalb beides entmachte oder ganz abschaffe. Und dabei dem Volk verspreche, ihm die ganze Macht zurückzugeben, wobei er sich selbst als Verkörperung dieses Volkes betrachte.“ Und es sind die willigen Helfer, die in Heerscharen zu Diensten des Despoten sind, aus Verblendung, Dummheit oder auch aus Gier. Und das Volk? Es sitzt und lacht sich ins Fäustchen ob des vermeintlichen Sieges der Richtigen. Ihr habt es so gewollt, wird man ihnen später zurufen. Doch dann liegt die demokratische, solidarische, freiheitliche Gesellschaft in Schutt und Asche. Nun reiben sich die Autokraten und Diktatoren die Hände. Warum in aller Welt haben wir unsere Würde und die unserer Nachbarn, Nächsten oder auch Fremden verkauft?

Auf dem Weg dorthin sammeln interessierte Kreise Intoleranz und Hass auf, kombinieren sie mit alten und neuen Verschwörungserzählungen (die keine Theorien sind, weil es ihnen an geistiger Tiefe und Kasuistik fehlt), um Vorurteile und tiefe Abneigungen zu bedienen, die wir alle in uns selbst finden. Wer diesen Impulsen nicht widersteht, geht jenen Erzählungen allzu gern auf den Leim, um die eigene Weltsicht, das eigene Rechthaben und alle niedrigen Gefühle und Bedürfnisse zu bedienen. Doch eines ist er nicht: unschuldig! Begeben wir uns auf diesen Weg, landen wir in Platons Höhle, aus der es kein Entkommen gibt und wir werden jeden ehrlichen Makler zu Tode steinigen, um nicht gestört zu werden im Vegetieren und Verrotten. Man muss es so drastisch sagen. Ohne Helfer, werden unsere mühsam aufgebauten Demokratien nicht zerstört. Die Entscheidung liegt bei uns.

Zwei Bände eines kritischen Geistes, der uns den Spiegel vorhält, dessen moralische Autorität uns fehlt.

Ingo-Maria Langen, Januar 2024