Rezension: Natasha Korsakova: Tödliche Sonate

Ein Fall für Commissario Di Bernardo

HEYNE, München 2018

Das süße Gift der Eifersucht  

Rom ist nicht nur die Ewige, sie ist Metropole, Glamour, Licht, Musik und Tod. Commissario Di Bernardo, ein Süditaliener, jetzt Ermittler in Rom, ist froh dem ewigen Schlachten der ‘Ndrangheta in Kalabrien, seinem letzten Dienstort, entkommen zu sein. In der Capitale sucht er Ruhe, Ausgleich, Schönheit und ein wenig Verwöhnaroma für die Seele. Sein Sohn Alberto zieht bei ihm ein, beide wollen mehr Zeit miteinander verbringen, in Ruhe das Abitur abwarten, dann das Studium. Alberto will das Land aus der ewigen Krise retten, eine neue Partei gründen und den Menschen zu einem besseren Leben verhelfen: „Ich habe die Ausstrahlung und bin nicht blöd. Ehrenamtlich aktiv, ideenreich. Ein Menschenmagnet!“ Doch die lockere Stimmung ist nur ein kleines Intermezzo in den verwirrenden Fallstricken des aktuellen Mordfalls, den der Commissario zu beackern hat.

Die Leiterin einer international angesehenen Musikagentur ist brutal ermordet in ihrem Büro aufgefunden worden. Der Mord war ein Statement. Präziser Plan, präzise Durchführung, penible Sauberkeit. Heimtücke und Brutalität zeigen sich als geschicktes Pärchen. Die Ermittler sind ratlos, keine verwertbaren Spuren, keine Zeugen, Motive scheint es auch keine zu geben.

Zu dieser verzwickten Ausgangslage kommt eine verzwickte Komposition hinzu. In einem Dreiklang von Entwicklungslinien: aus einer besonderen Stradivari, der personalen Sicht des Mörders sowie dem gesamten Ermittlungsumfeld wird eine dichte Geschichte, die den Leser zugleich fesselt und verwirrt, so dass bis zum Schluss kaum zu erraten, geschweige denn zu beweisen wäre, wer die Tat begangen hat.

Der Mord: Die Musikwelt ist Di Bernardo völlig fremd. Musikagenten, Konzertagenturen, Solisten, Instrumente, ein gesiegeltes Buch. Und doch funktioniert auch diese Welt nach bekannten Gesetzen: „Da Sie gerade Hass und Rache erwähnen (…) Wenn Sie tiefer ins Konzertbusiness einsteigen, werden Sie auf Politik und Intrigen stoßen, die der allgemeinen Ansicht nach nicht das Geringste mit Musik zu tun haben. (…) Krisen, Sparmaßnahmen, Geldmangel. Die klassische Musikwelt steht vor dem Kollaps. Theater und Orchester werden geschlossen, der Musikunterricht drastisch reduziert.“ Mitten in diesem sturmgepeitschten Meer hielt die tote Agenturchefin unbeirrt Kurs: „Sie war ein Mensch, der alle anderen überstrahlte. Und sie war unschlagbar darin, einflussreiche Personen für sich zu gewinnen: für ihre Musikagentur, die Plattenfirma und ihre Instrumentenstiftung. Wer sich ihr jedoch entgegenstellte, wurde aus dem Weg geräumt.“

Das weiße Blatt der Ermittler füllt sich: Vertragskünstler, abgelehnte Bewerber, ein abtrünniger Sohn der Toten.

Doch der Kreis erweitert sich alsbald: nach einem weiteren versuchten Mordanschlag an der Nichte der Toten kommen auch andere Kreise in den Blick. Bei den Vernehmungen wird gelogen, was das Zeug hält, aber Di Bernardo erkennt die Körpersprache, die uns alle verrät. Ein Ansatzpunkt zur erste Ermittlungsergebnisse festzuzurren. Sorgfältig seziert er die Lügen der Verdächtigen.

Die Historie einer besonderen Violine: Ausgangspunkt ist Antonio Stradivari aus Cremona und seine beiden Söhne. Der Meister stellt im Laufe seines reichen künstlerischen Schaffens ein Doppel her. Zwei nicht voneinander zu unterscheidende Violinen, deren unterschiedliche Lebenswege für eine Protagonistin zu ihrem Handwerkszeug werden soll, während die andere über die Gebrüder Hill ins Ashmolean Museum in Oxford zur Ausstellung kommt. Doch welche ist die echte? Auch hier beginnt ein (historisches) Verwirrspiel. Der letzte Sohn des Meisters verkauft die Violine 1775 an den Grafen Cozio di Salabue, von dem sie 1827 an Luigi Tarisio geht, der das Instrument in der Musikwelt hoch anpreist, aber unter Verschluss hält. 1845 gelangt sie dann an einen der berühmtesten Kopisten seiner Zeit: Jean Baptiste Vuillaume. Es entbrennt ein Streit um die Provenienz. Denn Vuillaume hat eine geniale Idee, diese zu verschleiern…

Die ausgelegten Köder nehmen zu, die Motive aus der Szene leuchten ein, doch auch diese Figuren haben durchaus auch untereinander ihre Kämpfe auszufechten. Dabei geht es neben der Künstlerehre immer auch ums Geschäft. – Und darin laufen letztlich auch die Stränge zusammen: ein Gebinde aus künstlerischer Reputation und schlichtem Überleben, das vom Erfolg oder Misserfolg abhängt. Früher ganz so wie heute auch.

Ein anspruchsvoller Krimi mit Liebe zum Detail, dichter Atmosphäre, gut gezeichneten Figuren, einem Commissario, der auch privat von den Ereignissen um ihn herum getrieben wird, der vergebens nach der Insel der Ruhe sucht, dem der Leser gerne beispringen möchte, bis man merkt, der kann ja doch ganz gut für sich selbst einstehen. Dazu ein römisches Panorama, das jeden Romkenner erfreut, den Leser durch die Straßen, Cafés und magischen Orte mitnimmt, als sei es unser Nebenan. Das fühlt sich ausgesprochen gut an.

Wir wünschen uns schon bald den nächsten Fall für den Commissario.

Fazit: vier von fünf!

Ingo-Maria Langen