Blicksplitter – Papst Franziskus in der theologischen Diskussion

Seit dem Beginn des Pontifikats von Franziskus regt sich Widerstand gegen seinen reformorientierten Kurs. Zu Recht? Wir wollen an dieser Stelle einen kleinen Blick auf einige Entwicklungen wagen, die widersprüchlich erscheinen.

Die letzten großen Aufreger gab es um sein amtliches Lehrschreiben „Amoris laetitia“: geschlechtliche Beziehungen sind im katholischen Leben nur sanktioniert, wenn sie im Stand der gültig geschlossenen Ehe stattfinden, einer als unauflösbar definierten Lebensgemeinschaft. Das sagt nach allgemeinem Verständnis das sechste Gebot so aus. Als Adressaten dieses Gebots stehen wir in der Verantwortung gegenüber Gott wie auch unseren Mitmenschen, denn wir verfügen ja über eine eigene Entscheidungsgewalt. Diese Entscheidungsgewalt haben wir nach katholischem Verständnis allerdings nicht über Scheidung und Wiederheirat. (Die säkulare Ausprägung dazu einmal außer Acht gelassen). Soll nun eine Ehe aufgehoben werden, gibt es nur das Eheannulierungsverfahren. Diese Verfahren sind sehr schwierig, denn es wird dabei jenseits unseres säkularen Rechtsverständnisses ohne juristischen Beistand eine Eheerforschungsgeschichte betrieben, die alle Betroffenen bis an den Rand der psychischen Belastbarkeit treiben kann. (Siehe dazu: Eva Müller – Richter Gottes. Die geheimen Prozesse der Kirche, Kiepenheuer & Witsch 2016).

Die Ehe wird sakramental geschlossen. Das bedeutet im Umkehrschluss, ein Zusammenleben ohne Trauschein ist unter diesem Gesichtspunkt „Unzucht“. Manch einer würde nun dazu raten, Hilfe im Gebet zu suchen oder auch auf den Empfang der Heiligen Kommunion zu verzichten, die Beichte aufzusuchen. – Die Lebenswirklichkeit in unserer Gesellschaft ist sicher eine andere, Sie wissen es. Wir brauchen nur auf die schwach besetzten Gottesdienste zu schauen. Zur Verwirrung der Gläubigen trägt bei, dass in verschiedenen kirchlichen Themen (etwa die Sakramentenlehre zur Euchristie oder zur Ehe) die eine Bischofskonferenz gegen die andere steht. Wer will sich als Gläubiger noch seiner Gewissensbindung versichern, wenn selbst die Experten uneinig sind? Oft sind die unter Franziskus veröffentlichten Texte mehrdeutig, werden Klärungsbitten seitens des Vatikans nicht erfüllt. Das gibt Spielraum für Polarisierungen, Diffamierungen, Fehlinterpretationen.  Manche sehen gerade darin ein Prägemuster des aktuellen Pontifikats.

Nun hat Franziskus dieses Lehrschreiben verfasst und eine Befragung unter den Katholiken vornehmen lassen – gerade zu ihrer Lebenswirklichkeit im Zusammenhang mit den Gaben von Ehe und Familie. Und er fordert: auch gegenüber Menschen in „irregulären“ Situationen nicht nur moralische Gesetze anzuwenden, sondern auch dort die „uneingeschränkte Liebe zu Werten wie Großherzigkeit, Verbindlichkeit, Treue oder Geduld zu pflegen.“ Das ist theologisch höchst umstritten, zumindest dann, wenn es sakramentale Bezüge hat. Nicht von ungefähr haben sich die Konservativen durch dieses Schreiben brüskiert gefühlt und ihrerseits eine außerordentliche und offene Kritik an Franziskus geübt. Diese Kritik entzündete sich teilweise an theologischen Inhalten, teilweise an seiner ‚individuellen‘ Personalpolitik. Als herausragendes Beispiel dazu mag die Entfernung von Kardinal Ludwig Müller von der Position des Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre sein. Müller als enger Weggefährte Ratzingers (und Herausgeber seiner Werke), von diesem noch ins Amt gebracht, wurde von Franziskus auf kaltem Wege entfernt: nach dem Auslaufen seiner Amtszeit erfolgte keine Verlängerung.

[Eine Anmerkung dazu: Während die beiden großen Kirchen sich weiter mühen zu einem gemeinsamen Eucharistieverständnis zu kommen, sich gerade im Reformationsjahr weiter auf einander zu bewegen, greift Kardinal Müller Martin Luther scharf an. Auf der Netzseite ‚La Nuova Bussola Quotidiana‘ wendet sich Müller gegen eine weichgespülte Ökumene. Die Reformation sei in Wahrheit „wider den Heiligen Geist“. Die Aufhebung von fünf Sakramenten, die Leugnung der Eucharistie sowie die Ämterhäufung legten Zeugnis davon. Hier sei keine Kirchenreform im katholischen Sinne eingetreten, sondern „absolut klar, dass Luther sämtliche Prinzipien des katholischen Glaubens hinter sich gelassen“ habe. Die Wahrheit der Zerstörung der Einheit mit der katholischen Kirche dürfe nicht im Bestreben nach Ökumene untergehen. Wenn eine volle Gemeinschaft mit der katholischen Hierarchie angestrebt werde, dann nur unter Zugrundelegung der „apostolischen Überlieferung gemäß der katholischen Lehre.“]

Zurück zu Franziskus: Bereits im Sommer 2017 hat der bekannte US-Theologe Thomas Weinandy einen offenen Brief an Papst Franziskus geschrieben, der allerdings erst in diesen Tagen publik wurde (vgl. vaticanhistory.de 02.11.2017). Beklagt wird in diesem Schreiben die Zunahme theologischer Unschärfe wie auch die Ernennung von Lehrpersonen, die zweifelhafte Lehren vertreten und zugleich ein Klima der Angst unter den Bischöfen – mit der Folge eines Vertrauensverlustes unter den einfachen Gläubigen.

Weinandy sieht eine Modernistenhatz mit umgekehrten Vorzeichen: vor hundert Jahren ging die Kirche gegen Religionskritik noch mit rigorosen Mitteln vor. Heute erscheint der Modernistenpapst von 2017 als Widergänger des konservativen Pius X unter ausgewechselten Vorzeichen. Weinandy wirft dem Papst vor, internem Widerstand mit Einschüchterung, Repression, Ämterenthebung oder Mobbing zu begegnen. Entgegen der Aufforderung von Franziskus zu Offenheit und Transparenz seien Kirchenvertreter häufig bemerkenswert still. Das habe damit zu tun, dass etwa Bischöfe, die eine kritische Haltung gegenüber seinem Pontifikat haben, sich nicht äußern, in Sorge um ihre Reputation oder gar ihren Amtsverbleib. So bliebe ihnen nur die Loyalität zur Kirche über ihre Stille auszudrücken. Der US-amerikanische Theologe bemängelt in diesem Zusammenhang etwa bei „Amoris laetitia“, dass konsolidierte theologische Lehrmeinungen mit rhetorischem Totschlagargumenten (argumenta ad hominem) überzogen werden, um in der Öffentlichkeit den Eindruck von Fortschrittlichkeit gegenüber den beharrenden Traditionalisten zu erzeugen.

Im Zusammenhang mit dem Schreiben ist Weinandy von seinem Amt in der Internationalen Theologischen Kommission, in das ihn Franziskus berufen hatte, zurückgetreten. Weinandy ist kein Leichtgewicht. Als international renommierter Theologe ist er weltweit unterwegs.

Hier drückt sich etwas aus, das uns auch in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen inzwischen mehr als bekannt ist: jemand, der ein (unliebsames) kritisches Wort redet, wird schnell als ‚Papstkritiker‘ denunziert und stumm gemacht. Demgegenüber scharen sich die ‚Höflinge‘ um den Mainstream, keiner möchte seiner Ämter verlustig gehen. Zumal daran oft das finanzielle Nichts geknüpft ist: wer Ämter verliert bekommt auch keine Bezüge mehr, im schlimmsten Fall bleibt er ohne Alterssicherung. Was ein lebenslanges Auskommen garantiert, wird so zur Armutsfalle. Die aus der Kirche ausgeschiedenen (oft hochqualifizierten) Theologen allein in Rom, die sich ihren Unterhalt in prekären Verhältnissen verdienen, sind Legion. Da ist die Kirche ganz unbarmherzig. Und verliert viel Substanz an Wissen, Können und Entwicklung – denn was ist die Kirche ohne ihre (kritischen) Theologen?

Blicksplitter – mehr sind diese kurzen Überlegungen sicher nicht. Aber sie geben doch eines deutlich wieder: den Kampf um die Deutungshoheit in der katholischen Kirche. Es wird interessant bleiben, zu sehen wie sich die Kräfte der Lager entwickeln, wohin sich die Deutungshoheit verlagert. Das ist spannend.

Viele Gläubige werden das allerdings nicht so sehen können. Denn ihnen geht es um die regelkonforme Einstellung, das eigene Seelenheil, die Kirche als Zufluchtsort einer globalisierten, hochkomplexen und komplizierten Welt, in der sie sich von ihrer Kirche eine Begleitung auf ihrem Lebensweg erhoffen, die sie nirgends sonst erfahren können. Darum bleibt zu hoffen, der offene (nachvollziehbare) Dialog möchte wieder eine Führungsrolle bekommen, um die Menschen mitzunehmen. Gleich wie ein Modernisierungsprozess auch aussehen mag. Ohne die Gläubigen glaubwürdig mitzunehmen kann das Kirchenschiff in schwere See geraten. Eine Kirche ohne Volk?

Aber ja: auch das ist denkbar – aber ein anderes Thema.