ZEN in der Kunst des Bogenschießens

Eugen Herrigel
(Bungaku Hakushi)
ZEN in der Kunst des Bogenschießens

Otto Wilhelm Barth Verlag, 33. A. 1992
geb., Schutzumschlag, 95 Seiten

 

Klassiker schließen ihre Zeitlosigkeit in sich ein. Wir lesen sie auch nach vielen Jahrzehnten durchaus wieder neu und mit vielfältigen Anregungen.

 

Nichtgekonnte Kunst

In der Vorrede erklärt Suzuki Teitaro Daisetsu die Schulung des Bewusstseins. 1822 in eine Samurai-Familie geboren, erlebte er die schwierige Zeit der Meji-Restauration, in der die Samurai ihre Privelegien endgültig verloren. Über den Abt Kosen Imakita des Engaku-ji Tempel in Kamakura erhielt er sein erstes Koan. Dessen Nachfolger, Shaku Sōen, führte Suzukis Ausbildung fort. Noch als Novize erlebte er Satori (Erleuchtungs-Ereignis), sein gelöstes erstes Koan. In den Folgejahren war er länger Assistent von Paul Carus in den USA, dessen Werk er im Kloster übersetzt hatte.

Die Schulung des Bewusstseins ist eine Mittelpunktsaufgabe. Sie soll zur Verschränkung von Bewusstsein und Unbewusstem führen, um einen Fluss zu eröffnen, der über die erlernte Technik und das Können hinausgeht. Dieser Fluss ermöglicht ein Verschmelzen mit jener Selbstvergessenheit, die wir unmittelbar beim spielenden Kind beobachten. Es gibt kein Außen noch Innen, kein Subjekt und Objekt: hier der Schütze und der Bogen bzw. die Scheibe. Alles geht ineinander auf, wird eins im Moment der Pranja-Intuition (transzendentale Weisheit). Diese Intuition erfasst im Augenblick ihres Eintretens die Ganzheit der Situation, in der alles aufgehoben ist: Werden ist Sein, Sein ist Werden. Damit befinden wir uns in der Totalität des Kosmos, dem alles anvertraut ist, der alles speist und dem wir alle verbunden sind. Diese Verbundenheit ermöglicht uns Zen als tägliches Bewusstsein (Matsuo Bashō) zu leben: die Bedürfnisfähigkeit des Menschen im Dasein. Solange dies kreatürlich geschieht, leben wir in Verbundenheit. Beginnen wir das Leben begriffslogisch zu analysieren und zu steuern, verlieren wir diesen Bezug. Suzuki schreibt: „Der Mensch ist ein denkendes Wesen, aber seine großen Werke werden vollbracht, wenn er nicht rechnet und denkt. ‚Kindlichkeit‘ muss nach langen Jahren der Übung in der Kunst des Sich-Vergessens wiedererlangt werden.“ Mit Satori öffnet sich uns die Grenze jenseits unseres Ichs. Nichtgekonnte Kunst meint sohin: in unserer gesamten Wesenheit, konzentriert in dem einen Moment, dem Jetzt, in der Übung unserer Kunst (Karate-dō, Aikidō, Ikebana, Chadō),  verschmelzen wir mit allem dazugehörigen (Technik, Kunst, Kraft, Moment, Kosmos, Gegner), ist Sein Werden, Werden Sein. Jede (westliche) Dialektik ist aufgehoben, 10.000 Dinge in dem einen. Anders gewendet: Im Augenblick des Beginns (Bogen auflegen, Spannen) und des Schusses sind wir eins mit allem, sind wir nur noch Moment. Suzuki zitiert Hoyen von Gosozan: „Hier ist ein Mann, der die Leere des Raums in ein Blatt Papier, die Wellen des Meeres in ein Tintenfass und den Berg Sumeru in einen Pinsel verwandelt und die fünf Silben schreibt: so-shi-sai-rai-i. (Diese fünf chinesischen Silben heißen wörtlich übersetzt: ‚Des ersten Patriarchen Grund, aus dem Westen zu kommen.‘ Dieses Thema bildet oft den Inhalt eines mondo. Es ist das gleiche als früge man nach dem Wesen des Zen. Ist dies verstanden, ist Zen dieser Körper selbst.)“

Eugen Herrigel führt den Leser danach an seine Erfahrungen mit der Entwicklung zum Zen heran. Die Tiefe der Empfindungen, die Ausdauer, die Entmutigungen, das lange Versagen, die Kraftlosigkeit, die Sinn-Entsagung, die er als westlicher Philosoph erfährt, entfalten sich im Verlauf zu einem Lehrgebäude zur Erreichung der Kunst des Zen, dessen Schlüssel in der Überwindung des eigenen Ichs liegt. Dies ist einfach gesprochen und doch eine Knochenarbeit, die mit Beharrlichkeit nur unzureichend ausgedrückt werden kann. Am Ende jedoch erreicht der Autor sein Diplom, ist völlig unerwartet zu diesem Zeitpunkt über sich hinausgewachsen und eins geworden mit aller Kunst des Könnens, des Herzens, der Seele und des Geistes. Und er selbst ist in seinem Wesen verwandelt. Das ist mehr als eine Schule des Lebens. Wer sich auf diesen Weg begibt und ihn durchhält, wird mit innerem Frieden belohnt, den man auf andere Art weder finden noch erarbeiten kann.

Das zeichnet diesen Klassiker aus.

Ingo-Maria Langen, Januar 2025