Rezension: Oleg Senzow – Leben

Oleg Senzow – Leben
Geschichten

Verlag Voland & Quist, Berlin u.a.
1. Auflage 2019

107 Seiten
16.- €

Oleg Senzow, 1976 in Simferopol auf der Halbinsel Krim geboren, ist ukrainischer Autor und Filmemacher. Seine Filmproduktionen fanden internationale Beachtung auf Filmfestivals. Im September 2014 wurde Senzow unter dem Vorwand terroristischer Aktivitäten im Zusammenhang mit der Krim-Annexion durch Russland inhaftiert und ein Jahr später vor Gericht gestellt. Das Urteil lautet auf 20 Jahre. Trotz internationaler Solidarisierung ist der Autor nach wie vor im Straflager Nr. 8 Labytnangi nördlich des Polarkreises in Haft. 2018 erhielt er den Sacharow-Preis für Menschenrechte von der EU. Einen unbefristeten Hungerstreik musste Senzow nach 145 Tagen abbrechen. Er hatte die Freilassung von 64 politischen Häftlingen aus der Ukraine gefordert. Bislang konnten alle internationalen Proteste für seine Freilassung nichts erreichen.

Statt einer Zusammenfassung:
Den Grad einer Zivilisation kann man am Zustand ihrer Gefangenen ablesen. (F.M. Dostojewski)
Wäre der Zustand der Welt ein anderer, wenn wir das Schicksal der politischen Gefangenen mehr betrachten, ihr Leid teilen und für ihre Freiheit kämpfen würden? Wir (im Westen) gefallen uns gerne in Apellen, Würdigungen, Preisverleihungen. Was bedeutet es für Oleg Senzow im Straflager der Stadt „Sieben Lärchen“ zu sitzen? Wir machen weiter unsere Geschäfte mit solchen Leuten, die jene wie Senzow einsperren, als abschreckendes Beispiel präsentieren und ungeniert als Partner auf der internationalen Bühnen Anspruch auf Achtung und Ehre einfordern…

Schreiben Sie einen Brief an Oleg! Dazu fordert Andrej Kurkow die Leser in seinem Vorwort zu diesem ‚Kurzgeschichtenband‘ auf, dann fühle er sich nicht so alleingelassen vom Rest der Welt, denn der Kontakt zu seiner Familie ist extrem eingeschränkt, so wie er selbst auch, gerade nach dem langen Hungerstreik.

Die Geschichten aus der Kindheit Senzows, einem kleinen Dorf auf der Krim, bilden die Facetten eines jungen Menschen (flankiert von einem autobiografischen Kurztext), dessen Lust am Leben den Leser anspringt und in die Texte hineinzieht. Nachdenkliche Einschübe über sich selbst, Fragwürdiges oder auch Ausuferndes. Das berührt, macht betroffen, der Leser fühlt sich an sein eigenes Leben erinnert.

„Ich konnte es nicht glauben. Ich verstand zwar, dass man ihn erschossen hatte, aber ich glaubte es nicht, ich begriff es nicht.“ Hier war es der Verlust des Vaters. Diese Stelle liest sich wie manche andere als wissende Vorausdeutung auf das Eigene: die unglaubliche Inhaftierung. Unser Leben ist geprägt von dem was wir empfangen ebenso wie dem was wir verlieren. Erst im Moment des Verlustes wird uns das schmerzhaft bewusst. So ergeht es Oleg mit seinem Vater. Und es wird sich schmerzhaft wiederholen mit seinem Hund. Denn dieser Schmerz speist sich neben dem Verlust auch aus dem Wissen: Seine spätere Achtlosigkeit muss das Tier sehr verletzt haben. Mit dessen Körper begräbt er die Liebe des Hundes zu seinem Herrchen, nicht aber seine eigene Schuld.

Mit proustscher Erleuchtung zieht Oleg Senzow uns in seine Texte

Woraus wird alles geboren? Aus der eigenen Kindheit. Der Geborgenheit der Familie, der Freunde, der Tiere – schlicht der Welt unmittelbar um uns. Das ist das Wichtigste und es bleibt das Wichtigste bis zum Ende. Das hat dieses Leuchten des Lebens. Auch wenn wir dies gerne über lange Strecken vergessen. Ganz so wie Kinder, denen jeden Tag etwas Neues wichtiger ist als das Erlebnis von gestern. Mit proustscher Erleuchtung erzählt Senzow eine Fahrt zum Meer. Die Erwartung, endlich einen ersten Blick zu erhaschen, zerreißt ihn förmlich: „Gleich bist du da. Und jetzt schon glücklich.“ Oder: „(..) ich muss nur die Augen schließen, dann erlebe ich alles wie damals: die Straße, die Dämmerung, das Spiel, den Bratkartoffelduft, die Musik – am liebsten würde ich den Atem anhalten und bis in alle Ewigkeit genau dort bleiben, obwohl der Moment schon die Ewigkeit für mich ist.“ Aber die Kindheit löst sich auf, Freundschaften zerbrechen. Was bleibt ist die „Schale voll kindlichem Glück“. Das Licht der Kindheit.

Dieses helle Licht kann in einem kalten, dunklen ‚Kinder-Zauberberg‘ seine Leuchtkraft verlieren: Der Spaß des Sanatoriums schlägt jäh um in einen Schrecken, der eine ganz andere Leuchtkraft entwickeln wird. Die Mandelentfernung und das Drumherum als Tortur: „Ich hatte nicht gewusst (allerdings war alles Wissen ohnehin außer Reichweite, denn mein Hirn hatte sich gleich zu Beginn der Operation in mein Skrotum verkrochen und wagte nicht den Blick zu heben), dass Rachenpolypen irgendwo im Bereich des Scheitels an der Schädeldecke kleben.“ In Ergänzung zur Tonselektomie – versteht sich. „Wahrscheinlich war es irgendwann in diesem alptraumhaften Mittagsstunden, dass mein Organismus auf zellulärer Ebene den Entschluss fasste, nie wieder die Hilfe kostenfreier sowjetischer Medizin in Anspruch zu nehmen (…) Mein Hirn hatte jedenfalls keinen Anteil daran, denn das befand sich noch auf dem qualvollen Rückweg aus der Region der Geschlechtsorgane in den leer geräumten Schädelkasten.“ – Die eigentliche Prüfung würde noch kommen. Danach müsste er sich eingestehen: „Dass ich seitdem nie wieder geschwiegen habe, wenn jemand gedemütigt wurde, und ich weiß genau, dass ich auch in Zukunft nicht schweigen werde.“ Dem ist nichts hinzuzufügen!

Dann folgt, Zeiten und Seiten weiter, die Geschichte über das Alter, die Oma, oder ach, eigentlich nur die alte Frau, die man „hüten“ muss, die man kaum kennt, die wunderlich redet, einen sonderlichen Duft verströmt, wenig Arbeit hat und noch weniger Aufgaben, die man zu sich holen muss, in ein Zimmer, aus dem sie den lieben langen Tag nur die Menschen auf der Straße beobachtet, während man selbst das eigene Leben bewältigt. Deren Anwesenheit man duldet, sie peinlich findet, ihr aus dem Weg geht und Samstags fragt: „Gibt’s was zu waschen?“ Eigentlich kann man die Oma nicht wirklich leiden und eines Tages, sie ist nicht mehr ganz auf der Höhe, bringt man sie vorgeblich ins Krankenhaus (obwohl es ihr gut geht), da landet sie im Heim. Schnell umgemeldet, die Rente neu angewiesen und das Leben geht seinen Gang. Ganz ohne sie. Dann ist sie eines Tages tot – heißt es. Das Leben geht weiter, eben. Die Zeit verrinnt. Ein Anruf aus dem Heim: Die Oma ist tot. – Wer war sie? Haben wir gesehen, wie sie sich über die Zuwendung der Trauergäste nach dem Tod ihres Sohnes freute? Weil sie endlich etwas Beachtung bekam? Aber da wohnte sie ja noch bei uns…

Eine bitterböse Groteske? Nein, bedauerlicherweise etwas, das auch wir bei uns beobachten können: Alte Menschen, stumm an Tischen mit Wachstischtuchdecken, starren aneinander vorbei, verlieren die Sprache, werden krank, siechen. Werden verwaltet, wie alte Akten. Irgendwann haben die so viel Staub, da fasst man sie nicht mehr an. Ja, irgendwann, da braucht man sie nicht mehr.

Und dann, viel später vielleicht, kommt auch die Reihe an uns… oder wir verlieren uns zuvor im Leben und erfrieren, irgendwo, draußen, außerhalb des Dorfs.

Diese Geschichten aus der Kindheit Senzwos sind berührend, manchmal leicht tragik-komisch, immer durchwirkt von einem (unausgesprochenen) Vorwurf der Schuld. Einer Schuld, die wir alle kennen, die wir alle erleiden, erdulden, aber eben auch hervorgebracht haben im Leben: Eine Gelegenheit zu helfen, das Richtige zu tun, verpassen wir, weil wir uns letztlich scheuen Zivilcourage zu zeigen, unserem Herz zu folgen, nicht kleinmütig und verzagt auf andere zu warten oder uns sogar hochmütig abwenden. Es sind diese Geschichten kleiner Leute, erzählt in einfacher Sprache, jedoch mit dem sezierenden Blick auf unsere Fehler, unsere Schwächen, vielleicht sogar auf unsere Unmenschlichkeit. Darin liegt die Besonderheit dieses klugen Buches: Es zeigt auf, legt die Finger in die Wunder, dort wo wir alle unser hässliches Gesicht haben. Aber der Klang der Sprache ist fast eine kleine Absolution, nie eine harte Anklage – man legt das Buch nicht nur mit Nachdenklichkeit, sondern mit Betroffenheit aus der Hand und denkt: Ja, so sind wir.

Betroffen hoffen wir weiter auf die Freilassung des Autors aus dem Straflager Nr. 8 im polaren Ural!

Fazit: Fünf von Fünf Sternen!

Ingo-Maria Langen

Mai 2019