Rezension: Klaus-Rüdiger Mai – Leonardos Geheimnis


Klaus-Rüdiger Mai               

Leonardos Geheimnis
Die Biographie eines Universalgenies

Evangelische Verlagsanstalt
1. Auflage, Leipzig 2019,

25.- €

 

 

Die Form des inneren Sinns

Mit dieser etwas abstrakten Beschreibung könnte man dem ewigen Lebensthema Leonardos nahekommen. Bereits in frühen Kindertagen bildete sich das Gefühl eines inneren Erschließens der Welt in ihm. Ein Weltprozess der beständigen Wandlung im Gefüge der Zeit. Jahrhunderte später sollte Kant dies den ‚inneren Sinn‘ nennen (B37/A22,23 – KdrV). Damit nahm da Vinci vorweg, was erst ein Jahrhundert später mit Galilei und Kepler zur weiteren Grundlage der Naturwissenschaften werden sollte: der Siegeszug der Empirie. Die Vielschichtigkeit der Natur sollte sich nach dem Willen Leonardos in vielen seiner Werke, den Bildern zumal ausdrücken.

Die Vermessung der Welt

Auf der Suche nach Abmessung der Natur entwickelte er die mehrfache Dimensionalität seiner Bilder. Man könnte dies auch die Expedition in die Tiefe der Natur nennen, die bereits der Knabe spürte. Der Mensch, so groß seine schöpferische Gabe auch sein mag, er war im Auge Leonardos doch nur Teil des Ganzen, nicht aber dessen Prägestempel. Dieses ‚systemische‘ Verständnis führte letztlich auch dazu, in viele seiner Bilder jene Geheimnisse einzuflechten, die wir heute noch bestaunen, manche gar, die noch immer nicht (ganz) gelöst scheinen. Gerade diese ungelösten Rätsel lassen Leonardo zu einer der überragenden Größen der Kulturgeschichte werden, denn es bleibt letztlich immer noch etwas an Verborgenem über, das wir wahrnehmen, das uns fasziniert, wir fast beschämt sind, ob unserer eigenen Unzulänglichkeit.

Von der Herkunft zum Künstler – die Umwege eines Lebens

Ein großes Leben war Leonardo nicht zwingend vorherbestimmt. Als unehelicher Sohn einer Magd, der auch später nicht vom Vater, dem angesehenen und erfolgreichen florentiner Notar und Anwalt Ser Piero Antonio da Vinci, legitimiert wurde, genoss er zwar ein unbeschwertes Leben bei den Großeltern, blieb aber zeitlebens einem tiefen Vater-Sohn-Konflikt verhaftet, auch wenn der Vater ihn später über längere Strecken durchaus mit Geld und Empfehlung begleitete. Bereits früh widmete sich Leonardo der Naturbetrachtung und kam für sich zu dem Schluss, dass nicht die Hektik der Stadt, sondern die Ruhe auf dem Land für einen Künstler die entscheidende Grundlage des Handwerks bedeutete. Gute Wissenschaft ist gute Beobachtung. In seiner Arbeit hob da Vinci die Trennung von Neuplatonismus und (wiss.) Handwerk auf, um seinem Theorem der Einheit der Welt näherzukommen: „Die Fragen des Verhältnisses von Geist, Körper und Seele, der Psychologie und Physiologie der Wahrnehmung, der Eindrücke der Gefühle, des Seins und der Beschaffenheit der Seele“ wurden in jenen Kreisen der florentiner Philosophen und Dichter diskutiert, die vom Theorem der Einheit der Welt ausgingen, einer Einheit, „die darin bestand, dass alles analog zueinander sei. Die sublunare Welt entsprach der lunaren, der Mikrokosmos dem Makrokosmos.“ Diese Verhältnis-Sicht korrespondierte letztlich auch dem Bild der Natur, ihrem beständigen Wandel, ihrem Rhythmus.

Was Leonardo an formaler Bildung fehlt gleicht sein Umfeld aus. Im Dunstkreis der Werkstatt Andrea del Verrochios trifft er auf berühmte Künstler, Dichter, Philosophen, die sich weder an seiner Herkunft, noch am vermeintlichen Bildungsmangel stören. Denn alle spüren, die Ausbildung zum Maler wird bei diesem jungen Mann nur der Auslöser für alle noch in ihm schlummernde Begabung werden. Leonardo ist kommunikativ, bisweilen witzig, versteht zu unterhalten und doch wohnt ihm etwas inne, das ihn bei Zeiten gemahnt, sich zurückzuziehen, die Stille zu suchen, um aus seiner Innerlichkeit heraus jene Schöpferkraft zu entwickeln, die wir heute noch so bewundern dürfen. Zu diesem Kreis gehören Battista Alberti, Piero della Francesca, Pico della Mirandola, Donatello, Fillipo Bruneleschi oder auch Vespasiano da Bisticci, ein schriftstellender Buchhändler. Die vielfältigen Erfindungen anderer Künstler inspirieren Leonardo zur Vision einer technischen Welt mit Flug- und Tauchmaschinen, allerlei (funktionalem) Kriegsgerät, Bauhilfsapparaturen. So etwa bei der Übernahme von Brunelleschis Auftrag zur Vollendung der Domspitze mit Laterne und Weltkugel, die Andrea del Verrochio zugeschlagen wurde. Die dabei verwendete Löttechnik mittels großer Hohlspiegel beeindruckt den 19jährigen Leonardo so, dass er im Laufe der Zeit ca. 200 Zeichnungen dazu anfertigt. In sein Notizbuch schreibt er: „Denke an die Lötmittel, mit denen die Kugel von Santa Maria del Fiore angelötet wurde.“

Schönheit schmückt Tugend

Mit dem Eintritt als Meister in die Compagnia di San Luca von 1472 tritt Leonardo aus dem Schatten Verrocchios und beginnt kontinuierlich an der eigenen Legende zu arbeiten. Porträts wie jenes von Ginevra de Benci festigten seinen Ruf als außerordentlicher Künstler. Diese äußerst selbstbewusste Dame („Ich bitte um Verzeihung, ich bin eine wilde Tigerin.“), die bereits im Elternhaus mit dem Neuplatonismus bekannt wird, eine humanistische Erziehung genießt, gilt dazu als schön, geistreich und anmutig. Trotz ihrer Ehe mit Luigi di Bernardo Niccolini zieht sie sich zur Kontemplation oft ins Kloster zurück und gebiert ihm keine Kinder – was Anlass für Klatsch und Tratsch in Florenz ist. Wenngleich die Faktenlage eher dürftig ist, so wagt Klaus-Rüdiger Mai die Vermutung, das Ginevra selbst den Auftrag zu ihrem eigenen Porträt gegeben haben könnte: „Denn das Porträt, das Leonardo malte, war ganz und gar ihr Bild. Hinter ihr erhebt sich machtvoll ein Wachholder, mit dem sie verschmilzt. Das italienische Wort für Wachholder lautet ginepro und spielt so auf ihren Namen an. Des Weiteren stand der Wachholder fürs Gedenken und lässt sich in älterer Zeit schwer von der Zeder oder dem Lebensbaum unterscheiden.“ Und weiter: „Es wurde vermutet, dass die Tafel rechts unten beschnitten wurde, dass also etwas fehlt. (…) Vermutlich würden wir die Hände sehen – aber nun weiß man nichts über die Fingerstellungen, die doch bei Leonardo aussagenden Charakter besitzen. (…) Denkt man die fehlenden Stücke hinzu, sähe man rechts vorbei an Ginevra und dem Wachholder mehr von der Landschaft, vor allem aber verlöre Ginevra selbst ihre mittige Position und ihre Augen stünden regelhaft im Goldenen Schnitt.“ Auch das ganz sicher eine Auszeichnung für das Bild wie für die Porträtierte. Damit nicht genug: als ausgesprochen revolutionär gilt, dass Ginevra den Betrachter mit ihrem melancholischen Blick unmittelbar anschaut, worin zum Ausdruck kommt, die Liebe sei ein philosophisches Konstrukt, was von den humanistisch-platonischen Kreisen in Florenz besonders geschätzt wird. Eine geistige Erfüllung, der jedoch die körperlich-seelisch versagt bleibt. Es schließt sich eine subtile Interpretation an, für die hier nicht der Raum ist. Diese ist – wie bei anderen Bildern auch – sehr kenntnisreich und für den Interessierten lehrreich. Virtutem forma decorat! Schönheit schmückt Tugend, so die Rückseite der Tafel: wie treffend und wohltuend.

Ein Medici-Krimi

Doch es gibt auch Abschnitte, die sich lesen wie ein Renaissance-Krimi. Etwa die Episode um die Verschwörung, Mord- und Mordversuch an den Brüdern de Medici 1478. Der Clan der Pazzi, mit dem Papst im Bunde, mithin also Guelfen, arbeitete gegen die Medici und entfesselte einen regelrechten Mob gegen die Brüder. Die Pazzi fühlten sich als erste Bürger der Stadt, denen die Medici den Rang abliefen. Das war nicht nur peinlich, sondern auch ehrverletzend, denn Reputation war auch dazu da sich in guten Geschäften und damit dem ‚stato‘, als dem politisch-sozialen Status niederzuschlagen. Mittels Klientelismus, der an spätere mäfiöse Strukturen erinnert, versuchten die Clans ihren Einflussbereich zu sichern. „Der stato sorgte dafür, dass alle, die ein Mitglied oder einen Gefolgsmann der Familien angriffen, der harte Gegenschlag der gesamten Familie treffen würde. Der stato schützte vor allem, indem er abschreckte.“ Verlor er dieses Drohpotential, fielen auch die Anhänger ab. In dieser eskalierenden Situation verschworen sich die Pazzi mit dem della Rovere-Papst Sixtus IV, die beiden Medici-Brüder während eines Gottesdienstes zu ermorden. Es kam zu einer tödlichen Attacke auf Giuliano, während Lorenzo de Medici sich retten konnte. Es begann ein Massaker. Mai zitiert Luca Landucci (Ein florentinisches Tagebuch 1450-1516, Jena 1912): „Um diese Stunde befand sich die ganz Stadt in Waffen, auf der Piazza und im Hause des Lorenzo de Medici. Und auf der Piazza wurde eine Schar Männer der Verschworenenpartei ermordet und lebendig aus den Fenstern der Signori auf den Marktplatz geworfen, unter den anderen wurde ein Geistlicher des Bischofs auf der Piazza umgebracht und gevierteilt und der Kopf ihm weggenommen, und den ganzen Tag trugen sie besagten Kopf auf einer Lanze durch ganz Florenz, und nachdem man ihm die Beine abgerissen, wurde ein vorderes Viertel mit einem Arm dran auf einem Spieß durch die Stadt getragen, immer mit dem Geschrei ‚Muoino e traditorie‘ (Tod den Verrätern).“

Wanderjahre

Letztlich weicht auch Leonardo aus Florenz und wechselt an den Hof nach Mailand. Er verdingt sich als Militäringenieur, Brückenbauer, Festungsarchitekt. Auch hier beweist Leonardo seine Anpassungsfähigkeit, weiß zu gefallen und erreicht eine höhere Reputation als in Florenz. Er entwickelt Pläne einer idealen Stadt, bezeugt seine Baukunst über Dach- und Kuppelkonstruktionen, der unsichtbaren Ableitung von statischen Kräften. Er studiert die Anatomie des Menschen, seziert Leichen, zeichnet Muskel, Gewebe, Knochen, Sehnen oder auch die Proportionsstudie nach Vitruvius.

Mit Erstaunen und Interesse liest sich die ungeheure Vielfalt zeitgenössischer Quellen, die Mai verwenden konnte. Sie zeigen Leonardo in seinem sozialen wie auch politisch-historischen Umfeld. Die Wechselfälle des Lebens führten Leonardo zum Ende hin doch noch nach Rom und in den Vatikan, bis er schließlich, der Intrigen und Konkurrenzkämpfe (Michelangelo) überdrüssig in Frankreich im Schloss Clos Lucé in Aboise seinen Altersruhesitz fand. Man wird einer solchen Persönlichkeit, die nie auch nur annähernd einen Nachfolger fand, kaum gerecht werden können. Gewiss ist jedoch, dass Leonardo auch in den Festen zu gefallen fiel, das Publikum berauschen konnte, Bühnenbilder und Feierlichkeiten zu arrangieren wusste. Das Schillernde dieser Persönlichkeit bleibt auch am Ende dieser Biographie wie unter einem Mythos geborgen. Das Genie verblasst hinter seinen eigenen Werken. Ihm war der Nachruhm wichtiger als sich selbst mit jeder Faser zu überliefern, das Werk spricht für sich. Und so ist es vielleicht auch mit dem Mythos Leonardo ganz so wie die Alten es zu ihren Mythen wussten: eine spätere Version kann dem Ursprung durchaus näher liegen als alles dazwischen Liegende.

Klaus-Rüdiger Mai hat ein fulminantes Buch zu Leonardo da Vinci geschrieben, das sowohl den Mythos des Universalgenies freilegt, als auch das sich Behaupten in einem schwierigen politischen und wirtschaftlichen Umfeld. Ohne akademische Bildung, mit wenig Protektion, dafür aber mit einem besessenen Eifer, extremer Begabung, Widerstands- und Spannkraft konnte er diesem Leben einen außergewöhnlichen Entwurf abringen. Dennoch bleibt ein Rest an Mythos, gerade so viel, um sein Geheimnis letztlich doch zu bewahren.

 

Fazit: Fünf von Fünf Sternen!

Ingo-Maria Langen
April 2019

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