Wolfgang Schwendtker
Die Samurai
C.H. Beck, 3. A., München 2009
132 Seiten
12.- €

Vexierbild und Vielfalt
Menschliches Denken neigt dazu, das Leben in Bildern vorzustellen, Komplexitäten in wiedererinnerbare Konstruktionen zu kleiden, um ihren Gehalt möglichst getreu dem Abbild aufzurufen. Bilder, erschaffen im Geist, wirkmächtig und in unserem Innern wahr im Glauben daran, können uns beflügeln, Mauern überwinden oder aber (bei falschen Bildern) daran scheitern und zerbrechen lassen. Wir können ihnen aber auch im falschen Glauben „aufsitzen“, einer Konstruktion verfallen. Die Bilder, die im Westen über jene mittelalterlichen bis vormodernen Krieger Japans kursierten, waren der historischen Realität fern und sind es in gewisser Weise bis heute geblieben. Die Samurai werden mit (oft blutrünstigen) Kämpfern, die unter heroischen Opfern („47 Rōnin“) und bei unbedingter Loyalität ihrem Herren dienen und schließlich im Seppuku ihr Leben beenden und zugleich ihre Ehre (wieder)erlangen identifiziert. Die „47 Rōnin“ aus der Geschichtsschreibung des ausgehenden Tokugawa-Shôgunats zu Beginn des 18. Jahrhunderts Japans, ließen sich auch für die gesamte mittelalterliche bis fürneuzeitliche Historie des Landes nehmen: pars pro toto sozusagen.
Doch die Wirklichkeit hinter dieser Erzählung entspricht kaum dem Gesamtbild der Samurai. Wolfgang Schwendtker hat in dem schmalen Band das Herzstück dieser Kriegerkaste freigelegt und in einen sozio-ökonomischen Gesellschaftskontext gesetzt, der die Vielschichtigkeit mit ihren Bezügen und Verknüpfungen zu den Machtverhältnissen verdeutlicht.
Beginnend mit der Heian-Zeit (794-1185) und ihrer kulturellen Blüte sowie der Aufhebung der allgemeinen Wehrpflicht über den Gempei-Krieg und die Muromachi-Zeit bis zu den „Streitenden Reichen“ und schließlich der Tokugawa-Periode, die etwa 250 Jahre Frieden und Abgeschiedenheit einleitete, bildete sich der Samaurai-Stand über mehrere Stufen hin aus, um letztendlich in der Meiji-Restauration nach dem Satsuma-Aufstand (1877) endgültig unterzugehen. Jenseits der Kriegskünste verkörperte dieser Stand noch andere Funktionen innerhalb der Gesellschaft, die ein breites Verwaltungs- und Ordnungsspektrum umfassten.
Die strenge Gliederung der japanischen Gesellschaft mit ihrer feudalen Standeszugehörigkeit und der damit verbundenen Vorzeichnung des einzelnen Lebensweges kannte kaum die Überschreitung von Standesgrenzen oder eine trennscharfe Aufteilung von Privatleben und Öffentlichkeit. Der Einzelne war immer auch Gegenstand öffentlicher Pflichten und Aufgaben, denen er sich kaum entziehen konnte. Die niederen Stände wie Händler, Handwerker oder Bauern hatten zumeist keine individuellen Namen, sondern wurden ihrer Funktion nach behandelt. Nur der Adel und die Samurai (die auch über einen lückenlosen Herkunftsnachweis verfügen mussten) waren dafür vorgesehen. Ein Privatleben wie wir es heute verstehen, gab es damals so nicht. Samurai waren immer im Dienst. Sie hatten sich nicht nur in der Öffentlichkeit ihrem Kodex gemäß zu verhalten, sondern auch nach dem Ritsuryô-System oder jeweiligen Gepflogenheiten der Shôgunate zu richten.
In alten Zeiten (vor Tokugawa) war etwa die Stellung der Frau mit höherer Wertschätzung verbunden, Hochzeiten fanden meist im Haus der Braut statt, kulturelle Aktivitäten wurden zumeist von Frauen gleitet, erinnert sei auch an die Kaiserinnen (Suiko 592 / Kôken 749). Die Nara-Zeit gilt als matriachalisch orientiert und auf die ökonomische Unabhängigkeit der Frauen bedacht. Ausdruck dieser Entwicklung war trotz einer deutlichen Schwächung seit Tokugawa auch, dass der Besitz der Frau nach ihrem Tod nicht an den Mann fiel (es sei denn dieser war zu Lebzeiten überschrieben worden), sondern zurück an ihre Herkunftsfamilie. Wenngleich nach der Sengoku-Zeit die Rechte der Frauen deutlich beschnitten wurden, im Rahmen der erfolgreichen „Kamikaze“(Götterwind)-Abwehr der Mongoleineinfälle hatte ein Prozess der Stärkung des Mannes in der Gesellschaft an Kraft gewonnen, so verzeichnete das „Goseibai shikimoku“ (1232) allein sieben Artikel, die sich mit den Besitzansprüchen der Frauen befassten. Unter den Tokugawa wurden diese zum Teil freiheitlichen Bedingungen (Stichwort: weibliche Vögte) zunehmend zurückgedrängt. Im Lehrbuch „Onna daigaku“ („Die große Schule für Frauen“) wurden die Pflichten als enumerativer Katalog gelistet, der gerade auch diejenigen gegenüber den Schwiegereltern regelten. Ein heikler Punkt, der nicht selten zu Spannungen und letztlich einer Scheidung der Ehe führten, wurde dem Missbrauch der Schwiegertochter Tür und Tor geöffnet. Zum Ende der Tokugawa-Zeit suchten sich gerade Frauen aus wenig begüterten Ehen oft eine Arbeit im Textilgewerbe, um über die Runden zu kommen, da der Samurai-Stand zunehmend verarmte.
Im Abschnitt über die Wohnverhältnisse und die Kleiderordnungen referiert Schwendtker die unterschiedlichen Bedingungen der verschiedenen Klassen an Samurai, abhängig von ihrem sozialen Status und den damit verbundenen Reisstipendien.
Die in der Zeit des landesweiten Friedens beschäftigungslos gewordenen Samurai wurden teilweise in der Verwaltung der Grundherren (daimyô) eingesetzt, übernahmen Aufgaben in der Landwirtschaftsorganisation, der Beamtenschaft, dem Polizeiapparat. Gegen Ende des letzten Tokugawa-Shôgunats brachen die Mittel des bakufu (Militärregierung) zunehmend weg, so dass (vergleichbar zu den Mogolenbedrohungen) die Unzufriedenheit unter den Kriegern derart zunahm, dass immer wieder Aufstände durchs Land liefen. Der letzte Großaufstand war die Rebellion unter dem schillernden und bis heute verehrten Saigo Takamori, der den Satsuma-Feldzug startete. Er, der als Steigbügelhalter der Mejiregierung hohe Ämter bis zum General innegehabt hatte, wandte sich nun mit 20.000 Mann gegen das Kaiserhaus und wurde mit seiner Niederringung zum hogan biiki ( 判官贔屓 ), einem gescheiterten Helden, dem die Herzen des Volkes gelten, auch wenn seine Motive nicht vollständig rein gewesen waren. Noch heute ist die Statue von Saigo dem Großen im Ueno-Park in Tokyo zu sehen. Nicht zu übersehen ist seine „monströse“ Gestalt; wichtiger ist seine innere Haltung der Gesellschaft gegenüber. Hier gleicht er den „47 Rōnin“.
Zu kurz kommen die Ausbildungen der Samurai: beginnend mit ihren Lektionen im Iaido, Strategie- und Kriegskünsten sowie auf dem weiten Feld der Kunst. Die Bildung dieser Kaste ruhte im Vorbildcharakter und dessen Allgemeinverbindlichkeit für die bushi auch in ihrer Fähigkeit in dem einen oder anderen Bereich der Kunst firm zu sein. Gleich ob in der Formvollendung des chado oder der Dichtkunst bzw. der Malerei. Von Myamoto Musashi wird aus dessen späten Jahren berichtet, dass er formvollendete Stillleben malte, sich der Kalligraphie widmete und ebenso der Verskunst.
Ein Glossar und Register runden den schmalen Band ab, der nichts an Aktualität eingebüßt hat, sondern einen kompakten Überblick zu einem facettenreichen Thema liefert.
Ingo-Maria Langen, April 2026
