Aikido * Grundlagen

Bobo Rödel
Aikido * Grundlagen

Techniken | Prinzipien | Konzeption
Meyer & Meyer Verlag, Aachen
4. überarbeitete Auflage 2023

407 S., 32,90.- €

Aware des Frühlings

Die Wehmut des Frühlings verkörpert sich
im Schatten meines Ichs,
das still durch den Kiefernwald spaziert,
während ich Zapfen vom Boden aufnehme,
denke ich sehnsüchtig an jemanden.

Die Anmut des Frühlings
ähnelt Bläulingen, die um meinen Schatten tänzeln,
während der Duft der Veilchenblüten aufsteigt
und auf die Wellen des Meeres fällt,
ohne die Richtung zu wissen.

Die Wehmütige Anmut des Frühlings entspricht
meinem Schatten,
der so still im Kiefernwald verweilt,
entstiegen aus unergründlich tiefblauem Meer
hebe ich mir Kiefernzapfen vom Boden auf. (Miyoshi Tatsuji)

Aware ist ein mehrdeutiges Wort im Japanischen. Je nach verwendetem Bezugsrahmen kann es mit „Elend“ im Sinne einer Wehklage oder eben im Frühling mit aufkeimenden Gefühlen übersetzt bzw. interpretiert werden. Auch ließe sich von „Sich-bewegen-lassen“, „Sich-anrühren-lassen“ sprechen.

Für uns mag das „Sich-bewegen-lassen“ in einem tieferen und einem ganz praktischen Sinn für das Buch von Bodo Rödel die passende Verwendung sein.

Zunächst mag irritieren, ein Buch zur Kampfkunst mit der Bildwelt eines Gedichtes zu beginnen. Doch die Auflösung ist simpel: Aikido bezieht sich sowohl in seiner Entstehungsgeschichte als auch in seinen Techniken auf die Schwertkampfkunst der alten Samurai (das Iaidō 居合道  –  der Weg des Schwertziehens ). Erziehung, Ethos und Vorbildfunktion des Schwertadels bildeten ein Kaleidoskop an Fähigkeiten, die dem des παιδαγωγός  im alten Griechenland nicht unähnlich waren. Die Bildung der Samurai als Kaste mit etwa 7% Anteil an der Bevölkerung formte die Speerspitze des Landes, was sich nicht zuletzt in den Umbruchszeiten der Meji-Restauration zeigte: sie bekleideten  hohe Verwaltungsposten und führten das Inselreich mit in die Moderne. Nicht alle aus diesem Stand (absteigend: Bauern, Handwerker, Händler, „Nichtmenschen“) schafften den Anschluss, sie wurden oder blieben Ronin, herrenlose Krieger, oft ohne guten Bildungshintergrund. Gemeinsam war (fast) allen jedoch, die Zeremonie des Seppuku, mit dessen Lebensende-Gedicht. Verfasst nach einem Ritual und mit großer (kunstvoller) Ernsthaftigkeit, die Ehre würde diese Krieger überleben. Mono no aware ( 物の哀れ ) als ästhetisches Konzept der Welt- und Wertschätzung.

Aikido als Kampfkunst tritt erst spät unter die anderen Künste, und es ist durchaus nicht zu viel gesagt, dass diese Kunst eine einzigartige Stellung im Reigen der Verteidigungsstile einnimmt. Sind wir aus den meisten Kampfkünsten gewohnt mit Kraft, hartem Einsatz und explosiver Technik zu arbeiten, so fühlt sich Aikido zunächst sehr weich, rund und fluid an. Das ist den zugrundeliegenden Prinzipien von O-Sensei Ueshiba geschuldet. Es gilt die runden und fließenden Formen der Techniken frei von eigenen (!) Krafteinflüssen zu halten. Ihre höchste Wirkungskraft entfalten sie unter (ausschließlichem) Einbezug der Kraft des Gegners. Diese nehmen wir auf, leiten sie um und neutralisieren über unsere Technik den Angriff, um uns selbst und (bestenfalls) auch den Angreifer zu schützen. Deshalb sind die Atemi-Techniken nicht als zerstörerische Konter zu verstehen, sondern als Brechen der Konzentration des Angreifers, verbunden mit der von uns ausgeführten Technik. Auf diese Weise wird dem buddhistischen Gebot, keinem Wesen einen Schaden zuzufügen entsprochen.

Rödel beschreibt die Prinzipien anhand von ma-ai (Distanz), shisei (Haltung) und waza (Technik). Darin eingebettet sind shiho nage, sankyo, irimi nage und ikkyo (katame). Werden die ersten drei Prinzipien nicht gewahrt, können die nachfolgenden Techniken nicht richtig ablaufen, ihr Funktionsgehalt wird gebremst oder sogar aufgehoben. Das erfordert eine sehr bewusste und geschmeidige Eingewöhnung, um die Prinzipien zu erfühlen. Erst danach kann die Schulung in den Techniken und im Austausch erfolgen. Insbesondere über die (spätere) Geschwindigkeit etwa bei kote gaeshi können die Techniken durchaus eine zerstörerische Kraft entfalten, so sind wir im Umgang gehalten viel Gefühl und Bedacht im Austausch zu wahren.

Rödel erklärt die einzelnen Stadien genau und stellt viele Abfolgen über detaillierte Bildfolgen dar. Das gilt ebenso für die diversen Einheiten zu Stock und Schwert, die im Graduierungssystem einen hervorgehobenen Platz einnehmen: beziehen sich doch viele Techniken (Bsp.: kokyu nage, shiho nage) auf Schwertpositionen, die einem Schneiden (Stechen) mit der Klinge nachempfunden sind oder auch gegen bokken (oder jo) eingesetzt werden. Nicht zuletzt drückt sich das in der Etikette der Begrüßung aus: erst links abknien, die rechte Hand noch für das Schwert bereit, dann rechts, erst links die Hand zum Gruß, dann rechts, anschließend im umgekehrter Folge. Diese Verbindungen zum klassischen Iaidō finden sich immer wieder und verleihen dem System eine praktische und kulturelle Tiefe.

In der Begleitung zu praktischem Training ist das Buch ein wertvolles und spezifisches Kompendium, denn sowohl in der Komplexität der ganzen Kunst als auch in den vertieften Details kann der Übende einen Mehrwert für sich erarbeiten. Ein breites Inhaltsverzeichnis, Stichwort- und Fachbegriffsregister ergänzen den Band. Bietet er doch nicht nur dem Einsteiger eine praxisgerechte Anleitung, sondern auch dem Fortgeschrittenen einen guten Blick auf die Prinzipien und ihre inneren Zusammenhänge für diese Kampfkunst.

Mono no aware ließe sich für unseren Zusammenhang auch so lesen: die Schönheit der Dinge des Aikido erfordert eine intensive und kontinuierliche Arbeit an der Konstruktion und ihren Prinzipien. Nur dann wird den Übenden (vielleicht in später Zeit) das satori (悟り ) als Erleuchtungserlebnis in Verbindung mit dem Zazen geschenkt. Das wäre Kunst in ihrer Vollendung.

Nachbemerkung: yamato damashii

Das oben angezeigt Buch von O-Sensei Ueshiba ist eine Fibel zu Ursprung und Praxis des Aikido. Es finden sich dort in kurzer Fassung seine Lehrsätze sowie eine Fotoreihe zu Techniken aus dem Dojo von Noma Seji im Jahr 1936. O-Sensei knüpft direkt an die Schwertradition, entwickelt bereits zur Heian-Zeit, an, und verknüpft damit seine Überlegungen zu Aikido. Hinsichtlich des geistigen Wegs (dô) scheinen die Bezüge zum Buddhismus auf. Geist und Seele des Kriegers müssen zusammenfinden und gemeinsam aufgehen in der kosmischen Energie und ihren Prinzipien. Dann erfüllt sich der Wille der Götter. Für den Kämpfer muss gelten: Menschlichkeit, Liebe und Aufrichtigkeit, Einfühlungsvermögen. Wer den physischen Kampf als unausweichliche Lösung für sich akzeptiert hat, hat im kosmischen Maßstab bereits verloren. Denn ihm ist es nicht gelungen, die notwendige Harmonie herzustellen, um diesen zu vermeiden und zu einer wirklichen Lösung zu gelangen. In diesem Sinne ist das folgende Zitat zu deuten: „Das Schwert ist die Seele des Kriegers und eine Offenbarung des wahren Wesens des Universums; folglich hältst du, wenn du ein Schwert ziehst, deine Seele in deinen Händen. Denke daran, wenn sich zwei Krieger mit Schwertern gegenüberstehen, sind Körper und Geist jedes der beiden erleuchtet, da sie in einer Welt zusammentreffen, die frei sein muss von Falschheit und Bösem. Ein Feind, der auf dem Großen WEG göttlich inspirierter Schwertkunst erscheint, ermöglicht dem Krieger, universale Prinzipien wirken zu lassen, und dient somit als Hilfe, die Harmonie aller Elemente von Himmel und Erde, Körper und Seele zu finden – ewig dauernde Herrlichkeiten.“

Ingo-Maria Langen, November 2025