Jenseits aller Zeit

Sebastian Barry
Jenseits aller Zeit

Roman
Steidl Verlag, 2. A., Göttingen 2024
278 Seiten, geb. Lesebändchen, 28.- €

Übersetzt von Hans-Christian Oeser

 

Vorsatz

Meinst du, der Wildstier wird dir dienen wollen und wird bleiben an deiner Krippe? Kannst du ihm das Seil anknüpfen, um Furchen zu machen, oder wird er hinter dir in den Tälern den Pflug ziehen? Kannst du dich auf ihn verlassen, weil er so stark ist, und überlässt du ihm, was du erarbeitet hast? Kannst du ihm trauen, dass er dein Korn einbringt und in deine Scheune sammelt? (Hiob, 39:9, Die Bibel, Württembergische Bibelanstalt, Stuttgart 1970)

Gott wacht über seine Schöpfung, über ein jedes Wesen mit seinen besonderen Eigenschaften. In Ehrfurcht sollen wir alles bewundern. Die tiefen Weisheiten der Natur, in die Gottes Wort eingeschrieben ist, die uns miterfasst in seinem großen göttlichen Plan, den wir weder verstehen noch ergründen können, uns ihm aber wohl anvertraut wissen dürfen. Dankbarkeit und Demut.

Der Vorsatz im Buch umfasst nur den ersten Satz. Die Bedeutung reicht darüber hinaus. Das Hiob-Motiv mag zunächst nur dem theologisch geschulten Leser aufgehen. Doch seine Plastizität wird im Verlauf der Handlung zunehmend klarer, bedrückender. – Doch zunächst bewegen wir uns auf der grünen Insel mit ihrer berückenden Natur, dem unwirtlichen Wetter, unwirklichen Sinneseindrücken: ein großer Rhododendron versieht nahenden Besuch mit einer „tintenschwarzen Aureole“, einen den Göttern verpflichteten Blick auf die „kupferfarbene See“, über die bereits des Nachmittags die „Nacht herankroch“. Barry gelingt ein Bilderreigen, der an das Format von Turner erinnert, eine fast magische Kraft, den Leser in den Bann jener Atmosphäre zu ziehen, die ebenso viele dunkle und abgründige Geheimnisse in sich trägt, gleich der See mit ihren Gefahren.

Tom Kettle, ein gerade seit neun Monaten pensionierter Kriminalbeamter, lebt zurückgezogen in einer viktorianischen Burg, mit Sicht auf Coliemore Harbour und die irische See. Sein verschlungener Lebensweg birgt Abgründe, denen die meisten Menschen ein Leben lang nicht begegnen. Doch ihm sind Lasten und Prüfungen auferlegt, die an das Hiob-Bild gemahnen. Das Setting beschreibt jenes Irland zwischen den sechziger und neunziger Jahren, geprägt vom Einfluss der katholischen Kirche und gesellschaftlichen Konventionen, die es ermöglichten, in ihrem Schatten dunkle Geheimnisse verbergen zu können.

Mit leiser Stimme nimmt uns Tom für sich und seine scheinbare Schrulligkeit ein, ein zurückgezogen lebender Kauz, der selbstvergessen kaum Wert auf Konventionen legt. Nach vierzig Dienstjahren will er seinen verdienten Ruhestand im Müßiggang erleben, von seiner Wohnung in leicht verwahrlostem Zustand den Ausblick genießen, seinen Gedanken nachhängen, mit seinen Liebsten kommunizieren. Tom malt ein holographisches Profil, dessen Gestaltung seiner Seelenarbeit entspringt, und bereits früh eine Herausforderung für den Leser anzeigt: Barry hat Tom als unzuverlässigen Erzähler konzipiert, bei dem wir immer wieder unterscheiden müssen, wo dessen Gedankengang eine Schleife zieht und an welcher Stelle die Handlung fortschreitet. Diese Verwringung erzeugt einen sachten Sog, dessen Kraft sich im Verlauf der Erzählung intensiviert, bis er uns gegen Ende schnell auf eine falsche Fährte führt, von der wir schließlich mit Erleichterung wieder ins Gleis zurückgeführt werden. Damit wird der Leser zum einen nah an die Handlung gebunden, zum anderen erfordert es ein waches psychologisches Gespür, den verwobenen Fäden zu folgen. Eine Herausforderung, die wir im Verlauf der Handlung gerne annehmen.

Steine schreien (LK 19, 40)

Sensibel und mit feinem Einfühlungsvermögen werden wir über den Handlungsstrang an die Tragödie von Toms Familie herangeführt.  An einem Nachmittag suchen ihn zwei Kollegen auf, die berichten, in einem Cold Case seien neue Erkenntnisse aufgetaucht, in deren Verlauf Tom unter Verdacht geraten wird, einen Mord begangen zu haben. Über einzelne Stufen eines Prozesses, bewusst Erinnerungen an Vergangenes neu zu durchleben, bringt Tom Licht ins Dunkel. Neue DNA-Ergebnisse legen nah, dass der Cold Case eines Priestermordes anders bewertet werden könnte. Ein Zeuge aus dem damaligen Umfeld erhebt Anschuldigungen, die vermeintlich Tom belasten. Die Verästelungen seiner Erinnerungen, verbunden mit undurchsichtigen aktuellen Ereignissen in seinem Umfeld, lassen uns an einer detektivischen Kleinarbeit teilhaben, die schließlich die tragischen Umstände seiner toten Familie ebenso freilegen, wie deren Vorgeschichte, die eine fein gewobene psychologische Kausalkette in Gang setzt, in deren Verlauf Toms Ehefrau und die beiden Kinder zu Tode kommen. Je mehr wir von der kauzigen Seite des Helden über seine tragische erfahren, desto intensiver fühlen wir mit ihm, der überlebt, was viele von uns über den Rand des Lebens bringen würde. Barry gelingt das Kunststück, einen Protagonisten zu entwerfen, dem wir zunächst etwas ratlos, vielleicht gar ablehnend gegenüberstehen, über dessen Eigenbrötelei wir den Kopf schütteln, der uns fast schon lästig wird, an dem wir vielleicht Anstoß nehmen. Doch im weiteren Verlauf identifizieren wir uns intensiver, bis wir schließlich für diese Figur Zuneigung entwickeln, an ihrem Schicksal teilhaben. Das ist ein prägnantes Paradigma: der Leser wünscht sich, Tom beistehen zu können, ihn gar zu beschützen.

Das tragische Ende seiner Ehefrau June, der Tochter Winnie oder Joes, seinem Sohn im fernen Amerika, der auf ebenso tragische Weise einem Mord zum Opfer fällt, der hätte vermieden werden können, verknüpft das Schicksal dieser Familie mit dem Ausgangspunkt der Eltern in einem Waisenhaus der sechziger Jahre. Die Kette von Ereignissen besticht in ihrer Schlichtheit und Durchschlagskraft, drängt unsere Gedanken vom Besonderen des Falles ins Allgemeine der Gesellschaft, die in ihrer Bigotterie dem Bösen immer wieder eine Zuflucht bietet, während der Einzelne seine Hände reinwäscht. – Steine schreien.

Das Genre Krimi erfährt eine geschliffene Sozialkritik und diese Erweiterung mündet in der kriminellen Verantwortung der Gesellschaft als Ganze gegenüber (hier: klerikalem) Missbrauch an unseren Schwächsten, den Kindern. Ihre malträtierten Seelen können keine Ruhe finden und münden in diesem Fall im eigenen Unglück, das uns schaudern lässt.

Die Übersetzung von Hans-Christian Oeser erfasst die Bildsprache Barrys überzeugend, lässt zugleich so viel Raum für Zwischentöne, damit sich das Einfühlungsvermögen des Lesers entfalten kann.

Ingo-Maria Langen, Mai 2025