Der Sturz des Hauses Taira

Heike Monogatari
Der Sturz des Hauses Taira

Aus dem Japanischen übersetzt, kommentiert
und mit einem Nachwort von Michael Stein

Mit Land- und Palastkarten, Glossar,
Literatur- und Personenverzeichnis, Chronologie
und Ahnentafel der japanischen Kaiser, des Hauses
Taira und des Hauses Minamoto

Manesse Verlag 2023, geb. mit zwei Lesebändchen, Penguin Random House, München, 70.- €, Vorsatz und Nachsatz, Einzelbuchvorsatz

Gunkimono

Der Kanon japanischer Nationalliteratur (kokubungaku) hat mit dem Beginn der Meji-Restauration einen Wandel vollzogen. Die in der Edo-Zeit entstandene „Nationale Schule“ (kokugaku) mit „bunbu ryōdō“,   bezeichnet als die „beiden Wege der Gelehrsamkeit und der Kriegskunst“, wurde im Verlauf der Zeit zu kokubungaku zusammengeführt und verlor damit ihre vormalige Nomenklatur. Die auf chinesischer Tradition beruhende Gelehrsamkeit ging über in Gattungsordnungen von „reiner Literatur“ und „Unterhaltungsliteratur“. Wir lesen mit der „Heike“ also einen Stoff, der weit vor dieser Entwicklung entstand und damit den beiden Nationalepen „Kojiki“ und „Nihongi“ näher ist. Während das Kojiki aus dem frühen 8. Jahrhundert als Quellwerk zur japanischen Geschichte Mythen, Legenden und historische Fakten mischt, erzählt es von der Schöpfung Japans, der Kaiserfamilie und ihrer Abstammungslinie von den Kami in Verbindung mit den ersten Ereignissen japanischer Geschichte. Das Nihongi als zweitälteste Schrift berichtet über die Weltentstehung und die Genealogie der japanischen Kaiser. Um 720 von Kaiserin Genshō vollendet ist es Teil der Reichsgeschichten (rikkokushi).

Die Erzählung vom Hause Taira zählt zu den Klassikern der japanischen Literatur, hier des Genres der gunkimono (Samurai-Literatur). Es beschreibt den Kampf des Clans der Minamoto (genji) mit dem der Taira (heike) um die Vorherrschaft im Japan des 12. Jahrhunderts. Nachdem die Taira die vom Kaiserhof unterstützten Minamoto besiegt hatten, kehrte nur vorderhand Friede ein. Denn in ihrer Verblendung legten die Taira den Keim des eigenen Untergangs, der schließlich 1185 durch die Minamoto mit der Schlacht von Dan-no-ura (Gempei-Krieg) besiegelt wurde. Unter Minamoto no Yoritomo wurde in Kamakura das erste shogunat und bakufu errichtet.

Unter literaturwissenschaftlichen Aspekten betrachtet zeigt das Heike Monogatari die geschlossenere Form, sprachlich und stilistisch ausgewogener als die vorhergehenden Werke. Es wird bis dato als Quelle für den epochalen Umbruch hin zum ersten shogunat rezipiert. Gleichwohl mischen sich hier ebenso Fakten mit Legenden, Ausschmückungen oder Verlusten. Die Sammlung der einzelnen Bücher der Heike wurden von gebildeten buddhistischen Mönchen zusammengetragen und über einen langen Zeitraum von fahrenden Bänkelsängern verbreitet. Ihre Verlässlichkeit als historische Quelle ist im Wesentlichen unbestritten. Die Botschaft des Werks erstaunt nicht: Macht ist vergänglich und Hochmut kommt vor dem Fall. Vorgestellt werden personale Akteure, deren individuelles Schicksal die Geschichte trägt, in fiktiven Dialogen aufbereitet und von einem „pädagogischen“ Impetus begleitet: tränenreiche Passagen, Kummer und Fürsorge für die Familie sollen Nähe zum Publikum und Identifikationspotenzial bieten. Die Sprache passt sich dem Augenblick an: derber Jargon der Landsknechte wechselt ab mit lyrischen Passagen, humorvollen Einschüben oder historiografischer Diktion. Der Reiz dieses frühen Geschichtswerks Japans erschließt sich noch heute.

Michael Stein schreibt dazu im Nachwort: „Nicht wenige Japaner genießen das Heike Monogatari, indem sie die schönsten Passagen des Originaltextes laut deklamieren. Ein Beispiel für die Würde und Schönheit dieser Sprache sind die in Japan berühmten Anfangszeilen. Hier ist das Leitmotiv des Meike Monogatari, der ‚Untergang‘, komprimiert zusammengefasst, formuliert in der Prosodie chinesischer Lyrik; es wird sofort klar, dass dieses Werk nicht nur historische Fakten abbilden, sondern eine klare Botschaft an die Nachwelt vermitteln möchte. Diese einleitenden Verse können viele Japaner auch heute noch auswendig aufsagen und verehren sie als ihr ureigenes Kulturgut; sie werden zu Musikstücken komponiert und zu Instrumentalbegleitung rezitiert.“

„Ertönt die Tempelglocke von Gion,
so lehrt uns ihr Klang
die Vergänglichkeit sämtlicher Dinge.
Die welken Blüten des Sala-Baumes
geben uns Kunde, dass Untergang
unentrinnbares Schicksal der Mächtigen ist.

Die Herrschaft selbst Stolzester
bleibt nicht auf ewig bestehen,
zerrinnt wie der Traum einer Frühlingsnacht.
Die stärksten Helden
werden am Ende doch fallen,
verwehen wie Staub vor dem Windhauch.“

Matsukaze-Murazame

Der Wind, der in den Ästen der Kiefern fortweht, erinnert an das gleichnamige Stück Zeami Motokiyos für das Nō-Theater. Er entnahm seine Themen ebenso dem Genji Monogatari wie dem Heike Monagatari (Sanemori). Das Drama der Seelenheilung ist oft Gegenstand von Theaterstücken und führt mit der Trauer des Herzens in die Alltagswelt der Zuschauer, denen aus eigener Anschauung Seelenqual und Seelenerlösung bekannt sind. Die Geschichte der Heike ist reich an diesen Bildern und den mit ihnen verbundenen Kümmernissen. Das erklärt ihren Stellenwert und Identifikationsgrad bis in die heutige Zeit.

Das Werk aus zwölf Büchern könnte als Episodenroman notiert werden, ein Samurai-Epos mit der Ethik des Bushidō. Aus der vergangenen Heian-Zeit sind noch Liebesgeschichten eingeflochten, die Gedichtform Tanka hebt dies an vielen Stellen hervor, ebenso doppelte Wortbedeutungen. Die religions(philosophischen) Betrachtungen des Buddhismus verknüpfen sich mit dem Zanshin des Bushidō und durchweben das gesamte Werk. Musische Harmonie des Hofadels in seinen geübten Kunstformen wird abgelöst von der Gewaltherrschaft des aufgekommenen Schwertadels.

Die Charakterzeichnungen von Taira no Kiyomori als hinterhältig, intrigant und rücksichtslos, prädominiert den ersten Teil des Epos. Im ständigen Ringen mit Klosterkaiser Go-Shirakawa, seinerseits ein besessener Machtmensch, werden die Episoden lyrischer Stimmung und Kontemplation oft abrupt unterbrochen von martialischen und kriegerischen Momenten, um die Macht Kiyomoris zu demonstrieren oder gegen Feinde zu sichern. Verblendet vom eigenen Hass bleibt er selbst im Tod noch im Fieber gefangen, dampft das Wasser beim Eintauchen seines Körpers. Im zweiten Teil wird Minamoto Yoshinaka für seine Erfolge gegen die Taira und die Rückeroberung Kyōtōs zum shogun ernannt. Auf ihn folgt sein Sohn Minamoto no Yoritomo, der seinen Halbbruder Yoshitsune teils in berechtigter Sorge, teils in übersteigertem Zweifel ermorden lässt, obgleich oder vielleicht weil dieser als militärischer Heerführer entscheidend zum Sieg über die Taira im Gempei-Krieg beitrug und dieser von Kaiser Go-Shirakawa bewusst und intrigant eine bevorzugte Stellung bekam. Yoritomo sah sich als shogun in seiner Macht bedroht, sein Misstrauen bestätigt. Des Verrats beschuldigt wurde Yoshitsune vogelfrei.

Ein Epos für lange Abende, das mit einer exzellenten Ausstattung das Eintauchen in einen prägenden Abschnitt japanischer Geschichte lebendig erzählt und zu weiterem Studium anregt.

Ingo-Maria Langen, Juni 2025