Kafka misstrauen

Geoffroy de Lagasnerie
Kafka misstrauen
Fischer Verlag, Frankfurt/M 2024, 78 Seiten, 18.- €

Enden im Unerklärlichen

Im „Prometheus-Fragment“ schickt Kafka sich an, dem Mythos einen eschatologischen Gehalt abzuringen. Alle vier Varianten berichten in ihrer Vieldeutigkeit von der Wahrheit des Mythos, dem zündenden Funken, der die Anthropologie des Menschen für immer veränderte, intendieren dasselbe, ohne es auf je gleiche Weise zu formulieren. Anders gesprochen: sie sind nie deckungsgleich in der Sprache, wohl aber ihrem Gehalt nach. Sie enden im Unerklärlichen, Kafka führte das Stück nicht weiter, seine Intention blieb mithin offen.

Es ist diese Offenheit, die Mehr- bis Vieldeutigkeit, der wir im Werk Kafkas begegnen, die uns einerseits in seine Texte hineinzieht, andererseits ein unerklärliches Empfinden in uns auslöst, das an eschatologische Perspektiven geknüpft ist: Tod, Christus, Messias, Erbsünde, Gericht. Lagasnerie schickt sich in seinem schmalen Band an, ein wenig Licht in das Dunkel der Mehrdeutigkeit zu bringen. Kafkas Texte (und Fragen) sind zutiefst anthropogene und weisen über die Kantischen hinaus. Denn nicht der Logos steht für ihn im Zentrum, obwohl er als Schriftsteller sich seiner unentwegt bedient, sondern das Unerklärliche, das Dunkle in uns selbst und unserer Gesellschaft.

Lagasnerie versucht einen differenten Ansatz: gleich einem Negativ sucht er Beziehungspunkte in unserer gelebten sozialen Wirklichkeit und prüft daran den Text „Der Proceß“. Ein interessantes, allerdings in gewisser Weise auch gewagtes Vorhaben. Denn es unterlegt einem fiktionalen Text prüfbare Wirklichkeitsfolie. Indem der Autor sich an Jean Genet orientiert: „Was Josef K. passiert, berührt mich nicht (…), denn es passiert niemandem“, betritt Lagasnerie ohne es zu wollen oder zu bemerken Carolls Spiegelwelt. Er erhebt die poetische Verfremdung von „Wirklichkeit“ in kontrafaktischer Entgegensetzung zum Prüfschema. Das geht sich nicht aus. Denn die Textvorlage will für sich genommen keineswegs ein Fallschema für eine juristische Fallanalyse bilden. Hinter der Fassade der juristischen Verhandlung, des Gerichts und der beteiligten Figuren, öffnet sich keineswegs nur die gespiegelte Wahrheit unserer verfassten Gesellschaft. Vielmehr tauchen wir tief ab in die eschatologischen Urgründe unseres Seins, die uns dann mit allen Ängsten und Nöten verbinden, die wir bei Josef K. wahrnehmen und die jene magischen Momente in uns auslösen, die uns buchstäblich in den Text ziehen: Fremdbestimmung, Schuld, das folgenlose sich Mühen um ein Ergebnis, die Abwesenheit von Erlösung. Darin sind wir alle eins: im Bestreben, im Scheitern, im Verbergen, im Lügen, schlicht in der Schuld. Und in der Angst.

Lagasnerie gelingt es, genau diese Szenarien gut zu beschreiben, die Unsicherheit und die Furcht, geraten wir unverhofft in eine Polizeikontrolle, erhalten wir unerwartet einen belastenden Bescheid vom Amt, versuchen wir eine Eingabe dagegen und sie findet nicht zur bestimmungsgemäßen Adresse, verheddern wir uns im Zuständigkeitsdschungel. Ganz plötzlich werden wir aus unserer gewöhnlichen (und gewohnten) Alltagssituation herausgerissen, empfinden existenzielle Not, wissen uns kaum zu helfen und bekommen vielleicht auch keine (praktische und zielführende) Hilfe. Dieses Zurückgeworfensein auf unsere nackte Existenz verdeutlicht unsere Hilfsbedürftigkeit, für die der Mensch und die Gesellschaft (nach Gehlen) sich die Institutionen zur Entlastung geschaffen hat. Doch was, wenn genau diese Institutionen zu unserem Albtraum werden? Bei Lagasnerie können wir dazu etwas lesen.

Ingo-Maria Langen, September 2025