Miki Sakamoto (Hrsg.)
Zauber des Haiku
Die schönsten japanischen Gedichte
C.H.Beck textura, München 2025
187 Seiten, 22.- €

Seele eines fernen Landes
Vergangenes ist uns oft fern, lesen wir dessen Zeichen zumeist als historischen Vorgang, dessen Bedeutung gleichfalls in abgelaufen Zeiten liegt und wenig für das Hier und Heute beitragen mag. In Japan liest man buchstäblich anders. Miki Sakamotos Buch, das bereits mit seiner Aufmachung der Kirschblüte, die seit jeher einen hohen Stellenwert im japanischen Leben einnimmt, besticht und dies mit dem Bild einer Briefe lesenden Japanerin in traditioneller Kleidung und ebensolcher Umgebung fortführt (S. 2), lässt den geneigten Leser innehalten, bevor er sich auf die Reise ins Innere der japanischen Lyrik begibt. Und dieses Innehalten ist von besonderer Bedeutung. Das Verweilen bei diesem Bild, das als Titelschnitt zum Buch von A.H. Exner: „Japan“. Skizzen von Land und Leuten (Leipzig 1891) diente, konzentriert eine immersive Kraft, die den Betrachter bereits vor dem Eintritt in die Welt der japanischen Poesie unwiderstehlich in Bann zieht.
Thematisch gliedert Sakamoto ihre Darstellung, die sie einleitend als mit ihrer persönlichen Färbung verbunden beschreibt, entlang der Bögen des menschlichen Lebens. Die Überschriften deuten es an: Mitgefühl, Meditation, Anmutung, Leben und Tod, Vergänglichkeit, um nur einige herauszugreifen. Eine kurze Einführung ins Thema sowie „Nachgedanken“ und Erläuterungen zu Dichtern und ihren Themen runden den Band ab. Kennen wir japanische Lyrikbände zumeist mit den Klassikern Bashō, Issa oder Buson, so finden sich vorliegend ebenso Autoren, die bis in unsere Tage hineinreichen: Iida, Ryuta (1920 – 2007) oder Okubo, Hiroshi (1940 – 2021) oder Takagi, Takayoshi (1933 – 2015). Das gibt die Tradition wieder, sich von Kindesbeinen an mit der Dichtkunst auch im heutigen Japan (und der Autor mutmaßt in ferner Zukunft) vertraut zu machen. Alle Gesellschaftsschichten befassen sich mit dieser Form der Lebensschau und besonders ihrer Verbundenheit mit der Natur. War Dichten einst ein Privileg des (frühen) Hochadels, später gerade auch der Buhsi, zu deren Kodex es gehörte, Haiku oder Tanka verfassen zu können (besonders als Abschiedsgedicht vor dem Seppuku), so erfasste dies später die gesamte japanische Gesellschaft.
Über den Blick der Väter:
Schlafender Säugling
ist wie die Rosen,
die Wasser saugen (Iida Ryuta)
Anmut:
Schlichte Harfe
Wenn ich in die Mitte des Lichts
eine schlichte Harfe lege
wird sie nicht still bleiben können
in der Schönheit des Herbstes,
sondern verhalten tönen aus sich heraus (Yagi Jyukichi 1898 – 1927)
Hoffnung:
Mit einer Blüte
der Rose aus Reif fing an
das Neue Jahr (Mizuhara Shuoushi 1898 – 1981)
Sehnsucht nach Heimat:
Meine Heimat
Mein Sein ist durchscheinend wie die Luft
Mein Sinn ist durchsichtig wie die Tränen
Was ich sah und erlebte im Fremdenland
wurde alles geschrieben
unsichtbar hinein in meines Herzens Heimat
und graviert auf meine Seele
Da stehe ich in meiner Heimat (Sakamoto Miki 1950*)
Zartfühlend, klar und mit der Tiefe des Raumes erschließen sich Bilder, äußerlich oft ruhig, doch innerlich bewegt, zeugen sie von großer Spannung. Nachhaltige Wirkung entfalten sie beim Leser im Moment ruhiger Abgeschlossenheit, wenn wir unsere eigene Mitte spüren und das Schwingen unserer Seele mit der Tonalität dieser Gedichte in Einklang bringen.
Im Japanischen dürfte die Bilderwelt noch vielschichtiger sein, da die Kanji / Hiragana als „Bild-Zeichen“ gelesen werden, nicht als Buchstaben- und Satzreihung. Die Autorin führt dazu das Beispiel des japanischen Zeichens für „Wort“ an: direkt übersetzt hieße es „sprechendes Blatt“. Das ließe sich in verschiedene Ausdrucksvarianten gliedern: „Einfache Silben werden mit komplexen Zeichen kombiniert, sodass die beabsichtigte Bedeutung visuell schneller und klarer zu erfassen ist. Außerdem vermitteln die (Bild)Zeichen nicht allein nur die Bedeutung, sondern von ihnen gehen imaginäre Kräfte und Klänge (Töne) aus. Sie erzeugen in der Folge Rhythmen im Kopf und Schwingungen im Gefühl.“
Das ist bereits eine ‚kleine Leseanleitung‘, sich mit dieser Poesie zu beschäftigen. Sie lädt ein, den Bildern Freiheit zu gewähren und darauf zu achten, wie sich die damit verbundene Stimmung in uns fortentwickelt. Das stille in sich aufnehmen ist eine Möglichkeit, das Vorlesen mit dem Gespür für Klang und Rhythmus eine andere. Im besten Fall ermöglicht das ein meditatives Erlebnis, das uns unsere Umwelt und im Besonderen die Natur mit einem ähnlichen Gefühl wahrnehmen lassen kann. Es braucht ein wenig Zeit und Übung, sich dem zu widmen. Dann wird es jedoch eine Reise zu sich selbst, die uns auf dem weiteren Lebensweg begleitet und späterhin ganz natürlich aus unserem Inneren entspringt.
Der Zauber der japanischen Poesie wird so zu einem Begleiter, der unser ‚inneres Auge‘ schult und uns jene Zufriedenheit schenkt, die viele von uns suchen. Hier können wir sie finden.
Ingo-Maria Langen, Oktober 2025
