Rezension: Petra Reski: mafia – 100 Seiten

Philipp Reclam jun. Verlag, 1. A. 2018

Die Mafia ist ein Gestaltwandler – sie lebt von der Gesellschaft und passt sich ihr fortwährend an: mitten unter uns!

In ihrem neuen Sachbuch zur Mafia räumt Petra Reski, seit Jahrzehnten bestens vertraut mit dieser Gestaltform der Organisierten Kriminalität, mit Mythen, Romantizismen und Verklärungen auf. Gerade auch für uns Deutsche. In diesem kleinen „Brevier“ fasst Reski nun pointiert sowohl die Grundzüge als auch die Irrtümer über Mafia & Co für den Leser in übersichtlichen Abschnitten zusammen.

In zehn kleineren Kapiteln zieht die Autorin die kurze Summe ihrer langjährigen Erfahrungen mit „Cosa Nostra“: konspirative Treffen mit reuigen „Pentiti“, Verstrickungen der Kirche mit der Mafia oder die Kontakte zu den Ermittlern – Antimafia-Staatsanwälte und Richter. Sie recherchierte aus nächster Nähe kollaborierende Politiker und das daraus erwachsende Geflecht aus Korruption, Geldwäsche und Versteckspiel vor den Ermittlungsbehörden. Sie spannt dabei einen Bogen von den historischen Wurzeln im neunzehnten Jahrhundert bis hin zum Umbruch über die Morde an Borsellino und Falcone (1992 / 1993), die bekannten Richter aus den Maxiprozessen gegen „La Cosa Nostra“. – Für eine kurze Weile glaubten die Italiener damals, dass mit „Mani Pulite“, den sauberen Händen, ein Umbruch eingeleitet worden sei, der, flankiert von der Auflösung des alten politischen Systems hegemonialer Parteien, nun eine neue zweite italienische Republik entstehen würde. Entsprechend groß war die Euphorie damals. Leider wich sie schnell der Erkenntnis, das „System Mafia“ als wesentlich tiefer sitzend begreifen zu müssen.

Die Familie ist heilig!

Warum ist es so äußerst schwierig dem „Phänomen Mafia“ beizukommen? Das beginnt bereits mit ihrem speziellen Familiensinn: gleich ob ‘Ndrangheta, Camorra, Cosa Nostra, Sacra Corna Unita oder andere – die Familie als Keimzelle ist der Nukleus und der ist heilig. Baut die ‘Ndrangheta etwa konsequent auf „sangue“ also Blutsverwandtschaft auf, so regiert bei Cosa Nostra lange schon das Prinzip der „Wahlverwandtschaften“. Ein ritualisiertes Aufnahmeverfahren mit Prüfung und Initialisierung: eine Bewerbung um die Integration in eine Familie. Natürlich braucht es dazu die notwendige kriminelle Energie, um mit Kaltblütigkeit zu rauben, zu morden oder zu foltern. Darüber hinaus die Omertà: die absolute Verschwiegenheit jedem Dritten gegenüber, sogar der eigenen Frau oder den Kindern gegenüber. Nur so entsteht geschmiedete Loyalität und das Bewahren von Informationen und Geheimnissen. Das alles hat seinen Ursprung in einer besonderen Schwäche. Reski resümiert: „Im katholischen Italien war und ist die Familie diese Schwäche. Jeder Italiener hat Verständnis dafür, dass die Familie geschützt werden muss.“ Das führt zu einem amoralischen Familismus: Auge um Auge… eben die Blutrache. Gut abzulesen an den Reaktionen, wenn ein Sippenmitglied verhaftet wird: aus der Familie werden Vorwürfe der Sippenhaft laut. Und hier beginnt das Schauspiel. Reski schreibt dazu: „Mafiosi sind Meister darin, sich als Opfer zu stilisieren (…) etwa als Ninetta Bagarella, die Ehefrau des Bosses Totò Riina über ihre Kinder einst an die Tageszeitung La Republica schrieb: ‚Sie werden beschuldigt, als Kinder von Vater Riina und Mutter Bagarella geboren worden zu sein, eine Erbsünde, die durch nichts getilgt werden kann. Warum kann man meine Kinder nicht wie normale Jugendliche betrachten, die so normal sind wie andere auch?“ Perfekte Theatralik. Denn: nicht die Blutsfamilie im engeren Sinne zählt, sondern die Mafiafamilie, sie ist das zu schützende Gut, dem hin und wieder auch die eigenen Kinder geopfert werden können…

Einen schmalen Einblick in die Mafiapädagogik gibt Petra Reski an anderer Stelle: von früh auf lernen die Kinder die Welt in „wir“ und „die anderen“ zu differenzieren. Äußerlich vermittelte Werte wie Respekt vor der älteren Generation, Gehorsam oder Zusammengehörigkeitsgefühl dienen einzig dem Ziel der Mafiafamilie. So kann es durchaus diesem Zweck entsprechen, den vierzehnjährigen Sohn aufzufordern ein Pferd zu erschießen, ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum gehorsamen Diener. Deshalb hat die Staatsanwaltschaft Reggio Calabria versucht über das Vormundschaftsrecht einzugreifen, indem sie einem untergetauchten Mafioso die Kinder mit dem Hinweis entzog: die Erziehungsziele der Mafiafamilie seien nicht zu vertreten mit einer gesunden Kinderentwicklung. Das war ein Tabubruch, der andererseits aber nicht die Grundüberzeugung von Familie berührte: Vater bleibt Vater, Mutter Mutter, auch in diesen Kreisen, dennoch war dem Ziel die Spitze abgebrochen.

Schrödingers Katze oder die Gestaltumwandlung

Im Zuge der 2014 bekannt gewordenen Ermittlungen gegen die Capo-Mafia in Rom wurde ein Telefonat aufgezeichnet, das die heutige Mafia gut abzirkelt: „Das ist die Theorie der Zwischenwelt. Oben sind die Lebenden und unten sind die Toten, und wir sind dazwischen. Wir sind dazwischen, weil auch die Personen, die sich in der oberen Welt befinden, ein Interesse daran haben, dass jemand aus der unteren Welt Sachen erledigt, die niemand anderes machen kann. Das ist es: Alles vermischt sich miteinander.“ Ein Detail dieser Gestaltwandlung geht oft unbemerkt unter: nach dem Mord an Falcone wurde seine unbeschädigte Aktentasche sichergestellt. Der darin befindliche rote Taschenkalender konnte aber nicht gefunden werden. Der Beamte erinnerte sich nicht, was damit geschehen sei… Dieser Kalender enthielt viele Details der Arbeit Falcones. So spricht Reski zu Recht vom Kainsmal der Republik, dem Sündenfall bereits ein Jahr nach den Attentaten. Der Staat schwenkte wieder auf Verhandlungslinie ein und begab sich damit auf den altbekannten Pfad. So kommt es, dass bis heute über die Taten alles erdenkliche zu Tage gefördert ist und sei es noch so ein kleiner Strohhalm. Doch die Auftraggeber sind immer noch nicht ermittelt, fast dreißig Jahre nach dem Geschehen. Die Mafia: eine Macht! Mit einer Liste von zwölf Forderungen ging die Mafia auf die Politik zu und bot neben der Beendigung des Terrors Wählerstimmen an… Als Gegenleistung sollten Mafiosi freigelassen, die Kronzeugenregelung abgeschafft, das Vermögen der Mafia unberührt gelassen werden. Die Politik orientierte sich an den Wählerstimmen.

Das große Spiel

Die Gestaltwerdung oder Anverwandlung der Mafia geschieht auf allen Ebenden der Gesellschaft. Sie findet sich ebenso im legalen, demokratiekonformen Bereich als auch im illegalen unter Einsatz von Gewalt. Folgt man den Finanzströmen ihrer Geschäfte, landet man nicht selten in der Hochfinanz, der Politik oder dem gehobenen Bürgertum. Nicht selten finden sich dort jene „weißen Kragen“, die mit den blutbespritzten Händen nur radebrechend Italische sprechender Handlanger auf den ersten Blick nichts gemein haben. Oft sind sie aber die Profiteure diverser ‚Geschäfte‘. Mit dem Machtantritt Silvio Berlusconis wurde in Mafiakreisen (Giuseppe Graviano) gern davon gesprochen, dass man einen „Pakt“ mit dem Staat geschlossen habe (womit die politische Klasse gemeint war), der es ermöglichte, dass Korruption und Umweltverbrechen wie Kavaliersdelikte behandelt wurden. Petra Reski führt dazu aus: „Wie ungebrochen der Pakt zwischen der Mafia und dem italienischen Staat ist, lässt sich nicht nur an den mafiosen Mordaufrufen gegen Nino di Matteo ablesen, sondern auch an der Stille seitens der Institutionen und der Politik. Der als redselig bekannte Ex-Premier Renzi hatte keinen einzigen Tweet übrig, als anonyme Briefe aus dem Umfeld der Geheimdienste drauf hinwiesen, dass die ‚römischen Freunde‘ des seit 1993 untergetauchten und weltweit gesuchten Bosses Matteo Messina Denaro die Ermordung des Staatsanwalts beschlossen hätten, der ‚zu weit‘ gegangen sei.“

Die Mafia in Deutschland? Nein – wie kommen Sie denn darauf?

Ein nicht weniger unrühmliches Bild gibt die deutsche Gesellschaft in Sachen Mafia ab. Lange galt die Einschätzung, dass die Mafia hier ‚kein Zuhause‘ habe, später hieß es, nur Rückzugsraum, macht euch keine Gedanken. Passierte dann doch etwas, das die Öffentlichkeit erreichte, wurde schnell beschwichtigt: die Mafia ‚kümmert‘ sich „nur“ um die italienischen Landsleute. Wie bitte? Genau. Keiner fand etwas an dieser Beschreibung auszusetzen, weder die Öffentlichkeit, noch die Presse (von Ausnahmen abgesehen wie etwa SPIEGEL, FAZ oder Süddeutsche). Dabei stellt Reski klar: die Mafia ist seit der ersten Welle italienischer Mitbürger aus den sechziger Jahren hier angekommen. Doch sie agiert geschickt. Als Richter Falcone im Zuge einer Mordermittlung in Deutschland operierte, berichtete er: „Die eigentliche Sorge der deutschen Polizei galt nicht der Ansiedlung der Mafia in Deutschland, sondern unserer Anwesenheit: Aus Furcht vor einem Anschlag hätten sie uns am liebsten die ganze Zeit über in einer Kaserne der Bundeswehr eingesperrt.“ Die Hilfe der deutschen Stellen erschöpfte sich in Höflichkeit und Unzugänglichkeit. Etwa zur gleichen Zeit gab es einen Bericht des BKA, der die Verflechtungen von Cosa Nostra, Camorra und ‘Ndrangheta in Deutschland beschrieb, der für Öffentlichkeit aber erst nach dem Tod von Falcone und Borsellino zugänglich wurde: er enthielt auch die letzte Todesdrohung gegen die beiden – von Wuppertal aus ins Werk gesetzt.

Deutschland eine Provinz der Cosa Nostra!

So schrieben italienische Journalisten nach dem Mauerfall und dem Einblick in BKA-Unterlagen davon, dass die Cosa Nostra in Ostdeutschland ganze Regionen ‚gekauft‘ habe, Leipzig komplett in der Hand der ‘Ndrangheta sei: ein Paradies zur Geldwäsche! Der SPIEGEL brachte einen Artikel (35/1992) von Georg Mascolo und Felix Kurz, der beschrieb wie tief die Wurzeln der Mafia in Deutschland bereits reichten und die Sicherheitsbehörden inzwischen durchaus von einem ‚Aktionsraum‘ und nicht mehr einem Ruhe- oder Rückzugsraum sprachen.

Nach den Duisburger Morden 2007 gab es nochmals eine heiße Phase der Aufregung, die sich aber wie gewohnt schnell wieder legte. Schon 2009 bekam eine parlamentarische Anfrage im Landtag NRW in Düsseldorf durch die damalige SPD-Opposition die Antwort durch das LKA: keine auffälligen Aktivitäten in NRW, schon gar nicht vergleichbar den Feststellungen der Antimafia-Kommission des italienisch Parlaments.

Die Antwort zeugte auf eine erschreckende Weise von zweierlei: der Unkenntnis (oder dem Verschweigen) von Strukturen der italienischen Mafia in NRW sowie der Gestaltlosigkeit der Cosa Nostra und ihrer verwandten Organisationen, die es schaffen, Teil der Gesellschaft zu werden ohne aufzufallen, anzuecken, die die Stabilität des Standortes Deutschland schätzen und nutzen, den Wohlstand und die Tatsache unterschätzt zu werden! So ist in NRW insbesondere die ‘Ndrangheta aktiv: Duisburg, Bochum, Oberhausen, Kaarst… Aber auch in der Universitätsstadt Münster, in der sich der Clan der Grande Aracri festgesetzt hat… Buon Giorno Germania!

Ein Buch, das ernstgenommen werden sollte.  

Fazit: 5 von fünf!

Ingo-Maria Langen