Rezension: Tereza Semotamová – Im Schrank

Tereza Semotamová
Im Schrank
Roman
Voland & Quist
1. Auflage, Berlin, Dresden, Leipzig 2019,
Übersetzung: Martina Lisa
22.- €

Zusammenfassung:
Eine junge Frau beschließt ihrem Leben einen radikalen Wandel zu verordnen. Sie wird fortan unangepasst, jenseits aller sozialen und kulturellen Errungenschaften, aber auch ihrer Notwendigkeiten, einzig die Konsequenz der Selbstausgrenzung gegenüber ihrer Lebensbiografie erfahren. Es beginnt eine rastlose Suche nach ihrem Platz im Leben.
Tereza Semotamová, tschechische Hörspiel- und Drehbuchautorin präsentierte zur Leipziger Buchmesse ihren ersten Roman. Tschechien war 2019 Gastland auf der Messe und stelle 70 Neuerscheinungen und 55 Autorinnen und Autoren vor.
Das Leben ist voller Widersprüche, Ungereimtheiten, Ungerechtigkeiten. Begleitet werden diese Zumutungen von Ängsten, Verlustängsten zumal oder auch solchen von Ablehnung, nicht verstanden oder ausgegrenzt zu werden: „Der Keim der Angst ist mittlerweile erfolgreich zu einem Berg aus Zweifel und Vergeblichkeit angewachsen, ich schnappe nach Luft.“ Unsere Ängste und Zweifel spielen mit der Hoffnung Pingpong. Dazwischen das Netz unserer Unentschiedenheit: was brauchen wir, was fehlt uns? Wenn wir das doch nur artikulieren könnten. Stattdessen ziehen wir uns ins Schneckenhaus oder eben in den Schrank zurück, schließen uns innerlich ab und verpassen den Anschluss.
Hana Kolatschkowa, eine junge Skulpturen-Künstlerin kehrt nach einer gescheiterten Beziehung in Deutschland nach Prag zurück. Sie ist ausgelaugt, desillusioniert, sucht neue Orientierung und findet zunächst nur das Chaos in der Familie ihrer Schwester Jana vor. Zurück zu ihren Eltern will sie nicht, doch eine Alternative hat sie nicht. Da bietet sich ihr spontan die Möglichkeit von einem alten Schrank Besitz zu ergreifen, den sie in einen Hinterhof schleppt, in dem sie sich fortan einrichtet, versucht ihrem Leben einen Richtungswechsel zu geben. – Doch gerade das wird zu einer beständigen Herausforderung, an der sie zu scheitern droht.
Die Schwester Jana ist mit ihrer Mikrofamilie und der Kinderplanung beschäftigt, alltägliches saugt sie auf. Gespräche bleiben an der Oberfläche oder laufen darauf hinaus, Hana als willkommene Aushilfe zu benutzen. Die Eltern sind besorgt, bleiben aber doch letztlich ihrem eigenen Lebenskreis verhaftet, schaffen es nicht, Hana neu einzubinden. Ihr Interesse erschöpft sich an Äußerlichkeiten wie den (vermeintlichen) Job in der Bank, den geplanten Umzug in eine kleine Wohnung, die mögliche Hochzeit, doch von der Trennung wissen sie nichts. So bleibt Hana nur die Lüge über ihre eigene Existenz. Als das Wetter das Leben im Schrank erheblich einschränkt, klaut Hana einen Stuhl und wird von ihrer Schwester zur Rede gestellt: „Was machst du denn hier?“ „Ich hab bei euch im Keller einen Stuhl gefunden, den wird sicherlich keiner vermissen, oder?“ Meine Schwester schaut mich an, als wäre ich ein Orakel. „Sag mal, was ist denn mit dir los? Du bist wie das Geheimnis der Burg in den Karpaten. Mutti ist schon fas am Durchdrehen. Willst du uns nicht endlich sagen, was mit dir los ist?“ „Gar nichts! Ich klaue einen Stuhl! Und du so?“
Pointierte Übersetzung
Das Skurrile, das Absurde, der Zynismus, mit allem kommt die Übersetzerin sprachlich sicher und oft pointiert auf den Punkt. Auf diese Weise tritt die Protagonistin aus dem lebensweltlichen Gewusel, das sie umgibt heraus und blickt von außen auf das teilweise lächerliche, kindische oder schräge Verhalten ihrer Umgebung. Dabei drängt sich dem Leser immer wieder die Frage nach dem rechten Leben auf. Was ist das?
Der Aberwitz und die Traurigkeit dieses Augenblicks steht stellvertretend für Hanas Lebenskrise, deren äußere wie innere Entwicklungen ein zunehmend skurriles Bild zeichnen. War sie im Verhältnis zu ihrem Freund aus der Zeit in Deutschland dort ein nützliches Element in dessen Leben, was sich in häuslichen und sonstigen Pflichten erschöpfte, fällt sie in Prag vollends ins Nichts. Auch der Besuch beim Psychologen gerät zu einem verschrobenen Erlebnis: „‘Na, wie läuft es denn?‘ ‚Geht so.‘ ‚Aha. Und was führt Sie zu mir?‘ Und ich, als hätte man mich verhext, versteinere. Vielleicht fragt er mich, wann ich zuletzt geduscht habe. Damit er die entsprechende Spalte im Fragebogenausfüllen kann. Er starrt auf seinen Rechner. Ich schaue auf den Boden, dann wieder auf ihn, nun schaut er zu Boden. (…) Er muss etwas sagen, fachmännisch die Verantwortung für die Situation übernehmen, auch wenn klar ist, dass er keine große Lust dazu hat. Ich sehe, wie sich sein Mund öffnet und dann wieder für länger schließt. Wie der Fels in einem Märchen.“ Die absurde Situation wird zum Ende des Therapiegesprächs geradezu grotesk, wenn Hana mit den Worten hinauskomplimentiert wird: „Das wäre es für heute wirklich alles. Einen schönen Tag noch.“ Eine Erlebniswelt, der so mancher Leser schon begegnet sein dürfte. Die Autorin schafft mit derartigen Verknüpfungen für den Leser einen (wenngleich auch punktuellen) Rahmenbezug, den das Leben für die meisten von uns setzt.
Vergleichbar auch die kurzen Einschübe zu der einzigen Figur, die ein gewisses zwischenmenschliches Interesse an Hana zu haben scheint: Herr Tao. Ein Vietnamese, der einen kleinen Gemischtwarenladen in ihrer Nähe betreibt. Die Not(dürftigkeit) treibt sie zuerst zu ihm, die Toilette, eine Waschgelegenheit. Und sein Interesse an ihren Umständen. Sie spürt: Nähe ist hier möglich, ohne mich preiszugeben, aber auch ohne ‚eingepreist‘ zu werden, sich einem Verlangen gegenüber zu sehen. Ohne es sich einzugestehen, wird Herr Tao aber schließlich zu ihrem ‚Nutzelement‘. Sie dreht ihre eigene Situation um und instrumentalisiert den Vietnamesen für ihre Bedürfnisse. Der ist langmütig, bietet ihr Essen und Trinken, das kann sie gebrauchen. Insbesondere nachdem ihr letztes Geld beim Besuch der Messe in einer Kirche gestohlen wird, samt Bankkarte und Personalausweis.
In Rückblicken, Einschüben, Traumsequenzen erfährt der Leser die Zusammensetzung der Puzzleteile ihres Lebens. Mal verspielt, mal tagträumerisch oder versponnen setzt die Protagonistin ihr Leben im Kopf wieder zusammen. Doch das Entscheidende bleibt ihr bis zum Schluss vorenthalten: „Menschen sterben nicht aus Mangel an Sex, sondern aus Mangel an Liebe.“ Auch wenn Hana schließlich doch noch bei Jana unterkommt. Eine gelungene Parabel auf das Leben in unseren (westlichen) Gesellschaften.
Gleichwohl bleibt ebenso festzustellen: die gewagte, ja abgedrehte Idee Hanas, in einen Schrank zu ziehen, bleibt letztlich blass und ausschließlich in diesem Bewegungsmoment verhaftet. Das Gefangensein, die Zurückgeworfenheit, die Entwicklung eines stoischen Daseinskonzepts bleibt ihr vorenthalten. Demgegenüber zerfasert die Einbindung Hanas in ihr Umfeld den möglichen radikalen Bruch mit der Lebensform der Gesellschaft hin zu einem Gegenentwurf, der uns überraschen und tiefer nachdenken ließe. Ein konsequenter Fokus auf den Schrank als Idee der Abkehr und einer Neuausrichtung wäre der treffsichere Ansatz gewesen, sicher auch, um Hana aus ihrer Selbstisolation zu befreien.

Fazit: Vier von Fünf Sternen!
Ingo-Maria Langen
April 2019