Rezension: Nicci French: Der Sommermörder

NICCI FRENCH: Der Sommermörder

Penguin 1. A. 2018

Die Entblößung ihres Seins – für zwei der Opfer zerstört das ihr Leben, das dritte Opfer beginnt sich zu wehren.

Die authentische Kulisse ist London, die City als Tatort: Holloway Road, wenige alte Tudorhäuser, viele Läden, Sammelsurium an Nachkriegsbauten, nicht wirklich einladend. Anders Primrose Hill mit schönen Parkanlagen nahe dem Regent’s Park, dem London Zoo oder St. John’s Wood Chruch Gardens. Sir Wilfrid Laurier Secondary Scholl, Millbank Drive. Camden unweit entfernt von Primrose Hill und dem London Zoo. Der Kreis schließt sich.

Zoë

Der heiße Sommer verwandelt die Stadt in einen Brutkasten. Die Hitze spiegelt sich auf den Körpern: sie schwitzen, dünsten, sind aufgedunsen, verquollen. Kleider kleben am Leib, schon der frühe Morgen hält keine Kühle mehr bereit.

Die junge Lehrerin Zoë findet sich unverhofft in der Presse: sie hat einem Handtaschenräuber das Handwerk gelegt und wird als Heldin in London gefeiert. Das Leben verläuft eintönig, wenn auch nicht ohne Partys und Unterhaltung, aber es bleibt ein kleiner Wurf. Der spiegelt sich auch in ihrem Apartment, das mehr einem Gelass als einer Wohnung ähnelt, weshalb es ihr nicht gelingt, sie zu verkaufen, um das ersehnte Häuschen mit Garten dagegen einzutauschen. In alledem wuseligen Durcheinander findet sich unter den vielen Briefen, die sie aufgrund ihrer Heldengeschichte bekommt, eines Tages einer, der ihr ankündigt, dass sie bald sterben werde. Der Briefschreiber kennt sie offenbar ziemlich genau, Details aus ihrer Nähe.

Der folgende Wechsel in der Perspektive deutet auf den Briefschreiber: er kennt sie gut, sogar sehr gut, sein Beobachtungsinn ist extrem ausgeprägt, der Leser ist unsicher.

„Liebe Zoë, ich möchte in dich hineinsehen, und dann möchte ich dich töten. Es gibt nichts, was du tun kannst, um mich aufzuhalten. Aber noch ist es nicht so weit.“

Jemand aus ihrer unmittelbaren Nähe? Aber da ist etwas, das dazu nicht passen will. Die Polizei widmet sich ihrem Anliegen nur widerwillig und unzureichend. „Es könnte sich um einen Scherz handeln. Manche Leute haben einen seltsamen Sinn für Humor.“

„Das finde ich nicht zum Lachen. Jemand hat damit gedroht, mich zu töten“, entgegnet sie entsetzt. Doch dann taucht bei einem Schulkind aus Zoë’s Klasse ein Bild von einer verstümmelten und entstellten Frau in dessen Klassenheft auf – Zoë erkennt sich selbst. Das Leben beginnt ihr zu entgleiten…

Jennifer

Endlich hat Jennifer ihr neues Projekt: den Umbau des alten, frühviktorianischen Hauses, für den sie sich reichlich Zeit nehmen will. So eine Bauphase ist hektisch, es passiert viel, manches geht daneben, um alles muss Nadine sich selbst kümmern. Sie genießt es daher, jeweils am Vormittag zu einer ruhigen Minute die Post zu sortieren. An jenem Morgen fällt ihr dann ein ungewöhnlicher Brief in die Hände: mit fein säuberlicher Handschrift ist ihre Adresse aufgetragen, während der Zettel im Umschlag viel zu klein ist und nur wenige Sätze enthält: „Liebe Jenny, ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich dich Jenny nenne. Ich finde dich nämlich sehr schön. Du riechst sehr gut, Jenny, und du hast eine schöne Haut. Und ich werde dich töten.“

Im Gegensatz zu Zoë ist die Polizei hier schnell am Ball. Die beratende Psychologin ebenfalls. Wird jetzt alles besser? Doch die Ignoranz von Clive und Jennifer droht die präventiven Ermittlungen zu konterkarieren: ihre Selbstversunkenheit, gerade auch die nahezu neurotische Spiegelanalyse ihres Äußeren bringt Jenny dazu, in ihrem Blick in sich selbst und ihrer unmittelbaren Umgebung gefangen zu bleiben. Sie lebt eine konstruktivistische Wahrheit.

Kann der Tod einen betrügen? Vielleicht. Jedenfalls denkt der Täter das. Und er blickt sehr genau hinter die Fassade von Jenny, ihr aufgesetztes Lachen, das durchgestylte Make-up, ihr eitles Posieren vor den Schaufenstern der Läden, er sieht in sie hinein. Sie ist versiegelt für die Welt, doch nicht für ihn. Er schafft es an der Polizei vorbei direkt zum Haus zu kommen…

Noch wehrt Jenny den Gedanken ab, ernsthaft in Schwierigkeiten zu sein. Spätestens als sie ihre blutverschmierten Hände betrachtet und die Rasierklingen in dem Umschlag, die sie verursacht haben, beginnt ihr Umdenken. Ein Fazit ihres Lebens wird unausweichlich: der Schein ihres früheren Lebens als Model, das verblassende Make-up ihres Daseins, das Betrogensein, die sinnentleerte Ehe ohne Liebe. Der Verfall unterspült ihr vermeintliches Fundament immer mehr. Demütigung, Wut, Angst gehen über in Resignation und die Zersetzung ihrer Seele. Der Tod des Körpers ist die unausweichliche Folge…

Nadia

Wieder trifft es eine chaotische, junge Frau, die versucht irgendwie ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Wieder ein facettenreiches, kohärentes soziales Umfeld, Lebenslinien, die ähnlich verlaufen. Doch bevor Nadia zum Opfer wird, dreht sie geschickt den Spies um. Sie instrumentalisiert die Polizei, recherchiert ihre Vorgängerinnen, gleicht Gemeinsamkeiten zu ihnen ab. Dann taucht ein erster substanzieller Verdacht auf. Doch der potenzielle Täter weist ein Alibi nach! Allerdings beruht das auf einer Täuschung. Es beginnt ein finaler Schlagabtausch zwischen Opfer und Täter.

Detailreiche Schilderung des Lokalkolorits, immer gebrochen durch die Innensicht von Zoë, ihre langsam aufkeimende Angst, die sich zur Panik steigert. Dazu trägt mehr und mehr die Konzentration auf die Kleinwohnung bei, die ab einem Punkt in ein klaustrophobisches Kammerspiel mündet. Das Leben der Protagonistin spielt sich mehr und mehr in einem ‚geschlossenen Raum‘ ab. Selbst das große Haus von Jenny wird zum Brennglas eines bedrängten Lebens, erst Nadia schafft es aus der bereits angelegten Schlinge zu entwischen, indem sie geschickt den Spieß umdreht.

Die Klangfarbe der Sprache der Figuren differenziert sich zwischen den Opfern, ist alltagsgrundiert, bodenständig, leicht und bietet einen angemessenen Facettenreichtum. Daraus erwächst die jeweilige psychologische Zeichnung der Frauen, mit ihren speziellen Entwicklungen hin zu Furcht, Angst und Panik, der Auflösung ihres Lebens. Diese Auflösung ist klebrig, sie bleibt im Kopf des Lesers. Zugleich wird die Auflösung auch zum fein ziselierten Frauenporträt. – Zu kurz kommen leider die männlichen Protagonisten, ihre Zeichnung bleibt eher flach, klischeehaft. Seinen Grund findet das in der Perspektive: der Sicht des Opfers. Damit bleibt der Leser nah an den Protagonistinnen, verliert aber ein Gefühl für die anderen Figuren. Das lässt sich als kompositorisches Mittel werten, um die klassischen Thrill-Elemente wie Unsicherheit, Identifikation mit dem Opfer und Angstgefühle zu transportieren.

Fazit: 5 Sterne von fünf!

Ingo-Maria Langen