Rezension: Marente de Moor – Aus dem Licht

Marente de Moor – Aus dem Licht
Roman

Carl Hanser Verlag,
1. Auflage 2019
23.- €

Marente de Moor, 1972 in Den Haag geboren, arbeitet als Journalsitin und Schriftstellerin. 2007 erschien ihr erster Roman: Amsterdam und zurück, 2014 wurde sie mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet. (Klappentext)

Zusammenfassung:
Der vergessene Filmpionier Louis Aimé Augustin Le Prince wird mit diesem Roman noch einmal zum Leben erweckt. Als Valéry Barre spukt er so effektvoll wie geheimnisumwittert durch ein vergangenes Zeitalter, dessen Erfindungskraft das ganze Buch durchzieht. Das plastische Porträt einer Epoche, die große technische Umwälzungen hervorbrachte, zu denen Barre den ersten Film der Welt beisteuerte, während die Masse der Menschen durchaus noch an Hellseher und Gedankenheiler glaubte. Marente de Moor gestaltet den Wettlauf um eine Patentanmeldung Barres und dessen Verschwinden von der Bildfläche als kriminalistisches Versteckspiel, bei dem schließlich ein bekannter Kollege zu Ruhm mit falschen Federn kommt.

 

„Am 16. September 1890 stieg ein Mann in den Zug von Dijon nach Paris, danach hörte man nie wieder etwas von ihm. Er hatte nicht vor zu verschwinden. Außerdem ist ein Mensch für sein Verschwinden genauso wie für seine Entstehung von anderen abhängig. Er kann nicht mal eben im stillen Kämmerlein beschließen, dass es ihn nicht mehr gibt, erst muss er vermisst werden. Wie auch immer, als Valéry Barre in den Zug stieg, hatte er noch vor, in Paris anzukommen. Unterwegs muss ihm etwas begegnet sein, das ihn ausgelöscht hat, und diejenigen, die ihn herbeisehnten, taten es noch lange Zeit vergeblich.“

Eine Woche zuvor war Barre mit einer gefährlichen Idee aufgewacht, sie würde ihn nicht mehr loslassen. Und das in einer Epoche, in der sich regelmäßig jemand zu Tode dachte, sich in sein Arbeitszimmer einschloss, nicht mehr herauskam. Man fand ihn schließlich mit Moos bewachsener Stirn und grauen Haarbüscheln aus den Ohren kriechen. Das Maschinenzeitalter fraß seine Erfinder. Der Zeitverlust war daran schuld. Nichts konnte mehr in Ruhe zu Ende gedacht werden, immer saß einem die Angst im Nacken, von anderen überholt zu werden, den Ruhm zu verpassen. Die Werbung war voll davon: der beste Stift, der beste Strumpfhalter, das beste Kopfkissen. Das sollte mit Barres Erfindung nicht passieren, so kurz vor der Patentanmeldung. Er würde es schaffen, die Welt wirklich bereichern, mit dem ersten Film bewegter Bilder, immer wiederholbar.

Unwillkürlich fragt man sich: bei all der Arbeit, warum lebt der Mann nicht auch? Hat er keine Freude, Lust, Unbeschwertheit, ist sinnenfroh? Doch nein, er ist lebensschwer, gedrückt, düster, ganz so wie in russischen Romanen, die in jener Zeit sehr beliebt sind. Barre beschließt seinem Leben eine entscheidende Wende zu verpassen: er wird verschwinden, zu einem Verschollenen werden. Das ist mal amüsant, mal tragisch, mal ein wenig komisch, jedoch immer wieder von tiefer Zerrissenheit durchdrungen, die seine Künstlerseele malträtiert.

Barre besucht Marc Roussin in Paris, der eine Schlüsselrolle im Roman einnimmt. Erfinder wie Barre, begleiten sie einander oft, streiten sich aber auch, verlieren und finden sich wieder. Der Luftpantograf (Stromabnehmer), die Chronophotographie (Hochgeschwindigkeitsfoto-grafie), die Laterna magica, das sind Themen der beiden Erfinder. Dazwischen Gespräche zu Hans Holbein (Maler), Christiaan Huygens (Physiker) oder auch Athanasius Kircher (Universalgelehrter, Jesuit) oder Johannes de Fontana (Mediziner und Autor).

Paris wird dann zum Ausgangspunkt für das Verschwinden Barres. Über seltsame Wege kommt er in ein kleines Städtchen und zu einem alten Pfarrer, der vereinsamt mit seiner Kirche am Rande eines Waldes lebt. Pater Alard. Mit etwas Fantasie lassen sich in dieser Figur Bruchstücke aus dem Leben Petrus Abaelardus erkennen. Diesen Alard trifft Barre zur Beichte. Der Pfarrer lädt ihn anschließend zum Essen ein. Der Geistliche ist interessiert an der Technik, findet das Telefon enorm, überhaupt der Nutzen, den das alles stiftet: „Der Nutzen, natürlich, der Nutzen!“, rief Barre. „So verpackt es der Teufel gern. Verdammt praktisch, aber später, wenn wir erst den ganzen Nutzen erfahren haben, uns gesuhlt haben im Komfort, sagen wir mal, Diktafon, (…), dann ist es zu spät. Das kann ich Ihnen voraussagen, dann sind wir überflüssig geworden (…) die Welt – oder die Hölle wird uns ins Abseits drängen.“ Alard widerspricht, doch Barre legt nach: „Heute entscheiden die Fotografen und Schriftsteller noch, was bewahrt wird und was nicht. Aber was, wenn eine Maschine diese Entscheidung trifft? Woran werden wir uns erinnern, wenn wir unser Gedächtnis einer Maschine überlassen? Welche Vergangenheit haben wir dann noch? Schatten! Nichts als Schatten!“

Geschickt kombiniert de Moor die umbrechenden technischen Erfindungen der vorvergangenen Jahrhundertwende mit den Assoziationen, die wir heute mit künstlicher Intelligenz, neuronalen Netzen, selbstlernenden Algorithmen haben. Es bleibt immer dieselbe Frage dahinter: rufen wir damit den Höllenfürsten an? So kommen Alard und Barre auch auf die naheliegende Idee eines Exorzismus, um die ihn quälenden Gedanken wieder in eine Ordnung zu bringen, die er erträgt…

In einem zweiten Teil schildert de Moor nicht minder fesselnd aus der Sicht der Frau Alva Edisons dessen Weg als Erfinder und die späte Konfrontation mit Guy, dem Sohn Barres, der nach langer Suche seinem Ziel näher zu kommen scheint. Wer ist der Verdunkler, der sich selbst so gut zu verbergen scheint, dass er unauffindbar und doch mitten unter ihnen ist? Das Rätsel wird gelöst.

Sprachlich arbeitet Marente de Moor oft mit der assoziativen Technik des Bewusstseinsstroms. So gelingt es ihr, den Leser schnell in die Tiefe ihrer Figuren und deren Themen zu ziehen. Das lädt ein zum Mitfiebern, Mitleiden, aber auch zum kritischen Nachdenken.

Ein berührendes und zugleich aktuelles Buch, das in virtuoser Kunst historische Ereignisse und zeitdiagnostisches Denken verbindet.

 

Fazit: Fünf von Fünf Sternen!

Ingo-Maria Langen

Mai 2019